Patricia Highsmith: Der süße Wahn (2005)

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Ein junger Mann, David Kelsey, lebt zwei Leben zugleich. Während der Woche ist er der keusche Bewohner einer billigen Pension – und am Wochenende bewohnt er unter anderem Namen ein hübsches Haus, das für zwei eingerichtet ist, und wartet auf die Frau, die er liebt. Doch Annabelle kommt nicht, denn sie hat einen anderen geheiratet. David Kelsey sieht darin kein großes Problem. Er muss Annabelle nur davon überzeugen, dass sie eigentlich ihn liebt. Bis es zwischen den Rivalen zum Kampf kommt und einer tot am Boden liegt. ‚Der süße Wahn‘ ist Patricia Highsmiths verstörendstes Buch über blinde Liebe, Verstellung, Mord und das menschlichste Motiv von allen: die verzweifelte Suche nach Glück.

Author: Patricia Highsmith

Year: 2005

Publisher: Diogenes

ISBN: 3257234074

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1 Kommentar

  1. akpe

    Februar 14, 2007 um 7:44 am

    Süddeutsche Zeitung, 27.01.2004
    So süß ist dieser Ekel

    Wie gut, dass es diese Neuausgabe gibt: Zwei Romane von Patricia Highsmith

    Sprich von langweiligen Dingen, aber mach es spannend: Niemand kann das so gut wie Patricia Highsmith. David Kelsey arbeitet als Chemiker in einer kleinen Stadt Neuenglands. Er wohnt in einer Pension, wo man nach zehn Uhr abends keinen Damenbesuch mehr empfangen darf (das Jahr ist 1959), und da er dies nie versucht, so gilt er seiner betulichen Hauswirtin als engelhaftes Muster eines jungen Mannes. Am Wochenende aber führt er sein wahres Leben. Unter anderem Namen hat er ein Haus gekauft, hübsch eingerichtet – was damals eben hübsch hieß, beige und braun – und gibt sich dem Traum hin, hier mit seiner Annabelle zusammenzusein.

    Annabelle ist längst anderwärts verheiratet, aber David weiß, das war ein Fehler von ihr. Er schenkt ihnen beiden Sekt ein, parliert mit ihr, als ob sie da wäre, und am Abend zieht er die Bettdecke an sich, umarmt sie und gelangt so zur letzten Seligkeit. Dann gibt es da noch Wes, seinen kumpelhaft aufdringlichen Arbeitskollegen, verheiratet mit einem zeternden Scheuerweib, und Effie, ein Mädchen in derselben Pension, die schüchtern um David wirbt und, obwohl er sie gereizt zurückweist, allmählich immer kühner und verzweifelter wird.

    In diesen Leben geht es weder vor noch zurück, sie stinken förmlich nach Öde und Unglück. Das geht bis in die kleinsten Einzelheiten. Es wäre an sich gar nicht so schlimm, was David mit der alten Mrs. Beecham anstellt, die ein Kämmerlein in derselben Pension bewohnt: Sie häkelt, gerührt von seinen Sohnes-Erzählungen, ein Bettjäckchen nach dem anderen als Geschenk für seine Mutter – „Sie wissen ja, wie schnell es mir von der Hand geht, David, und wem sollte ich sie sonst schenken?”. Davids Mutter ist seit vielen Jahren tot. Aber als die Schwindelei auffliegt, muss er Mrs. Beecham alles gestehen; ihre Enttäuschung und seine Beschämung verdichten sich zu einer Szene von unerträglicher Beklemmung. Nach hundert Seiten gibt es immer noch nichts als „die Situation‘; und dennoch kann es der Leser kaum erwarten, wie es weitergeht, denn eines ist sicher: Veränderung wird hier nur durch Gewalt geschaffen werden.

    Gewalt versteht sich für Highsmith immer von selbst. „Zufällig‘ tötet David zwei Menschen – erst Annabelles Ehemann, der ihn wutentbrannt aufsucht, um sich weitere briefliche Belästigungen seiner Gattin zu verbitten, und dann Effie, die sich betrunken in Davids Bett legt und nicht weiß, dass sie damit an die Stelle der phantasierten Annabelle vordringt. Beidemale schubst David nur ein bisschen zu stark, aber schon klickt ein Wirbel, und aus ist es. Der Leser spürt, nicht ohne Unbehagen und mit erheblicher Bewunderung für die Kunst der Autorin, die das vermag: Er hätte dem Helden vergeben und gemeinsam mit ihm vor den Ermittlungen gezittert, selbst wenn es eigentlicher Mord gewesen wäre. Moral hat in dieser gedrückten dichten Atmosphäre glaubhaft aufgehört zu existieren; und zwar nicht so, wie der klassische „Whodunit” von Agatha Christie die Tötung eines Menschen zur frivolen Denksportaufgabe reduziert: sondern weil Highsmith ihren steifen, selbstsüchtigen Helden liebt, so sehr liebt, wie er selbst sein Phantasma.

