Wilhelm Genazino: Das Glück in glücksfernen Zeiten (2009)

https://i2.wp.com/pictures.abebooks.com/BUECHER_BAER80/22727468054.jpg?w=788&ssl=1Ein Mann lebt mit sich selbst und seiner Freundin auf halbwegs gutem Fuße. Doch dann äußert die Freundin einen Wunsch, der nicht vorgesehen ist in seinem Lebenskompromiss. Wie weit wird einer gehen, um davonzukommen?

Der Arbeitsmarkt kennt keine Gnade, und der für Philosophen erst recht nicht. Als Gerhard Warlich sich nach seiner Promotion über Heidegger um eine Stelle als Wäscheausfahrer bewirbt, hält ihn der Chef begreiflicherweise für „hoffnungslos überqualifiziert“. Doch Warlich bekommt den Job und arbeitet sich hoch, richtet sich ein in diesem nicht allzu aufregenden, aber sicheren Dasein. Eines Tages jedoch erklärt Traudel, seine sympathische, auch lebenskluge und keinesfalls aufdringliche Freundin, ganz beiläufig, sie wünsche sich ein Kind. Diese Aussicht bringt Warlichs Existenz, die in dem Wunsch besteht, nur „halbtags leben“ zu müssen, aus dem Gleis. Seine zufällige Anwesenheit (während der Arbeitszeit!) am Rande einer anarchistischen Demonstration verschafft ihm zudem die Kündigung. Warlich wird vom Leben in die Zange genommen – mit ungewissem Ausgang.

Wilhelm Genazino erzählt diese Geschichte eines traurigen Helden und seiner viel weniger traurigen Freundin mit verblüffender Lakonie, und er unterwirft seinen Helden und dessen Lebens- und Liebesverzweiflungen einer so ironischen wie brillanten Analyse.

Rezension: Die ZEIT: Die Süße des Nichtstuns

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2 Kommentare

  1. akpe

    Juni 25, 2009 um 11:04 pm

    31.01.2009

    All die schmutzige Wäsche dieser Welt

    Wilhelm Genazinos neuer Roman verheißt nur im Titel „Glück in glücksfernen Zeiten“. Er erzählt leichthändig und doch ungewohnt giftig vom tragischen Scheitern einer zartbesaiteten Seele.

    Von Hubert Spiegel

    Den Sanftmütigen mag das Erdreich versprochen sein, aber bislang haben sie hienieden nicht viel zu melden. Das heißt nicht, dass sie nicht viel zu sagen hätten. Womöglich reden sie sogar unaufhörlich, es hört ihnen aber niemand zu. Diese Art von Kommunikation bedarf keiner Worte, um zu misslingen. Bei Wilhelm Genazino wird ihr Scheitern zur Kunst.

    Dieses Scheitern entscheidet sich bereits am Blickwinkel. Der Blick, der im Betrachten einer Sache immer auch das Nichtbeachtetwerden dieser Sache durch alle anderen wahrnimmt, ist der befremdete Blick. Es ist der Blick, der dem Betrachter alles fremd werden lässt, die Sache, die anderen und am Ende auch sich selbst. Das führt, wenn alles gutgeht, zu den Genazinoschen Hauptempfindungen Schuld, Scham, Melancholie und Peinlichkeit. Wenn es nicht gutgeht, führt es in die Katastrophe.

    Genazino folgt in seinen Büchern gewiss nicht Friedrich Dürrenmatt, der seinen Geschichten gern die schlimmstmögliche Wendung gab. Eher hält er es mit Kleist, über dessen Arbeitsmethode er einmal gesagt hat: „Ist ein Unglück eingetreten, schiebt er gleich das nächste nach.“ Auch Genazinos Helden, all die Flaneure und Gesellschaftsbeobachter, Schuhtester, Controller und Wäschereiangestellten, die seine Werke durchziehen, gleiten in bedächtigster Arglosigkeit von einer Unbill in die nächste. Aber verglichen mit der Wucht Kleistscher Katastrophen, geht es bei Genazino um Schicksalsschläglein. Aus denen freilich gibt es keine Erlösung.

