Antonia S. Byatt: Geschichten von Erde und Luft (1987/2003)

Die Geschichten von Erde und Luft handeln von Gegensätzen und Widersprüchen, von Liebe und Tod, Vergangenheit und Gegenwart, Hoffnung und Furcht, Begegnung und Trennung. Da ist, in der Erzählung „Das Nebenzimmer“, eine Frau, die den Tod ihrer Mutter zunächst als Befreiung aus bedrücker emotionaler Enge empfindet. Den Stimmen, die sie in ihrem leerstehen Elternhaus zu hören glaubt, will sie durch Verkauf des Hauses entfliehen. Doch die Stimmen der Vergangenheit sind allgegenwärtig. – In „Racine und das Tischtuch“ steht der Eltern-Kind-Konflikt im Mittelpunkt, wenn eine hochbegabte Schülerin im Internat gegen eine kleinkarierte Lehrerin aufbegehrt. – Wie eineErscheinung aus einer anderen Welt tritt in der Erzählung „Der Wechselbalg“ ein junger Mann in das Leben einer berühmten Schriftstellerin; er sieht der Hauptfigur in einem ihrer Romane verblüff ähnlich.

Aus dem Englischen von Melanie Walz.

  • Insel Verlag, Frankfurt am Main 2003
  • ISBN-10 345817172X
  • ISBN-13 9783458171720
  • Gebunden, 155 Seiten, 18,90 EUR

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1 Kommentar

  1. akpe

    April 6, 2010 um 7:44 am

    Mit gesträubtem Fell
    Die Liebe zur Tradition macht sie modern: Neue Erzählungen der englischen Autorin Antonia S. Byatt / Von Ingeborg Harms

    Antonia S. Byatt, gefeierte Autorin historischer Romane, zeigt mit fünf novellistischen Texten, daß sie die Erzählkunst auch auf kleinem Raum beherrscht. Sie sind nach Petit-point-Manier dicht bestickt, und dies verdankt sich nicht nur der intensiven Auseinandersetzung mit den großen Realisten der englischen Prosa, sondern auch der Überzeugung, daß die traditionell dem weiblichen Genie vorbehaltene Handarbeit eine unspektakuläre Vorform schöpferischen Schreibens ist. So dreht sich die erste Erzählung um den Versuch, aus dem Ghetto der Weiblichkeit auszubrechen. Die geistreiche Schülerin stößt dabei an das Selbstbild einer Lehrerin, die der kompensatorischen Ordnungssucht ihres Jungferndaseins normative Bedeutung zuschreibt und aus der Folgsamkeit ihrer Zöglinge Nektar für eine brüchige Selbstliebe saugt.

    Byatt schildert den Kampf zwischen der Autorität und einem Mädchen, das seine souveräne Intelligenz durch eine Außenseiterrolle und schließlich mit einem emotionalen Zusammenbruch bezahlt, der sich als List ihrer Vernunft erweist: Unter dem Mantel physischer Fassungslosigkeit legt Emily heulend und schniefend in drei Tagen die beste Abschlußprüfung ab, „die an der Schule jemals erzielt worden“ war. Es gehört zu den zentralen Widersprüchen des Byattschen Erzählkonvoluts, daß Emily danach keineswegs als Autorin Karriere macht, sondern als Mutter und Frau eines Steuerinspektors endet, der ein Lehrer vorwirft, ihre unerfüllten Träume auf die Tochter zu projizieren.

    Daß wir an unseren Niederlagen mehr als an unserer Freiheit hängen, ist die Lehre, die auch aus der Geschichte der Schriftstellerin Josephine zu ziehen ist. In ihrer Jugend hatte sie sich vor der Ruppigkeit des College-Alltags in einen Winkel des Kohlenkellers zurückgezogen – als Erwachsene rekapituliert sie in ihren Büchern an wechselnden Gestalten das eigene Schicksal und genießt privat doch ein bürgerlich-heiteres Dasein. Das Doppelleben von abgeklärter Familienmutter und aufgewühlter Autorenexistenz gerät in die Krise, als Josephine in den College-Ferien einen heimatlosen Schüler bei sich aufnimmt, den ihr ein Lehrer mit dem Zusatz empfohlen hat, daß er einem ihrer literarischen Protagonisten zum Verwechseln ähnele. Auch hier begegnet der Leser wieder dem Drama des begabten Kindes. Die Sache endet tragisch: Am Ende hat wieder das frische Leben das ältere und gewitzte herausgefordert und ist unterlegen. Konfrontiert mit ihrer eigenen Daseinsangst, erstickt Josephine den Störenfried genauso wie ihre literarischen Figuren, die sämtlich tragisch enden.

