Die Zeit – Feuilleton : Explosion möglich

DIE ZEIT 23.03.2006 Nr.13

Ein neues 68? Von wegen! Die Proteste in Frankreich sind nicht Zeichen politischer Hoffnung, sondern von Zukunftsangst, meint der Soziologe Alain Touraine

Alain Touraine wurde 1925 geboren. Er ist Forschungsdirektor an der École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris

DIE ZEIT: Sie sind mit Studien zu neuen sozialen Bewegungen in aller Welt hervorgetreten. Könnte aus den aktuellen Protesten eine soziale Bewegung wie 1968 entstehen?

Alain Touraine: Nein. In Frankreich heißen alle Streiks seit jeher mouvement social. Doch längst besteht ihr einziger Erfolg nur noch darin, den öffentlichen Verkehr lahmzulegen. Das ist kein Kampf um Zukunftschancen mehr, sondern nur darum, erworbenen Besitz zu verteidigen. Soziale Bewegungen brauchen Vertrauen und Zuversicht, wie sie sich im Zukunftsglauben der Studentenproteste 1968 zeigten, die in eine Phase ökonomischer Prosperität fielen. Heute dagegen dominieren Angst und Misstrauen. Damals wurde für eine neue gesellschaftliche Beweglichkeit gekämpft, während heute Dynamik und Flexibilität als Unsicherheitsfaktoren gelten. Ein gelockerter Kündigungsschutz kann durchaus dazu beitragen, die Jugendarbeitslosigkeit abzubauen, wie es viele Länder vorgemacht haben. Aber wie immer möchten die Franzosen wegen kleiner Veränderungen gleich einen Bürgerkrieg anzetteln.

[via soziologische-aufmerksamkeit]

Siehe auch das FAZ Interview vom 28.03.

[ebenfalls via soziologische-aufmerksamkeit]

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