Bernhard Schlink: Das Wochenende (2008)

https://i1.wp.com/images-na.ssl-images-amazon.com/images/I/41c4xO5IZFL._SX323_BO1,204,203,200_.jpg?resize=325%2C499&ssl=1Kurz vor sieben holt Christiane ihren Bruder vom Gefängnis ab. Über 20 Jahre hat der Terrorist wegen verschiedener Morde eingesessen, jetzt ist er plötzlich begnadigt worden, ohne dem Kampf gegen das System öffentlich abgeschworen zu haben. Damit der Bruder sich in Freiheit besser sozialisieren kann, hat Christiane in einem heruntergekommenen Haus in der Einöde fürs Wochenende rund ein Dutzend Freunde eingeladen, die ihm bei seinem neunen Leben in Freiheit behilflich sein könnten. Aber schnell wird deutlich, dass die inzwischen Fünfzigjährigen und ihre Kinder (von denen eines einmal mit einem echten Terroristen geschlafen haben will) allerlei in die RAF-Zeit und ihr letztes lebendes Fossil hineinprojizieren. Und auch bei der schnell aufgeworfenen Frage, wer den Terroristen damals an die Polizei verraten hatte, gibt es eine so vom Leser nicht zu erwartende Überraschung, die zu allerlei Verwicklungen führt…

Irgendwie erinnert einen der Fall des Terroristen, der seine eigene Begnadigung durch eine Grußadresse an eine radikale Vereinigung fast noch selbst unterwandert, auffallend an eine wahre Geschichte, die den Blätterwald der deutschen Presse 2007 intensiv (vielleicht etwas zu intensiv) beschäftigt hat. Ansonsten aber hat Das Wochenende des inzwischen zwischen Berlin und New York hin- und herpendelnden Bestseller-Autors Bernhard Schlink wenig mit diesem RAF-Begnadigungsszenario zu tun. Vielmehr geht es dem Autor in seinem an drei Tagen spielenden Roman, den man nur wegen des großen Figurenpersonals nicht als Kammerspiel bezeichnen kann, darum, eine Zeit zu rekapitulieren, in der sich eine (wenn auch kleine) Gruppe schuldig machte — und darum, zu diskutieren, inwieweit der revolutionäre Kampf und die Haft die Menschen verändert hat, die unmittelbar betroffen waren. Darüber hinaus erzählt Das Wochenende von dem, was von den Lebensträumen einer lebenshungrigen Generation übrig blieb — und davon, warum eine nachwachsende Generation vom Scheitern der vorangegangenen nicht lernen will und kann.

Schuld und Verstrickung, Sühne und Illusionen der deutschen Geschichte — irgendwie ist Schlink seinen großen Themen treu geblieben. Aber es ist ihm auch gelungen, diesen Themen neue Aspekte abzugewinnen. Und dabei ist das Ganze auch noch überaus klug und spannend beschrieben. — Stefan Kellerer, Literaturanzeiger.de

  • Taschenbuch: 240 Seiten
  • Verlag: Diogenes Verlag; Auflage: 1 (1. März 2008)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3257066333
  • ISBN-13: 978-3257066333

Rezension: SPON , DR,  Die ZEIT

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3 Kommentare

  1. akpe

    Oktober 10, 2008 um 8:02 am

    Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.03.2008

    Das Gegenteil von historischer Wahrscheinlichkeit liefert erneut unser Geschichtskitschkönig Bernhard Schlink, der einen begnadigten RAF-Terroristen auf ein Wochenende mit alten Polittraumgefährten schickt. Was da so geredet wird, ist selbst als Parodie eines Poesiealbums verlogener Kampfesträume zu schablonenhaft.

    VOLKER WEIDERMANN

    Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main

  2. akpe

    Oktober 10, 2008 um 8:03 am

    Zur Verfügung gestellt von der F.A.Z.

    Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.03.2008

    Täter, die im Regen stehen

    Im Haus der Geschichte der Bundesrepublik treffen sich die Generationen: Bernhard Schlink macht in seinem neuen Roman der RAF den Prozess und führt die Parteien am Ende zur Versöhnung.

