Paula Fox: Paul ohne Jacob (2001)

 

18399036Jacob hat kleine dicke Hände, seine Brille sitzt schief auf seinem Grimassen schneidenden Gesicht, und ständig lacht er völlig grundlos. Die Eltern haben nur noch den Kleinen im Auge, jeden Rülpser beobachten sie besorgt. Paul ist einfach nur genervt von seinem jüngeren Bruder, der seiner Meinung nach einen Konstruktionsfehler hat. Jeden Tag übt er, so zu tun, als gäbe es Jacob gar nicht. Und er wird immer besser darin. Doch dann passiert etwas, womit Paul nicht gerechnet hat …

Konsequent und überzeugend beschreibt Paula Fox die Not ihres Helden. Statt ein unrealistisches Happy End zu liefern, deutet sie nur vorsichtig an, wie sich Pauls verhärtete Gefühle langsam lösen.
Eine meisterhafte Geschichte über die Beziehung zu einem besonderen Kind.

  • Broschiert: 116 Seiten
  • Verlag: Carlsen; Auflage: 1., Aufl. (April 2005)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3551372845
  • ISBN-13: 978-3551372840
  • Altersempfehlung des Herstellers: 10 – 11 Jahre
  • Originaltitel: Radiance Descending

Paula Fox zählt zu den angesehensten amerikanischen Erzählerinnen der Gegenwart. Sie schreibt für Kinder und Erwachsene und hat für ihre Bücher höchste Auszeichnungen erhalten, darunter die Newberry Medal und die Hans-Christian-Andersen-Medaille für ihr Gesamtwerk.

Deutscher Jugendliteraturpreis 2002 – Auswahlliste

Ab 10 Jahren

Aus dem Amerikanischen von Cornelia Krutz-Arnold, fester Einband, 112 Seiten

  • Rezension: Die ZEIT: Er ist nicht mein Bruder

Please rate this

2 Kommentare

  1. akpe

    Juni 25, 2009 um 10:51 pm

    Ist er ein Monster?
    Pauls mühsame Annäherung an seinen behinderten Bruder
    Nein, ein liebenswerter Held ist er wahrlich nicht, dieser Paul, für den sein kleiner, geistig behinderter Bruder Jacob nur DER DA ist. Er findet ihn einfach „zum Kotzen” und übt sich systematisch darin, ihn zu vergessen, ihn aus seinem Kinderleben zu streichen. Paul war fünf Jahre alt, als Jacob in sein Leben einbrach und ihm aus seiner Sicht die Mutter nahm. „Sie beobachtete Jacob auf Schritt und Tritt. Wenn er aß, ging ihr Mund auf und zu, als wollte sie mit ihm essen. Wenn er weinte, verzog sich auch ihr Gesicht. Wenn er lachte, „ meist völlig grundlos, soweit Paul das erkennen konnte, lachte sie mit.”Auch die einst so innige Beziehung zu seinem Vater leidet unter Pauls Abwehr und Kälte. Anders als die hilflose Mutter reagiert dieser streng und verständnislos, und Paul zieht sich immer mehr in sich selbst zurück „Er dachte auch nicht an seine Eltern, an Mutter und Vater, die, soweit es Jacob anbetraf, seine Feinde geworden waren.” Nur seine Beziehung zu seinem Großvater bleibt stabil. Er wird zum wichtigsten Menschen in Pauls Leben. Immer wieder versucht dieser ihm zu zeigen, wie liebenswert der kleine fröhliche Bruder ist, der unverdrossen und rührend um die Zuneigung des Großen buhlt. Aber „Paul wollte Jacobs Liebe nicht.”
    Schonungslos in ihrer dichten, glasklaren Sprache entwirft Paula Fox hier das Portrait eines Kindes, das seine Gefühle seinem Willen unterordnet. Vielleicht war er überfordert, als der wohlmeinende Großvater dem Fünfjährigen die ganze Wahrheit über die Besonderheit des kleinen Bruders mit dem Down Syndrom mitteilte. „Ist er ein Monster?” ist Pauls spontane Reaktion. Die Chance, eine gefühlsmäßige Beziehung zu dem winzigen Baby aufzubauen, ist vertan. Auch der Kinderarzt macht einen Fehler, als er Paul einige Jahre später sagt: „dass er der wichtigste Mensch in Jacobs Leben wäre”. Aus der natürlichen Eifersucht auf ein jüngeres Geschwisterchen wird bei Paul gnadenlose Abwehr und Hass. Erst als die Eltern den nunmehr elfjährigen Paul zwingen, sich endlich mit Jacob auseinandersetzen, beginnt sich sein Blick zu wandeln. Er erkennt, dass er sich selbst völlig isoliert hat mit seinen negativen Gefühlen, dass die Umwelt ganz anders reagiert auf den lustigen kleinen Kerl, als er erwartet hat, und als Jacob ihm nun seinerseits seine Zuneigung entzieht – „Er ist nicht mein Bruder”,– ist Paul sogar gekränkt. Zum Schlüsselerlebnis für ihn aber wird Jacobs siebter Geburtstag, als er seinen kleinen Bruder plötzlich in neuem Licht sieht, im wahrsten Sinne des Wortes, denn Jacob hat sich als strahlende Sonne verkleidet. „Pauls Welt hatte sich verrückt und war ein winziges Stück aus den Fugen geraten.”
    Paula Fox liefert uns kein banales Happy-End, nur eine kleine Hoffnung, dass Pauls verhärtete Gefühle sich endlich lösen. Betroffen und erschüttert legt man das Buch zur Seite. Hier wird ein Kinderleben geschildert ohne jede Beschönigung. Die Schwierigkeiten für die Geschwister, mit einem geistig behinderten Kind aufzuwachsen, das alle Aufmerksamkeit der Eltern bündelt, ist kein neues Motiv. Neu aber ist der unverstellte Blick der Autorin auf die negativen Gefühle ihres Helden. Keine leichte Lektüre für Kinder, die in ihren Büchern nach Identifikationsfiguren suchen, aber eine faszinierende, literarisch herausragende Erzählung. (ab 11 Jahre)
    HILDE ELISABETH MENZEL
    PAULA FOX: Paul ohne Jacob. Aus dem
    Amerikanischen von Cornelia Krutz-Arnold. Sauerländer, 2001. 112 Seiten. 22,95 Mark
    SZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
    Jegliche Veröffentlichung exklusiv über http://www.diz-muenchen.de

