Madeleine Bourdouxhe: Wenn der Morgen dämmert (1988)

Wenn der Morgen dämmertIn sieben Erzählungen beschreibt Madeleine Bourdouxhe, die Autorin von „Gilles’Frau“, die seit ihrer Wiederentdeckung von der Presse enthusiastisch gefeiert wird, die Einsamkeit und das Empfinden, die Wünsche und Sehnsüchte von Frauen.§Schauplätze der Erzählungen sind die Cafes der dreißiger Jahre, die zum Treffpunkt von Menschen verschiedenster Herkunft werden. Subtil und treffsicher zugleich eröffnet die Autorin das zeitlose Panorama der weiblichen Psyche.

 

 

  • Paperback, 198 pages
  • Published March 1st 1998 by Piper (first published February 1st 1985)
  • Original Title Sept novelles
  • ISBN 3492220673 (ISBN13: 9783492220675)
  • Monika Schlitzer, Sabine Schwenk (Translator)
  • Edition Language German

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1 Kommentar

  1. Rezension: Belletristik : Mit Insektenflügeln

    Aktualisiert am 13.06.1998-12:00

    Der Satz klingt nach existentialistischer Philosophie, und tatsächlich war die Autorin in den späten dreißiger und frühen vierziger Jahren, als ihre Romane entstanden, mit den Pariser Mandarinen der damaligen Leit- und Modephilosophie gut bekannt, vor allem mit Simone de Beauvoir, die sich in ihrem „Anderen Geschlecht“ an mehreren Stellen auf Madeleine Bourdouxhes Frauengestalten bezieht. Anders als bei der berühmteren Kollegin entfaltet sich ihre Heldin nicht nach dem stets erkennbaren Drehbuch einer Theorie, sondern kleidet das Programm in Eindrücke und Empfindungen. „Gefühle werden gelebt, nicht ausgesprochen.“ Die erstaunliche Leistung Madeleine Bourdouxhes besteht darin, sie so zu vermitteln, daß man sie nachzufühlen meint, ohne sie benennen zu müssen.

    Momentaufnahmen einer éducation sentimentale im Sinne der französischen Philosophie der dreißiger und vierziger Jahre: Marie rudert eines Nachts allein aufs Meer heraus; plötzlich spürt sie dessen „Farbe“, seinen „Geruch“, spürt daran, daß etwas mit ihr geschieht. Sie horcht dem Pulsieren ihres Blutes nach, es erinnert sie an das leise Geräusch von Insektenflügeln. Sie trinkt in einem Zugrestaurant Bier mit einer Gruppe lustiger Soldaten, fährt auf einem Jahrmarkt mit einem unbekannten Monteur Karussell.

    Ganz am Ende des Romans steht sie einfach an einer Straßenecke und schaut dem Leben zu, im Einklang mit dem „großen Antlitz der Welt“ – ein Ende, das heute leicht als trivial empfunden werden könnte, ja beinahe als kitschig, aber das erkennbar Historische an diesem Schluß mildert diesen Eindruck. Die Heldin hat sich gefunden und hat begriffen: Glück ist kein Objekt, kein Besitztum, sondern „kostbar und grausam“, ein Zustand, zu dem es gehört, daß er vergänglich ist. Wie die Liebe zu ihrem Mann, die schon vergangen ist, wie die zu ihrem jungen Liebhaber, die vergehen wird. „Etwas kann nur dann großartig und bewegend sein, wenn es die Möglichkeit seines Endes in sich trägt.“

    Eine Sicht der Dinge, die sich vom Glauben an starke Naturen tragen läßt. Madeleine Bourdouxhes Marie will so stark sein, daß sie auch die Begrenzungen ihrer gesellschaftlichen Situation akzeptiert – die Tristesse des neuen Wohnortes, die aufgedrängte Nähe der Schwiegermutter, die Bindung an einen Mann, für den sie nur noch schwesterliche Gefühle verspürt. Sie hat ihre Wahl getroffen – im Bewußtsein der Freiheit, sie jederzeit anders treffen zu können.

    Daß diese Marie nicht zum Vorbild von Hunderttausenden von Leserinnen geworden ist, zur feministischen Ikone, liegt nicht an mangelnden literarischen Qualitäten des Romans. Es liegt an seiner abgebrochenen Rezeption. „Gilles‘ Frau“, im Jahr 1937 beim renommierten Pariser Verlag Gallimard erschienen, machte die Autorin mit einem Schlag bekannt.

    Als „Auf der Suche nach Marie“ vollendet war, hatten die Deutschen Frankreich besetzt und kontrollierten auch das Verlagswesen. Madeleine Bourdouxhe, die als Kurier für die Résistance tätig war und bei sich zu Hause jüdische Frauen versteckte, brachte den Roman deshalb 1943 bei einem kleinen Brüsseler Verlag heraus, er blieb nahezu unbeachtet. Ihre späte Wiederentdeckung im französischen Sprachraum in den achtziger Jahren hat sie immerhin noch erleben können. Vor zwei Jahren ist Madeleine Bourdouxhe fast neunzigjährig gestorben.

    Der deutsche Verlag hat nach „Gilles‘ Frau“ und zugleich mit der „Marie“, wieder genau und elegant von Monika Schlitzer übersetzt, auch den Erzählungsband „Wenn der Morgen dämmert“ vorgelegt. Mit mehr als fünfzigjähriger Verspätung kann jetzt auch das deutsche Publikum eine Autorin entdecken, deren Stimme zu den eindrucksvollsten und persönlichsten dieses Jahrhunderts zu zählen ist.

    Madeleine Bourdouxhe: „Auf der Suche nach Marie“. Roman. Aus dem Französischen übersetzt von Monika Schlitzer. Mit einem Nachwort von Faith Evans. Piper Verlag, München 1998. 186 S., geb., 32,- DM.

    Madeleine Bourdouxhe: „Wenn der Morgen dämmert“. Erzählungen. Aus dem Französischen übersetzt von Monika Schlitzer und Sabine Schwenk. Mit einem Nachwort von Faith Evans. Piper Verlag, München 1998. 152 S., br., 14,90 DM.

    Auf der Suche nach Marie; Wenn der Morgen dämmert

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