Éric Vuillard: 14. Juli (2016 / 2019)

44788973. sy475 Der Sommer 1789 ist herrlich warm und so schön, dass man die Hungersnot im vorangegangenen bitterkalten Winter leicht vergessen kann, zumindest in den Palästen. Im Volk aber wächst die Unzufriedenheit über die Willkür und Dekadenz der herrschenden Klassen, bis die drückende Hitze schließlich kaum mehr auszuhalten ist.

Eines Nachts versammeln sich erste Gruppen in der Dunkelheit. Waffenarsenale werden gestürmt, Theaterrequisiten geplündert.

Aus falschen Speeren werden echte Schlagstöcke.

Die Kirchenglocken in Paris schlagen Alarm, doch zu spät: Am Morgen des 14. Juli hat sich die Menge bereits vor den Toren der Bastille versammelt – sie wird Europa für immer verändern.

Éric Vuillard schildert die Geburtsstunde der französischen Revolution als bildreiches Panorama voller Miniaturen, die uns daran erinnern, dass Freiheit auch Gleichheit aller Menschen vor der Geschichte bedeutet.

„Eine Liebeserklärung an die menschliche Vorstellungskraft in einem überwältigenden Text. Ein Buch mit emotionaler Kraft, das zugleich auch das Elend unserer Zivilisation spiegelt.“ – Le Monde des Livres

Nicola Denis (Translator)
Kindle Edition, 100 pages
Published March 29th 2019 by Matthes & Seitz Berlin Verlag (first published August 17th 2016)
Original Title 14 juillet
ISBN 978-3-95757-519-7

FAZ: Éric Vuillards Revolutionsbuch : Einfach alles zerschmettern? Der Sturm auf die Bastille am 14. Juli 1789 Kampfgeschrei im Ohr, Gestank von Schweiß und Kot in der Nase: Éric Vuillard schildert in seinem Roman „14. Juli“ drastisch die Revolution – mit einer fragwürdigen Moral für die Gegenwart. Von Bastian Reinert – Aktualisiert am 02.06.2019-21:50

DLF: Die Namenlosen, die Schafott und Geschichtsbüchern entronnen sind. Eric Vuillard erzählt die (Vor-)Geschichte der Französischen Revolution aus Sicht der Namenlosen mit Sinn fürs Detail. Tempo- und wortreich lässt er so die stickige Juli-Hitze fühlen und die Unruhe, die Paris durchzog. Ein mitreißendes Buch. Von Sigrid Brinkmann Beitrag vom 30.03.2019

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1 Kommentar

  1. Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 12.07.2019
    Rezensent Walter van Rossum würdigt die restaurative Leistung, die er in Eric Vuillards essayistischer Erzählung über den Sturm auf die Bastille erkennt. Dabei beschreibt er zunächst das (immer gleiche) Verfahren des Autors, der in seinen Büchern über historische Schlüsselereignisse den Anspruch verfolgt, durch Imagination die Lücken zu füllen, die in historiografischen Quellen klaffen: „Gefühle, Atmosphären, Stimmungen“. Dadurch bricht Vuillard laut Rezensent die distanzierte Theoretisierung des Ereignisses und gibt ihm die „Unruhe des Moments“ zurück. Wie Vuillard eben nicht von ökonomischen und politischen Ursachen, sondern eben vom Einzelnen, vom „revolutionären Bodensatz“ erzählt, ohne ihn zu heroisieren, raubt dem Rezensenten den Atem. Vuillard räumt dem Pöbel wieder seinen ihm zustehenden Platz in der Geschichte ein, der ihm von den Historikern verwehrt wurde, schließt van Rossum.

    Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 29.06.2019
    Rezensent Niklas Weber liest Éric Vuillards Récit als „Vulgärhistoriografie“, meint das aber durchaus positiv. Seiner Meinung nach will der Autor den Sturm auf die Bastille aus der Perspektive der ArbeiterInnen schildern. Tatsächlich zeigt er sich dabei in den Augen des Kritikers durchaus tendenziös, wenn er das Leid der Arbeiter stereotyp gegen die Dekadenz des Ancien Régimes abgrenzt. Aber Weber kann die Schwarz-Weiß-Zeichnung durchaus nachvollziehen, schließlich soll dem Rezensenten zufolge das Erleben des Volkes hier erfahrbar gemacht werden. Und das ist Vuillard seiner Meinung nach gut gelungen.

    Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.05.2019
    Rezensent Bastian Reinert kann Verwesung, Kot und Schweiß geradezu riechen in diesem Roman von Eric Vuillard, der in Deutschland erst mit dem großen Erfolg von „Die Tagesordnung“ bekannt wurde. Dabei scheint Vuillards dokumentarfilmische, „rhapsodische“ Erzählung der französischen Revolution erstaunlich aktuell, erkennt der Kritiker, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass der Roman weit mehr als das „Buch zur Stunde“ der Gelbwesten ist. In Vuillard-typischen Miniaturen folgt er hier den anonymen Akteuren der Revolution, betrachtet die Vergessenen in der Totalen und rechnet dem Autor hoch an, dass dieser keinen Anspruch auf „objektive Historiografie“ erhebt, sondern in Tradition Hayden Whites die „Fiktion des Faktischen“ kenntlich macht. Dass sich Vuillard auf den letzten Seiten mit dem Ruf nach dem „Zerschmettern“ der Bourgeoisie dann doch noch mit den jüngsten Aufständen gemein macht, nimmt ihm der Kritiker allerdings übel.

    Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 26.04.2019
    Martin Oehlen merkt an, dass Eric Vuillards Revolutionsgeschichten nichts mit den Gelbwesten zu tun haben, erschienen sie im Original doch bereits vor drei Jahren. Kurzweilig findet er, wie der Autor das Geschehen von 1789 mal aus der Perspektive der unbekannten Revolutionäre und einfachen Leute erzählt, mit Knall, Blut und viel Geschrei, so wie im Actionfilm. Die Gewalt, die Poesie und auch die Komik der Revolution kommen so laut Oehlen gut rüber. Gut gefallen hat ihm Vuillards sprachlicher Furor in der Übersetzung von Nicola Denis. Nur manchmal übertönt die Sentenz allzu laut die Substanz, meint er.

    Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 12.04.2019
    Joseph Hanimann lernt bei Eric Vuillard die Revolution aus der Nähe kennen. Dass der filmaffine Schriftsteller den Zoom beherrscht von der historischen Totale auf das einzelne Gesicht, macht sich im Buch gut, findet Hanimann. Auch Vuillards Gespür fürs Exemplarische, seine faktische Genauigkeit einerseits, die „spekulative Weichzeichnung“ andererseits haben Hanimann überzeugt und lassen ihn erkennen, wie der Zufall Geschichte macht. Wenn der Autor das Individuum der Geschichtsschreibung gegen ein ganzes Figurenmosaik eintauscht und Psychologie im Faktischen spiegelt, ahnt Hanimann zwar, dass Fakt und Fiktion hier einander zu arbeiten, lustig zu lesen aber ist das für ihn allemal.

    Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 05.04.2019
    Mit diesem schmalen Büchlein geht Eric Vuillards Konzept, geschichtliche Ereignisse literarisch erzählend darzustellen, endlich mal auf, freut sich Rezensentin Claudia Mäder, die von Büchern Vuillards auch schon ganz schön genervt war. Es geht um den Tag 1789, an dem wütende Pariser die Bastille stürmten. Es gibt in den Archiven Listen, die die Namen der Eroberer und der Toten festhalten, wer sie waren, weiß man allerdings nicht mehr. Und hier setzt Vuillard an, so Mäder, er gibt diesen Menschen, dem Schumacher und dem Wasserträger, den Pierres und Richards, eine Stimme, ein Leben, indem er ihre Geschichte imaginiert. Das funktioniert für die Rezensentin prächtig, weil Vuillard dabei immer zwischen der Menge und dem Einzelnen hin und her schneidet und so die Fragilität des revolutionären Subjekts, das jederzeit in der Masse untergehen zu droht, unterstreicht. Dennoch kann Mäder das Buch nur halb empfehlen, den Vuillards Schwarzweißmalerei bei den Sozialschichten – hier die schurkischen Reichen, dort die engelhaften Armen, empfindet sie als „brachial-populistisch“.

    Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 30.03.2019
    Sigrid Brinkmann zufolge erzählt Éric Vuillard hier die Geschichte der Wochen vor dem Sturm auf die Bastille aus Sicht derjenigen, deren Namen nicht in die Geschichtsbücher eingegangen sind. Dabei geht es dem Autor darum, zu erspüren, was eine Menge, die sich instinktiv zusammenrottet, zu der Idee eines Volkes werden lässt, vermutet die Kritikerin, die dabei die Unruhe, die die Hungernden angetrieben haben muss, fast am eigenen Leb spüren kann. Ein temporeicher Roman auf den Spuren des Wunders kollektiver Handlungen, die Geschichte schreiben, resümiert die beeindruckte Rezensentin.

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