T.C. Boyle: Drop City (2003)

drop-cityDraußen, am Eingangstor der Drop City Ranch irgendwo in Kalifornien, hängt ein Sperrholzschild windschief an einem Querpfosten. „Keine Männer, keine Frauen — nur Kinder!“ steht darauf zu lesen. Und tatsächlich haben sich drinnen etwa 60 Menschen versammelt, die nicht erwachsen werden wollen: Hippies der Flower-Power-Ära, die auf dem geerbten Terrain eine Insel der Glückseligen schaffen wollen. Alles, was man zum Leben braucht, ist auf der Ranch versammelt: Ziegen und Zucchini, Platten von Jimmi Hendrix bis Country Joe and the Fish — und Drogen natürlich, jede Menge Drogen.

Aber die Welt ist nicht ganz so unschuldig in Drop City, wie seine Bewohner es sich ersehnen, schließlich befinden wir uns in einem Roman von T.C. Boyle. Ein echtes Kind schluckt LSD im Fruchtsaft, ein anderes Kind wird von den Jüngern freier Liebe vergewaltigt. Und dann tritt Gott auf in Gestalt des Sheriffs und vertreibt die Hippies aus ihrem trügerischen Paradies. So müssen sie sich auf die Reise machen ins kalte Alaska, wo wiederum eine Hütte auf sie wartet. Über die Grenze kommen sie nur, weil die zugekiffte Gruppe den Zöllnern weismacht, sie seien die Greatful Dead auf Welttournee.

Auf den Einfall, die Generation der Flower-Power-Bewegung zum Thema eines Romans zu machen, kam Boyle bei den Recherchen über die Umweltbewegung für sein Buch Ein Freund der Erde. Deshalb ist im Roman viel Kritik an einer Zeit versteckt, die ihre kindischen Verklemmungen hinter der Maske totaler Freiheit zu verbergen suchte. Ansonsten aber ist Boyle ein überaus komplexer, wunderbar lesbarer und ironisch-skurriler Roman geglückt, der in seinen besten Passagen an World’s End heranreicht. Große, leicht bekiffte Literatur. –Stefan Kellerer 

  • Broschiert: 582 Seiten
  • Verlag: Dtv (Januar 2009)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 342321113X
  • ISBN-13: 978-3423211130

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1 Kommentar

  1. anonymous

    August 16, 2009 um 7:22 am

    Naturbursche schlägt Naturfreund
    Ausgerechnet Alaska: In seinem neuen Roman läßt T. C. Boyle die Hippies tanzen und verwildern

    Das Scheitern der guten Absichten dreier Protagonisten dieses Romans ist bereits seinen Metaphern und Allegorien eingeschrieben. Die junge Paulette Regina Starr, von ihren Mitkommunarden nur „Star“ genannt, durchstreift das Terrain von Drop City, einer kalifornischen Hippiesiedlung, und läßt ihre Blicke an „der grauen Straße des Baumstamms entlang“-wandern, hin zu einem Ast, „der so dick war wie die Wasserrohre in der Stadtrandsiedlung“. Wenn der einundvierzigjährige Marco Connell, der Stars Liebhaber werden soll, sich Drop City nähert, rasen „die Bäume vorbei wie Tiefflieger“. Und Norman L. Sender, Gründer der Kommune, verkündet seinen Gesinnungsgenossen: „Wir werden die Natur essen, weil das ein riesiger Selbstbedienungsladen ist.“ Wie soll man sich aber einer Natur anvertrauen, die nur noch in Termini des technischen Fortschritts beschreibbar ist?