    Von Richard Kämmerlings

    Bernhard Schlink, Jurist und Bestseller-Autor hat einen Roman zur Debatte um die Begnadigung der RAF-Terroristen geschrieben, die im vergangenen Frühjahr ihren Höhepunkt erreichte: Während Brigitte Mohnhaupt im März auf Bewährung freigelassen wurde, lehnte der Bundespräsident im Mai das Gnadengesuch Christian Klars ab. Schlink hat beeindruckend schnell gearbeitet; so dicht dran an aktuellen politischen Ereignissen sind Romanciers, selbst so handwerklich routinierte wie Schlink, selten.

    Dem Eindruck, dass die deutsche Gegenwartsliteratur ein Problem mit der Gegenwart hat, widerspricht diese Reaktionsgeschwindigkeit allerdings nicht. Denn einerseits geht es bei Schlink natürlich wieder einmal vor allem um die deutsche Vergangenheit, andererseits ist höchst aufschlussreich, wie sich der Erfolgsautor seinem Stoff nähert – nämlich in der Form des Familienromans beziehungsweise seiner ursprünglich aus dem Drama stammenden Unterart des Kammerspiels. Modell: Eine Familienfeier platzt durch verdrängte Schuld, düstere Familiengeheimnisse, Leichen im Weinkeller. Man kennt das etwas aus Thomas Vinterbergs Dogma-Film „Das Fest“; Romane wie John von Düffels „Houwelandt“ oder Harriet Köhlers „Ostersonntag“ variierten beispielsweise zuletzt das abgenudelte Schema.

    Bei Schlink läuft das so: Eine Gruppe von Freunden aus vergangenen radikalen Tagen trifft sich in einem Landhaus irgendwo in Ostdeutschland übers Wochenende zu einer Willkommensfeier für den gerade aus der Haft entlassenen Terroristen Jörg. (Dessen Biographie erinnert an Klar, im Unterschied zu diesem aber ist Jörg vom Bundespräsidenten begnadigt worden, obwohl er sich – wie Klar – in einem Grußwort an einen linksradikalen Kongress unzweideutig zu seinen früheren Zielen bekannte.) Eingeladen hat Jörgs Schwester Christiane, die während all der Jahre nur lockeren Kontakt zu den einstigen Weggefährten hielt, sich aber als Mutterersatz um den Inhaftierten kümmerte. Sie hat das Wochenende als eine Art Seelenschleuse für das neue Leben in Freiheit angelegt, als ein Übergangsritual mit praktischem Nutzwert, haben doch die anderen Gäste den Absprung in die einst verhasste bürgerliche Existenz geschafft: Es kommen unter anderem ein Anwalt, ein Journalist, ein Dentaltechniker und eine Bischöfin – da sollte doch irgendwo eine Zukunftsperspektive oder wenigstens ein Praktikum herausspringen.

    Doch von Anfang an gerät die gutgemeinte Resozialisierungsmaßnahme auf die schiefe Bahn. Jörg besteht darauf, dass auch der politische Aktivist Marko, Veranstalter jenes für seine Begnadigung beinahe fatalen Kongresses, hinzugeladen wird, der prompt wüste Reden über Terrorbündnisse mit Islamisten schwingt und Jörg als Galionsfigur für die Revolution zurückgewinnen will. Umgekehrt wird der alles andere als reuige Jörg umgehend für seine Untaten ins Gebet genommen, vor allem der Dentaltechniker bohrt hartnäckig nach: „Ich werde nie meine erste Brücke vergessen; ich habe in keine spätere Arbeit so viel Zeit und Liebe gesteckt und an ihr was fürs Leben gelernt. Wie war das mit dem ersten Mord, Jörg?“ Und dann gibt es noch die junge, prominentengeile Tochter des Dentaltechnikers, die sich des Nachts über Jörg hermachen will und damit den nächsten Eklat heraufbeschwört: „Du Schlappschwanz. Ficken ist kämpfen – war das nicht euer Motto? Kämpfen ist Ficken? Was guckst du mir ständig auf den Busen, wenn du’s nicht bringst?“ So ziehen und zerren fast alle auf ihre Weise am Frischentlassenen; die Freiheit rächt sich auf ungeahnte Weise. Nach der Gnade kommt das dicke Ende erst noch.

