Stefan Zweig: Marie Antoinette. Bildnis eines mittleren Charakters (1932/1980)

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Die Schilderung des Lebens Marie Antoinettes, der Tochter Maria Theresias, gleicht der Besichtigung eines Zeitalters am Vorabend der Neuen Zeit. Dokumentarisch belegte Geschichte wird dabei erzählt, die Heldin weder glorifiziert noch unterschätzt. Vielmehr wird sie innerhalb des Rahmens ihrer Zeit, des Rokoko, als eine Frau mit all ihrer Vergnügungssucht und Lebenslust gezeichnet. Die letzte französische Königin, zu spät auf ihre politische Aufgabe vorbereitet, zu spät auch zu ihr bereit und mit einem schwachen, biederen Mann verheiratet, wächst mit den Anforderungen, die an sie gestellt werden. So geht sie, ein mittlerer Charakter, zunächst verspielt, dann immer bewußter geradlinig ihren Weg vom Schloß Schönbrunn über den Trianon bis zur letzten Fahrt auf die Place de la Concorde, zur Guillotine.

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1 Kommentar

  1. akpe

    Juli 31, 2016 um 9:32 am

    Rezension: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.11.1949, S. 10
    Zweig, Stefan: Marie Antoinette
    Stefan Zweig: „Marie Antoinette. Bildnis eines mittleren Charakters.“ (Suhrkamp Verlag ‚vorm. S. Fischer,
    Frankfurt, 1949, 510 Seiten, 12,50 DM.)

    In den letzten Jahrzehnten, seit dem Anbruch jener Reihe von Revolutionen und Gegenrevolutionen, die einer ansehnlichen Zahl von Monarchen und Fürsten den Thron, einigen von ihnen sogar das Leben kosteten, sind die Historiker wie die Dichter immer wieder auf das weltgeschichtliche Ebenbild, die Französische Revolution, zurückgekommen, welche den Begriff der Revolution erst in dem Sinne schuf, mit dem er für uns seither erfüllt ist.

    Wenig mehr als ein Jahrzehnt nach einer republikanischen Revolution im mittleren und östlichen Europa, jedoch
    auch nur wenige Monate vor dem Beginn der gegenrevolutionären Kettenreaktion – nämlich 1932 – erschien Stefan
    Zweigs Buch über Marie Antoinette im Inselverlag. Fast acht Jahre nach dem Tod des Dichters in Brasilien wurde
    es nun neu herausgegeben.

    Marie Antoinette wurde von den Anhängern und in den Zeiten der Revolution gehässig beschmutzt und geschmäht,
    die Royalisten und Gegenrevolutionäre dagegen haben sie gepriesen und über ihre tatsächliche Bedeutung hinaus
    vorteilhaft charakterisiert. Zweigs Bild ist frei von diesen Verzerrungen und Ueberschätzungen des 18. und des 19.
    Jahrhundert – zumal Zeit und Autor bei aller Akribie des Quellenstudiums dazu neigten, psychologische
    Erklärungen den ohnehin zweifelhaften Dokumenten vorzuziehen.

    So zeichnete Stefan Zweig die Tragödie ungewollten Heldentums. Es bedurfte des äußeren Unglücks – wie es eine
    Revolution für die Königin des Landes bedeutet -, damit Antoinette die Grenzen ihrer Durchschnittlichkeit
    überschritt. Als sie erkannt hatte, daß ihr nichts zu tun übrig blieb als zu sterben, rang sie ihrem Charakter die
    Fähigkeit gerade dazu ab. Die einzige denkwürdige Leistung ihres Lebens waren ihr Sterben und die Jahre der
    Erwartung der Guillotine.

    Nicht nur der dichterischen und sprachlichen Anziehungskraft, sondern auch dieser Objektivität des Buches wegen
    mögen ihm die Royalisten ebenso zustimmen wie die Jakobiner, die damaligen und die gegenwärtigen. W. B.
    Alle Rechte vorbehalten.
    © Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt am Main

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