Dietmar Dath: Die Abschaffung der Arten (2008)

Die Abschaffung der Arten: Dietmar Dath: Amazon.de: Bücher

  • Gebundene Ausgabe: 600 Seiten
  • Verlag: Suhrkamp Verlag; Auflage: 1 (10. September 2008)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3518420216
  • ISBN-13: 978-3518420218

Das Zeitalter, das wir kennen, ist längst eingeschlafen. Wo einmal Europa war, gibt es nur noch drei labyrinthische Städte, die eher gewachsen sind, als daß sie erbaut wurden. Die Welt gehört den Tieren. Fische streiten über Sodomie, Theologinnen mit Habichtsköpfen suchen in Archiven nach Zeugnissen der Menschheit, und Cyrus Golden, der Löwe, lenkt den Staat der drei Städte. Als ein übermächtiger Gegner die neue Gesellschaft bedroht, schickt er den Wolf Dimitri als Diplomaten aus, im einstigen Nordamerika einen Verbündeten zu suchen. Die Nachtfahrt über den Ozean und in die tiefen Stollen der Naturgeschichte lehrt den Wolf Riskantes über Krieg, Kunst und Politik und führt ihn bis an den Rand seiner Welt, wo er erkennt, »warum den Menschen passiert ist, was ihnen passiert ist«. Der Roman Die Abschaffung der Arten steht in der Tradition großer spekulativer Literatur über Niedergang und Wiedergeburt der Zivilisation von Thomas Morus, Voltaire und Mary Shelley über H. G. Wells und Jules Verne bis hin zu Stephen King und William Gibson. Wenn Charles Darwin Krieg der Welten geschrieben hätte, vielleicht wäre ein Buch wie dieses dabei herausgekommen: ein abenteuerliches Liebeslied, eine epische Meditation über die Evolutionstheorie und der waghalsige Versuch, Fossilien von Geschöpfen freizulegen, die noch gar nicht gelebt haben.

Please rate this

2 Kommentare

  1. akpe

    Dezember 13, 2008 um 11:50 pm

    Rezension: SZ – Fantasy auf Amphetaminen von BURKHARD MÜLLER

    Hui wei packel, hoppi pah: Dietmar Daths delirierender Zukunftsroman „Die Abschaffung der Arten“

