Han Kang: Menschenwerk (2017 / 2019)

37772771. sy475 „Ich kämpfe, jeden Tag. Ich kämpfe gegen die Schande, überlebt zu haben und immer noch am Leben zu sein. Ich kämpfe gegen die Tatsache, dass ich ein Mensch bin. Und Sie, ebenso ein Mensch wie ich, welche Antworten können Sie mir geben?“

Ein Junge ist gestorben, und die Hinterbliebenen müssen weiterleben. Doch was ist ihnen ihr Leben noch wert? Han Kang beschreibt in ihrem neuen Roman, wie dehnbar die Grenzen menschlicher Leidensfähigkeit sind. Ein höchst mutiges Buch und ein brennender Aufruf gegen jede Art von Gewalt.

»Han Kang zu lesen ist wie in einen Strudel aus Brutalität und Zärtlichkeit geworfen zu werden, aus dem man durchgeschüttelt, perplex und tief bewegt wieder auftaucht.« Doris Dörrie

Hardcover, 214 pages
Published 2017 by Aufbau Verlag (first published May 19th 2014)
Original Title ??? ??
ISBN 3351036833 (ISBN13: 9783351036836)
Edition Language German
URL http://www.aufbau-verlag.de/index.php/menschenwerk.html
setting
South Korea, 1980 (Korea, Republic of)

Geschichte

Der Aufstand

Der Gwangju-Aufstand in der südkoreanischen Stadt Gwangju im Mai 1980, in Südkorea 18. Mai Gwangju Demokratiebewegung genannt, entstand aus einer eskalierenden studentischen Demonstration, die sich gegen die herrschende Militärdiktatur und das verhängte Kriegsrecht richtete und gleichzeitig der Forderung Nachdruck verleihen sollte, Kim Dae-jung, einen Oppositionspolitiker, anerkannten Führer der Demokratiebewegung und späteren Präsidenten der Republik Südkorea, wieder freizulassen.

Die anfangs friedliche Demonstration, durchgeführt am 18. Mai, wurde vom Militär mit dem Einsatz von brutaler Gewalt beendet. Der anschließende Aufstand von Studenten, Arbeitern und einfachen Bürgern gegen das Militär, der an verschiedenen Tagen bis zu 200.000 Menschen mobilisierte, wurde am 20. und 21. Mai mit einem Gemetzel an der Bevölkerung beantwortet und am 27. Mai mit einem Massaker an den verbliebenen Demonstranten niedergeschlagen. Seither gilt der Gwangju-Aufstand als Symbol für die Unterdrückung der Demokratiebewegung in Südkorea der 1980er Jahre.

https://de.wikipedia.org/wiki/Gwangju-Aufstand

  • Chun Doo hwan südkoreanischer Präsident vom 1. September 1980 bis 24. Februar 1988

SZ: Koreanische Literatur: Ein Herz, groß wie ein Apfelkern. Sieben Leichen und sieben Erzählperspektiven: Han Kang, die Autorin von „Die Vegetarierin“, schreibt über das Massaker von Gwangju, wo 1980 die Militärdiktatur einen Aufstand brutal niederschlug. Von Juliane Liebert 9. Oktober 2017, 16:49 Uhr

literaturkritk.de: Dieses verdammte Leben. Han Kangs Roman „Menschenwerk“ erzählt anhand eines vergessenen Massakers von der Last, ein Mensch zu sein. Von Charlotte Neuhauss Letzte Änderung: 07.11.2017 – 23:32:47

DLF: Eine große Erzählung über Grausamkeit und Würde. Protest und Massaker: Han Kangs „Menschenwerk“ erzählt aus der jüngeren Geschichte Südkoreas. In ihrem neuen Roman erzählt die südkoreanische Schriftstellerin die Geschichte der Studentenproteste 1980 in ihrer Heimatstadt Gwangju, die die Militärregierung mit einem Massaker zerschlug: Ein Roman von atmosphärischer Dichte, der den Leser fassungslos zurücklässt. Von Carsten Hueck Beitrag vom 19.09.2017

FAZ: „Was Menschen zur Gewalt treibt, hat mich schon als Kind interessiert“ Die südkoreanische Schriftstellerin Han Kang im Interview mit der „Frankfurter Allgemeine Quarterly“ über ihren neuen Roman „Menschenwerk“, die Schatten der Vergangenheit und Nordkorea. Text: ANNE AMERI-SIEMENS 14.09.2017

Personen

Personen

Der getötete Junge Dong-Ho, sein Freund, seine Mutter, zwei Frauen, ein Gefangener, die Autorin.

Dong-Ho

15-jährige Dong Ho, ein Schüler, der mit einem gleichaltrigen Freund in einen Demonstrationszug gerät und es sich nicht verzeihen kann, in dem Augenblick, als die ersten Schüsse fallen, dessen Hand loszulassen. Der Freund stirbt. Später hilft Dong Ho, die Getöteten zu bergen und in eine Schule zu bringen, wo Verwandte sie identifizieren können.

Als die Soldaten schließlich auch die Schule stürmen, wird Dong Ho erschossen. Die anderen überleben. Ihre Erzählungen sind Rückblicke, datiert auf die Folgejahre des Massakers. Von Haft und Folter, Depression, Einsamkeit und Schuldgefühlen wird berichtet. Und von der Unmöglichkeit, normal weiterzuleben.