  2. akpe

    Juni 25, 2009 um 10:52 pm

    Der Bruder, der kein Monster ist
    „Paul ohne Jacob“, der neue Kinderroman von Paula Fox

    Paul ist fast elf Jahre alt und ein ziemlich hartnäckiger Junge. Zwei Drittel seines Lebens hat er sich bemüht, ein Paul-ohne-Jacob-Leben zu führen. Das ist gar nicht so einfach, denn Jacob ist sein kleiner Bruder und lebt mit ihm unter einem Dach; die ersten Jahre in einem engen New Yorker Apartment, später auf dem Land, wo Paul sich immerhin im Wald verkriechen kann. Paul ignoriert Jacob, weil der einen „Konstruktionsfehler“ hat, das Down-Syndrom, und davon will er einfach nichts wissen.

    Zwar ist das Thema Behinderung im Kinderbuch keine Seltenheit. Ungewöhnlich aber ist die Beschreibung eines langwierigen Prozesses, das Unabänderliche anzuerkennen. Nicht eine Annäherung auf dem Hopplahopp-Weg wird vorgeführt, wie so oft in den politisch-korrekten Varianten des Themas. Vielmehr scheint lange Zeit Pauls Wahrnehmung des Bruders als „Monster“ unüberwindbar: wie ihm das tolpatschige Gehen, der so oft versabberte Mund und vor allem die Anhänglichkeit zuwider sind. Natürlich gibt es klug eingefädelte Versuche der Erwachsenen, Jacob in einem anderen Licht zu zeigen. Besonders geschickt ist der Großvater. Das Wechselspiel zwischen Großvaters sanften erzieherischen Bemühungen und Pauls taktischen Ausweichmanövern hat dramatische Qualitäten, so interessant, daß man über manche Übersetzungsholprigkeit hinwegsieht.

    Es ist schwer, an jemanden nicht denken zu wollen, weil man immerzu daran denken muß, wie man nicht an ihn denkt. Schon die zufällige Berührung mit einem nassen Forsythienstrauch erinnert Paul an Jacobs feuchte Hand. Wenn sich die Schulbustüren hinter ihm schließen und er an den sichersten Ort überhaupt, die Schule, fährt, dann ist Paul glücklich. Aber es gibt Anlässe, wo ein Entkommen unmöglich ist – zum Beispiel an Pauls Geburtstagen. Sie spielen in dieser auf Momente konzentrierten Erzählung eine besondere Rolle. Paul muß nicht nur anwesend sein, auch ein Entgegenkommen wird von ihm erwartet.. Mit der Zeit – die Geschichte umspannt sieben Jahre – werden Pauls Bewältigungsstrategien raffinierter und seine Seele verhärtet sich.

    Am Ende ist es dann aber doch ein Jacob-Geburtstag, an dem Paul die Bruderschaft anerkennt. So weit aber konnte es nur kommen, weil Paul sich mit Jacob in der Öffentlichkeit zeigen muß. Auf dem gemeinsamen Gang zur Physiotherapeutin, in Pauls Vorstellung zunächst ein Horrortrip, wird ihm bewußt, wie beliebt sein Bruder im weiteren Umkreis ist. Da wird Paul sogar ein wenig eifersüchtig – ein untrügliches Zeichen einer echten Geschwisterbeziehung.

    MYRIAM MIELES.

    Paula Fox: „Paul ohne Jacob“. Aus dem amerikanischen Englisch von Cornelia Krutz-Arnold. Sauerländer Verlag, Frankfurt am Main 2001. 112 S., geb., 22,95 DM. Ab 10 J.

    Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.