Ulrich Alexander Boschwitz: Der Reisende (2018) – Januar 2020

https://i1.wp.com/i.gr-assets.com/images/S/compressed.photo.goodreads.com/books/1514907376l/37797086._SY475_.jpg?w=788&ssl=1Deutschland im November 1938. Otto Silbermanns Verwandte und Freunde sind verhaftet oder verschwunden. Er selbst versucht, unsichtbar zu bleiben, nimmt Zug um Zug, reist quer durchs Land. Inmitten des Ausnahmezustands. Er beobachtet die Gleichgültigkeit der Masse, das Mitleid einiger Weniger. Und auch die eigene Angst.

Der jüdische Kaufmann Otto Silbermann, ein angesehenes Mitglied der Gesellschaft, wird in Folge der Novemberpogrome aus seiner Wohnung vertrieben und um sein Geschäft gebracht. Mit einer Aktentasche voll Geld, das er vor den Häschern des Naziregimes retten konnte, reist er ziellos umher. Zunächst glaubt er noch, ins Ausland fliehen zu können. Sein Versuch, illegal die Grenze zu überqueren, scheitert jedoch. Also nimmt er Zuflucht in der Reichsbahn, verbringt seine Tage in Zügen, auf Bahnsteigen, in Bahnhofsrestaurants. Er trifft auf Flüchtlinge und Nazis, auf gute wie auf schlechte Menschen. Noch nie hat man die Atmosphäre im Deutschland dieser Zeit auf so unmittelbare Weise nachempfinden können. Denn in den Gesprächen, die Silbermann führt und mithört, spiegelt sich eindrücklich die schreckenerregende Lebenswirklichkeit jener Tage.

Hardcover, 304 pages
Published February 10th 2018 by Klett-Cotta (first published 1939)
Original Title The Man who Took Trains (later: Der Reisende, 2018)
ISBN13 9783608981230
Edition Language German

de.wikipedia – Ulrich A. Boschwitz

DLF: Die lange, schwierige Geburt eines literarischen Schmerzenskinds. Fast 80 Jahre nach Erstveröffentlichung erscheint „Der Reisende“ des deutsch-jüdischen Autors Boschwitz auf Deutsch, bearbeitet auf Grundlage eines alten Typoskripts. Der 1915 geborene Kaufmannssohn aus Berlin hatte den Roman 1939 unter dem Eindruck der Novemberpogrome veröffentlicht. Von Andrej Klahn Beitrag vom 15.07.2019

DLF: Alltag in der NS-Diktatur in beklemmenden Details. Von Helmut Böttiger. Die Schläger stehen schon vor der Tür, ein jüdischer Geschäftsmann muss fliehen. Mit „Der Reisende“ versetzt Ulrich Alexander Boschwitz die Leser mitten in den Alltag der Nazidiktatur. Der Roman erschien bereits im Jahr 1939 auf Englisch – und nun endlich auf Deutsch. Beitrag vom 07.03.2018

SWR2: „Der Reisende“ von Ulrich Alexander Boschwitz ist ein Roman über die Flucht eines jüdischen Kaufmanns nach den Novemberprogromen, der 80 Jahre nach seiner Niederschrift erstmals in Deutschland erschienen ist.| Klett-Cotta Verlag, 303 Seiten, 20 Euro.| Rezension von Ralph Gerstenberg. Audio herunterladen (6,9 MB | MP3)

literaturkritik.de: Vom lange andauernden Unglück. Der Roman „Der Reisende“ von Ulrich Alexander Boschwitz ist eine großartige Neu- oder Wiederentdeckung Von Martin Ingenfeld Erschienen am: 19.03.2018

ZEIT: Das System winziger Grenzüberschreitungen Großartige Wiederentdeckung: Ulrich Alexander Boschwitz’ Roman aus den dreißiger Jahren ist von mitreißender Aktualität. Eine Rezension von Ralf Bönt 13. Juni 2018 DIE ZEIT Nr. 25/2018

FAZ: Die Höllenfahrt des Otto Silbermann. Die verspätete Entdeckung der Emigrationsliteratur von einem Autor mit eisernem Willen: Ulrich Alexander Boschwitz publizierte „Der Reisende“ erstmals 1939. Jetzt ist der Roman endlich auf Deutsch zu lesen. Von Andreas Kilb Aktualisiert am 13.02.2018

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1 Kommentar

  1. Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 02.07.2018
    Paul Jandl hält die Veröffentlichung von Alexander Boschwitzs Roman achtzig Jahre nach seiner Niederschrift für eine Sensation. Peter Graf dankt er für einen „sanft“ redigierten Text, eine Flaschenpost der Exilliteratur ersten Grades, findet er. Wie der junge Autor die Umbruchszeit der Novemberpogrome ermisst, durch die sein Held, ein jüdischer Kaufmann irrt, erscheint Jandl als „wundersam traurige“ Parabel, als Monografie der Gewalt. Ob diese der Lebenserfahrung des damals 23-jährigen Autors entspringt oder seiner Hellsichtigkeit, mag der Rezensent nicht zu entscheiden.

    Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 14.06.2018
    Ralf Bönt erkennt in Ulrich Alexander Boschwitzs Roman aus den 30er Jahren künftige Schullektüre. Derart aktuell erscheint ihm der erst jetzt auf Deutsch erscheinende Text über die Odyssee eines Berliner jüdischen Kaufmanns nach den Pogromen von 1938, derart schlank und konzentriert komponiert. Bönt denkt an andere große Erzählungen vom Selbstverlust wie Camus‘ „Der Fremde“ oder auch, den politischen Kontext berücksichtigend, an Stefan Zweigs „Schachnovelle“. Bönt staunt über „Dramaturgie eines Roadmovies“, das hochintelligente Protokoll der Demontage eines Bürgers sowie des Entmenschlichungsprozesses, den der Rezensent „mikroskopisch“ nachzuempfinden meint.

    Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 21.04.2018
    Rezensentin Alicia Lindhoff ist erfreut über die Veröffentlichung des Romans von Ulrich Alexander Boschwitz 80 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung in England. Der Jude Otto Silbermann auf der Flucht vor den Novemberpogromen – das ist für sie eine aufregende, physisch packende, wenngleich bedrückende Lektüre. Atemlos folgt sie dem Geschehen, das für sie von der Unmittelbarkeit profitiert, denn der Autor schreibt hier über seine eigenen Erlebnisse. Dem Herausgeber Peter Graf dankt sie für ein großes Leseglück.

    Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 14.03.2018
    Ulrich Alexander Boschwitz war 23 Jahre alt, als er im Exil 1938 seinen Roman „Der Reisende“ schrieb, erzählt Rezensent Ulrich Gutmair. Die Hauptfigur ist Otto Silbermann, ein herrischer Geschäftsmann, der plötzlich mit seinem ehemaligen Prokuristen, jetzt notgedrungen sein „arischer“ Geschäftspartner, über die Übernahme seines Geschäfts verhandeln muss und dann nach Belgien zu fliehen versucht. Auf seiner Reise beobachtet Silbermann, wie die Verhältnisse sich ändern und zuspitzen, die „Mechanismen der Ausgrenzung“ greifen. Der Rezensent findet das nicht nur gut erzählt, sondern auch außerordentlich aktuell. Großes Lob an Verleger Peter Graf, der hier erneut sein Gespür für verlorene literarische Schätze aus dem zweiten Weltkrieg beweise.

    Rezensionsnotiz zu Die Welt, 10.03.2018
    Mit seinem Roman über die Novemberrevolution von 1938 lässt Ulrich Alexander Boschwitz selbst Anna Seghers oder Arnold Zweig weit hinter sich, findet Rezensent Tilman Krause, der selten ein derart eindringliches Dokument über die Lebenswirklichkeit eines verfolgten Juden gelesen hat. Höchste Zeit also, den 1939 in London und nun erstmals auf Deutsch erschienenen Roman zu lesen, fährt der Kritiker fort, der hier dem Schicksal von Otto Silbermann folgt, einem jüdischen Geschäftsmann, der erst seine soziale Existenz und schließlich den Verstand verliert. Der Autor kennt die Psychoanalyse, beherrscht die Neue Sachlichkeit und hat Sinn für das Absurde, lobt Krause. Vor allem aber staunt er, wie hier Hoffnung, Verzweiflung, herzzerreißende Momente und „makabrer Zynismus“ Hand in Hand gehen.

    Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 14.02.2018
    Rezensent Alex Rühle liest Alexander Boschwitzs 76 Jahre nach seinem Entstehen erstmals auf Deutsch erscheinenden Roman mit Gewinn. Viele Leser wünscht er dem von Peter Graf „vorsichtig“ lektorierten Buch schon, da er mit der Geschichte des jüdischen Kaufmanns Otto Silbermann als erster und einziger bisher die Tage direkt nach den Novemberpogromen 1938 erzählt. Doch auch das schiere Tempo und dazu die unglaubliche Dichte des Textes nehmen Rühle den Atem. Ein Wunder, meint er, auch, weil Ulrich Alexander Boschwitz nie Schablonenfiguren entwirft, sondern ambivalente Charaktere.

    Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.02.2018
    Wie eine Flaschenpost, die 80 Jahre unterwegs war, kommt Andreas Kilb dieser Roman von Ulrich Alexander Boschwitz über das Jahr 1938 vor, der nun, 76 Jahre nach dem Tod des jüdischen Autors, endlich auf Deutsch vorliegt. Die Geschichte von Emigration und Deportation, von Neubeginn und gescheiterten Hoffnungen seines tragischen Helden, des jüdischen Geschäftsmannes Otto Silbermann, erzählt der Autor laut Kilb als Fiktionalisierung des Leids, die ihn an Filme von Hitchcock denken lässt. Herzzerreißend alltäglich, traurig und wahr, meint Kilb.

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