    Zwei Karten zum Fenstersturz

    „Der süße Wahn” heißt der Roman in deutscher Übersetzung, und Paul Ingendaay erläutert in seinem Nachwort den Titel: Ein süßer Wahn eben sei die Liebe, die den beiden anderen, verhängnisvollen Kräften, der Geisteskrankheit und dem Verbrechen, existenzverwandelnd entgegentrete, als „Idee”. So macht er Highsmith zu einer Romantikerin. Aber Liebe, Geisteskrankheit, Verbrechen, das eben ist für Highsmith ein und dasselbe, ein Dreieck, das dichthält: „The Sweet Sickness”, wie es im Original heißt, worin das Süße und das Speiüble sich zum Zungenkuss verschlingen.

    Zum Schluss erst, als David für sich allein zwei Karten im Museum löst und sich aus dem Fenster stürzt, wird die „Idee” mit ihrem Träger von außen anschaubar als klinisches Bild der Schizophrenie. Und erst jetzt beginnt man über den Spinner die Achseln zu zucken; das Ganze verpufft. Vorher aber nimmt man es hin, die ganze Highsmith-typische Mischung aus beiläufiger Tat und den mühseligen Weiterungen, die aus ihr und den sie umhegenden und verwickelnden Lügen entspringen, weil man weiß, mit einer fast masochistischen Genugtuung: so muss es sein, das Wahrscheinliche so gut wie das Unwahrscheinliche.

    Und Highsmith tut es wieder. Gleichzeitig mit „The Sweet Sickness” ist in der auf 35 Bände angelegten Werkausgabe bei Diogenes „Die gläserne Zelle” erschienen, ebenfalls in den frühen Sechzigern verfasst. Die Helden ähneln sich wie die Opfer eines Serienkillers. Philip Carter muss sechs Jahre wegen eines Betrugs absitzen, den er nicht begangen hat; seine Frau Hazel, mit dem gemeinsamen Sohn, wartet auf ihn, aber sie tröstet sich in der Zwischenzeit mit ihrem Anwalt. Auf diese Situation trifft Carter, als er wieder herauskommt.

    Langsam nur erschließt sich ihm die Tiefe und Dauer dieser Beziehung; und Highsmith malt ein erstickendes Bild der Eifersucht, dieser demütigendsten und lähmendsten aller Leidenschaften. Diesmal sind es ein Totschlag und ein Mord (wenn man so fein unterscheiden will), durch die der Held sich Luft verschafft. Und er kommt durch damit, dank einer hanebüchenen Alibi-Intrige. Im Gegensatz zum „Süßen Wahn” hält hier die Spannung bis zur letzten Seite, ja bis zur letzten Zeile an: Wie reagiert eine Ehefrau auf ihren Mann, wenn sie ziemlich sicher sein kann, dass er es war, der ihren Geliebten ermordet hat? Sie bringt ihm, als er aus dem Polizeigewahrsam entlassen wird, ein sauberes Hemd.

    „Dann richtete er sich auf und knöpfte das knisternde, saubere Hemd zu – das Symbol eines neuen Lebens. Er drehte sich zu Hazel um, die ihn ansah. Vielleicht fühlte sie dasselbe wie er – ganz bestimmt, so wie sie ihn jetzt ansah –: dass sie beide Furchtbares angerichtet hatten, aber dass es noch etwas zu retten gab und dass es die Mühe auch wert war. Sie hatten nicht alles zerstört. Es war noch eine Menge übrig, geradezu im Überfluss, und alles würde gut werden.”

    Nie wurden der klassische Märchenschluss und das Motiv der weißen Weste mit einer zwielichtigeren Ironie gehandhabt. Selbst das glückliche Ende scheint hier ein Akt der Gewalt, nunmehr unmittelbar von der Erzählerin verübt; und der Leser lässt es sich, gefesselt, bieten.

    Was man keinesfalls tun sollte: sich eins dieser Bücher an einem schlechten Tag vornehmen. Es sind starke Bücher. Nur der heitere, mindestens der ausgeglichene Leser hält ihnen stand. Sonst nämlich, wenn er für den Schatten empfänglich ist, werden sie ihn wie mit einem Hammer niederschlagen.

    BURKHARD MÜLLER

    PATRICIA HIGHSMITH: Der süße Wahn. Roman. Aus dem Amerikanischen von Christa E. Seibicke. 443 S.

    PATRICIA HIGHSMITH: Die gläserne Zelle. Roman. Aus dem Amerikanischen von Werner Richter. 381 S. Beide mit einem Nachwort von Paul Ingendaay. Diogenes Verlag, Zürich 2003. Jeder Band 21,90 Euro.

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