Leïla Slimani: Dans le jardin de l’ogre (All das zu verlieren) (2019)

45730090»Die neue Stimme der französischen Literatur.« ZEITmagazin

Kann man sich zu seinem Glück zwingen? Prix Goncourt-Preisträgerin Leïla Slimani erzählt von der Zerrissenheit einer Frau und schafft eine »moderne Madame Bovary« (Libération).

Nach außen hin führt Adèle ein Leben, dem es an nichts fehlt. Sie arbeitet für eine Pariser Tageszeitung, ist unabhängig. Mit ihrem Ehemann, einem Chirurgen, und ihrem kleinen Sohn lebt sie in einem schicken Viertel, ganz in der Nähe von Montmartre. Sie reisen, sie fahren übers Wochenende ans Meer. Dennoch macht Adèle dieses Leben nicht glücklich. Gelangweilt eilt sie durch die grauen Straßen, trifft sich mit Männern, hat Sex mit Fremden. Sie weiß, dass ihr die Kontrolle entgleitet. Sie weiß, dass sie ihre Familie verlieren könnte. Trotzdem setzt sie alles aufs Spiel.

Amelie Thoma (Translator)
Hardcover, 224 pages
Published May 13th 2019 by Luchterhand Literaturverlag (first published August 28th 2014)
Original Title Dans le jardin de l’ogre
ISBN 9783630875538
Edition Language German

Personen

Adèle Robinson

Adèle ist eine Frau, die alles hat, einen interessanten Beruf, ein Kind, einen Mann, eine schöne Wohnung im 18. Arrondissement. Den Job mag sie nicht, das Kind ist ihr zu viel, der Mann zu spießig und die Wohnung egal. Der Weg dorthin erschien logisch, angekommen ist sie nirgendwo, aber weg will sie auch nicht.

ist 37 Jahre alt, erfolgreiche, aber lustlose Journalistin, verheiratet mit einem Arzt, Mutter eines vierjährigen Sohnes. Die Familie lebt in einer großzügigen Wohnung in Paris im beliebten 18. Arrondissement.

Sie ist eine Süchtige, eine Frau, die fast alles aufgibt für ihre Sucht. Adèle ist Nymphomanin, weder Mann noch Kind hindern sie an der wahnhaften Jagd nach dem nächsten Höhepunkt, an einem ausgeklügelten Doppelleben. "All das zu verlieren" ist ein Buch über Sex, Perversion und das Gefühl, verloren zu sein.

Die Kollegen verachtet sie, ihren Mann hat sie nie geliebt, der Sohn macht sie nur ungeduldig. Alles um sie herum erscheint ihr banal, langweilig, ohne Sinn. Das einzige, was Adèle wirklich zu mögen und zu brauchen scheint, ist unverbindlicher Sex: Wann immer sie kann, flüchtet sie aus ihrem Leben, flüchtet in die Ekstase, den Rausch, greift nach einem Leben, das nur aus Höhepunkten besteht statt aus dem gemächlich vor sich hinplätschernden Auf und Ab der Normalität.

Richard Robinson

Ihr Mann ahnt nichts von ihren Abenteuern, nichts von dem weißen Telefon mit den Nummern nur der brutalsten Liebhaber. Doch die ganze Situation eskaliert, als ihr Mann wegen eines Verkehrsunfalls eine gute Woche im Krankenhaus liegt und die Großeltern in der Zeit den kleinen Sohn zu sich nehmen.

Wenig später kriegt ihr Ehemann alles raus und reagiert auf seine Weise radikal: Er verlässt sie nicht, aber er kündigt seinen Job in Paris, übernimmt einen auf dem Land, kauft ein Haus ohne Nachbarn in der Provinz, zwingt Adèle ihren Beruf aufzugeben und mit der Familie dorthin zu ziehen, wo er sie unter Kontrolle hat. Adèle fügt sich. Aber für wie lange?

Luciien Robinson

Kind von Adèle und Richard

Das Kind bleibt Randfigur.

