Delphine de Vigan: Loyalitäten / Les Loyautés (2018 )

40040787. sy475 Der 12-jährige Théo ist ein stiller, aber guter Schüler. Dennoch glaubt seine Lehrerin Hélène besorgniserregende Veränderungen an ihm festzustellen. Doch keiner will das hören. Théos Eltern sind geschieden und mit sich selbst beschäftigt.

Der Junge funktioniert und kümmert sich um die unglückliche Mutter und den vereinsamten Vater. In ihren Augen ist also so weit alles gut. Doch Théo trinkt heimlich, und nur sein Freund Mathis weiß davon.

Der Alkohol wärmt und schützt ihn vor der Welt. Eines Tages wird ihn der Alkohol ganz aufsaugen, das weiß Théo.

Doch wer sollte ihm helfen? Hélène, seine Lehrerin, würde es tun, doch wie soll das gehen, ohne dass er die Eltern verrät? Mathis beobachtet das alles voller Angst. Zu gerne würde er sich seiner Mutter anvertrauen, aber Théo ist sein einziger Freund. Und einen Freund verrät man nicht. Außerdem würde er damit auch seinem großen Bruder in den Rücken fallen, denn der besorgt den Alkohol für die Minderjährigen.

Und er ist es auch, der das gefährliche Spiel in dem schneebedeckten Park vorschlägt, bei dem Théo bewusst den eigenen Tod in Kauf nimmt.

Hardcover, 180 pages
Published September 17th 2018 by Dumont (first published January 2018)
Original Title Les Loyautés
ISBN13 9783832183592
Edition Language German

Personen

Théo Lubin

Er ist ein guter Schüler, nur etwas zu still – aber sind das nicht die meisten in diesem Alter, fragt der Schulleiter die besorgte Lehrerin Hélène Destrée.
Zerbrechlich sieht er aus, vielleicht: als sei er bereits zerbrochen, als habe man ihn gebrochen. Diese dunkle Ahnung beschleicht die junge Lehrerin Hélène, sobald sie ihren Schüler Théo sieht.

Mathis

Wohl fühlt sich Théo nur mit seinem Freund Mathis. Dessen Loyalität zu Théo wird auf eine harte Probe gestellt, als Mathis bemerkt, dass der gemeinsame, heimliche Alkoholkonsum für Théo immer wichtiger wird und er die Grenzen beim Trinken komplett überschreitet.

Mutter von Théo

Die Mutter wird noch nach Jahren völlig vom Hass auf ihren Exmann zerfressen, ist verbittert und unsicher.

Vater von Théo

Der Vater, ehemals Ingenieur, ist inzwischen arbeitslos, hochgradig depressiv und medikamentenabhängig. Theo, von dieser Situation komplett überfordert, wagt es nicht, sich Hilfe zu holen. Da der Vater von ihm Schweigen einfordert, bleibt er loyal.

Cécile - Mutter von Mathis

Mathis Mutter Cécile, die ebenfalls spürt, dass Théo Probleme hat, aber zu sehr mit der Beziehung zu ihrem Ehemann und ihrer eigenen Familiengeschichte beschäftigt ist.

William - Vater von Mathis
Hélène Destrée - Lehrerin

Die aufmerksame Lehrerin weiß, wovon sie spricht: Hélène wurde selbst als Mädchen vom Vater regelmäßig verprügelt. Kinder kann ihr Körper dank der schweren Misshandlungen nicht mehr bekommen.

Sie spürt, dass mit Théo etwas nicht stimmt, hat aber keine sichtbaren Anhaltspunkte, um direkt einzugreifen. Ihre Sensibilität liegt in ihrer eigenen Kindheit begründet. Über Jahre ist Hélène von ihrem Vater schwer misshandelt worden, ohne dass ihre Umgebung davon etwas bemerkte. „Ich weiß, dass Kinder ihre Eltern schützen und dass dieser Pakt des Stillschweigens sie manchmal das Leben kostet.“

Frédéric - Schulleiter
Madame Bertholet - Sportlehrerin
Dr. Felsenberg - Psychotherapeut
Loyalitäten

Mit klarer, prägnanter Sprache erzählen beide Frauen aus der Ich-Perspektive, meist in der Gegenwart. Die Kapitel von Théo oder Mathis sind in der dritten Person in der Vergangenheitsform verfasst.

Das sich schnell abzeichnende Drama stellt die darin verwickelten Personen vor große Herausforderungen.

  • Wie weit darf oder muss man gehen, um die anderen zu schützen?
  • Was heißt Loyalität wirklich?