    Bei Kleist ist es ein Engel, der dem Käthchen von Heilbronn den Grafen vom Strahl als Geliebten verkündet, und auch in Genazinos neuem Buch spenden bereits nach wenigen Seiten geflügelte Wesen, allerdings gänzlich anderer Natur, Trost und Zuversicht. Gerhard Warlich, promovierter Philosoph, der seit seinem Abschluss in einer Wäscherei arbeitet, zunächst als Fahrer, schließlich als Geschäftsführer, sitzt in einem Straßencafé, beobachtet seine Umgebung und lauscht dem Wehklagen seiner ratlosen Seele. Sein Problem: Er möchte gerne etwas erleben, was der Zartheit seiner Seele entspricht, aber stattdessen ist er immerzu „dem Zwangsabonnement der Wirklichkeit ausgeliefert“.

    In seiner Not fällt sein Blick zufällig auf einige geflügelte Ameisen, die zu seinen Füßen über den Betonboden laufen: „Trotz der Flügel können die Ameisen nicht abheben. Vermutlich sind die Flügel zu lang und zu schwer für die kleinen Körper.“ Geflügelte Wesen, die nicht fliegen können, eigentlich deprimierend. Aber nicht für Gerhard Warlich: „Mit diesem Anblick gelingt mir die Tröstung meiner Seele. Schau dir diese kleinen Wesen an, sage ich zu mir . . . sie schleppen ihre unnützen Flügel durch die Gegend und klagen nicht!“

    Dabei entspricht ein solcher Stoizismus eigentlich nicht Warlichs Ideal. Warlich ist ein Glückssucher. Mit seiner Lebensgefährtin Traudel, die eine Sparkassenfiliale in der Provinz leitet, führt er ein unauffälliges, äußerlich anspruchsloses Leben, weitgehend ereignisfrei, materiell sorglos, in metaphysischer Hinsicht jedoch ein absolutes Notstandsgebiet. Warlich leidet am zwangsläufig misslingenden Leben, und vor allem leidet er daran, dass außer ihm niemand daran zu leiden scheint. Das macht einsam. Auf der Suche nach einem Talent, um nicht zu sagen einer Berufung, der er folgen könnte, verfällt er auf die Idee, eine „Schule der Besänftigung“ zu eröffnen. Weil allein schon die Glückserwartung die Formkraft zum Schönen in sich trage, träumt der Philosoph davon, Vorlesungen in seinem Spezialgebiet zu halten: dem „Aufbau des Glücks in glücksfernen Umgebungen“. Die von Warlich empfohlene Methode: „Wir müssen uns das Außerordentliche selber machen, sonst tritt es nicht in die Welt.“

    Wäre damit der Kern von Genazinos Poetik beschrieben, hätten wir es mit einem vorsätzlich naiven Autor zu tun. Aber davon ist Genazino weit entfernt. So lässt er das Vergnügen an der eigenen Empfindsamkeit zwar Trost spenden, im nächsten Moment aber bereits an seine Grenzen stoßen. Die Reflexion der Dialektik von Erfolg und Misserfolg der Warlich-Methode zur Glückserzeugung gehört zu den vornehmsten Beschäftigungen ihres Erfinders.

    Die Reflexion über Schuld, Scham, Melancholie und Peinlichkeit, die Genazinoschen Hauptempfindungen, ist bei Kleist kaum anzutreffen. Reflektieren Kleists Figuren auf der Ebene ihrer Gefühle je über die Katastrophen, die sie treffen? Man könne meinen, so Genazino vor zwei Jahren in seiner Dankesrede zum Kleist-Preis, Kleist selbst nehme „den Standpunkt der Katastrophe ein, nicht die Empfindung derer, die sie erleiden“. Besinnungspausen sind hier nicht vorgesehen. Denn Kleists Figuren, so Genazino, „sitzen im Schleudersitz ihres Glückszwangs, der ihnen Besinnungspausen nicht gönnt. Das Glück am Glück ist seine Aufschiebbarkeit. Auch wer das Glück verfehlt hat, darf es wieder neu suchen, ohne sich von seinem Scheitern beeinträchtigt zu fühlen.“

    Die Melancholie wird an sich irre.

