Baudolino - Umberto EcoEco ist mit seinem neuen Roman Baudolino ins Mittelalter zurückgekehrt: nicht ins 14. Jahrhundert der ebenso gelehrten wie durchtriebenen Mönche aus Ecos Welterfolg Der Name der Rose, sondern ins 12. Jahrhundert. Er erzählt die Geschichte des (fiktiven) Bauernsohns Baudolino aus dem Piemont, der um 1155 als Kind von Kaiser Friedrich Barbarossa aufgelesen wird und in den folgenden 50 Jahren überall dabei ist, wo Geschichte gemacht wird: Die historischen Ereignisse von Barbarossas Kämpfen gegen die aufständischen Städte der „Lega Lombarda“ bis zu seinem Kreuzzug ins Heilige Land dienen Eco dazu, mit leichter Hand in die politischen und geistesgeschichtlichen Hintergründe dieser Epoche einzuführen, und ermöglichen ihm, originelle Antworten auf bisher ungelöste Fragen der Geschichtsschreibung zu geben.

Dabei entpuppt sich Baudolinos Lebensgeschichte, die er im Jahre 1204 selbst einem Geschichtsschreiber erzählt, als die blanke Lüge. Baudolino ist ein Hochstapler, ein Schelm, ein schlitzohriger Aufschneider — das bestreitet er auch gar nicht. Denn mit seiner Fähigkeit, haarsträubende Geschichten zur Wahrheit zu erklären, will er selber in die Weltgeschichte eingegriffen haben: Er will die Stadt Alessandria erst erbaut und dann gerettet haben; er will aus taktischen Gründen die Heiligsprechung 1 Karls des Großen erwirkt haben; er will eine einfache hölzerne Trinkschale zum Heiligen Gral erklärt und damit Barbarossa zum Kreuzzug veranlasst haben. Dass Baudolinos Berichte von seinen ruhmreichen Tricks, Intrigen und Lügen mit Vorsicht zu genießen sind, ist klar — ein Lügner lügt auch dann, wenn er von seinen Lügen erzählt.

Wie Eco diesen Hochstapler hemmungslos in die Geschehnisse des 12. Jahrhunderts hineinflickt, ist schon ein Vergnügen — nicht nur Mediävisten werden auf jeder Seite etwas entdecken, was ihnen Entzückensschreie entlocken wird. Da stört es nur ein wenig, dass dieser groß angelegte Schelmenroman hin und wieder etwas episodenhaft und konstruiert erscheint. Für echte Eco-Fans ist Baudolino jedenfalls ein Muss. –Christoph Nettersheim

Hardcover, 597 pages
Published September 28th 2001 by Carl Hanser Verlag (first published November 2000)
Original Title Baudolino
ISBN 3446200487 (ISBN13: 9783446200487)
Edition Language German
Characters: The Poet, Frederick I, Holy Roman Emperor, Baudolino Aulario, Niketas Choniates, Abdullah  – Bischof Otto von Freising in Regensburg – Priesterkönig Johannes , Niketas Choniates

setting:  Constantinople, 1204
  • de.wikipedia.org : was es mit dem grünen Honig auf sich hat2 und die ungeklärten Fragen der mittelalterlichen Geschichte3
  • FAZ

Please rate this

  1. 1165 erfolgte die Heiligsprechung Karls des Großen und die Erhebung seiner Gebeine in Aachen. Dabei ging die Initiative aber wohl nicht (wie in der älteren Forschung oft angenommen) vom Kaiserhof, sondern von den Aachener Stiftsklerikern aus.[272] Papst Alexander III. akzeptierte die aus seiner Sicht politisch unerwünschte Heiligsprechung nicht, doch hat die Kurie danach nie Einspruch dagegen erhoben. []
  2. wozu sie wiederholt Haschisch konsumieren, sprich: den berauschenden „grünen Honig“, den Abdul bei den Assassinen kennengelernt hat. …. []
  3. Dabei werden mit leichter Hand und ganz nebenbei eine Reihe von Fragen beantwortet, die in der „offiziellen“ Geschichtsschreibung des Mittelalters bisher als ungeklärt gelten und wohl auch nie endgültig geklärt werden können. Zum Beispiel die Hintergründe der Heiligsprechung Karls des Großen oder die Frage, wie eigentlich die Gebeine der Heiligen Drei Könige, 1162 in Mailand gefunden, als solche identifiziert werden konnten und so, wie sie heute im Kölner Dom liegen, dorthin gekommen sind. Oder die Frage, wer den angeblichen Brief des Priesterkönigs Johannes an Manuel I. Komnenos verfasst hat, der seinerzeit in Europa großes Aufsehen erregte und allerlei wilde Spekulationen auslöste. In Ecos Roman erfährt man nun, dass und wie es der begabte Lügner Baudolino war, der all dies und noch vieles andere in die Wege geleitet hatte. So kann man in einem gewissen Sinn sagen, dass hier endlich alle offenen Fragen der Geschichtsschreibung des 12. Jahrhunderts beantwortet werden, sogar die des Todes von Barbarossa. []