Jeong-Dae

niedergeschossen in einer friedlichen Demonstration, auf einen Lastwagen geworfen und zum Verfaulen in einen Hinterhof gekarrt. Erbarmungslos ist die Szene, in klarer Sprache herangezoomt bis zu den Maden, die seine Augen zerfressen. Dazu gesellt sich ein eigenartiger Romantizismus: Seine Seele ist es, die Jeong-Daes verfallenden Körper umschwirrt, seine Geschichte erzählt. Sie scheint nichts verloren zu haben zwischen den Leichenbergen, sie wirkt so unangemessen kitschig wie das Mädchen im roten Kleid in Spielbergs "Schindlers Liste". Als ob das Grauen nicht zu ertragen wäre ohne das Übernatürliche.

Eun-Suk

Eun-Suk, einer jungen Verlagsangestellten, vergeht über dieser Tatsache völlig der Appetit. Beim Essen überkommt sie Scham, und beim Geruch von gegrilltem Fleisch befällt sie heftige Übelkeit. Ihre Verzweiflung geht so weit, dass sie sich wünscht, „dieses verdammte Leben würde keine Sekunde länger dauern als nötig.“

So wird Eun-Suk nicht müde, sich bei der Verwaltung über den laufenden Springbrunnen zu beschweren, wo es doch wahrlich „nichts zu feiern gibt“.

Seon-Ju

Seon-Jus Perspektive geschildert, die nicht nur zögert, eine sterbenskranke Freundin im Krankenhaus zu besuchen, aus Furcht, die gemeinsamen Erinnerungen an das Massaker könnten wiederaufleben, sondern auch mit der Entscheidung ringt, ob sie einem Forscher einen dringend benötigten Zeugenbericht zukommen lassen soll. Wie soll sie die passenden Worte finden, um zu beschreiben, was sie durchlitten hat, kann sie nach der ausgedehnten Folter durch die Soldaten doch keine menschliche Berührung mehr ertragen? Ist das überhaupt möglich?

Han Kang

Im Epilog spricht die Autorin Han Kang selbst. Sie ist in Gwangju geboren. Vor dem Massaker waren ihre Eltern nach Seoul gezogen und hatten ihr Haus an die Familie von Dong Ho verkauft. Es ist eine reale Figur, die zum Auslöser für den Roman wurde, und tatsächlich klingt Han Kangs Sprache sehr sachlich, ihre Sätze sind kurz. Aber durch ihr enormes Vermögen dabei auch sinnliche, stille, poetische und mitunter surreale Bilder zu schaffen – eines der anrührendsten: der Monolog einer Seele, die sich vergeblich bemüht von einem der verwesenden Körper auf einem Leichenhaufen loszukommen – ist dieser Roman von einer atmosphärischen Dichte, die den Leser fassungslos zurücklässt.

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1 Kommentar

  1. Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 29.11.2017
    Karl-Markus Gauß begibt sich mit dem Roman der südkoreanischen Autorin Han Kang in das Grauen des „Massakers von Gwangju“ und seiner Folgen. Wie die Autorin die Gewalt und das Leid ohne expressive Sprache, sondern fast sachlich, doch mit eindringlichen Bildern schildert und sich dafür auf Dokumente wie Tagebücher stützt, findet er bemerkenswert. Dass dabei keine Chronik herauskommt, sondern ein Roman, liegt laut Rezensent an der Freiheit der künstlerischen Gestaltung, die die Autorin über den Quellen walten lässt, so dass die Historie zugleich individuell und exemplarisch erscheint. So kann Han Kang zugleich informieren, aufklären und verstören, schreibt der Rezensent.

    Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 10.10.2017
    Juliane Liebert sieht Hang Kangs literarische Bewältigung des Massakers von Gwangju, das der Demokratie-Bewegung in Südkorea 1980 ein vorläufiges Ende bereitete, kritisch. Den Kunstgriff, das Grauen aus Sicht der Toten zu erzählen, findet sie bemerkenswert, bekommt der Leser dadurch doch eine Ahnung von der Ungeheuerlichkeit des Geschehens und der damit verbundenen Erfahrungen. Andererseits lässt sie die durchästhetisierte Konstruiertheit des Textes die individualisierte Gewalterfahrung vermissen. Den Fallen beim Erzählen von einem Massaker kann die Autorin laut Liebert weitgehend entkommen, sodass das Erzählte am Ende des Buches „ins Reale schwappt“.

    Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 07.10.2017
    Christiane Pöhlmann anerkennt, wie die südkoreanische Schriftstellerin Han Kang in ihrem Buch das Massaker von Gwanju aufarbeitet. Die leitenden Fragen nach der Grausamkeit des Menschen führen Pöhlmann in ein vielstimmiges, beinahe sachliches Panorama der Gewalt und des menschlichen Leids. Dass die Autorin darüber hinaus nur wenig Hintergrund oder historische Kontinuitäten zeigt und die Dialoge hölzern, die Figuren fremd bleiben, gefällt der Rezensentin weniger gut.
    Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.09.2017
    Rezensent Tilman Spreckelsen liest Han Kangs im koreanischen Original bereits 2014 erschienenen Roman über das Gwangju-Massaker genauso behutsam wie die Autorin. Kangs dokumentarischer Ansatz, ihr Detailinteresse und der Einbezug großer historischer Linien bis in die Gegenwart fällt dem Rezensenten dabei positiv auf. Auch, dass die Autorin das Leid nicht ästhetisiert. So kann der Text laut Spreckelsen über die Schilderung Koreas in den 80er Jahren hinauswachsen, das Allgemeine im Konkreten finde, ohne beliebig zu werden.

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