• Luchterhand Literaturverlag,
  • München
  • 2003

Hanns-Josef Ortheil erzählt von der leidenschaftlichen Liebe eines Paares, das sich an der italienischen Adria-Küste kennen lernt. Er, ein deutscher Fernsehredakteur, recherchiert dort für einen Film über das Meer, sie ist Meeresbiologin und leitet ein Forschungsinstitut. Er hat sich gerade aus einer längeren Beziehung gelöst, sie ist mit einem Institutskollegen verlobt. Beide sind fasziniert vom Wasser, seinen Farben, Gerüchen, und bereits über ihrer ersten Begegnung liegt eine eigentümliche Magie. Sie können den anderen nicht mehr aus den Augen lassen und erkennen, dass sie füreinander geschaffen sind – eine Erfahrung, die keiner von beiden vorher gemacht hat. Zuerst langsam, dann mit rapide wachsender Intensität lassen sie sich aufeinander ein und versuchen ihre Liebe gegen alle inneren und äußeren Widerstände zu behaupten.

Carlo Crivelli 059 detail

Rezension

Muscheln in TAZ von Kolja Mensing 16.12.2003

Hanns-Josef Ortheil: „Die große Liebe“. Luchterhand, München 2003, 316 S., 22,50

Hanns-Josef Ortheils neuer Roman trägt den Titel „Die große Liebe“. Genau darum geht es auch. Ein Fernsehredakteur, er nennt sich Giovanni, reist aus München an die italienische Adria, um einen Dokumentarfilm vorzubereiten. Dort lernt er die Meeresbiologin Franca kennen, und es ist die große Liebe, „ohne Herzschmerz und Eifersucht, ohne Intrigen und Vorbehalte, ohne jeden Kummer und Rücksichten.“

Nun ist es nicht leicht, vom Glück zu erzählen, schon gar nicht, wenn es sich in einer italienischen Hafenstadt ereignet, die Tische in den kleinen Restaurants sich unter Tellern voller delikater Vorspeisen und sagenumwobener Fischsuppen biegen, sich „auf seltsame Weise ein Kochrezept in lauter meeresbiologische Details“ verwandelt und beim Espresso aus den zoologischen Fachtermini Liebesschwüre werden. Dann nämlich fragt man sich, wie es Ortheil gelungen ist, diesen Roman vor dem zu bewahren, was man gemeinhin Kitsch nennt – und kitschig ist dieses Buch tatsächlich überhaupt nicht.

Ein Grund ist sicherlich die sorgfältige Art und Weise, mit der Ortheil seine Worte wählt. Gleich der erste Satz zum Beispiel – „Plötzlich das Meer, ganz nah, eine graue, stille, beinahe völlig beruhigte Fläche“ – verzichtet auf das Prädikat, um Giovannis morgendlichen Blick aus dem Zugabteil noch abrupter und überwältigender zu gestalten, nur um dann mit dem Zusatz „beinahe“ das stille Wasser doch noch in Unruhe zu bringen. Die Unruhe wird sich durch den ganzen Roman ziehen. Je detaillierter Ortheils Erzähler sich den Beschreibungen der kulinarischen Köstlichkeiten widmet und mit der Gabel noch die kleinsten Zitronenblätter in den Spaghettisaucen aufspießt, je eindringlicher er sich von Franca den Mikrokosmos des Meeres vorführen lässt und mit Proust’scher Genauigkeit in seinem Notizbuch der Liebe nachspürt, desto mehr wächst das Gefühl einer vagen Bedrohung. Dass es schließlich nicht in einer Auseinandersetzung mit einigen Hafenarbeitern kulminiert, die von Giovannis Nebenbuhler gedungen werden, sondern in einer kleinen literarischen Selbstreflexion, ist die traurige Überraschung dieses schönen Buches. Die einzige wirklich tragische Stelle dieser von erfüllter Sehnsucht getragenen Geschichte ist die, an der Giovanni erkennen lässt, dass er um sein eigentliches Schicksal weiß. „Wir befinden uns aber in einem Roman“, erklärt er, „Franca und ich – wir schreiben gleichsam an einem Roman.“ Und so ist ihr Glück zuletzt trotz Happy End doch nur aus Papier gemacht.

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