AntinioTabucchi: Der schwarze Engel (2001)

  • Taschenbuch: 192 Seiten
  • Verlag: Dtv (August 2001)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3423129034
  • ISBN-13: 978-3423129039

Da flaniert ein Mann durch eine Stadt, um aus zufällig aufgeschnappten Gesprächsfetzen absurde Geschichten zu konstruieren, und vernimmt plötzlich die Stimme eines verstorbenen Freundes, die ihn zu  einem geheimnisvollen Treffen auf die Plattform eines Turms lotst. Da stellt sich ein einsamer Junge der zweifelhaften Vergangenheit seines Vaters, eines heldenhaften Verteidigers der faschistischen Republik von  Salò, und versucht im Zwiegespräch mit Jules Vernes Kapitän Nemo, das Gespinst aus Halbwahrheit und Lüge zu entwirren. Da stößt eines Nachts zu Zeiten der Diktatur Salazars ein Kreis junger Portugiesen auf die Macht der Poesie an und erfährt kurz darauf in der unwirklichen Begegnung mit einem Geheimpolizisten den ganzen Schrecken willkürlicher Gewalt: Immer tiefer zieht Antonio Tabucchi uns in ein seltsames Gewebe von knapper Alltagsschilderung und surrealer Stimmung. Durch alle sechs hier versammelten Erzählungen  huschen poetologische Engel, die aus dem Dunkel des Unbewußten ans Tageslicht steigen. Sie treten auf, um wachzurütteln und nachdenklich zu stimmen. Und ganz unmerklich verlassen wir mit Tabucchi den Boden der Tatsachen.

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2 Kommentare

  1. akpe

    Dezember 3, 2008 um 6:39 pm

    Neue Zürcher Zeitung
    Die Boten des Bösen

    Erzählungen von Antonio Tabucchi

    Das grosse literarische Thema Antonio Tabucchis ist die Unausdeutbarkeit alles Wirklichen. Die Geschichten und Figuren des italienischen Autors, der im deutschen Sprachraum durch die Romane «Indisches Nachtstück», «Lissabonner Requiem» und «Erklärt Pereira» bekannt geworden ist, befinden sich in einem ewigen Schwebezustand zwischen «als ob» und «es könnte auch alles ganz anders sein». Innen und Aussen, Gegenwart und Vergangenheit, Suchender und Gesuchter, Figur und Gegenfigur, Held und Erzählinstanz, Wirkliches und Erdachtes sind in diesem Werk Kategorien mit verwischten Grenzen, oft Spiegelungen ihrer selbst, wobei der Leser letztlich nie zwischen Realem und Gespiegeltem zu unterscheiden vermag. Das Etikett des «postmodernen Erzählens» wird das literarische Œuvre Tabucchis angesichts der Beharrlichkeit, mit der es seine Thematik umkreist, so schnell nicht mehr loswerden.

    Auch «Der schwarze Engel» , dessen Titel von einem Gedicht Eugenio Montales übernommen ist, zeigt sich dieser Poetik der Relativität und Rätselhaftigkeit verpflichtet. In den sechs in Italien bereits 1991 erschienenen Erzählungen treten Figuren auf, die von peinigenden Erinnerungen verfolgt werden: Erinnerungen an rätselhafte Verbrechen, an die Brutalität eines Schergen während der Salazar-Diktatur, an den Diebstahl eines Manuskriptes, an den schmerzhaften, Jahrzehnte zurückliegenden Abschied von der Geliebten. Mit einer stellenweise irritierenden, fast schon pädagogischen Hartnäckigkeit rückt Tabucchi diese Ereignisse in das Zwielicht des Ungewissen. Vieles wird bloss angedeutet; und vielleicht, beteuert der Erzähler immer wieder, sind die vermeintlichen Erinnerungen in Wahrheit nichts anderes als Zerrbilder des Gedächtnisses. Wohl beginnen die Erzählungen mit alltäglichen Situationen, denen Tabucchi kraft seines eleganten, präzisen Stils in wenigen Sätzen Konturen verleiht. Dann aber bricht das Unheimliche über die Helden herein, manifestiert sich als geheimnisvolle Stimme, als Vision eines schwarzen, behaarten Engels, eines verendenden Barsches oder einer toten Ratte: albtraumhafte Erscheinungen, die man als Verkörperungen des zerquälten Gewissens, Boten des Schreckens oder Dämonen schuldhafter Handlungen verstehen kann.

    Indem Tabucchi das Auftauchen dieser geheimnisvollen, surrealen Elemente, ähnlich wie im «Indischen Nachtstück», mit der Schilderung einer historisch und geographisch mehr oder weniger erkennbaren Umgebung verknüpft, entgeht er dem Abgleiten in einen selbstgefällig-penetranten Symbolismus. Er zeichnet das Bild einer dem Bösen verfallenen Welt, in der aus der Vergangenheit wirkende, in ihrer Unbestimmtheit bedrohliche Phantasmen die Gegenwart vergiften.

    Sandro Benini — Dieser Text bezieht sich auf die gebundene Ausgabe .

  2. akpe

    Dezember 3, 2008 um 6:46 pm

    Flügel aus Mausfell von Ernst Osterkamp

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