    Nein, drunter tut es der Waschzettel nicht: „Wenn Charles Darwin ‚Krieg der Welten‘ geschrieben hätte, wäre vielleicht ein Buch wie dieses herausgekommen: ein abenteuerliches Liebeslied, eine epische Meditation über die Evolutionstheorie und der waghalsige Versuch, Fossilien von Geschöpfen freizulegen, die noch gar nicht gelebt haben.“ So viel wird dem Leser schon aus diesen paar Zeilen klar: Der Autor Dietmar Dath wird von einem ungeheuren Ehrgeiz angestachelt, und der betätigt sich vor allem in der Hybridisierung der Form um jeden Preis.
    „Die Abschaffung der Arten“ spielt in einer weit entfernten Zukunft, in der die Finsternis der menschlichen Geschichte an ihr Ende gelangt ist und an die Stelle der Menschen (die sich als „Minderlinge“ weiterhin an den Rändern herumtreiben) die „Gente“ getreten sind, sprach- und vernunftbegabte Wesen, die sich die Erbmasse aller Spezies plastisch verfügbar gemacht haben. Es steht ihnen frei, sich mit Fremdartigsten zu paaren und darüber hinaus die eigene Gestalt nach Belieben zu ändern, sich Flügel zuzulegen oder ein Baum zu werden; Identität im Sinn des Fahndungsfotos hat sich aufgelöst. Durch totale Durchmischung soll sich der gänzlich andere Zustand realisiert haben.
    Die Rasse der Keramikaner
    So weit die unverkennbare Intention des Buchs. Was indessen geschieht, gelangt über den Horizont der altbekannten historischen Welt (sie heißt im Buch schlicht „die Langeweile“) nicht hinaus. Seit mehreren Jahrhunderten hat der Löwe die Herrschaft über die Erde inne; mit seiner nunmehr entfremdeten Gattin hat er vor Zeiten ein Töchterlein gezeugt, welches sich in Gestalt eines Luchses mit dem Wolf, des Löwen Chef-Emissär, in eine Affäre einlässt. Bedroht wird das Reich der Gente von einem Wesen namens Katahomenleandreal, das seinerseits die neuartige Rasse der Keramikaner ins Feld stellt; deren Kampfkraft erhöht sich dadurch, dass sie mit ihren Nesselwaffen teilweise in andere Dimensionen ausweichen können. In einem zweiten Teil, den nachzuerzählen nun wirklich zu beschwerlich wäre, ist das Projekt der Gente zusammengebrochen, aber von den inzwischen kolonisierten Nachbarplaneten Venus und Mars aus brechen zwei Nachkommen von Lüchsin und Wolf auf, um einander zu begegnen, wechseln zuvor je ihr Geschlecht, geraten zum Schluss hin allerdings in eine sehr langwierige Zeitschleife . . .
    Man ersieht schon aus diesen knappen Andeutungen des Plots (der sich tausendfältig weiter zerfächert), dass Dath trotz seines strampelnden Vorsatzes die landläufigen Muster der Fantasy nicht zu sprengen vermag. Sein Buch teilt alle Geburtsfehler des Genres: die einfache Absehbarkeit der strukturierenden Elemente, oberflächlich überblendet von den Figuren einer willkürlichen Variation; die vom gänzlichen Verzicht auf verarbeitbare Erfahrung hervorgerufene Unanschaulichkeit im Bunten.
    Immer sieht man am besten an den Namen, was an dieser Art von Literatur nicht stimmt; in ihnen tobt sich die aufgekratzte Erfindungswut ohnmächtig aus. Der Löwenkönig heißt – und wirklich jedes einzelne Mal – Cyrus Iemelian Adrian Vinicius Golden, seine Gattin Livienda Sonya Gina Anya Katya Nisi Saba Scheba Mattha Catriona Elyce Finfin-Fain, daneben gibt es das Laufschwein Hébert Loskauf, den Zander Westfahl Sophokles Gaeta, und so weiter und so weiter. Diese gattungstypischen Lustbarkeiten des Kaleidoskops werden von Daths flackerndem Auf- und Ausbruchswillen zum Strudel beschleunigt, dass dem Leser Hören und Sehen vergeht. Ein typischer Satz bei ihm klingt so:
    „Am Ziel seiner Wünsche, von früheren Defekten genesen, mit einem (dank der Pharmakoi in den Schnittblumen der Dachswache) stark verbesserten Orientierungssinn beschenkt und neuerdings recht gutaussehend, durfte er schließlich, als der Himmel zum Ausklang des satten Sommers zum vierhundertsechsundsiebzigsten Mal seit dem Ende der Langeweile seine Farbe änderte, vor eigens Geladenen bei einer Zeremonie präsidieren, die zu den seltensten und wichtigsten in Kapseits gehörte: der Ehrung des besten Malers in Vinyltinte auf Mauerwerk sowie – man machte jetzt in Nostalgie – auf Leinwand.“ Wie kann, fragt sich der Leser erschöpft, Quatsch so anstrengend sein? Fantasy ist schlimm genug; aber das hier ist Fantasy auf Amphetaminen. Und doch erschließen sich so keine neuen Vorstellungsräume: Was hier statthat, ist der gute alte Menschenbrauch der Vernissage, auch wenn es sich bei dem geladenen Besucher um einen reformierten Esel handelt.
    Die Natter und ihre Verwandten
    Dieser Esel (er heißt Storikal) ist zwar nicht die zentrale Figur des Buchs, wohl aber verdichtet sich in ihm auf charakteristische Weise dessen Stil und Duktus. Seine Rede hat damit zu ringen, dass ihr Fluss von fauchenden und stotternden Störgeräuschen begleitet wird, die wie aus einer schadhaften Dichtung seitwärts entweichen. Nichts davon kriegt der Leser geschenkt. „Wie gesagt, ha, ha, ha hagackel, hui wei packel, hoppi pah, die Natter jaahautz Stülpke und ihre Anverwandten, haaa jips ups jenzfalz, die haben das gesammelt übern Dachbereich hajaaah weg in die hinterletzerbetzten Keller rein ha jaaahh da.“ Das soll als Kostprobe reichen; aber so geht es über Seiten und fängt immer wieder von vorn an.
    Warum macht Dath so was? Gilt ihm solche Leserstrapazierung, bei der nichts, absolut nichts herauskommt, als Hommage an die klassische Moderne? Oder will er per Kontrast eine Empfindung von Dankbarkeit erzeugen, dass er beim Rest des Texts, der immer durch seine Zentrifugalkräfte gefährdet bleibt, vergleichsweise noch diszipliniert zu Werke geht? Schwer zu sagen.
    Selten hat der Rezensent so intensiv den Wunsch verspürt, ein Buch zuzuklappen und ins Eck zu pfeffern. Eisernes Pflicht- und Gerechtigkeitsgefühl hinderte ihn daran, denn man soll ein Buch ja ausreden lassen. Versäumt hätte er wenig, denn auch die letzten 470 Seiten enthielten nichts an Pein und Qual, was die ersten 80 nicht auch schon geboten haben; und dabei leer blieben, einfach leer. Dass dieses Buch ein Formproblem hätte, hieße die Sache sehr milde auszudrücken. Und dass Dath sich übernommen hat, wäre reichlich untertrieben.BURKHARD MÜLLER

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.