Lothar Baier: Jahresfrist (1985)

In Südfrankreich – eine gute Autostunde von Avignon entfernt in einem Rhône-Seitental gelegen – hat ein Deutscher ein verfallenes Bauernhaus gekauft, das er allein und mühsam bewohnbar macht.

Er hat sich die Frist von einem Jahr gegeben, um das nötige Handwerk zu erlernen und die wichtigsten Arbeiten zu bewältigen. Daheim vor allem mit Büchern beschäftigt, lernt er hier das Wetter und die Natur beobachten und, am Rande der Zivilisation, mit der Einsamkeit fertig zu werden.

  • Broschiert: 222 Seiten
  • Verlag: Fischer-TB.-Vlg.,Ffm; Auflage: 2. Aufl. (Oktober 1990)
  • ISBN-10: 3596223466
  • ISBN-13: 978-359622346
  • Lothar Baier – de.wikipedia
  • Autoren der 68er-Generation
  • Die Zeit 
  • Rue des Livres

Please rate this

1 Kommentar

  1. Ohne Chef auf eigene Rechnung.
    Ein bedingungsloser Aufklärer: Zum Tod des Frankfurter Schriftstellers und Intellektuellen Lothar Baier
    Von Rudolf Walther in der Frankfurter Rundschau, 15.7.2004:

    In seinem wichtigsten Buch (Französische Zustände, 1982), berichtet Lothar Baier von einem französischen Bauern, der ihm bei einem Glas Pastis erklärte: „Wir arbeiten beide ganz ähnlich, ohne Chef und auf eigene Rechnung.“ Auf nichts bestand Baier so sehr wie auf seiner intellektuellen und politischen Unabhängigkeit als „homme de lettres“. Dem Konformismus des 68er Juste Milieu, das sich für Karriere und politisch-intellektuelle Begradigung seiner Geschichte mehr interessiert als für das Erbe von Kritik und Aufklärung, konnte er schon vor 1989 nichts abgewinnen. Danach attackierte er die rundgeschliffenen unter seinen Gefährten mit Vehemenz.

    Lothar Baier lehnte das Angebot einer großen Zeitung, das Literaturressort zu übernehmen, ebenso ab, wie er keine intellektuelle Mode mitmachte. Den Schaumschlägern aus dem „engen Käfig des 5. und 6. Arrondissements“, die Ende der 70er Jahre als „neue Philosophen“ auftraten, aber sich wie Hofsänger am Tisch von Staatspräsident Giscard d’Estaing zum Essen trafen, misstraute er ebenso wie den Pariser Großintellektuellen vom Collège de France mit ihrer „permanenten Wichtigtuerei“. Zunächst war Baier fasziniert „vom flottierenden, sich dem analytischen Zugriff entziehenden und assoziierenden Denken der Deleuze, Guattari, Lyotard, Baudrillard, Lévy, Glucksmann und Virilio. Er schrieb 1974 für die FAZ eine begeisterte Rezension des Anti-Ödipus von Félix Guattari und Gilles Deleuze. Als er kurz danach merkte, wohin die Reise der Gegenaufklärung führt, nahm er sein Lob öffentlich mit der Bemerkung zurück, Hunger sei nicht unbedingt der beste Koch.

    Am 1942 in Karlsruhe geborenen Intellektuellen und Übersetzer besticht die Vielfalt seiner Interessen; er betreute den literarischen Teil der deutschen Sartre-Ausgabe; er beschäftigte sich mit den mittelalterlichen Ketzern (Die große Ketzerei, 1984) ebenso wie mit einer autobiographischen Erzählung (Jahresfrist, 1985). Sie handelt von Baiers Versuch, sich in Südfrankreich niederzulassen. Es ist der ergreifende Bericht seines Scheiterns. Mit dem Scheitern des radikalen Humanisten Jean Améry, der 1978 den Freitod wählte, verband ihn die unbedingte intellektuelle und moralische Redlichkeit. 1985 erhielt Lothar Baier als Erster den Jean-Améry-Preis.

    Mit dem Buch Firma Frankreich (1988) legte Baier eine Abrechnung mit dem Régime Mitterrands vor, in das er – wie viele Linke 1981 – große Hoffnungen gesetzt hatte.

    Als freier Autor arbeitete er für die taz (für die er 1987 als einziger deutscher Journalist den Barbie-Prozeß in Lyon vom ersten bis zum letzten Tag verfolgte), für die Süddeutsche Zeitung, die Frankfurter Rundschau, für die Zeit, für den Merkur und insbesondere für die Zürcher Wochenzeitung (bei der er eine Redaktionsstelle hatte) sowie für den Berliner Freitag.

    Seit den neunziger Jahren lehrte Lothar Baier an der Université de Montréal. Hier entstanden eine Anthologie zur französischen Literatur aus Québec sowie eine Essaysammlung mit dem Titel: Keine Zeit. 18 Versuche über die Beschleunigung (2001). Die reaktionären Konnotationen des Geredes über Identität kritisierte er schon 1985 scharf, denn zu seiner Identität gelange „der Prozess Mensch früh genug und ganz von allein, und zwar mit dem Tod.“ Darauf mochte der seit Jahren unter Depressionen leidende Autor nicht mehr warten. Er setzte seinem Leben letzte Woche in Montreal ein Ende.

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.