Alain Claude Sulzer: Zur falschen Zeit (2010)

Zur falschen ZeitWer zur falschen Zeit den Falschen liebt …

Mit der Wucht einer griechischen Tragödie erzählt Alain Claude Sulzer einen großen Roman über Liebe und Verrat und die Unausweichlichkeit des Schicksals. Es ist die Uhr am Handgelenk seines Vaters, die ihn aus unerfindlichen Gründen plötzlich interessiert. Siebzehn Jahre lang hatte das Foto, auf dem der Vater sie trägt, wenig beachtet im Regal in seinem Zimmer gestanden. Gekannt hatte er seinen Erzeuger nicht, die Mutter hatte ungern von ihm erzählt.

Doch jetzt, mit siebzehn, erwacht seine Neugier. Es ist das Bild eines professionellen Fotografen, die Uhr aber steht auf Viertel nach sieben. Welcher Berufsfotograf macht zu solch einer Zeit Bilder?

Der Erzähler beschließt, der Sache auf den Grund zu gehen. Auf der Rückseite des Porträts findet er eine Pariser Adresse – und stellt mit Erstaunen fest, dass der Fotograf sein mysteriöser Patenonkel ist, der sich seit der Taufe nie mehr gemeldet hat. Ohne die Mutter oder den Stiefvater in seine Pläne einzuweihen, hebt er all sein Geld ab, hinterlässt einen knappen Abschiedsbrief und reist nach Paris. Dort gerät er auf die Spur der wahren Geschichte seines Vaters. Einer Geschichte, die den Boden unter seinen Füßen zum Wanken bringt.

Mit großer Dezenz und dennoch mit der Wucht einer griechischen Tragödie entfaltet Alain Claude Sulzer in seinem Roman die Geschichte eines Mannes, der an sich selbst und an den Zeitumständen, in denen er lebt, scheitert. Die Geschichte eines Mannes, der erkennen muss, dass die Heirat mit seiner Frau, die ihm selbst lange wie die Rettung schien, ein Fehler war. Und dass er sie betrügen und hintergehen muss, um die wahre Liebe seines Lebens zu leben.

  • Paperback, 229 pages
  • Published 2012 by Kiepenheuer & Witsch
  • ISBN13  9783462043938

Rezensionen

  • FAZ vom 30.07.2010 (Joseph Hanimann)
  • dradio vom 27.09.2010 (Claus Lüpkes)

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1 Kommentar

  1. akpe

    Dezember 29, 2012 um 7:21 pm

    Romanschauplatz Paris: Ausbruch aus dem Gehäuse der bürgerlichen Ehe

    Literarische Spurensuche: In Alain Claude Sulzers „Zur falschen Zeit“ entdeckt ein Sohn in Paris das Geheimnis seines Vaters.

    Beim Tod seines Vaters war der Erzähler ein Baby, und seine Mutter mag sich nicht erinnern. Geblieben ist ihm nur ein Foto. Kein Schnappschuss, sondern ein Atelierbild, und als er siebzehn ist, entdeckt er darauf ein rätselhaftes Detail. Die Armbanduhr seines Vaters zeigt sieben Uhr fünfzehn. Egal ob morgens oder abends ist das nicht die Zeit, zu der gewöhnliche Ateliers für Fremde geöffnet haben. Inzwischen weiß er, dass sein Vater Selbstmord begangen hat. Die Pariser Adresse auf dem Foto wird sein erster Anhaltspunkt für eine Suche, die eine tragische homosexuelle Liebe enthüllt. Eine fatale Beziehung, die Anfang der fünfziger Jahre zur falschen Zeit kam und zwei Familien zerstört hat.

    Aus dem Abstand einiger Jahrzehnte heraus, lässt der 1953 geborene Alain Claude Sulzer seinen Erzähler ein subtil nuanciertes Wechselspiel entfalten – halb Selbstporträt als junger, halb Bild des Vaters als zuletzt kaum älterer Mann. Dass beide sich frappierend ähnlich sehen, erzeugt Irritationen, hebt aber auch Unterschiede hervor: Hier der Vater, der sich vergeblich ins Gehäuse einer bürgerlichen Ehe hatte flüchten wollen. Da der Sohn, der in einer anderen, schon etwas liberaleren Zeit dessen Tragödie enthüllt hat und nun aus weitem Abstand Rückschau hält. Mit seiner Erzählweise, die Nah- und Fernsicht gekonnt vereint, ist Sulzer ein Meisterwerk psychologischen Erzählens gelungen.

    Ulrich Baron
    http://www.spiegel.de/kultur/literatur/vorgelesen-die-wichtigsten-buecher-der-woche-a-712497.html

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