José Saramago: Die Stadt der Sehenden (2006)


  • Gebundene Ausgabe: 382 Seiten
  • Verlag: Rowohlt, Reinbek; Auflage: 2 (März 2006)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3498063847
  • ISBN-13: 978-3498063849

Es ist der Alptraum eines jeden Politikers, einer jeden Partei: da ist Wahl und keiner geht hin, schlimmer noch, die Wenigen, die kommen, geben unausgefüllte Stimmzettel ab. Und bei der Wahlwiederholung sind zwei Drittel aller Stimmzettel „leer und weiß“. Ein politisches Desaster, das „sich wie eine ihre Zündschnur suchende Bombe durchs Land zieht.“

Der portugiesische Literatur-Nobelpreisträger José Saramago bot schon in früheren Büchern einen auffälligen Gegensatz: so wie er lebt, schreibt er, ruhig, fast still, gedämpft, vermeintlich gleichmütig. Aber das, was er schreibt bewegt und erschüttert wie ein alles mit sich reißendes Beben, da wird eine politische Science-Fiktion-Geschichte auf fast 400 Seiten zu einer immer stärker, öfter und eindringlicher an reale Gegebenheiten erinnernden Parabel, bitter-böse, pessimistisch und nicht gerade Hoffnung machend.

Die Regierung, unfähiger denn je, steht mit dem Rücken zur Wand, Spitzel werden ausgeschickt. „Das Wort wird aufgenommen und ebenso das Gefühl. Niemand ist mehr sicher.“ Mit Verhaftungen, Gewalt, und Folter will man die Ursachen für die alle Parteien gleichermaßen betreffende Wahlschlappe herausfinden. Terror ähnliche Machenschaften durchlöchern langsam aber stetig die saubere, als so demokratisch gerühmte Oberfläche. Attentate, auffahrende Panzer, Demonstrationen verunsichern und destabilisieren das bis dahin so sicher geglaubte Leben. Es gibt Tote. Ein Kommissar soll die Schuldigen für das Versagen des Systems finden. Und da gibt es denn auch schon jemanden, der in Frage kommt, bekannt aus Saramagos beeindruckendem Roman Die Stadt der Blinden. Ein Buch, das kein Muss ist, um den neuen Roman über die Zerbrechlichkeit demokratischen Zusammenlebens, über Hochmut und Macht zu verstehen und außerordentlich wertzuschätzen, aber ein ebenso geniales Buch, dessen Lektüre man auf jeden Fall nachholen sollte!

Zugegeben, ein Saramogo liest sich nicht ganz leicht, endlos scheinende Sätze, oft eher konstruiert denn gedacht, mag man denken. Aber: man liest sich sozusagen in den Fluss ein. Und das geht so schnell, als würde man mitgerissen von einem langsam fließenden Lavastrom, aus dem es einfach kein Entrinnen mehr gibt. Saramago verstrickt den Leser in immer tiefere Nachdenklichkeit, Zweifel kommen auf, Fragen, Erkenntnisse. Mit Lösungen wird die Lektüre nicht versüßt, vielmehr bleiben kritische Betrachtung und Wachsamkeit. Aber: was kann es für mündige Staatsbürger besseres geben? –Barbara Wegmann

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3 Kommentare

  1. akpe

    Oktober 10, 2008 um 10:24 am

    Rezension: ZEIT

  2. akpe

    Oktober 10, 2008 um 10:26 am

    Putsch der Politikverdrossenheit
    José Saramagos Parabel auf das Kreuz mit den Stimmzetteln

    Stell Dir vor, es ist Demokratie und keiner geht hin. Verkürzt ließe sich so José Saramagos jüngster Roman beschreiben. In einem westlichen Staatswesen, an dessen Namen sich der Erzähler in bester cervantinischer Manier nicht erinnern möchte, führt die Kommunalwahl zu einem verstörenden Ergebnis. Während sich die Landbevölkerung in „vorbildlich demokratischer“ Weise verhält, proben die Bürger der Hauptstadt einen unerwarteten Aufstand: Siebzig Prozent der Wahlscheine werden frei jeder Ankreuzung in die Urnen geworfen. Verdattert annulliert die Regierung das Ergebnis und ruft zu einem neuen Wahlgang auf. Das Resultat ist niederschmetternd. 83 Prozent der Stimmzettel weisen nun ein blütenreines Weiß auf. Da sich dadurch jede der politischen Parteien in der Minderheit befindet, kann keine Regierungsbildung mehr stattfinden.

    Aufbauend auf diesem Gedankenspiel, entlädt sich unter der Feder Saramagos in der Folge das Endzeitszenario einer politischen Science-fiction. Fern davon, über Ursachen und eigenes Verschulden an einem solch katastrophalen Ergebnis zu reflektieren, qualifiziert die brüskierte Regierung die „Weißwahl“ ihres Stimmviehs als einen „Anschlag auf die Grundfesten der parlamentarischen Demokratie“, ja, als „puren Terrorismus“. Zur Wiederherstellung der demokratischen Ordnung sind den einander gegenseitig mißgönnenden Ministern alle auch noch so totalitären Mittel recht: das Auffahren von Panzern, die schließlich die Stadt durch einen Kessel hermetisch abschließen; der Auszug der Regierung aus der abtrünnigen Kapitale und schließlich sogar ein vom Geheimdienst improvisiertes Bombenattentat, das der von alledem sichtlich unbeeindruckten Stadtbevölkerung vergeblich die Sehnsucht nach einer ordnenden Staatsmacht zurückgeben soll. Mehr und mehr verrennen sich die republikanischen Politiker, gleich den Päpsten Avignons in ein selbstgewähltes babylonisches Exil verbannt, in ihre unheilbare Hilflosigkeit.

