Saša Stanišic: Herkunft (2019) – November 2019

44429051HERKUNFT ist ein Buch über den ersten Zufall unserer Biografie: irgendwo geboren werden. Und was danach kommt.

HERKUNFT ist ein Buch über meine Heimaten, in der Erinnerung und der Erfindung. Ein Buch über Sprache, Schwarzarbeit, die Stafette der Jugend und viele Sommer. Den Sommer, als mein Großvater meiner Großmutter beim Tanzen derart auf den Fuß trat, dass ich beinahe nie geboren worden wäre. Den Sommer, als ich fast ertrank. Den Sommer, in dem Angela Merkel die Grenzen öffnen ließ und der dem Sommer ähnlich war, als ich über viele Grenzen nach Deutschland floh.

HERKUNFT ist ein Abschied von meiner dementen Großmutter. Während ich Erinnerungen sammle, verliert sie ihre. HERKUNFT ist traurig, weil Herkunft für mich zu tun hat mit dem, das nicht mehr zu haben ist.

In HERKUNFT sprechen die Toten und die Schlangen, und meine Großtante Zagorka macht sich in die Sowjetunion auf, um Kosmonautin zu werden.

Diese sind auch HERKUNFT: ein Flößer, ein Bremser, eine Marxismus-Professorin, die Marx vergessen hat. Ein bosnischer Polizist, der gern bestochen werden möchte. Ein Wehrmachtssoldat, der Milch mag. Eine Grundschule für drei Schüler. Ein Nationalismus. Ein Yugo. Ein Tito. Ein Eichendorff. Ein Saša Stanišic.

Hardcover, 350 pages
Published March 17th 2019 by Luchterhand
ISBN13 9783630874739
Edition Language German

Višegrad

literaturkritik.de: Variablen der Sehnsucht. Saša Stanišics brillant geschriebenes Buch „Herkunft“ dreht sich um Erinnerung und Erinnerungsverlust Von Stefan Jäger Letzte Änderung: 22.04.2019

ZEIT: Die Deutschen überholen. Saša Stanišic erzählt in seinem autobiografischen Buch „Herkunft“, wie er aus Bosnien nach Heidelberg kam und lernte, Eichendorff, Hölderlin und die Alpen zu lieben. Eine Rezension von Ijoma Mangold 13. März 2019

DLF: Saša Stanišic über „Herkunft“Vorsicht vor dem „Zugehörigkeitskitsch“ Moderation: Jörg Plath Beitrag vom 23.03.2019

DLF: Saša Stanišic: „Herkunft“Die Erfindung des Lebens Von Helmut Böttiger Beitrag vom 20.03.2019

FAZ: Heimat ist, wo die Drachen sprechen. Fundgrube der Erinnerung: Saša Stanišic als Kind mit seinem Großvater an der Drinabrücke in Višegrad. Aus einem Lebenslauf für die Ausländerbehörde wurde ein autofiktionaler Roman: In „Herkunft“ sucht Saša Stanišic bei Lebenden und Toten nach Antworten auf die Frage, wer er ist. Sandra Kegel 18.03.2019

SPON: Ein Superbuch! Leben nach der Migration: Saša Stanišic schreibt mit kindlich-poetischer Weisheit über den Verlust der Heimat und die Angst vor der Ankunft in Deutschland. Von Volker Weidermann Mittwoch, 20.03.2019

SWR2: Buch der Woche vom 17.3.2019 Saša Stanišic: Herkunft Ulrich Rüdenauer Was prägt uns, was macht uns zu dem, was wir sind? Und woher kommen wir eigentlich? Die Frage nach der Herkunft berührt Vergangenheit und Gegenwart zugleich. Und für einen Schriftsteller ist sie auch eine nach den Ursprüngen der Sprache. In seinem neuen Buch erzählt Saša Stanišic von seinem eigenen Leben – und dem Leben überhaupt. 18.3.2019

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1 Kommentar

  1. Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 02.04.2019
    Cornelia Geißler staunt, dass es Sasa Stanisic gelingt, über seine Herkunft, Flucht und Entwicklung zu schreiben, über aktuelle Fragen zur Migration und zugleich seine eigene Arbeitsweise zu reflektieren, indem er zwischen Roman und Autobiografie, zwischen Erinnerung, Recherche und Fantasie pendelt – und das alles mit Humor und ohne dass der Text darüber zerfällt und unleserlich wird. Für Geißler ein Hinweis auf die literarische Meisterschaft des Autors und für den Leser ein Abenteuer, weil der Text laut Rezensentin so viele Gedanken anstößt, dazu einlädt, ihn mit eigenen Erfahrungen abzugleichen.

    Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 23.03.2019
    Rezensent Paul Jandl hält Autor Saša Stanišic nach der Lektüre seines neuen, autobiografisch geprägten Buches „Herkunft“ vor allem für einen Menschenfreund, so liebevoll findet er die Beschreibungen von den Menschen, die Stanišic hier auftreten lässt: Der dementen Großmutter in Višegrad und den Migranten und Abgehängten, die er als Jugendlicher nach der Auswanderung aus Bosnien und Herzegowina regelmäßig an einer Tankstelle nahe Heidelberg trifft, widme er sich poetisch und einfallsreich, etwa wenn Verrücktheit als „am Konsens vorbeileben“ beschrieben werde. Wenn er hingegen von Ereignissen wie einem Anschlag auf ein Ayslbewerberheim in Rostock-Lichtenhagen berichtet, schreibt er in einem kunstvollen essayistischen Ton gegen den Hass an, so Jandl. Der beeindruckte Kritiker hat diese feinfühligen Erinnerungen und Anekdoten aus einem bewegten Leben mit vielen Heimaten sehr genossen.

    Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 21.03.2019
    Für Rezensent Helmut Böttiger legt mit Sasa Stanisic ein spannender Gegenwartsautor sein neues Buch vor. Weder Roman noch Essay ist es für ihn, am ehesten noch ein autobiografischer Streifzug durch Erinnerungen an eine bosnische Kindheit und die spätere Sozialisation als Migrant in Heidelberg. Sprache, Literatur, Emigration, Ausgrenzung sind Themen, die Stanisic laut Böttiger multiperspektivisch und mit Hang zum Fabulieren reflektiert. Dabei zeigt sich für Böttiger die Stärke des Autors im immer wieder neu Ansetzen und Ausschweifen. Meist ergibt das laut Rezensent schön flirrende, poetische und märchenhafte Eindrücke, mitunter blitzt der „klare, unbestechliche“ politische Blick des Autors auf, und nur selten erscheint ihm das Erzählen allzu twitterlike knapp und prekär.

    Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 20.03.2019
    Dirk Knipphals nimmt Sasa Stanisic den Wunsch ab, wirklich von seiner Herkunft und Heimat zu erzählen. Dass der Autor mit Visegrad an der Drina und Jugoslawien gleich zwei Heimaten verloren und bei der Integration in Heidelberg und Hamburg viel Glück gehabt hat, macht die Sache für Knipphals mindestens ebenso lesenswert wie der Umstand, dass der Autor erzählerisch Ambivalenzen aushält und ironisch und witzig schreibt. Wenn Stanisic seine Großmutter besucht und in Erinnerungen wühlt, wird es laut Knipphals nie nostalgisch; das dünne Eis, auf dem diese Lebensgeschichte sich abspielt, hört er mehr als einmal knacken. Beeindruckt haben ihn aber vor allem der Wille und die Fähigkeit des Autors, an allen falschen Heimatdiskursen sicher vorbeizusegeln und sich seine Heimat dennoch erzählend zurückzuerobern.

    Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 19.03.2019
    Rezensentin Marie Schmidt erhält in Sasa Stanisics autobiografischer Spurensuche gleich mehrere Enden und mehrere Antworten auf die Frage nach der Herkunft. Dass es sich mit der Heimat bei diesem Autor nicht so eindeutig verhält, macht laut Schmidt den Reiz des Buches aus, ferner seine Komik, seine Eleganz. Wenn der Autor nach Herkunft und Familie fahndet, in Hamburg und Visegrad, Jugoslawien, wenn er von der Flucht vor dem Krieg und seiner Schriftstellerwerdung berichtet, erscheint es Schmidt doch nicht als Kreisen um sich selbst. Dank feiner Empathie, Verständniswillen und „Formgenie“ gelingt das Buch und gelingt sogar die Anknüpfung an aktuelle Diskussionen über Migration, ganz ohne Bitterkeit, stellt Schmidt bewundernd fest.

    Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 17.03.2019
    Das Wort Lebensabriss kommt Rezensent Tobias Rüther beim Lesen von Sasa Stanisics autobiografischem Bericht in den Sinn. Nicht, weil Stanisic schnell und kompakt erzählen würde, das tue er nicht, sondern weil sein Leben tatsächlich abgerissen sei, als seine bosnisch-serbische Familie 1992 gezwungen wurde, das auseinanderkrachende Jugoslawien zu verlassen. Essayistisch-dichterisch umkreist Stanisic in diesem filigranen Buch die Geschichte seines Leben und die Bedeutung der Herkunft, erklärt Rüther: Ist sie ein Ort, eine Zeit oder ein Gestaltwandler? Am Ende wertet der eingenommene Rezensent es als eine Art „höhere poetische Beamtenweisheit“, dass die deutschen Behörden Stanisiscs Aufenthaltsgenehmigung stets an seine „Tätigkeit als Schriftsteller“ knüpften.

    Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.03.2019
    Rezensentin Sandra Kegel erfährt mit den autobiografischen Prosaminiaturen von Sasa Stanisic, was Heimat ist: ein Fluss, der in alle Richtungen fließt, das Schreiben des Autors selbst, ein Geäst der Möglichkeiten. So komplex die Frage nach der Herkunft ist, so vielfältig die Antworten, die der Autor in seinen Erinnerungen und der Geschichte seiner inzwischen weit verstreuten Familie aus Exjugoslawien findet, erklärt Kegel den Reiz des Buches. Dass die politischen Umwälzungen Europas genauso bedeutsam werden wie Anekdoten von Familienfesten und Fantastisches, wenn der Autor Gegenwart und Vergangenheit miteinander verschränkt, scheint Kegel gut nachvollziehbar. Ein zauberhaftes Anschreiben gegen das Vergessen, findet sie.

    Rezensionsnotiz zu Die Welt, 16.03.2019
    Richard Kämmerlings will das neue Buch von Sasa Stanisic nicht als „wichtig“ bezeichnen, das würde ihm nicht gerecht werden. „Herkunft“ sei von großer Bedeutung. Stanisic folgt darin seiner eigenen Familiengeschichte, dem Zerfall Jugowslawiens und der Vertreibung der nicht genehmen Menschen aus den neuen Nationen. In dem Debütroman „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ hatte Stanisic die Tragödie des Bosnienkrieges bereits zu einer „zutiefst humanen“ Geschichte transzendiert, erinnert Kämmerlings, doch wenn er jetzt zu seiner Großmutter ins Dorf Oskorusa in den Bergen bei Visegrad zurückkehre, dann weiß der Rezensent, dass der Autor mit der persönlich-poetischen Fiktion auch etwas über das Heute erzählt, in der „die Kategorien von Eigenem und Fremden“ wieder die Menschen klassifizieren.

    Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 14.03.2019
    Für den Rezensenten Ijoma Mangold ist Sasa Stanisic der „Libero“ der deutschen Gegenwartsliteratur mit Migrationshintergrund: Verspielt mit den Sätzen dribbelnd, dabei Reflexion und Gefühl nicht ausparend, erzählt ihm der in Jugoslawien geborene Autor hier von seiner Ankunft in Deutschland. Scham, Demütigungen und Ausgrenzung erlebt Stanisic immer wieder, begegnet ihnen aber mit der ihm eigenen „Frohnatur“, weiß der Kritiker, der bei Stanisic nachliest, weshalb dieser sich lieber als Slowene denn als Bosnier ausgab oder sich vor Fachwerkhäusern fürchtete. Und wenn ihm der Autor von seiner Begegnung mit der deutschen Romantik erzählt, hat Mangold selten jemand schöner Eichendorff singen hören als Stanisic.

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