Jenny Erpenbeck: Gehen, ging, gegangen (2015)

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Entdeckungsreise zu einer Welt, die zum Schweigen verurteilt, aber mitten unter uns ist

Wie erträgt man das Vergehen der Zeit, wenn man zur Untätigkeit gezwungen ist? Wie geht man um mit dem Verlust derer, die man geliebt hat? Wer trägt das Erbe weiter? Richard, emeritierter Professor, kommt durch die zufällige Begegnung mit den Asylsuchenden auf dem Oranienplatz auf die Idee, die Antworten auf seine Fragen dort zu suchen, wo sonst niemand sie sucht: bei jenen jungen Flüchtlingen aus Afrika, die in Berlin gestrandet und seit Jahren zum Warten verurteilt sind. Und plötzlich schaut diese Welt ihn an, den Bewohner des alten Europas, und weiß womöglich besser als er selbst, wer er eigentlich ist.

Jenny Erpenbeck erzählt auf ihre unnachahmliche Weise eine Geschichte vom Wegsehen und Hinsehen, von Tod und Krieg, vom ewigen Warten und von all dem, was unter der Oberfläche verborgen liegt.

Hardcover, 352 pages
Published August 31st 2015 by Albrecht Knaus Verlag
Original Title Gehen, ging, gegangen
ISBN 3813503704
Edition Language German


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4 Kommentare

  1. Das neue Buch der vielfach ausgezeichneten Erfolgsschriftstellerin („Heimsuchung“) zeigt, wie schlecht es um die politische Literatur in Deutschland bestellt ist. Statt die Geschichten der Geflüchteten in den Vordergrund zu stellen, wird „Gehen, ging, gegangen“ von einem Wohlstandsbürger dominiert, der sich weltoffen und aufgeklärt fühlt und die eigene, von Ressentiments durchsetzte Ignoranz nicht bemerkt. Erpenbecks Roman ist ein klassischer Pressetitel, auf Feuilletons und Preisjurys zugeschrieben; anders gesagt: auf Leser zugeschrieben, die sich in Richard wiederfinden werden.

  2. akpe

    Juni 11, 2016 um 2:50 pm

    was ich aushalte ist nur die Oberfläche von dem, was ich nicht aushalte.

    Gott schuf das Volumen, der Teufel die Oberfläche. (Wolfgang Pauli)

  3. Eine Auslegeordnung

    Doch verglichen mit Erpenbecks bisherigen, bis ins Detail austarierten Romanen wirkt «Gehen, ging, gegangen» zuweilen wie die Auslegeordnung für den Stoff, den die Autorin als erfahrene Rechercheurin und Arrangeurin noch bearbeiten will: ein brisantes Konglomerat aus Gesellschaftskritik, Zeitgeschichte, Milieustudie und Sozialreportage, durchwirkt mit Leitmotiven und poetischen Momentaufnahmen. Zwar versammelt der vorliegende Roman alle Einzelteile dazu. Aber das Verschmelzen und Kondensieren zu herausragender Literatur hätte wohl – ganz im Zeichen der thematischen Paradoxie – noch viel Zeit des Wartens und Ausharrens beansprucht.
    nzz

  4. Schwach ist das Buch im Räsonieren, stärker in den dialogischen Passagen, wenn Richards Begegnungen und Unterhaltungen mit den Flüchtlingen dargestellt werden, das Aufeinanderprallen der Kulturen, dieses Crossover von Freundlichkeit und Befremden. Richards Versuche, ein paar Grundlagenkenntnisse der abendländischen Kultur zu vermitteln (von den Weihnachtsgebräuchen bis zu Hitler), nehmen sich ebenso skurril wie anrührend aus.

    Empathische Geschichten über Flüchtlinge
    Die emotionale Antriebskraft des Romans, Empathie mit den Flüchtlingen, bestimmt die Medien seit Monaten. Eine traurige, tragische, traumatische, tapfere Flüchtlingsgeschichte nach der anderen wurde im Zeichen eines bisweilen kampagnenhaften „Willkommensjournalismus“ präsentiert, und die Wirkung war außerordentlich. Viele Menschen haben sich plötzlich wie Richard verhalten, haben sich eingesetzt und geholfen. Aber braucht man jetzt noch dieses Buch von Jenny Erpenbeck? Was es uns sagt, haben wir doch längst begriffen. Was es verschweigt, begreifen viele erst langsam: die überaus problematischen Aspekte einer jahrelangen Millionenzuwanderung, in einem Land, das bei der Integration seiner Migranten bisher schon so vieles unerledigt ließ.
    deutschlandradio.kultur

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