    Solche geradezu hinterhältigen Formulierungen machen die besondere Stärke des neuen Romans von T. Coraghessan Boyle aus, der lediglich ein halbes Jahr nach seiner amerikanischen Publikation bereits auf deutsch vorliegt. Eine weitere Stärke dieses Buches besteht darin, daß die dazu erforderliche Eile Boyles langjährigen Übersetzer Werner Richter nicht verleitet hat, weniger Sorgfalt walten zu lassen. Der Text stellt hohe Anforderungen an die Übertragung, denn er lebt nicht unerheblich vom Jargon des Jahrs 1970, in dem die Handlung angesiedelt ist, von den Parolen Timothy Learys vor allem, dessen „Turn on, tune in, drop out“ zum Leitmotiv einer ganzen Generation wurde, die vom Engagement ihres Landes im Vietnam-Krieg und dessen bedingungslosem Bewegungs- und Konsumrausch so enttäuscht wurde, daß sie ihre Zuflucht zu Drogen, Rockmusik und freier Liebe nahm. Diese Rauschmittel versprachen Alternativen, die das bürgerliche Leben, die „Plastikwelt“, nicht mehr bereitzuhalten schien. Die entsprechenden Passagen hat Richter mit großer Einfühlsamkeit ins Deutsche gebracht; auf die Originalslogans hat er bemerkenswerterweise verzichtet, obwohl fast jeder sie kennen dürfte.

    Ziel der drop outs, der Aussteiger, waren damals bevorzugt die Landkommunen. Im fruchtbaren Klima Kaliforniens stellt das Überleben für Star und Marco kein Problem dar: Mutter Natur bietet dem Kundigen Nahrung in Hülle und Fülle. Und selbst für den Abwasch sorgt das sanfte Naturgesetz: „Am nächsten Tag sind sowieso die Ameisen, die Vögel und Fliegen und sonstwas drüber hergefallen“, erklärt Ronnie Sommers, mit dem Star von zu Hause in Peterskill, New York, ausgerissen ist. „Die Sonne. Der Regen. Die Natur regelt das schon.“

    Genau dieses Grundvertrauen erweist sich als Problem, denn Drop City stellt keine eigenen Regeln mehr auf. Wer arbeiten möchte, mag es ruhig tun, doch die gemeinschaftlichen Essen stehen auch den Faulenzern zu. Kein Wunder, daß sich alsbald eine ganze Horde von Schmarotzern in der Kommune einfindet, und am Wochenende fallen zusätzlich die Touristen aus San Francisco ein, die sich für ein paar Tage als Aussteiger gerieren möchten.

    All dies beobachtet Boyle mit den Augen von Star und deren in gegenseitiger Eifersucht erstarrten Begleitern Marco und Ronnie. Diese beiden repräsentieren jeweils einen Typus des Aussteigers: Marco den Philanthropen, Ronnie, der sich Pan nennen läßt, den Hedonisten. Und obwohl die Gegensätze so klar sind, fällt Star die Entscheidung zwischen den beiden Männern schwer. Boyles erzählerische Meisterschaft besteht darin, keinen Schwerpunkt auf einzelne Blickwinkel zu legen. Wie ein geschickter Puppenspieler vermag er es, alle seine Figuren zugleich zu bewegen.

    Und mit dem Trio aus Drop City ist die Zahl der von ihm gewählten Perspektiven noch nicht einmal vollständig. Zwei weitere Personen greifen nach achtzig Seiten überraschend ins Geschehen ein: Cecil Harder, genannt Sess, und seine spätere Frau Pamela McCoon. Mit einemmal verlagert sich die Handlung in den Sommer von Alaska, wo in der kurzen Vegetationsperiode des Nordens auch die Liebe zwischen Sess und Pamela erblüht. Ihre praktische Veranlagung stellt das Gegenmodell zu den Bewohnern von Drop City dar, denn sie sind nicht auf einen Supermarkt angewiesen, wo sie Lebensmittelkonserven oder Kleidungsstücke tauschen oder auch klauen können. Pamela selbst hat sogar versucht, sich als Kind der Wildnis mit der Zivilisation zu arrangieren, und ist reumütig in ihre Heimat zurückgekehrt – auf der Suche nach einem Naturburschen wie Sess.