Fazit aus literaturkirik.de

Die Gründe für Adèles Verhalten werden nur angedeutet, flackern hin und wieder auf, ohne ausformuliert zu werden. Da ist ihr starker Wunsch nach Beachtung, ihr latenter Selbsthass, ihre Angst vor dem Alter und jeder Art von Beengtheit. Vor allem aber scheint sie abgrundtief einsam zu sein, einsam als Frau, einsam als Mutter, einsam als Mensch. In dieser Zurückgeworfenheit auf sich selbst und ihrer gleichzeitigen Revolte gegen eine als absurd und sinnlos empfundene Welt, die sie durch permanente Ekstase erträglicher gestalten will, lassen sich existenzialistische Züge erkennen.

Damit erinnert sie übrigens an das Kindermädchen in „Dann schlaf auch du“, das seiner trostlosen Existenz schließlich ein Ende setzen will und sich, nach Ermordung seiner Schützlinge, selbst die Pulsadern aufschneidet. Camus hätte diesen Ausweg abgelehnt; schließlich beweist der Mensch ihm zufolge erst durch seine Akzeptanz einer sinnlosen Existenz seine Freiheit. Dafür scheinen Slimanis Protagonisten jedoch zu schwach, wiegt die empfundene Einsamkeit und Leere zu schwer. Es bleibt nur die ständige Revolte, die Sucht nach dem besonderen, dem ekstatischen Moment, die Slimani in einem so gelungenen, nüchternen Stil beschreibt, dass sie fast erträglich erscheint.

 

 

Libération: Interview Leïla Slimani : «Il est réducteur de lier la question de la misère sexuelle seulement à l’islam» Par Cécile Daumas , Anastasia Vécrin et Dounia Hadni — 1 septembre 2017 à 17:06

ZEITmagazin: Leïla Slimani: Gegen die Angst. Die Schriftstellerin Leïla Slimani wuchs in Marokko auf. Schon als Jugendliche ärgerte sie sich darüber, weniger Rechte zu haben als Männer. Inzwischen lebt sie in Frankreich, berät Präsident Macron und gilt als die neue Stimme der französischen Literatur. Für ihr aktuelles Buch hat sie mit arabischen Frauen über Sex gesprochen. Von Khuê Ph?m. ZEITmagazin Nr. 35/2018 22. August 2018

ZEIT: Sex, so brutal wie möglich. Die aus Marokko stammende Pariser Romanautorin Leïla Slimani erzählt von einer Frau, die nach Männern süchtig ist. Von 28. Mai 2019

NDR:  Eine Frau mit Doppelleben All das zu verlieren von Leïla Slimani, aus dem Französischen von Amelie Thoma Vorgestellt von Bianca Schwarz 14.05.2019

SPON:  LIebe, Triebe, Tradition. Leïla Slimanis Ehebruch-Roman „All das zu verlieren“ sorgte für Zündstoff in der islamischen Welt. Nun ist das Debüt auch in deutscher Übersetzung erschienen – die Zerrissenheit der Heldin lässt einen kalt. Von vom 15.05. 2019

literaturkritik.de: Die Einsamkeit der Ekstase. Leïla Slimani erzählt in ihrem Debütroman „All das zu verlieren“ von einer sexsüchtigen Frau, die gegen eine sinnlose Welt aufbegehrt Von Charlotte Neuhauss  Erschienen am: 01.07.2019

SWR2:   Kann man sich zu seinem Glück zwingen? Prix Goncourt-Preisträgerin Leïla Slimani erzählt von der Zerrissenheit einer Frau zwischen bürgerlichem Alltag und der Flucht in maßlosen Sex. Rezension von Wolfgang Schneider. 12.5. | 17.05 Uhr | SWR2 – PDFAudio-Datei

 

 

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1 Kommentar

  1. https://perlentaucher.de/buch/leila-slimani/all-das-zu-verlieren.html

    Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 14.06.2019
    Miriam Zeh empfiehlt Leila Slimanis Debütroman über den Ennui und die sexuellen Begierden einer in Paris lebenden gut situierten Marokkanerin als Text von gesellschaftlicher Sprengkraft. Bei aller Trostlosigkeit, die der Text vermittelt, sollte der Leser nicht vergessen, dass Slimani mit ihrer an Flauberts Madame Bovary erinnernden Hauptfigur und dem Sprechen über weibliche Sexualität vielen Frauen in und außerhalb Marokkos eine Stimme verleiht, meint Zeh. Dem hohen Erzähltempo geschuldete Redundanzen und Schwächen in der Dramaturgie möchte Zeh der Debütantin verzeihen.

    Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 08.06.2019
    Leïla Slimanis nun auf Deutsch erschienener Debütroman handelt von einer Ärztegattin und Mutter, die sich in einer Sexsucht verliert, erzählt Rezensentin Berit Glanz. An sich hält die Kritikerin es für eine gute feministische Strategie, entfesselte Sexualität in der Literatur aus einer weiblichen Perspektive zu schildern und damit die Normierung von Sex, vor allem dem von Frauen, als Unterdrückungsstrategie deutlich zu machen. Leider findet sie aber die Hinweise darauf, dass Slimanis Hauptfigur psychisch krank ist, im Buch zu präsent, weshalb man ihre ausschweifende Sexualität pathologisieren könne, so Glanz. Darüber geht der Kritikerin zufolge das revolutionäre Potenzial der freizügigen Schilderungen verloren.

    Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 29.05.2019
    Judith Heitkamp findet den nun auf Deutsch zu lesenden ersten Text von Leila Slimani zwar literarisch schwächer als den Folgeroman, fünf Jahre nach der Erstveröffentlichung gibt es laut Heitkamp allerdings neuen gesellschaftlichen Kontext „zum Mitlesen“, wenn Slimani von Selbstermächtigung und Selbstverlust durch Sex erzählt. Den brutalen Sex, zu dem eine Sucht die Protagonistin treibt, beschreibt die Autorin nüchtern, ohne Psychologie und ohne das Unerklärliche daran aufzulösen, erläutert die Rezensentin ihre Faszination. Die Figur im Text ist nicht romantisch wie Bovary; was sie tut, ist nicht Ausdruck von Freiheit wie bei Millet, so Heitkamp.

    Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 16.05.2019
    Eskapistische Sehnsüchte nach gefühlvoller Erotik, nach romantischen Liebesgeschichten oder angenehm verruchten Affären befriedigt dieses Buch nicht, warnt Rezensent Rainer Moritz – ganz im Gegenteil sogar: Wir sehen zunächst eine vermeintlich intakte, klassisch-gutbürgerliche Kleinfamilie mit Wohnung in Paris, mit Mann, Frau, Kind. So weit, so bekannt. Doch bald schon zeigt sich: in der Frau schlummert eine ungezügelte Begierde, eine Begierde danach, Objekt zu sein, sich von jedem beliebigen Mann nehmen und besitzen zu lassen. Wo diese Sucht herrührt, erfährt der Leser nicht, doch erkennt er bald, dass hinter diesem Wunsch eine tief empfundene Einsamkeit liegt. Diese Einsamkeit, so Moritz, wird hier auf „lapidare und zugleich grausame“ Weise dargestellt. Slimanis Erzählkonstruktion schwächele zwar hier und dort, trotzdem hält der Rezensent diesen Roman für absolut gelungen – eine „moderne Umkehrung von Flauberts Madame Bovary“.

    Rezensionsnotiz zu Die Welt, 11.05.2019
    Rezensentin Mara Delius fragt sich, ob Leila Slimani vielleicht für eine „weibliche Sex-und-Gewalt-Ästhetik in der Literatur“ stehen könnte: In ihrem neuesten Roman beschäftigt sich die Autorin laut Delius mit einer Protagonistin, die aus ihrem ereignislosen und sicheren Familienleben immer wieder ausbricht, um Gelegenheitssex zu haben, bei dem es bevorzugt rauer zugeht. Beeindruckt stellt die Kritikerin fest, dass Slimani dabei sogar die Vermischung von Sexualität und Gewalt, die männliche Kollegen wie Houellebecq, Littell und Co beschreiben, etwas angestrengt wirken lässt. Dass es der Protagonistin paradoxerweise darum geht, sich selbst zu bewahren, wenn sie sich beim Sex objektivieren lässt, hält die Rezensentin für eine feinsinnige und wertvolle Wendung, weshalb sie „All das zu verlieren“ zum Erkenntnisgewinn wärmstens empfiehlt.

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