Urs Widmer: Das Buch des Vaters – Folge 2

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Urs Widmer hat ein Versprechen eingelöst. Mit Das Buch meines Vaters komplettiert er seine Familiengeschichte, die vor einigen Jahren mit Der Geliebte meiner Mutter ihren Anfang gefunden hat. War damals der Vater kaum der Erwähnung wert, ist er nun omnipräsent und führt durch mehrere Jahrzehnte Schweizer Geschichte, situiert in einer imaginären städtischen Symbiose von Basel und Zürich.

In einem fantastischen, rauschhaften Intro in den Roman, der Schilderung einer wilden Initiation, erzählt Widmer, was es denn mit dem Buch des Vaters auf sich hat. Denn wie jeder in seinem Heimatdorf hat auch sein Vater an seinem zwölften Geburtstag ein leeres Buch bekommen, das er in der Folge zu beschreiben hat und das erst nach seinem Tod von anderen gelesen wird. Das Dorf in den Bergen hält auch für jeden seiner Bewohner seinen persönlichen Sarg bereit, Särge, die sich in einem bizarren, bewegungslosen Totentanz vor den Häusern stapeln (bis die touristische Invasion der Japaner dem Mahnmal ein Ende bereitet). Als der Vater stirbt, ist das Buch verschwunden, durch die Mutter im Müll gelandet — ungelesen. Also macht sich Urs Widmer daran, es neu zu schreiben.

Er ist ein Getriebener, sein Vater, ein rastloser Übersetzer und Amateur der Literatur, Lehrer mit unbeholfenen, doch idealistischen politischen Ideen, Freund vieler Schriftsteller und Künstler, Genussmensch und Vater, der für seinen kleinen Sohn immer wieder neue Namen erfindet: „Hallo, Murmeltier.“ Glücklich, so scheint es, ist er nur in der Literatur. Seine Frau, deren Schwermut immer prekärer wird, muss sich mit dem begnügen, was übrig bleibt für sie an Zeit und Gefühl. So eröffnet sie auch Edwin Schimmel — wir kennen die Figur aus Der Geliebte meiner Mutter — als Erstem, dass sie schwanger ist. Warum ihm?, fragt der Vater: „Ich weiß es nicht.“

Urs Widmers Roman kommt mit der ihm eigenen Leichtigkeit daher, hinter der sich die Tragik der Welt, aber auch die Freuden, die ganz großen, so schemenhaft deutlich verdecken können. Ein Lebensbuch, im wahrsten Sinne des Wortes.

–Martin Walker —  

Year: 2005

Publisher: Diogenes

ISBN: 3257234708

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2 Kommentare

  1. akpe

    März 8, 2006 um 1:29 pm

    eine Fortsetzung von Der Geliebte der Mutter, aber

  2. Klappentext
    An seinem zwölften Geburtstag erhält Karl ein Buch, voll leerer Seiten, und Tag für Tag wird er daran schreiben, ein Leben lang. Doch nach seinem Tod verschwindet es, bevor es sein Sohn, wie es der Brauch ist, hätte lesen können. Also schreibt der Sohn, der Ich-Erzähler, ein zweites Mal: das Buch des Vaters. Es ist die Aufzeichnung eines reichen Lebens, von der Liebe zum Leben und der Leidenschaft zu den Büchern bestimmt. Die vielleicht wunderbarste Fähigkeit des Vaters ist, sich und andere begeistern zu können. Im Geist lebt er mit Villon, Diderot und Stendhal – er übersetzt sie und viele andere -, in der wirklichen Welt fühlt er sich einer Gruppe junger Maler zugehörig, die zwar sehr verschieden malen, aber alle glühende Antifaschisten sind. Kein Wunder, dass auch er, während einer legenären Fastnacht im Jahr 1936, Kommunist wird… Und natürlich erzählt es auch die Geschichte der Frau, die er liebt – Claras, die im Zentrum des Romans „Der Geliebte der Mutter“. Die gleiche Geschichte, verblüffend anders erzählt.

    Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 16.04.2004
    „Das Buch des Vaters“ ist ein Roman, keine Autobiografie. Und zwar nicht, macht Lothar Müller deutlich, weil sein (auto)biografischer Gehalt etwa nur fiktiv sei, sondern weil Urs Widmer, der Sohn, dem Vater ein „Nachleben“ verschafft, „das dessen durch und durch literarischer Existenz die Waage hält“. Der „Gymnasiallehrer, Übersetzer, Literaturkritiker und Gelegenheitsautor“ Walter Widmer ersteht als Karl auf und wird zum „Modell eines Schweizer Intellektuellen in Zwischenkriegszeit, Krieg und Nachkrieg“. Doch zunächst, so beschreibt es der offenbar sehr bewegte und angeregte Rezensent, begegnen wir einem zwölfjährigen Buben, „geführt von der Zauberhand des Erzählers“ durch eine Schweiz, in der noch das 19. Jahrhundert herrscht, der später zu einem „unermüdlichen Reisenden in der Weltliteratur“, einem „Mitglied der kosmopolitischen Boheme“ wird. „Der Ton“, schreibt Müller, „ist munter, gelegentlich frivol, aber nahezu jede Anekdote ist mit Falltüren versehen“. Der Rezensent ist sie bewundernd hinabgeklettert.
    Lesen Sie die Rezension bei buecher.de

    Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 07.02.2004
    War die Figur des Vaters in Urs Widmers letztem Roman „Der Geliebte der Mutter“ noch ein „konsequent blinder Fleck“, so antwortet „Das Buch des Vaters“ wie eine „Spiegelgeschichte“ auf diese Abwesenheit, erklärt der beeindruckte Rezensent Sebastian Domsch. Nach seiner Ansicht ist dieses Buch noch besser – weil „widmerscher“ – als das letzte. Auch weil hier die Grenze zwischen Autobiografischem und „skurriler“ Fiktion deutlicher ins Schwimmen geraten. Denn das Dorf des Vaters, so der Rezensent, ist eines, in dem soviel Särge vor der Haustür stehen, wie es Bewohner hat, eines, in dem jedes Kind ein leeres Buch geschenkt bekommt, um darin sein Leben aufzuschreiben, und es seinen Kindern zu vererben. Das Buch des Vaters bekomme der erzählende Sohn nur flüchtig zu sehen bevor es verschwinde, und er müsse infolgedessen den Verlust mit seiner Erzählung ausgleichen. Das klingt reichlich postmodern, meint der Rezensent, doch Widmer geht damit so „zurückhaltend“ um, so „sparsam“ und trotzdem „meisterhaft“, dass es einfach „großartig“ zu lesen ist. Beide Spiegelbücher, so Domsch, funktionieren wie ein „literarischer Reißverschluss“, wie ein „komplexes Puzzle mit nur zwei Teilen“. Der Roman, der sich daraus ergebe, sei „größer als die Summe seiner Teile“, und erzeuge ein „unauslotbares Spannungsfeld“, das der in beiden Büchern versuchten „erzählerischen Rekonstruktion“ eine Absage erteile.

    Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 05.02.2004
    Martin Lüdke ist ganz unglücklich: Er schätzt Urs Widmer sehr. Besonders dessen vor vier Jahren erschienenen Roman „Der Geliebte der Mutter“, in dem Widmer die Lebensgeschichte seiner Mutter ebenso wahrheitsgetreu wie fiktiv nacherzählt hatte, war in Lüdkes Augen ein „Meisterwerk“. Im neuen Buch geht es nun also um das Leben des Vaters. Wie in anderen Büchern von Widmer gibt es auch hier „betörend eindrucksvolle Passagen“, schreibt Lüdke, und doch „stimmt etwas nicht“. Anders als die Mutter, deren wechselhafte Lebensgeschichte sich zu einer schicksalhaften Tragödie auswuchs, war der Vater eine „mittlere Größe“, Gymnasiallehrer, Literaturkritiker und Übersetzer. Als Stoff gibt sein Leben einfach nicht viel her. Widmer schlingere darum herum, doch selbst das eigentlich zentrale Ereignis im Leben des Vaters, die Begegnung mit der rothaarigen Tochter eines Schmieds, führt zu nichts. „Das große Motiv eines versäumten Lebens wird nur angespielt, nicht ausgeführt“, bedauert der enttäuschte Rezensent.

    Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 27.01.2004
    Urs Widmer habe eine „Hommage auf das Lebenswerk seines Vaters geschrieben“, resümiert Roman Bucheli in seiner Besprechung dieser „biographie romancee“ des Vaters, der ein bedeutender Übersetzer französischer Literatur war. Der Rezensent rät uns, den Roman „Das Buch des Vaters“ und „Der Geliebte der Mutter“ neben- und hintereinander zu halten, denn die beiden romanesken Biografien der Eltern Widmers ergänzten sich gerade deswegen, weil sie keine Berührungspunkte hätten. „Die stumme Anwesenheit des einen im Buch des anderen schafft eine komplementäre Bindung“, argumentiert der Rezensent, deren Wirkung er als gegenseitige „Verdüsterung“ und als „Schatten der Melancholie“ beschreibt.

    https://www.perlentaucher.de/buch/urs-widmer/das-buch-des-vaters.html

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