    Jedoch es kommt, wie es kommen muß: Exakt zur Hälfte des Romans werden die kalifornischen Aussteiger Mitburschen. Ihre Kommune wird zwangsgeräumt, und Norm Sender überredet seine Schäfchen zu einer Reise in den fast unberührten Norden des Landes: eben nach Alaska, wo sein Onkel ihm eine einsame Hütte an einem Nebenfluß des Yukon überlassen hat. Nur wenige Flußbiegungen weiter steht das Blockhaus von Sess und Pamela.

    Die neue Nachbarschaft, von der Sonne Kaliforniens verwöhnt, muß es bald erfahren: Das Leben in der Natur ist grausam, und zu essen findet man nichts. Boyle konstruiert den ganzen Roman auf der Grundlage von Gegenentwürfen: Hedonismus versus Philanthropie, Aussteiger gegen Insider, Naturfreunde gegen Naturburschen (ein entscheidender Unterschied). Seit seinem großen Roman „América“ von 1995 hat er nicht mehr so radikal Lebensentwürfe miteinander konfrontiert. Damals prallte das Elend der illegalen mexikanischen Einwanderer nach Südkalifornien mit den gated communities der dortigen Oberschicht zusammen – und das so bildmächtig, daß der deutsche Regisseur Hans-Christian Schmid dieses Buch als Vorbild für seinen gefeierten Film „Lichter“ nennt. Boyles Stärke ist seine dialektische Schilderung des Kampfs von Außenseitern, die entweder in die Gesellschaft eindringen oder sie um jeden Preis verlassen wollen. Ohne die Zivilisation aber entfiele jeweils das Ziel.

    Bisweilen ist dieses Schema von Boyle eher steril abgehandelt worden, etwa in der Erzählung „Fleischeslust“ oder im 2001 erschienenen Roman „Ein Freund der Erde“, der ein apokalyptisches Zukunftsszenario zum Gegenstand hatte, in dem nur noch Aussteiger überleben konnten. Da fehlte die Spannung des Gegensatzes, die aus „Drop City“ ein so bemerkenswertes Buch macht, auch ein ernsthaftes, das den zu häufig als skurril verschrieenen Boyle als einen delikaten Psychologen zeigt, der mit den fünf Perspektiven ein Beobachtungskaleidoskop erzeugt, in dessen Verschiebungen sich die Hauptfiguren immer wieder brechen. Wessen Standpunkt auch immer eingenommen wird, dem gehört unsere Sympathie, und das ist keine kleine Leistung bei einem wie Pan.

    Die Kommune zerfällt, sobald all das Kreatürliche, das man zuvor als Mitgeschöpfliches vergöttert hatte, in den Alltag einbricht: Vielfraße, Moskitos, Stachelschweine, Filzläuse. Nebenan im Harderschen Blockhaus bettet sich das Ehepaar unter Pelze und lebt von einem erlegten Bären wochenlang. In Drop City II dagegen muß erst diskutiert werden, ob es den Vegetariern zuzumuten ist, daß einzelne Kommunarden Fleisch essen. In den Ensembleszenen aus Drop City, die Boyle so virtuos choreographiert, daß wir jeden einzelnen der Gruppe einmal als Solisten vortreten sehen und einzuschätzen vermögen, entfaltet sich auch wieder der unbändige Humor des Autors. Und seine Begabung für Naturschilderungen, die er schon vor sechzehn Jahren im Roman „World’s End“ an Alaska geschult hatte, erreicht im neuen Buch ein Niveau, das seinesgleichen sucht. Ein Schriftsteller, der uns wie Boyle alle acht Jahre ein solches Buch schenkt, muß zu den Großen gezählt werden.

    T. Coraghessan Boyle: „Drop City“. Roman. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Werner Richter. Hanser Verlag, München 2003. 527 S., geb., 24,90 [Euro].

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