    Getreu seiner Neigung für phantastische Situationen spinnt Saramago hier das Modell seines vor einem Jahrzehnt verfaßten Romans „Die Stadt der Blinden“ weiter. Wurden damals sämtliche Bewohner von einer unerwartet hereinbrechenden „weißen Blindheit“ geschlagen, sind die Politiker derselben namenlosen Stadt nun mit dem Anblick einer Weißheit konfrontiert, die jeden Stimmzettel zum Grabmal des westlichen Staatsmodells macht. Ein solch abstrakter, allein auf einer intellektuellen Spekulation basierender Handlungsplot ohne echte Hauptfiguren lieferte unter normalen Bedingungen nicht mehr als den Stoff einer knappen, parabelhaften Erzählung. Saramagos Wagnis besteht darin, aus solch spärlichen Elementen einen fast vierhundertseitigen Roman zu entwickeln. Literarisch glückt dies Unternehmen in überraschender Weise – nicht zuletzt dank des Kunstgriffs, den Roman nach der Hälfte unvermutet mit einem in die Handlung hineinstrauchelnden, klassischen Romanhelden auszustatten: einem Kommissar, der auf Geheiß der Exilregierung in der Hauptstadt einen Schuldigen finden muß.

    Daß der Kommissar die staatlich erkorenen Sündenböcke für unschuldig befindet und sich dadurch selbst zum Sündenbock macht, hat seine Ursache in einer semiologisch-metaphysischen Krise. Die Umdeutung der Unschulds- und Friedensfarbe Weiß in das Symbol der Unordnung und Subversion führt den Ermittler zur Erkenntnis, daß „die Menschen die Wörter satt“ haben. So wird der politische Konflikt zum Ausdruck einer „semantischen Schlacht“: „zu beobachten, wie die Bedeutungen der Wörter sich langsam verändern, ohne daß wir es bemerken“.

    So gekonnt der portugiesische Nobelpreisträger seine Staatsparabel zum existentiellen Ringen um die Sprache im Zeitalter der Politikverdrossenheit ausweitet, so irritierend ist sein Roman in politischer Hinsicht dennoch. Denn er spricht vor allen Dingen ein pauschales Mißtrauensvotum an die westlichen Demokratien aus, deren Machthaber, wie Saramago in Interviews gern ausführt, nichts sind als die „politischen Kommissare der Wirtschaftsmacht“. Getreu dieser Logik betonte der Autor, jüngst Kandidat der portugiesischen Kommunisten bei der Europawahl, beim Erscheinen des Buches, das einzige Tabu der sonst tabulosen Demokratie bestehe in der Frage nach der eigenen Legitimation: „Die Demokratie gilt als unantastbar, so als sei sie eine jungfräuliche Muttergottes. Doch wir müssen sie antasten, wir müssen sie durchschütteln.“

    Daß das metaphorische Blut dieser Entjungferung rasch real werden kann, mußte Saramago erst im vergangenen August schmerzlich erleben. Ausgerechnet die Gegner des von ihm verehrten venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez nämlich nahmen sich explizit das Rezept der „Weißwahl“ aus der „Stadt der Sehenden“ zum Vorbild. Schockiert über eine solche „Piraterie“ seiner Fiktion konnte Saramago nicht umhin, ausgerechnet einer nach seinen Worten „jungen Demokratie“ zu Hilfe zu laufen: „Dies schmutzige Manöver verdient nichts weiter als meine Verachtung“, so Saramago.

    Was geschieht, wenn die literarische Fiktion von der Wirklichkeit eingeholt wird? Die Antwort mag im Roman Saramagos selbst zu finden sein, der als literarisch Sehender seine politische Blindheit, die ihm spätestens nach seinen skandalösen Auschwitz-Ramallah-Gleichsetzungen von vielen Seiten attestiert wird, zu kompensieren weiß: „Auf ein solches ,Was wäre, wenn‘ wird man nur schwerlich eine den Leser befriedigende Antwort finden. Außer der Erzähler wäre so ungewöhnlich aufrichtig, zuzugeben, daß er sich selbst nie wirklich sicher war.“

    FLORIAN BORCHMEYER

    José Saramago: „Die Stadt der Sehenden“. Roman. Aus dem Portugiesischen übersetzt von Marianne Gareis. Rowohlt Verlag, Reinbek 2006. 384 S., geb., 22,90 [Euro].

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  3. akpe

    November 8, 2008 um 8:55 pm

    Wenn wir geboren werden, wenn wie in diese Welt eintreten, ist es, als würden wir einen Pakt fürs Leben unterzeichnen, aber es kann passieren, dass wir uns eines Tages fragen: Wer hat das für mich unterschrieben?

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