    Vollends zum Familiendrama wird das „Wochenende“ durch das plötzliche Auftauchen von Jörgs Sohn Ferdinand, der nach Jahren völliger Funkstille zum Generalangriff auf den Vater und die ganze Generation ausholt: „Du bist zur Wahrheit und zur Trauer so unfähig, wie die Nazis es waren. Du bist keinen Deut besser – nicht, als du Leute ermordet hast, die dir nichts getan haben, und nicht, als du danach nicht begriffen hast, was du getan hast. Ihr habt euch über eure Elterngeneration aufgeregt, die Mörder-Generation, aber ihr seid genauso geworden.“

    Der Wechsel vom „du“ zum „ihr“ ist symptomatisch. Die Weitergabe der Schuld der Elterngeneration als „Fluch“ an die Kinder ist ein zentraler Gedanke in Schlinks gesamtem Werk. Schon 1988 schrieb er in seinem nun wiederveröffentlichten Essay über „Kollektivschuld“: „Von dem Fluch der Kinder, zu dem die Schuld der Eltern wird, befreit kein Richter, kein Gerichtsverfahren und kein Urteilsspruch.“ Die Romanform ist so eine Konsequenz aus Schlinks Sicht der deutschen Vergangenheit als eines mythischen Schuldzusammenhangs, in dem die Kinder wie in der antiken Tragödie dazu verurteilt scheinen, die Schuld ihrer Eltern zu wiederholen. Und tatsächlich ist Ferdinand (der nicht von ungefähr wie der Feuerkopf in Schillers „Kabale und Liebe“ heißt) mit seinem gnadenlosen Furor weiterhin im Zirkel ideologischer Verblendung gefangen. Gibt es kein Entrinnen?

    Schafft zwei, drei, viele Eimerketten!

    Schlink ist ein schwieriger Fall. Er ist einer unserer scharfsinnigsten Schriftsteller, zugleich tragen seine erzählerischen Arbeiten deutliche Züge gehobener Unterhaltungsliteratur. Klischeehafte Beschreibungen (es „hüpft“ der Busen, es „strahlt“ der blaue Himmel, es wird „heftig geschnaubt“ und „Ärger heruntergeschluckt“), steife Dialoge („Wir brauchen dich. Wir wissen nicht, wie wir gegen das System kämpfen sollen“) und überhaupt allzu simple Charakterzeichnungen laden dazu ein, den Roman auch inhaltlich leicht zu nehmen. Doch zielt Schlink bewusst auf den Thesenroman, dessen Handlung und Figuren nur Mittel zum Zweck sind. Worauf läuft es nun hinaus?

    In seinem Essay „Vergeben und Versöhnen“, interessanterweise entstanden für einen Vortrag in Johannesburg, hat Schlink die Blaupause für seinen Roman geliefert. Im Umgang mit einer Schuld habe die Allgemeinheit zwei Möglichkeiten: Verurteilen oder Vergessen. Letzteres entspricht der Amnestie durch das Staatsoberhaupt. Vergeben aber könne nur das Opfer, im Roman also der von seinem Vater verlassene Sohn, der außerdem noch – reichlich anmaßend – für die Hinterbliebenen der RAF-Mordopfer sprechen will. Doch es gibt noch eine weitere Möglichkeit, auf die dieser Thesenroman schließlich hinausläuft: die Versöhnung. Mit ihr „wird nicht wie mit der Vergebung die Last der Schuld vom Schuldigen genommen, sie wird lediglich ein bisschen leichter gemacht. An der Schuld soll das weitere Zusammenleben nicht scheitern.“

    Im Roman verleiht Schlink diesem Programm irritierenderweise eine heilsgeschichtliche Dimension. Schon der Zeitablauf von Freitag bis Sonntag entspricht dem Ostergeschehen. Wenn Jörg „an der Breitseite der Tafel“ Platz nimmt, ist das Abendmahl nicht weit. Die ursprünglich zehn Anwesenden werden durch Marko und Ferdinand ergänzt; mit dem einst auf mysteriöse Weise verschwundenen Freund Jan, einer anwesend-abwesenden Parallelfigur zu Jörg, ist das Setting des Heilands mit zwölf Aposteln komplett. Zumal sich dann auch noch herausstellt, dass Jörg unheilbar an Prostatakrebs erkrankt ist (daher auch die Abweisung des flotten Dentaltechnikerfrüchtchens, das nun mit dem zornigen Sohn vorliebnimmt). Die Judasrolle schließlich spielt Jörgs fürsorgliche Schwester, die – ein weiteres enthülltes Familiengeheimnis – seinerzeit den Bruder an die Polizei verriet, um Schlimmeres zu verhüten. Dass schließlich sogar die Bischöfin, die die eingefleischten Atheisten zur Andacht am Sonntagmorgen zusammenbringt, eine Abtreibung auf dem Gewissen hat, ist dann doch zu viel des Bösen.