Delphine de Vigan stellt sich, wie schon in ihren früheren Romanen, hinter die Schwachen in der Gesellschaft. Mit unerbittlicher Schärfe entlarvt sie verkappte, kaputte Strukturen im Schulwesen und in den Familien. Sie fordert in einer Zeit des Wegsehens und Schönredens vehement und kompromisslos dazu auf, hinzuschauen und zu handeln – auch wenn es unbequem ist.

 

  • franceinter.fr „Les loyautés“ de Delphine de Vigan est-il un livre mineur ? par France Inter publié le Trois ans après le très personnel „D’après une histoire vraie“, Delphine de Vigan retrouve l’esprit de ses livres précédents. „Les loyautés“ dresse le portrait de deux gamins vraiment en détresse, Théo et Mathis. Qu’en ont pensé les critiques du „Masque et la Plume“ ?
  • DF: Ein gefährlicher Pakt des Schweigens Von Birgit Koß Beitrag vom 17.09.2018 Kinder stehen zu ihren Eltern – selbst wenn das Leben mit ihnen zur Hölle wird. Wie weit darf man gehen, um andere zu schützen? Wann muss man eingreifen? Delphine de Vigans Roman „Loyalitäten“ ist ein Appell gegen das Wegsehen und Schönreden.
  • NDR: Großer Roman über eine zerbrechliche Kindheit Vorgestellt von Juliane Bergmann 18.11.2018 10:00 Uhr Ganz bestimmt keine leichte Kost, das sind die Bücher der französischen Autorin Delphine de Vigan. Sie schreibt über Gewalt in der Familie, Gewalt in der Gesellschaft, Gewalt gegen sich selbst – und das stets mit autobiografischen Zügen. Ihr neuer Roman heißt „Loyalitäten“.
  • SPON: Besuch bei Delphine de Vigan Wirklichkeit als Schein. Eine französische Bestsellerautorin und ihre unheimliche Freundin: Delphine de Vigan hat mit „Nach einer wahren Geschichte“ einen Roman geschrieben, in dem sich die Wahrheit über sie selbst als Fake herausstellt. Aus Paris berichtet Anne Haeming
  •  literaturkritik.de: Wenn der Dämon in uns aus seinem Schlaf erwacht. In ihrem neuen Roman „Les loyautés“ untersucht Delphine de Vigan das Phänomen der Treue — gegenüber unseren Mitmenschen, der Vergangenheit und uns selbst. Von Anna-Zoe Mauel Erschienen am: 05.10.2018

Please rate this

1 Kommentar

  1. Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 20.12.2018
    Zum Glück für Delphine de Vigan ist deren Roman zumindest „kurz“ und „kurzweilig“, meint Rezensent Jan Jekal: Knappe Kapitel, multiple Perspektiven, ein flott erzähltes Sozialdrama – viel mehr braucht man offenbar nicht für den literarischen Erfolg. Zudem macht de Vigan es ihren Lesern sehr leicht, die Beweg- und Hintergründe, die Emotionen, Ängste und Unfähigkeiten ihrer Figuren zu durchschauen – zu leicht, findet der Rezensent. Vom showing-not-telling-Prinzip hält sie offenbar wenig, stellt Jekal fest, denn sie lässt keinerlei Raum für Fantasie und Projektionen. Die Lehrerin Helène, der pubertierende Théo, sowie dessen Eltern und Klassenkameraden wissen erstaunlich gut über ihr Innenleben Bescheid und breiten dieses entsprechend genau vor dem Leser aus, wozu sie nicht selten ein paar schwächelnde und ungeschickte Metaphern bemühen. Auf diese Weise wird Identifikation verhindert, die Figuren bleiben flach und unnahbar, ihr Leiden dem Leser gleichgültig, seufzt der Kritiker. Und Humor? Den verbittet sich die Autorin, schließt der enttäuschte Rezensent.

    Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.10.2018
    Rezensent Niklas Bender schätzt die verschiedenen literarischen Sensibilitäten der Delphine de Vigan. Der neue Roman der Autorin bietet ihm das Porträt einer dysfunktionalen Familie im Angesicht des sozialen Abstiegs. Die unterschiedlichen Perspektiven im Text, die komplementären Sichtweisen der Figuren tragen für Bender wesentlich zum Gelingen bei, ebenso das Einfließen persönlicher Erfahrungen und ihre gekonnte literarische Verwandlung. Das Resultat ist laut Bender ein authentisch wirkendes Bild der Gegenwart und eine Darstellung psychozialer Probleme, die nicht dem Zeitgeist hinterherrennt.

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.