    Byatts literarisches Interesse gilt solchen Wirtsexistenzen, die der starke Wille anderer kolonialisiert. Meist sind es die Eltern, die über den Tod hinaus die Persönlichkeit ihrer Kinder dominieren – wobei es offenbleibt, ob hierin mehr Last oder Lust liegt. In Byatts bester Erzählung, „Das Zimmer nebenan“, beschließt eine Vierundfünfzigjährige, das Haus zu verkaufen, in dem sie mit ihrer eben verstorbenen Mutter gewohnt hat. Doch dann beginnt Joanna die streitenden Stimmen ihrer Eltern selbst dann noch im Nebenzimmer zu hören, als sie sich beruflich in eine andere Stadt versetzen läßt. In einer kühnen Metapher vergleicht sie die Generationenfolge mit Kakteentumuli von der Art, die ihr Vater leidenschaftlich gezüchtet hatte: „Joanna, die den Hauptkaktus betrachtete, dick und pelzig, voller Spinnweben silbriger Behaarung und umgeben von kleinen, dicken, spinnengleichen Ebenbildern seiner selbst, hatte den Eindruck, sein Unbehagen gewissermaßen im eigenen Blut zu spüren.“ Der Trieb zur Individualität wird vom vegetabilen Erbe eingeholt, und wenn der Mensch ganz fertig ist, gleicht er wie ein Ei seinen Ahnen: „Sie stellten eine Ewigkeit dar, vorhersehbar, zyklisch, unveränderlich in Form und Farbe.“ So erscheint auch das Jenseits Joanna mehr und mehr als Ort ewiger Wiederkehr. Die Entwicklungshelferin nimmt Abschied von der modernen Ansicht, daß sich die Menschheit vervollkommnen ließe, und findet sich resigniert mit ihrem Fatum ab, selbst einmal in jenes unsichtbare Nebenzimmer zu verschwinden, aus dem die Stimmen der Vorfahren die Gegenwart regieren.

    Daß Antonia S. Byatt mit übersinnlichen Phänomenen operiert, macht sie nicht zur phantastischen Autorin. Eher ließe sich von einer eigenwilligen Interpretation des malerischen Impressionismus sprechen, die ihrer Präzision im einzelnen eine Dimension der kalkulierten Unschärfe hinzufügt. Es braucht eine Weile, bis sich ihre in medias res begonnenen Geschichten in eine Ordnung fügen und das Eingebildete sich gegenüber dem Wirklichen herauskristallisiert. Auf ihren Stil reflektiert sie in einer vielschichtigen, dem Dichter Robert Browning gewidmeten Geschichte. Darin spielt ein verliebter, junger Maler eine Schlüsselrolle, der sich darin übt, nicht das Geschaute, sondern „das Schauen“ zu malen. Begeistert von John Ruskins kunsttheoretischen Schriften, kopiert er hingebungsvoll die Natur, wie sie im Licht erscheint, statt sie in ihrer gewußten Gestalt hinzustellen. Hinzu kommt als weiteres Formelement die somatische Erinnerung an die Geliebte, so daß die Gebirgszüge auch ihren Wangenknochen gleichen. Diesen höheren Realismus unterschreibt die Autorin in einem Grad, der stellenweise zum Manierismus des Unmodernen gerinnt, wenn ihre versponnenen Protagonisten einen Walkman nur als „schwarzen Kasten am Hals“, einen Punker-Look als „schwarze Schminke“ und Bhagwan-Jünger als „Sekte kahlgeschorener Safranrobenträger“ wahrnehmen.

    In anderer Hinsicht ist die Ruskin-Schülerin nichts weniger als weltfremd. Denn sie gehorcht dem Credo, auch das Geringste nicht zu mißachten. Daß Joshua, der junge Maler, einem Schneckenhaus dieselbe Hingabe wie den höchsten Bergen schenkt, hält die Erzählerin nicht nur für eine künstlerische Mode, sondern für das Fazit, das sich aus all ihren Geschichten ergibt. Antonia S. Byatts Bekenntnis zur Tradition macht sie zu einer aufregend modernen Schriftstellerin, die ihre Bildung ganz unorthodox zum Oszillieren bringt.

    Das Überlieferte ist ihr kein biederer Archivgegenstand, sondern eine dämonische Macht, mit der sich nur messen kann, wer sich ihr stellt. Ihre lebendigsten Figuren sind jene, die sich in einem fieberhaften Diskurs mit den Stimmen der Toten befinden, Künstler, die dem Vergangenen in ihren Werken Odem einhauchen, Lernende, die das Gelesene gegen ihre pädagogischen Peiniger in Anschlag bringen. Besessen sind sie alle – und deshalb in ihren Konturen so schwer zu definieren wie die Wolken, die Monet und Sisley malten. Byatt gleicht einem Fotografen spiritistischer Séancen, der unbestechlich Sterbliche und Geister auf die Platte bannt. Im zwanghaften Tun der Lebenden erkennt sie den Mechanismus von Maschinen und in ihren absurdesten Sensationen die Vitalität der längst zu Staub Zerfallenen. Die Gänsehaut, die Joanna an den Schultern spürt, nennt sie „urtümliches gesträubtes Fell, von Jahrhunderten der Zivilisation wegrasiert“. Und den antiken Phädra-Stoff läßt sie über die Racine-Lektüre Emilys als verhohlene Leidenschaft der Lehrerin für ihre Schutzbefohlene von neuem auferstehen.

    Mythos ist alles bei der Britin, um so mehr, je intensiver sie sich ins Detail versenkt. Weil sie die unberechenbaren Energien und gespenstischen Kurzschlüsse des Realen so genau kennt, ist ihr sittliches und künstlerisches Ideal die gelassene, unerschütterliche Aufmerksamkeit, der Gleichmut einer intelligenten, mit feinsten Sensorien ausgestatteten Kamera – oder die Dingfrömmigkeit eines Lazarus, der das Leben verzückt durch die Augen eines Toten ansah.

    Antonia S. Byatt: „Geschichten von Erde und Luft“. Aus dem Englischen übersetzt von Melanie Walz. Insel Verlag, Frankfurt am Main 2003. 155 S., geb., 18,90 [Euro].

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