    Aber genau dies, die Aufschiebbarkeit des Glücks, funktioniert bei Warlich noch weniger als bei allen früheren Figuren Genazinos. Deshalb ist sein Scheitern größer, seine Niederlage schmerzhafter, sein Ton galliger, giftiger, aggressiver. Das Komische ist hier stärker als sonst bei Genazino vom Tragischen untermalt, ohne je gravitätisch zu werden. Auch die Tragik ist hier schwebend wie eine Feder, die ein zufälliger Windhauch davonweht, bevor wir ihr Gewicht verspüren können. Aber in Büchern weht kein Wind, den nicht ein Autor aus seinen Backen geblasen hätte. Und so ist auch das Tragische von Genazino so genau und überlegt bemessen wie das Komische, das Absurde, das Satirische, das Lächerliche, das Rührende und alles andere, was auf diesen 150 meisterhaft komponierten Seiten zusammenfindet.

    Am Ende landet Warlich in der Psychiatrie, eingeliefert von der eigenen Lebensgefährtin, deren Kinderwunsch ihn überfordert hatte. Den Job in der Wäscherei hat er da längst verloren, und auch die Eingabe an das städtische Kulturamt blieb erfolglos. Zwar wurden ihm mietfreie Räumlichkeiten für sein Projekt in Aussicht gestellt, aber statt der Schule der Besänftigung wünscht sich der Kulturamtsleiter von Warlich eine kommunale Hölle der Zerstreuung in Form einer Akademie für Popkultur. Seine Glücksvorlesungen werden künftig seinem Therapeuten gelten.

    Auch wenn Genazino Warlich mit einem vage aufzitternden Glücksgefühl in der Klinik zurücklässt, kann von einem versöhnlichen Ende keine Rede sein. Außer der Pathologisierung des Melancholikers, die in der Einlieferung in die Klinik zum Ausdruck kommt, spricht auch das letzte Bild des Buches dagegen. Denn noch einmal verweist Genazino hier auf ein geflügeltes Geschöpf. Es kann nicht fliegen, gilt als dumm und als nützliches Haustier. Auch ein Identifikationsangebot.

    Wilhelm Genazino: „Das Glück in glücksfernen Zeiten“. Roman.

    Hanser Verlag, München 2009. 160 S., geb., 17,90 [Euro].

    Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main

  2. akpe

    Juni 25, 2009 um 11:05 pm

    10.03.2009

    Das Zwangsabo Wirklichkeit
    Wilhelm Genazino erfindet einen Helden, der am liebsten nur halbtags leben würde und „Das Glück in glücksfernen Zeiten” umkreist Von Helmut Böttiger
    Ungefähr alle zwei Jahre legt Wilhelm Genazino mit verlässlicher Regelmäßigkeit einen cirka 150 Seiten umfassenden Roman vor. Das geht schon seit Jahrzehnten so, abseits zunächst und hinter dem Rücken der einschlägigen Tagestrommler, dann plötzlich mitten im Rampenlicht. Genazino lässt sich davon nichts anhaben. Seine Figuren wirken immer wie verkappte Ich-Figuren, aber sie gehen im Gegensatz zu ihrem Schöpfer eher unscheinbaren Tätigkeiten nach, sie sind kleine kaufmännische Angestellte oder kleine Dozenten in der Volkshochschule, sie irren in den zeitgenössischen Fußgängerzonen herum und halten sich bevorzugt in Stehimbissen auf, mit Resopal-Furnieren und zweckmäßigem abwaschbarem Plastikgeschirr. Sie wissen, dass im Grunde alles Wahnsinn ist, und sind ständig damit beschäftigt, ihm zu entkommen. Das ist auch jetzt wieder so, in dem kleinen Roman mit dem Titel „Das Glück in glücksfernen Zeiten”.
    Und doch hat sich etwas verschoben, unmerklich zwar, aber im Lauf der Zeit immer deutlicher. „Das Glück in glücksfernen Zeiten” wirkt wie eine Formel, wie eine Beschwörung für das Programm, das Genazino bisher in all seinen überraschenden Variationen und Bühnenbildern entworfen hat. Es handelte sich jedes Mal um eine prekäre Balance des Glücks. Jetzt aber, da es im Klartext benannt wird, ist das Glück eine noch fragwürdigere Größe geworden, und man ist den Waagschalen recht hilflos ausgeliefert.
    Gerhard Warlich ist ein promovierter Philosoph um die Vierzig, der das Problem des „Überqualifizierten” in unserer Gesellschaft glaubwürdig verkörpert. Er hat als Organisationsleiter einer Großwäscherei ein Auskommen gefunden und reagiert auf die Schwingungen der Wirklichkeit mit empfindlichen Distanzstrategien. Er versenkt sich in die Betrachtung eines auf einem Autodach liegen gelassenen Kuchenstücks, er betrachtet ein Mädchen, das seinen Hund kämmt, oder er hängt seine Hose auf den Balkon und genießt es, wie sie immer mehr verwittert: ein „Tagebuch der Verwitterung” würde seinem Lebensgefühl am ehesten entsprechen. So kann er dem unbeirrbar voranschreitenden Leben einen eigenen Rhythmus abgewinnen.
    Warlich plädiert entschieden dafür, nur „halbtags” leben zu dürfen: die zweite Tageshälfte benötige man, um sich von der ersten wieder zu erholen. Das ist der alte literarische Trick von Genazinos Figuren, doch diesmal wendet Warlich seine privaten Entschleunigungsmaßnahmen weit über Gebühr an. Schon seit vielen Jahren ist er mit Traudel liiert, einer wie meistens bei Genazino weitaus pragmatischeren Person als die männliche Hauptfigur. Und sie ist wieder mit einem der sehnsuchtsvollen Vornamen aus jener frühen Zeit der Republik ausgestattet, in der sich alles noch zum Besseren hätte wenden können. Traudel ist Bankangestellte, dem Leben zugewandt und unkompliziert. Nun wünscht sie sich ein Kind.
    Damit ist das „Zwangsabonnement der Wirklichkeit”, dem sich Gerhard Warlich ausgeliefert fühlt, noch einmal verteuert worden. Und nun wird etwas durchgespielt, was Genazino in seinen Romanen nach dem frühen „Abschaffel”, wo dies eher slapstickhaft schon einmal vorkommt, vermieden hat: Die Konsequenz daraus, dass man mit den Normen der Wirklichkeit und der enervierend mit ihr mittuenden Menschen nicht zurechtkommt, ist eine „Verrückung” im Inneren. Warlich zeigt zusehends absonderliche Züge. Als er neue Großkunden für seinen Reinigungsbetrieb akquirieren soll, die umliegenden Hotels abklappert und in einem Foyer in eine Horde von Rentnern gerät, schmeißt er kurzerhand ein Stück Kuchen auf den Boden und trampelt darauf herum.
    In der Innenstadt setzen ihm „schamhafte Flaschensammler, niedergekauerte Alkoholiker, umherschweifende Jungfaschisten, gehetzte Prospektverteiler, traurig blickende Pförtner” zu und er glaubt, „an einer plötzlich hereinbrechenden Überempfindlichkeit sogar sterben” zu können. Er hat immer öfter „Kontakt mit meiner Verrücktheit”. Bei einem Spaziergang durch die Fußgängerzone steckt er sich bei einem Imbiss ein Stück Brot in die Anzugtasche, wandert ein bisschen damit herum (von dem Brot ging „eine sanfte Beruhigung” aus), drückt es einer alten Freundin in die Hand, die er zufällig trifft und bekommt einen Weinkrampf. Traudel lässt ihn in die Psychiatrie einweisen.
