Roger Willemsen: Kleine Lichter (2005)

Kleine LichterKleine Lichter, das sind kleine, nicht sehr geniale Menschen. Kleine Lichter, das sind aber auch die Silberstreifen am Horizont. Die Liebe zum Beispiel ist so ein kleines Licht, das, längst verloschen geglaubt, doch ins Leben zurückrufen kann. So geht es Valerie und Rashid, letzterer im Komazustand und momentan nicht mehr ansprechbar. Rashid liegt in einem Krankenhaus in Wien, und Valerie, seine Gefährtin, verwandelt im Angesicht des Todes die Sprache ihrer Liebe in reine Sprache: auf Tonkassetten hält sie fest, wie alles begann mit ihrer Zuneigung, wie alles abzustumpfen drohte — und wie nun alles von vorne beginnt. ?Hier endet meine Reise zu den Männern?, sagt Valerie. Aber zu dem einen, zu Rashid, hat sie gerade erst (erneut) begonnen.

Bekannt wurde Roger Willemsen als einfühlender Interviewpartner im Fernsehen. Wie umwerfend er sich in fremde Personen hineinversetzen kann, konnten Leser unter anderem in seinem Bestseller Gute Tage mit Porträts bekannter Persönlichkeiten bestaunen. Mit Kleine Lichter hat Willemsen sein quasi stenographisches Romandebüt vorgelegt — und gezeigt, dass er sich auch im Reich der Fiktion auf sprachliche Intuition und sein Einfühlungsvermögen verlassen kann. Kleine Lichter ist ein feines, kleines, leises Buch, dem man die Herkunft aus der Feder des geschulten Germanisten Willemsen bis auf einige Gewolltheiten im Aufbau kaum anmerkt. Da kann man nur hoffen, dass dem erstaunlichen Prosaerstling noch eine ganze Menge nachfolgt.

„Ich verdanke dir viel“, heißt es im Roman. „Du hast mich reicher gemacht, nicht nur durch dein Schweigen.“ Mit Kleine Lichter ist das Willemsen dank seiner Sprache ähnliches gelungen. — Stefan Kellerer

Hardcover, 205 pages
Published 2005 by S. Fischer
Original Title Kleine Lichter
ISBN 310092102X (ISBN13: 9783100921024)

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1 Kommentar

  1. Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 13.07.2005
    Stephan Maus findet es „tiefenpsychologisch recht aufschlussreich“, dass Roger Willemsen den Adressat seiner Romanbetrachtung über die Kraft der Liebe – Maus: seiner „Kulturkanal-Anmoderation zum Themenkonnex Liebe, Lust und Leberwurst“ – gleich zu Beginn ins Koma fallen lässt. So kann er nicht wegrennen oder widersprechen, sondern muss sich wohl oder übel – eigentlich nur: übel – alles anhören, was Willemsen die Geliebte des Patienten erzählen lässt, um ihn wieder zu erwecken. Nämlich: „semi-essayistische Binsenweisheiten“, „Pirelli-Liebeskalendersprüche“, jede Menge ebenso wohlfeile wie abgeschmackte Bilder und – wenn Willemsen richtig in Fahrt kommt – „glitzernden Eso-Pulp“. Wie sich das für einen Willemsen gehört, spottet Maus weiter, klingt das alles sehr hübsch und artig, macht aber noch lange keinen Roman. Sondern nur eine öde Simulation von „Tiefgang“. Fazit: Möge der Komapatient zu seinem eigenen Besten das Bewusstsein nicht wieder erlangen.

    Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 13.07.2005
    „Es ist nicht schief gegangen“ lautet eine der Abwägungen des Rezensenten Thomas Steinfeld. Thema des Romans sei die Liebe an und für sich, nicht etwa die von menschlichen Menschen mit Arbeit, Familie etc. Eine Frau spricht auf Kassetten einen langen Monolog für ihren Geliebten, der an einem anderen Ort im Koma liegt, zur Auferweckung gewissermaßen. Dieser Monolog und mithin der ganze Roman sei eine Art Essay, erläutert der Rezensent, geschrieben von einem Autor, den er mit einem Abbe aus dem neunzehnten Jahrhundert vergleicht: „einer der alles beherrscht, theoretisch zumindest“. In einem Miniessay reflektiert der Rezensent seinerseits die entscheidenden Gedankenschritte, die ihm für einen Essay über die Liebe essenziell zu sein scheinen. Und in allen Punkten muss er zugeben, „und selbst das steht bei Roger Willemsen“. Was jedoch nicht mehr bei Willemsen zu finden sei, sei das Risiko der Selbsterniedrigung, durch die sich „die Liebe offenbart“. Dies sei literarisch darstellbar, meint der Rezensent, doch der Autor würde dieses „Risiko“ nicht eingehen, eben wie ein „richtiger Abbe“.
    Lesen Sie die Rezension bei buecher.de

    Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 19.05.2005
    Rezensent Hubert Winkels zeigt sich nicht so recht überzeugt von Roger Willemsens aktuellem „literarischen Versuch“. Der Autor, der nach Jahren „erfolgreicher“ Moderatoren- und Talkmastertätigkeit nun „den Spieß umgedreht“ und seinerseits mit dem Erzählen begonnen hat, schildert in seinem Buch die Geschichte eines Komapatienten, an dessen Bett eine Frau sitzt, die zugleich Erzählerin ist und den Geliebten „zutextet“. Dieser Art der literarischen „Reduktion“, die sich vollkommen auf die Metaphysik der Gefühle konzentriert, kann der Kritiker nicht viel abgewinnen. Seiner Ansicht nach birgt dieses „enorm heikle“ Verfahren nämlich die Gefahr des „Geschwurbels“. Und auch wenn dieses in Roger Willemsens Fall immerhin „Geschwurbel der intellektuellen Prämienklasse“ ist, hofft der Kritiker doch, dass die Liebe in Zukunft nicht mehr derart „malträtiert“ werden muss.

    Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 09.04.2005
    Zugegeben, findet der Rezensent Oliver Pfohlmann, das Romandebüt von Roger Willemsen ist in gewisser Hinsicht bemerkenswert. Allein schon aufgrund der „Kommunikationssituation“: Die Protagonistin Valerie liebt Rashid, der jedoch seit sechs Monaten im Koma liegt, und sie spricht ihm eine Nacht lang auf Kassette, in der Hoffnung, ihn so ins Leben zurückzuholen. Immerhin „sympathisch“ erscheint dem Rezensenten die Idee, jemanden, wie Willemsen schreibt, „so mit Gefühlen zu bestrahlen, dass er leben muss“. Die Umsetzung dieser Bestrahlung allerdings lässt in den Augen des Rezensenten zu wünschen übrig. Valeries Satz „Ich rede, um dich anzustecken“ sei zwar, wie viele andere ihrer Sätze, „schön und zitierfähig“, werde aber vom Erzähler nicht eingelöst, und so werde der Leser weniger angesteckt als von Valeries sich in selbstbezogenen Kreisen ergehenden „Hohem Lied der Liebe“ erstickt. Darüberhinaus kranke ihre „pathetische Suada“ aufgrund ihrer „stilisierten Kunstsprache“ an Unglaubwürdigkeit, was ebenfalls ansteckungshemmend wirke. Mehr noch: Das konsequente „Durchdeklinieren“ aller Facetten der Liebe erwecke den Eindruck, dass sich Willemsen nur ein Alibi verschafft habe, um der Liebe essayistisch zu begegnen. „Weniger Literatur also, mehr Literatursimulation“, bilanziert der Rezensent.

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