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  1. akpe

    Februar 25, 2007 um 8:55 am

    Der letzte Aufrechte

    31. August 1996
    In seinem neuen Roman hat Philip Roth sich ohne Zweifel einen der schmutzigeren alten Männer ausgedacht, die die Literatur kennt. Sein Held Mickey Sabbath, ein abgetakelter Puppenspieler, in den fünfziger Jahren kurzzeitig Held der New Yorker Avantgarde, hat sein Leben lang ein Ziel verfolgt, manchmal listenreich, manchmal plump, aber immer mit der größten Beharrlichkeit: die Unzucht. Nun ist er alt, krank, arbeitslos, und die Frau, die er in den letzten Jahren am meisten geliebt hat (selbstredend nicht seine Ehefrau), ist gestorben. Er ist am Ende. Er will reinen Tisch machen. Er will sich umbringen. Zumindest läßt ihn das der Autor über die fünfhundert Seiten des Romans unablässig versichern. Bloß glaubt man es ihm nicht so recht. Denn nicht einmal seine immerlaute Aufdringlichkeit legt er ab, gerade die nicht: „Wenn Jahwe wollte, daß ich leise wäre, hätte er mich als Goi erschaffen“, sagt er zu der Frau eines reichen New Yorker Freundes, bei dem er Unterschlupf gefunden hat und die er umgehend zu sich ins Bett zu locken versucht.

    Das mißlingt, und er beschließt nun endgültig, sich umzubringen. Doch irgendwie klappt es wieder nicht, und dieser mit seinen vierundsechzig Jahren sowohl für die Rolle des Ewigen Juden wie für den König Lear, den er in der Untergrundbahn rezitiert, eigentlich noch zu junge Mann wird auch nach dem Ende des Romans als „wandelnder Lobgesang auf alles Obszöne“, wie es einmal heißt, weiter durch die Schlafzimmer und über die Friedhöfe Neuenglands geistern, in fiebriger Suche nach seiner Vergangenheit, die sich mehr und mehr in den Gräbern der Leute manifestiert, die er gekannt (und drangsaliert) hat, und nach Gelegenheiten zu neuer Unzucht.

    Philip Roth hat bereits vor dreißig Jahren mit dem immergrünen Roman „Portnoys Beschwerden“ den Parnaß der komischen erotischen Literatur erklommen. Die wahrhaft schamlose Übertreibung ist für dieses Genre unentbehrlich, und die Ich-Erzählung eignet sich am besten dazu, das erzählerische Problem im Griff zu behalten, das in der Glaubhaftigkeit des Unglaublichen liegt. Denn die Grundfrage an jeden Erzähler – Woher weißt du das? – verschärft sich naturgemäß, wenn von dem die Rede ist, was die anderen mit Sicherheit nicht wissen können. Roth plagt sich hier, in der dritten Person, redlich damit, und einige der mühseligeren Passagen des Romans sind seinem romantechnischen Krisenmanagement geschuldet.

    So muß etwa Sabbath die über alles geliebte Drenka, die kroatische Wirtin von nebenan, in jahrelanger Kleinarbeit dazu erziehen, daß sie ihm von ihren Eskapaden mit all den anderen Männern haarklein und brühwarm berichtet. Das ergibt längere Abschnitte einer Art von Mauerschau-Sex, wobei die deutsche Übersetzung das Vergnügen nicht unbedingt erhöht. Denn das Deutsche erweist sich wieder einmal als dem Englischen unterlegen, wenn es um das Unverfrorene geht, um die ominösen Wörter, die häufig mit F oder V anfangen. Da nützt alle neuzeitliche Lockerheit dieser Welt nichts; das deutsche Wesen und die Schamlosigkeit sind noch immer antagonistisch.

    Man wird den Eindruck nicht los, daß der Autor, dessen Herz ganz offensichtlich dem geradezu genetisch nonkonformistischen Mickey Sabbath gehört, sich wie dieser als Komiker fühlt, den es in reiferem Alter zur ernsten Charaktergestaltung drängt. Zugleich aber muß er unablässig Witze reißen, um gegen das Gefühl anzukämpfen, er sei alt und unnütz geworden. Das sind widerstreitende Bestrebungen, unter denen Schwung und innerer Zusammenhang des Romans leiden. Sobald Roth sich unmittelbarer auf seine Rolle als Komiker besinnt, anstatt umfängliche epische Existenzerklärungen abzugeben, werden wir entschädigt. Da lernt Sabbath in der Klinik, der auch seine alkoholkranke Gattin anvertraut ist, einen anderen Juden kennen, der sich besaufen muß, denn seine Frau „,hat eine andere Frau geheiratet. Ein Rabbi hat sie getraut. Und meine Frau ist keine Jüdin!‘. . . ,Aber die andere Frau ist Jüdin?‘ fragte Sabbath. ,Ja. Der Rabbi war da, weil die Familie der anderen Frau es so haben wollte. Wie finden Sie das?‘ ,Na ja‘, sagte Sabbath freundlich, ,Rabbis nehmen im jüdischen Denken eine hohe Stellung ein.‘. . . „Meine Frau ist eine Schickse. Die beiden sind Lesbierinnen. So weit soll es mit dem Judaismus gekommen sein? Ich fasse es einfach nicht!‘ ,Keine Vorwürfe, Donald‘, sagte Sabbath, ,Schmähen Sie die Juden nicht, nur weil sie nicht den Anschluß verlieren wollen. Sogar die Juden haben Schwierigkeiten mit dem Zeitalter des totalen Schunds . . . Entweder man verhöhnt sie, weil sie noch immer Bärte tragen und mit den Armen in der Luft herumrudern, oder sie werden von Leuten wie Donald hier lächerlich gemacht, weil sie mit der sexuellen Revolution Schritt halten.'“

    Wie sein Sprachrohr Sabbath, so versteht auch Philip Roth sich als letzten Aufrechten im „Zeitalter des totalen Schunds“. Er führt den Kampf gegen den zeitgenössischen amerikanischen Unsinn mit aller satirischen Macht, die ihm zu Gebote steht. Alles, was da im Dunst der Political correctness kreucht und fleucht, wird mit alttestamentarischer Wucht in den Orkus des Lächerlichen geschleudert, so als wollte der Autor seine Leserschaft, die seine Ansichten über den zeitgenössischen Unsinn vermutlich im großen und ganzen teilt, noch einmal auf Herz und Nieren prüfen. „Seid ihr nicht vielleicht doch ein wenig PC?“ scheint der Puppenspieler Roth das Publikum fragen zu wollen, das sich vor seiner Punch-and-Judy-Show angesammelt hat. „Da! Eine Sauerei und noch eine obendrauf! Du dort in der letzten Reihe! Ich hab’s gesehen, gib es zu: Du bist zusammengezuckt bei der Szene mit Drenka und Christa, du hast dich innerlich geschämt!“ Stimmt. Und genauso lieben wir Philip Roth. Möge Gott ihm noch viele Jahre schenken.

    Philip Roth: „Sabbaths Theater“. Roman. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Werner Schmitz. Carl Hanser Verlag, München 1996. 492 S., geb., 49,80 DM.

    Sabbaths Theater

    Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.08.1996, Nr. 203 / Seite B5

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