Patrick Modiano: Ein Stammbaum (Un pedigree) (2005 / 2007)

24514307Die Mutter, eine schöne Flämin, kommt 1942 durch einen Offizier der Propagandastaffel nach Paris, um eine Schauspielkarriere zu beginnen. Der Vater, während der deutschen Okkupation als Jude verfolgt, ist ein Lebemann, der vom großen Geld träumt und alles, was er bei zwielichtigen Geschäften gewinnt, bald wieder verliert. Die Ehe der Eltern – eine Fehlentscheidung. Zwei Söhne haben sie, der jüngere stirbt im Alter von elf Jahren. Der ältere, Patrick, wird ins Internat abgeschoben, flieht, wird erneut eingesperrt, immer wieder, bis er schließlich mit dem Vater bricht, sich mit kleinen Diebstählen durchschlägt und sein erstes Buch schreibt, mit dem er auf Anhieb Erfolg hat.

Erstmals erzählt Patrick Modiano in autobiographischer Form von seiner unglücklichen Kindheit. Ohne Pathos, ohne Sentimentalität, ohne Hass oder Anklage: »Ich bin ein Hund, der so tut, als habe er einen Stammbaum.«

Elisabeth Edl (Translator)
Hardcover, 128 pages
Published August 25th 2007 by Carl Hanser Verlag (first published 2005)
Original Title Un pedigree
ISBN13 9783446209220
Edition Language German
URL
http://www.hanser-literaturverlage.de/buch/ein-stammbaum/978-3-446-20922-0/

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1 Kommentar

  1. Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 23.01.2008
    Rezensentin Verena Auffermann findet durchaus interessant, was man aus diesem autobiografischen Bericht des Schriftstellers Patrick Modiano herauslesen kann – nicht nur das Leben dieses „in die biographische Aufrichtigkeit vernarrten Autors“ betreffend, sondern auch die französische Gesellschaft seiner Jugendzeit. Insofern ist das Buch in den Augen der Rezensentin ein Beitrag „zur 68er-Debatte und das Porträt einer verstockten Gesellschaft aus französischer Sicht.“ Modiano erlaubt sich kaum Abschweifungen und erzählt geradlinig seine Geschichte, dem Leser fliegen „Namen, Daten, Buch- und Filmtitel“ nur so um die Ohren. Diesen „Sachlichkeitsanspruch“ unterläuft der Autor jedoch auch immer wieder durch psychologisierende Einschübe. Sein Elternhaus war jedenfalls ebenso deprimierend wie für seine Zeit ungewöhnlich, seine Autobiografie zeigt nach Meinung der Rezensentin eine „Frühform des Houellebecq-Milieus“.

    Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 11.12.2007
    „Erstaunlich sinnlich und schön“ findet Ina Hartwig diesen autobiografischen Roman, in dem Patrick Modiano von seiner trostlosen Kindheit erzählt. Staunen macht die Rezensentin auch, mit welch Brutalität sich der Autor versagt, sich selbst etwas vorzumachen. Wie Hartwig erzählt, wuchs Modiano als Sohn einer „Schmierenschaupielerin“ und eines „opaken Geschäftmachers“ auf, die Liebe zu ihrem Sohn geht beiden ab, schon bald schieben sie ihn in ein Internat nach dem anderen ab. Als Dokument der Heimatlosigkeit hat die Rezensentin diese Buch gelesen, dessen „abgeklärte Beiläufigkeit“ sie aber nicht darüber hinwegtäuschen konnte, als tief das erlebte Unglück empfunden wurde. Sie zitiert Modiano mit dem Bekenntnis, das sie als sein „abgründigstes“ bezeichnet: „Von dem Zeitpunkt an, wo ich zu schreiben begann, habe ich nicht mehr geklaut.“

    Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.11.2007
    Rezensent Jochen Schimmang hat Patrick Modianos autobiografische Erzählung über seine Kindheit sehr positiv aufgenommen. Er weist darauf hin, dass es sich nicht um eine Autobiografie im engeren Sinn handelt, eher um Modianos „Geschichte seiner Kindheit als Roman“, in dem er von seinen emotional kalten Eltern erzählt, die sich bald trennten und ihn in verschiedene Internate abschoben, von der Sprachlosigkeit in der Familie und vom Schweigen. Dabei führe Modiano nur Protokoll, stelle sich Fragen über seine Eltern und seine Kindheit und Jugend. Neben vielen bekannten Motiven aus Modianos bisherigen Werken findet Schimmang die wesentlichen Elemente seines Erzählens wieder. Auch die Sprache des Buchs hat ihn vollauf überzeugt. Er bewundert ihre Kargheit und Schönheit und würdigt den Autor als einen der „größten Stilisten der französischen Gegenwartsliteratur“. Mit Lob bedenkt er in diesem Zusammenhang auch die Übersetzung von Elisabeth Edl.

    Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 09.10.2007
    Patrick Modianos Jugendautobiografie „Ein Stammbaum“ über seine Jahre von 1945 bis 1966 wirkt auf Rezensent Martin Krumbholz bedrückend. Dem Klappentext, der Modianos „schönstes Buch“ ankündigt, widerspricht er entschieden, hält er es „allenfalls“ für dessen „traurigstes“. Die Schilderung von Kindheit und Jugend vermittelt für ihn den Eindruck eines Menschen, der unter dem elterlichen Desinteresse und Verlassensein leidet, müde Leben simuliert, sich aber am Ende aus der von den Eltern verursachten „Totenstarre eines Gefühls der Verneinung“ lösen kann. Krumbholz findet in dem Werk zahlreiche Motive, die auch in den Romanen und Erzählungen des Autors wiederkehren. Insofern scheint ihm das Buch überaus erhellend. Zudem ist es für ihn „höchst aufschlussreich“ zu sehen, „wie angestrengt und verzweifelt ein begabter Autor sein eigenes Leben behandelt, sobald die Maske der Fiktion kassiert wird“.

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