Raymond Chandler: Der große Schlaf (Orig. engl. 1939 / dt. 1974)

Rating: 4 out of 5

Author: Raymond Chandler

siehe auch hier

Year: 1974

Publisher: Diogenes Verlag

ISBN: 325720132X

SZ – mediathek
Hirn statt Wumme

Rezensiert von STEPHAN MAUS – 24-06-2006

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1 Kommentar

  1. akpe

    Februar 7, 2007 um 7:49 pm

    Band 24

    Auf den ersten Blick erscheinen Chandler und sein Held Philip Marlowe als verdammte Profis. Bevor Chandler mit „Der große Schlaf“ seinen ersten Roman schrieb, erlernte er mit Kurzgeschichten für das Pulp-Magazine „The Black Mask“ das harte Handwerk der Genre-Literatur. Nach sechs Jahren hinter der schwarzen Maske kannte er jeden Kniff des Metiers und war mit plot point und cliff hanger so vertraut wie Marlowe mit allen Raffinessen der Mobster. Chandlers und Marlowes Tagessatz dürften gleich hoch gewesen sein: 25 $ plus Spesen. Sein Leben lang wird Chandler von seinem „Groschengeschreibsel“ zehren, indem er seine Dime-Stories ausschlachtet. In „Der große Schlaf“ verschmilzt er drei Short Stories zu einem Roman aus einem Guss, aus dem eine mythische Gestalt hervortritt: Philip Marlowe ist der Prototyp des private eye. Und er ist der Archetyp des private I, einer der erfolgreichsten investigativen und narrativen Ich-AGs. Erzählhaltung und Weltsicht dieses altmodischen Ritters in einer dekadenten Industriegesellschaft wurden stilprägend für die amerikanische Nachkriegsära. Seit mehr als einem halben Jahrhundert füttert Marlowe unseren Traum von der kompromisslosen Freiheit des Individuums.
    Charakteristisch für Chandlers Roman ist nicht so sehr die berühmte Lakonik – die findet sich eher in Hawks schnörkelloser Hollywood-Adaptation. Bei aller Kaltschnäuzigkeit seines mythischen Helden ist Chandler eigentlich Manierist. Seine Sätze schulden der klassischen Rhetorik mehr als dem Gangster-Argot. Auch der Plot um den Wertezerfall in einer Familie heißblütiger Ölmillionäre ist so kurvig wie die gewundenen Straßen, die hinauf zu den Verbrechervillen in den Hollywoodhügeln führen. Die Handlung ist nur deshalb so serpentinenreich, um immer wieder atmosphärisch dichte Ausblicke auf die Verdorbenheit der Gesellschaft zu bieten. Chandler ist ein begnadeter Kulissenschieber, und weil Hollywood ihm so viel schuldet, knattert beim Leser gleich beim ersten Satz das Privatkino los. Im Gegensatz zu den trockenen Romanen des von ihm verehrten Hammett sind Chandlers Krimis voller Arabesken. Seine Kunst besteht in der gekonnten Variation der immergleichen Genre-Motive. „Der große Schlaf“ ist die Große Fuge des Kriminalromans.
    Chandlers Romane sind Verwandlungsmaschinen des Detektivgenres. Er fügt Topoi und Tropen des Pulp neu zusammen, verziert und moduliert sie, bis ein prachtvolles und präzis kalkuliertes Kunstwerk entsteht. Schablonen und Gesten der Genre-Literatur fordern Chandler immer wieder dazu heraus, sie in brillant verspielten Volten zu überhöhen. Daher all die überdrehten Plotkonstruktionen, die durch eine Überdosis Handlung die Mechanismen des klassischen Whodunnit zur Implosion bringen.
    Gleich bei seinem ersten Auftritt verhält sich der hartgesottene Detektiv höchst unprofessionell: Obwohl sein Job schon bald erledigt ist, ermittelt er auf eigene Faust weiter. Die Wahrheit gerät diesem romantischen Ritter zum Gral. Genau wie Marlowe etwas Gerechtigkeit in die Welt bringen will, so ist es Chandlers Ehrgeiz, das „Groschengeschreibsel“ in die Sphäre der Kunst überzuführen. Wie Marlowe setzt er mehr auf Hirn statt auf Wumme: Der lyrische Schluss ist nicht einen Dime billiger als der von James Joyces Kurzgeschichte „The Dead“. Verdammt unprofessionell für einen ursprünglichen Autor von Dime Novels mit einem Tagessatz von 25 $ plus Spesen.
    STEPHAN MAUS

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