Herman Koch: Angerichtet (2010)

Angerichtet

Zwei Ehepaare – zwei Brüder und ihre Frauen – haben sich zum Essen in einem Spitzenrestaurant verabredet. Sie sprechen über Filme und Urlaubspläne und vermeiden zunächst das eigentliche Thema: die Zukunft ihrer Söhne Michel und Rick. Die beiden Fünfzehnjährigen haben etwas getan, was ihr Leben für immer ruinieren kann. Paul Lohman, der Erzähler und Vater von Michel, will das Beste für seinen Sohn. Und ist bereit, dafür weit zu gehen, sehr weit. Auch die anderen am Tisch haben ihre eigene, geheime Agenda. Während des Essens brechen die Emotionen auf, schwelende Konflikte zwischen den Brüdern entladen sich, und auf einmal steht eine Entscheidung im Raum, die drei der vier mit aller Macht verhindern wollen.
Der preisgekrönte Bestseller aus den Niederlanden erzählt ein Familiendrama, das um die Fragen kreist: Wie weit darf Elternliebe gehen? Was darf man tun, um seine Kinder zu beschützen? Angerichtet ist ein aufwühlender Roman, der lange nachhallt. Ein starkes Stück Literatur.

Herman Koch, geboren 1953, ist Kolumnist, Komiker, Fernsehmacher und Romancier. Seit 1989 veröffentlichte er in den Niederlanden fünf hoch gelobte Romane.

„Hinter dem Kulinarischem lauern Familientragödien und höchst aktuelle gesellschaftliche Krisen. Koch versteht es, das Tempo zu forcieren und die Spannung zu steigern. Mit Angerichtet ist ihm ein hinterhältiges Kammerspiel über bedingungslose Liebe und Verrat gelungen. Das Dessert dieses furiosen Sechs-Gänge-Menüs bleibt dem Leser im Halse stecken.“
NDR

Aus dem Niederländischen von Heike Baryga, geprägter fester Einband, Lesebändchen, 310 Seiten

Rezension

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1 Kommentar

  1. anonymous

    Juli 24, 2011 um 9:45 am

    27.08.2010
    Ein feines Restaurant garantiert noch kein feines Tischgespräch (Bild: intuitivmedia.net) Ein feines Restaurant garantiert noch kein feines Tischgespräch (Bild: intuitivmedia.net)
    Momente des Kontrollverlusts
    Herman Koch: „Angerichtet“, Roman, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2010, 309 Seiten

    Ein hochspannender Familienthriller aus den Niederlanden: Herman Koch überzeugt in „Angerichtet“ mit einer provozierenden Erzählerstimme und zeichnet ein faszinierendes, düsteres Sittenbild.

    „Die Flusskrebse werden von einer Vinaigrette aus Estragon und Frühlingszwiebeln umspielt“ – so raunt im Nobelrestaurant der Oberkellner ins Ohr des Gastes. Zwei Brüder treffen sich mit ihren Ehefrauen zum guten Essen. Dabei kochen vor allem die Emotionen hoch. Ein feindseliger Blick bestimmt die Perspektive, wenn der Ich-Erzähler und frühpensionierte Geschichtslehrer Paul Lohmann von seinem erfolgreichen Bruder Serge erzählt, einem hochrangigen Politiker. Es ist eine ebenso pointierte wie ressentimentgeladene Suada über die Gemeinheit des Machtmenschen, seine Geschmacklosigkeiten, seinen schlechten Stil bei Essen, Sex oder Urlaub (baguetteselige Niederländer in Frankreich!). Auch der Spott über die Rituale der gehobenen Küche und die prätentiösen Speisen ist köstlich.

    Und dann entwickelt sich ein unerhörtes Familiendrama: Die beiden fünfzehnjährigen Söhne der Familien haben gemeinsam ein schweres Verbrechen begangen, das im intimen Kreis bewältigt werden will. Sie haben eine übel riechende Obdachlose, die ihnen vor einem Bankautomaten im Weg lag, gequält und getötet. Das Verbrechen (ein Mord?) wird mit einer zeitlupenhaften Intensität geschildert, die an Dostojewskis „Schuld und Sühne“ denken lässt.

    Von dem Geschehen vor dem Bankautomaten kursieren Handy-Bilder im Netz; sie wurden auch im Fernsehen gezeigt und haben die Niederlande moralisch aufgewühlt. Aber noch sind die Täter nicht identifiziert. Und die Brüder sind zum Abendessen zusammengekommen („Wir müssen über unsere Kinder sprechen“), um Schadensbegrenzung zu betreiben. Aber die Strategien sind unterschiedlich. Der Ex-Lehrer und seine Frau bevorzugen die skrupellose Vertuschung, der Politiker plant einen öffentlichkeitswirksamen Bekenner-Auftritt.

    Gewalt ist das in vielen Variationen durchgespielte Grundmotiv des Romans. Nicht nur unter den Jugendlichen, die alles andere als prekäre Kids sind, gehört sie zum Imponiergehabe, auch die Eltern sind schnell bereit, zivilisierte Grenzen zu überschreiten. Mit der Figur des Paul Lohman treibt Koch die Methode des „unzuverlässigen Erzählers“ auf die Spitze. Dieser Mann ist krank. Es fällt zunächst kaum auf, denn auch der Leser hat Spaß an seinen treffenden Gehässigkeiten, seinem Hohn über die politische Korrektheit, seiner Wut und seinem bösen Witz.

    Dann aber wird Lohman immer wieder hinweggetragen von irritierenden Gewaltphantasien. Die er schließlich des Öfteren auch in Momenten des Kontrollverlusts auslebte. Einen Schuldirektor, von dem er sich provoziert fühlte, hat er zusammengeschlagen. Seitdem muss er regelmäßig dämpfende Psychopharmaka einnehmen. Dass er es am Ende bewusst nicht tut, findet den Beifall seiner Frau: „Das ist der Paul, den ich liebe.“ Die Tat des Sohnes rückt durch die – nie klar definierte – Krankheit des Vaters in eine andere Perspektive: Handelt es sich womöglich um die Wiederkehr eines genetischen Defekts? Es wäre eine besondere Herausforderung für die Elternliebe.

    Dieser hochspannende Familien-Thriller, zugleich ein ebenso düsteres wie faszinierendes Sittengemälde, wird kein Geheimtipp bleiben. In den Niederlanden war „Angerichtet“ ein ausdauernder Bestseller. Die Meisterschaft des Buches zeigt sich vor allem in der provozierenden Erzählstimme Paul Lohmans. In einem Interview hat Herman Koch gesagt: „Wenn man es schafft, den richtigen Ton zu treffen, dann hat man schon die DNA des ganzen Buches“. Das ist hier geglückt.

    Besprochen von Wolfgang Schneider

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