    „Die Beteiligten einer Versöhnung“, so schreibt Schlink in seinem Essay, „können aber nicht nur Täter und Opfer sein, sondern auch in die Täterschuld und das Opferschicksal verstrickte Kinder und Enkel (…), und sogar Freunde und Liebende, die miteinander streiten, einander vielleicht nur versehentlich verletzt oder verfehlt und verloren haben – einfach alle, deren Beziehung zueinander beschädigt ist.“ Und das trifft tatsächlich auf das komplette Romanpersonal zu.

    Dies läuft auf zweierlei hinaus: Erinnerungspolitisch auf eine höchst fragwürdige Nivellierung, wo der Mord gleichrangig neben dem Liebesverrat steht. Und erzählerisch auf den Kitsch eines ökumenischen Bußgottesdienstes, bei dem sich alle an den Händen halten. Nachdem es in Strömen gegossen hat („Denn so fühlt der Regen sich an: wie eine Sintflut, die erst enden wird, wenn alles unter Wasser steht“), ruft die Hausbesitzerin vor der allgemeinen Abfahrt zum Kellertrocknen auf. „Alle stellten sich ein“; Freund und Feind, Vater und Sohn, Täter und Opfer bilden eine Eimerkette gegen die himmlische Kollektivstrafe, die die sündige Welt zu verschlingen droht. Schlinks „Wochenende“ ist ein erinnerungspolitisches Plädoyer in Romanform, dessen literarische Qualität hinter seinem Reiz als Gedankenspiel leider deutlich zurückbleibt.

    – Bernhard Schlink: „Vergangenheitsschuld“. Beiträge zu einem deutschen Thema. Diogenes Verlag, Zürich 2007. 192 S., geb., 19,90 [Euro].

    – Bernhard Schlink: „Das Wochenende“. Roman. Diogenes Verlag, Zürich 2008. 242 S., geb., 18,90 [Euro].

    Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main

  3. akpe

    Oktober 10, 2008 um 8:04 am

    Süddeutsche Zeitung, 27.02.2008

    Ein Terrorist beim Klassentreffen
    „Das Wochenende“: In seinem neuen Roman fragt Bernhard Schlink nach der Wahrheit der RAF-Sympathisanten
    Betrachtet man rückblickend den deutschen Terrorismus, so bleibt das Erstaunlichste an ihm, dass eine so kleine Gruppe von Leuten eine so weitreichende Wirkung ausüben konnte. Sie taten es, indem sie behaupteten, dass der Staat, statt auf dem Gesellschaftsvertrag, wie von ihm selbst beansprucht, vielmehr auf Gewalt beruhe, und ihn zwingen wollten, es zu zeigen. Und es gelang ihnen, den Wahrheitsbeweis für ihre These anzutreten: Ein Staat, der nicht bereit ist zu töten, ist keiner.
    30 Jahre später scheint die Zeit gekommen zu sein, dieses peinliche Faktum wieder zuzudecken. Man fasst nicht mehr die Frage von damals ins Auge, sondern die geringe Zahl derjenigen, die sie gestellt haben. Vor dreißig Jahren nahmen Staat und Terroristen einander als politische Feinde ernst. Die RAF loste es aus, wer aus ihrer Mitte jeweils den tödlichen Schuss zu setzen hatte, denn das galt ihr nur als ein Glied in der Handlungskette des bewaffneten Kampfs; und die Gerichte folgten ihr insofern, als sie alle Beteiligten unterschiedslos wegen Mordes verurteilten. Eine Generation später kommt das damals absichtlich ausgeklammerte Problem der Täterschaft im engsten Sinn wieder auf den Tisch wie ein Verfahrensfehler. Der Terrorist soll ganz und gar zur Einzelperson werden, seine Tat bereuen und im Gegenzug den Rest seines Lebens als unbehelligter Rentner verbringen dürfen. Er stellt ein Gnadengesuch, der Staat bewilligt es, und so bescheinigen sie einander das Humane. Der Terrorismus, darauf scheint man sich umfassend geeinigt zu haben, wird privatisiert.
    In der geometrischen Mitte dieses breiten Konsenses befindet sich Bernhard Schlinks Buch „Das Wochenende“. Der Terrorist Jörg hat vierundzwanzig Jahre seiner Strafe verbüßt und wird nunmehr vom Bundespräsidenten begnadigt. Es holt ihn seine ältere Schwester Christiane vom Gefängnis ab, die ihn als Kind fast allein aufgezogen und sich während der Haft mit nie nachlassender Fürsorge um ihn gekümmert hat. Um ihm den Kontakt mit der Öffentlichkeit, die sich natürlich auf seinen Fall stürzen will, zu ersparen, bringt sie ihn zunächst auf das kleine verfallene Schloss in Brandenburg, das sie vor Jahren zusammen mit ihrer Freundin Margarete gekauft hat. Dorthin lädt sie zum titelgebenden Wochenende Jörgs alte Weggefährten, eine akklimatisierende Maßnahme. Alle sind sie inzwischen Mitte bis Ende fünfzig, und aus allen ist etwas geworden: aus Henner ein Starjournalist, aus Karin eine Landesbischöfin, aus Ulrich der Besitzer eines halben Dutzends Dentallabors, aus Andreas ein prominenter Rechtsanwalt. (Nur bei der Lehrerin Ilse könnte man im Zweifel sein, aber die kriegt dafür eine besondere Aufgabe.) „Christiane hatte eine Tischordnung gemacht, und vor jedem Teller stand ein Kärtchen mit Namen und Bild – einem Bild von damals. Mit großem Hallo wurden die Bilder herumgereicht und bestaunt . ‚Guck mal!‘ – ‚Der Bart!‘ – ‚Die Frisur!‘ ‚So sah ich damals aus?‘ – ‚Du hast dich aber verändert!'“ Schlink betreibt Vergangenheitsbewältigung aus dem Geist des Klassentreffens. Das nur höchst vage benannte „linke Projekt“ scheint in den warmen Farben der Reminiszenz. „Wisst ihr noch, wie wir in der Vorlesung von Professor Ratenberg Ratten laufen ließen? Wie wir bei der Rede des Bundespräsidenten die Lautsprecheranlagen neutralisiert haben? (. . .) Wie wir das Plakat zur Isolationsfolter an die Autobahnbrücke gehängt haben?“ Schülerstreiche. Inmitten des melancholischen märkischen Idylls, beim gemeinsamen Frühstücken, Salatputzen und Weintrinken, kann man sicher sein, dass auch die schlimmen Dinge im Voraus abgepuffert werden.
    Mein Mörder-Vater
    In diesem Rahmen lassen sich nun verschiedene Deutungsmodelle erproben und erörtern. „,Die Terroristen unsere verirrten Brüder und Schwestern?‘ Ulrich schüttelte den Kopf und verzog das Gesicht zu einem Ausdruck nicht nur der Ablehnung, sondern der Abscheu. ‚Glaubt ihr das auch?‘ Er sah in die Runde.“ Margarete hingegen, die ein wenig abseits steht, denkt sich das Folgende: „Sie fand auch Jörg krank. Muss nicht krank sein, wer Leute umbringt, nicht aus Leidenschaft und Verzweiflung, sondern klaren Kopfs und kalten Bluts? (. . .) Nein, Margarete konnte nur das Mitgefühl haben, das man mit Kranken hat. War das zu wenig?“ Jede These ist erlaubt, jede Frage zulässig, Hauptsache, die Politik bleibt draußen.