    Genazinos Figuren haben seit jeher Probleme mit der „allgemeinen Ödnis des Wirklichen” gehabt, von der auch Gerhard Warlich gleich auf den ersten Seiten des Buches spricht. Alle haben sich immer darüber gewundert, wie die Kollegen in ihren Büros oder die Mitkonsumenten in den Innenstädten „mit der öffentlichen Armseligkeit so gut zurechtkommen”. Mit dem Verrückt-Werden als ästhetischer Konsequenz nähert sich Genazino nun so weit wie noch nie einer realen literarischen Projektionsfolie an, dem Schreiben Robert Walsers, dessen feuilletonistischen Blick und dessen Verschränkung von Oberfläche und Hintersinn sich Genazino für die heutigen Gegebenheiten virtuos anverwandelt.
    So vertraut und alltäglich Genazinos Alltagsschilderungen auch wirken, sie haben immer einen doppelten literarischen Boden und verweisen auf frühere Autoren, und das verhieß jedes Mal auch ein bisschen Rettung. In surreal überblendeten Szenarien hat Genazino dies in seinen letzten Büchern vorangetrieben, bis hin zu zu Anleihen an einen phantastischen Realismus aus Lateinamerika. Seine neue Figur Warlich ist nun leiser und zugleich radikaler geworden. Er tritt scheinbar harmlos als Ich-Erzähler in Aktion und vermittelt so suggestiv und eindringlich seine Weltsicht, dass man als Leser automatisch Teil seiner Wahrnehmungsstrategien wird. Warlich wirkt sehr plausibel. Unter der Hand vermittelt er, wie Literatur sich immer weiter von der vorgefundenen Wirklichkeit entfernen kann und sie dennoch so durchdringen, dass sie unter dem Strich viel realistischer anmutet als die Wirklichkeit selber.
    Auf theoretischer Ebene hat sich Wilhelm Genazino mit der bewussten Verlangsamung von Geschehnissen, die zu einer anderen Wahrnehmung von Wirklichkeit führt, mehrfach beschäftigt. In seinem Essayband „Der gedehnte Blick” beschreibt er dieses Verfahren minuziös. Er hat schon des öfteren aufgezeigt, dass die Literatur das Verrückte ist. Auch Warlich beobachtet die Ausformungen der Zivilisation so genau, konzentriert sich so auf einzelne Details, dass sie immer unwirklicher und größer werden.
    Sie verselbständigen sich, und ihre Umgebung beginnt zu verschwimmen. Im Hotel-Foyer, als er um einen Auftrag für seine Wäscherei vorspricht, stößt Warlich auf eine Gruppe von Reisebüro-Mitarbeitern, die gerade vom Österreichischen Tourismus-Verband mit Werbegeschenken geködert werden: „Ich betrachte das weiße Gesicht einer ganz jungen Reisebüro-Fachfrau, die sich ihre Schreibgarnitur verliebt gegen die linke Wange drückt.”
    Die einfache Sprache Genazinos wirkt immer abgeklärter und ist voller Tücken. Denn sie beweist, dass aus der ungeheuren Anpassungsleistung, die Tag für Tag von den mündigen Bürgern verlangt wird, zwangsläufig Melancholie erwachsen müsste. Alle Abwehrstrategien, die unablässig das Feld beherrschen, verblassen gegen diese große, unwiderlegbare und alles überstrahlende Melancholie. Aber indem Genazino das alles einfach aufschreibt, liefert er Spickzettel für ein ganz anderes Leben, das unverhofft am Horizont auftaucht. Dies ist seine Form negativer Dialektik. Wer weiß, wo die nächste Romanfigur landen wird! Genazinos Literatur versöhnt nicht, und sie ist nicht kämpferisch. Sie ist eine einzige Paradoxie, und ihre Kunst besteht darin, diese Paradoxie immer weiterzutreiben.
    Schon im Alter von neun Jahren weiß Warlich: „Mein Leben würde nur darin bestehen, das Eintreffen der Desaster ruhig abzuwarten und ihre Verschmelzung mit meinem Leben zu beobachten.” Auch den Absonderlichkeiten der Sexualität gewinnt der Autor wieder neue Volten ab, diesmal in den Gepflogenheiten einer Mit-Konfirmandin in der Schultoilette. Warlich wollte einmal ein großes philosophisches Werk verfassen: „Es sollte Zaudern und Übermut heißen. Phänomenologie des . . . dann wusste ich nicht weiter.” Das schonungslose Benennen hat etwas Befreiendes. Die Literatur hilft zwar rein gar nichts, aber es ist gut, dass es sie gibt.
    Wilhelm Genazino
    Das Glück in glücksfernen
    Zeiten
    Roman. Carl Hanser Verlag, München. 157 Seiten, 17,90 Euro.
    Ein „Tagebuch der Verwitterung” würde seinem Lebensgefühl am besten entsprechen
    „Mein Leben würde nur darin bestehen, das Eintreffen der Desaster ruhig abzuwarten”
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