Siri Hustvedt: Die Illusion der Gewissheit (2016 / 2018)

Die Illusion der GewissheitWas ist der Verstand? Wie unterscheidet er sich vom Körper? Kann der Verstand auf Neuronen im Gehirn reduziert werden oder nicht?

In ihrem Essay nimmt sich Siri Hustvedt das uralte, noch immer nicht gelöste Geist-Körper-Problem vor und macht deutlich, wie sehr die unterschiedlichen Antworten auf diese Frage tiefgreifende Bedeutung für unser Verständnis von uns selbst haben.

Mit ihrem multidisziplinären Zugang zeigt Hustvedt, wie sehr ungerechtfertigte Annahmen über Körper und Geist das Denken der Neurowissenschaftler, Genetiker, Psychiater, Evolutionspsychologen und der Forscher zur Künstlichen Intelligenz verzerrt und verwirrt hat.

In diesem gelehrsamen Essay führt Hustvedt den Leser in verschiedene körperintegrierende Theorien von Bewusstsein ein, die die aktuelle Debatte über Verstand und Körper verändern. Gleichzeitig betont sie, dass keine Idee unantastbar ist. «Zweifel», schreibt sie, «ist nicht nur ein Ausdruck von Intelligenz; es ist eine Notwendigkeit.»

  • Hardcover, 416 pages
  • Published June 2018 by Rowohlt (first published February 2016)
  • Original Title The Delusions of Certainty
  • ISBN13 9783498030384
  • Edition Language German
  • ndr.kultur.de – Die Beziehung zwischen Geist und Körper Die Illusion der Gewissheit von Siri Hustvedt, aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Bettina Seifried Vorgestellt von Tobias Wenzel

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1 Kommentar

  1. Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.07.2018
    Michael Hagner lernt nichts Neues aus Siri Hustvedts Beschäftigung mit den Erkenntnissen und den weißen Flecken der Hirnforschung. Dass in diesem Metier gern Hypothesen als Fakten verkauft werden, wie die Autorin im Abgleich mit Autoren wie Steven Pinker oder Daniel Dennett und Vertretern der Kognitionswissenschaften feststellt, weiß Hagner auch. Lesenswert in diesem Zusammenhang findet er Hustvedts kritische Lektüre von Mary Douglas. Vermisst hat er im Buch hingegen die Frage nach den praktischen, den ökonomischen und politischen Interessen hinter dem Hype um das Hirn. Wenn die Autorin stattdessen ihren eigenen Vorstellungen von Geist und Gehirn Ausdruck verleiht, ist das Hagner einfach zu wenig.

    Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 16.06.2018
    Katharina Granzin entdeckt Wahrheit in der klaren und offenen Argumentation und der schlichten Schönheit der Sprache von Siri Hustvedt. Dass die Autorin sich nicht als Philosophin aufführt, sondern als kritische Beobachterin, wenn sie sich mit der Trennung von Körper und Geist in der Diskussion um Künstliche Intelligenz befasst, gefällt Granzin gut. Die ganzheitliche Sicht der Autorin, die Hustvedt in ihrem Essay in Abgrenzung zu anderen Autoren darlegt, regt Granzin zum Weiterdenken und Weiterlesen an, auch wenn beziehungsweise gerade weil Hustvedt mancherlei spekulative Gedanken einstreut.

    Rezensionsnotiz zu Die Welt, 16.06.2018
    Produktiver hat Peter Praschl selten gesagt bekommen, dass er nichts weiß. Wenn Siri Hustvedt in ihrem Essay über den Leib-Seele-Dualismus weit ausholt, Autoren wie Darwin, Freud, Hobbes und Descartes vorstellt und so ziemlich alles, was zum Thema gesagt wurde, ächzt er zwar unter Last all des zusammengetragenen Wissens, doch die Größe des von Hustvedt abgegangenen Terrains und ihre Gründlichkeit und Genauigkeit beeindrucken ihn auch. Am Ende hat Praschl nicht nur jede Gewissheit in Sachen Bewusstsein verloren, sondern auch etwas gelernt: allen zu misstrauen, die zu wissen meinen, wie das Gehirn funktioniert, und schließlich: selber zu Denken.

    Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 19.05.2018
    Rezensentin Sofia Glasl lässt sich gern auf Siri Hustvedts „geistige Reisen“ mitnehmen. Entsprechend erfreut ist die Kritikerin über den neuen 400-Seiten-Essay „Die Illusion der Gewissheit“, der ihrer Meinung nach nicht nur einer der persönlichsten der Schriftstellerin, Anglistin und Dozentin für Psychiatrie ist, sondern auch Literatur und Wissenschaft vorbildlich verknüpfe: Einmal mehr die Naturphilosophie von Margaret Cavendish im Gepäck, aber auch mit Blick auf Descartes, Hobbes und weniger bekannte Philosophen, Biologen, Physiker oder Neurowissenschaftler versuche sich Hustvedt mit lebendigen Beispielen, mitunter aus der eigenen Erfahrung, am Leib-Seele-Problem, erklärt Glasl. Sie liest hier etwa, dass die Autorin die kartesianische Trennung von Körper und Seele für die im westlichen Denken verankerte Hierarchisierung von „Rationalität und Sinnlichkeit, Natur- und Geisteswissenschaften sowie Männlichkeit und Weiblichkeit“ verantwortlich macht. Auch die in der Wissenschaft oft vorgenommene Trennung von Biologie und Kultur kreide Hustvedt an, informiert die Rezensentin. In jedem Fall kann sie diesen breit angelegten, aber übersichtlich strukturierten und durch „poetische Gelehrsamkeit“ bestechenden Essay nachdrücklich empfehlen.

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