    Natürlich weiß Schlink, der der routinierten Dramaturgie des Fernsehspiels folgt, dass man so viel Toleranz und Harmonie ein bisschen aufmischen muss, sonst schläft der Zuschauer ein. Dazu dienen ihm zwei Figuren, die mehr oder weniger uneingeladen auf die Szene stolpern. Da ist zum einen Marko, der junge Heißsporn, der Jörg als Aushängeschild des erneuerten Kampfs gewinnen will. Unter allen blassen Pflichtübungen dieses Buchs bleibt sein Auftritt die blasseste. Und zum anderen steht da plötzlich Jörgs Sohn, der sich unter der Maske eines Studenten der Kunstgeschichte eingeschlichen hat. Er will jetzt mit dem ewig abwesenden Papa abrechnen, erbittert und unerbittlich, was sich so anhört: „Du bist zur Wahrheit und zur Trauer so unfähig, wie die Nazis es waren. (. . .) Du hättest wissen können, was es heißt, Kind von Mördern zu sein, und bist Mörder-Vater geworden, mein Mörder-Vater.“ Und als ob er mit dieser Besinnungsaufsatz-Prosa schon zu weit gegangen wäre, muss einer der Zeugen bei sich denken (denn was jeder so bei sich denkt, weiß Schlink immer ganz genau): „Es ist grausig (. . .) Der Sohn, der nicht seinen Schmerz, und der Vater, der nicht seine Hilflosigkeit zulässt.“ Als Meisterin des Zulassens bewährt sich, kaum verwunderlich, die Bischöfin. Ihre Qualifikationen werden folgendermaßen gerühmt: Sie „fand, wenn sie in der Öffentlichkeit das Wort zu den Fragen der Zeit ergriff, den richtigen Ton und sah denen, die ihren Rat suchten, betroffen und anteilnehmend ins Gesicht.“ Keine Geste kommt in diesem Buch so oft vor, wie dass jemand einem anderen den Arm um die Schulter legt. Es heißt: ich bin dir nah; aber auch: sei still. Trost und Entmündigung verfließen.
    Reden wir vom Schweinesystem
    Der unbehagliche Kern des Ganzen aber bleiben natürlich die Tötungsakte von damals; von ihnen muss in irgendeiner Weise die Rede sein. Schlink gibt den schwarzen Peter weiter, indem er Ilse, die Lehrerin, sich einfühlend als Laienschriftstellerin daran versuchen lässt. „Jan (ein anderer Terrorist) musste auf das Schweinesystem, die Ärsche aus Politik und Wirtschaft und die Scheißbullen schimpfen. Sie mochte so nicht schreiben. Aber wenn sie nicht schaffte, Jan wie einen Terroristen reden zu lassen, wie sollte sie schaffen, ihn morden zu lassen?“ Ilses Scheitern ist also nicht dasjenige Schlinks, sondern ein Kunstmittel. Aber ein lustiger Anblick ist es doch, wie der Autor herumeiert, um ein Wort wie „Schweinesystem“, das er wegen seines schrillen Tons nicht mag, jedoch als zwingend genretypisch erkennt, trotzdem in sein Kammerstück zu integrieren.
    Durch nichts gibt ein Autor so viel von sich preis wie durch das, was er als poetische Gerechtigkeit erachtet. Besagter Jan wird zwar nie gefasst, hat aber das Pech, sich am 11. September 2001 im World Trade Center aufzuhalten, wo er vor dem Einsturz noch versuchen darf, eine Sekretärin zu retten: So sühnt Schlink, im bürgerlichen Beruf Jurist. Und von Jörg stellt sich heraus, dass er Prostatakrebs hat und darum leider nicht mehr in der Lage ist, die Tochter seines alten Freundes Ulrich zu beglücken. Der alte Terrorist benötigt Windeln. Er ist im buchstäblichen Sinn zum Auslaufmodell geworden. Das, muss man sagen, ist schon ziemlich oberschäbig.
    Auch diesem Buch wünscht man eine Sühne, eine, die dem enorm erfolgreichen Vorgängerwerk „Der Vorleser“ schon widerfahren ist: Schullektüre soll es werden. Nur so kann es sich auf breiter Basis die gelangweilte Verachtung erwerben, die so viel Unaufrichtigkeit unter der falschen Flagge des guten Willens verdient.BURKHARD MÜLLER
    BERNHARD SCHLINK: Das Wochenende. Roman. Diogenes Verlag, Zürich 2008. 225 Seiten, 18,90 Euro.
    Der Chef der Berliner Treuhandanstalt Detlev Karsten Rohwedder wurde 1991 in seinem Düsseldorfer Haus durch die RAF erschossen Foto: dpa
    Der Schriftsteller und Jurist Bernhard Schlink Foto: Plambeck/laif
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