Anonymous: Wohin mit Vater (2007)

Es gibt Augenblicke, die auf einen Schlag alles ändern. Als plötzlich die Mutter starb, die den schwerkranken Vater jahrelang gepflegt hatte, war das so eine Situation: der Vater, ein Pflegefall, der Sohn und die Tochter nicht in der Lage, ihn aufzunehmen. Wohin mit Vater? ist die ergreifende Geschichte einer Familie, die plötzlich mit einem Pflegefall konfrontiert ist und nicht weiterweiß. Ein Fall wie viele in Deutschland. Ein Fall, der in einer alternden Gesellschaft immer alltäglicher wird. „Die Ausnahme Pflegefall wird zur Regel“, heißt es in dem Buch. Die Konsequenz ist eine fatale Ungewissheit: „Wie sollen die Alten leben, wenn sie krank, gebrechlich, behindert werden?“ Wer pflegt sie, wenn die Jungen eine eigene Familie gegründet haben oder weit entfernt vom Wohnort ihrer Eltern wohnen? Das „sind Fragen, die an die Existenz gehen … Fragen, die sich mit jedem Jahr mehr Menschen stellen müssen. Sie gehen alle an. Und fast alle sind nicht vorbereitet, wissen keine Antwort darauf. Was tun, wenn die Eltern Pflegefälle werden – das ist die neue soziale Frage.“

Der das schreibt, zeichnet mit Anonymus. Der Sohn, die Schwester, sie bleiben anonym. Aus gutem Grund. Denn die Lösung, die sie für die Frage „Wohin mit Vater?“ fanden, ist illegal: Schwarzarbeit, illegale Beschäftigung von Ausländern und was da noch alles an Gesetzeswidrigkeiten zusammenkommen mag. Doch es gab keinen Ausweg, alles andere war gescheitert, gescheitert vor allem an der humanen Weigerung der Kinder, den Vater menschenunwürdigen Pflegeheimen zu überlassen. Das erste Heim: eine nach Urin stinkende Menschenverwahranstalt; das zweite kaum besser, nur deutlich teurer; die ambulante Pflege unbezahlbar. Letzten Endes blieb nur eine Telefonnummer. Landesvorwahl 0048, Polen. Ein Vermittlungsnetzwerk für Pflegekräfte, die zur häuslichen Pflege nach Deutschland kommen, weil sie in ihrem Heimatland keine Perspektive mehr sehen.

Für Anonymus und seine Schwester, nicht zuletzt auch für ihren Vater, war es ein Glücksfall. Denn es kam Teresa, eine Krankenschwester, die neben ihrer professionellen Pflegeausbildung etwas mitbrachte, woran es den deutschen Einrichtungen, die Sohn und Tochter besichtigt hatten, komplett mangelte: menschliche Zuwendung. Es ist rührend zu lesen, wie die resolute Polin nicht nur das Pflegeproblem löste, sondern auch dem Vater seinen Lebensmut zurückgab. Darüber hinaus bietet das Buch hilfreiche Orientierung im Dschungel des deutschen Pflegesystems.

— Winfried Kretschmer

  • Rating: 3 out of 5
  • Author: Anonymus
  • Year: 2007
  • Publisher: Fischer (S.), Frankfurt
  • ISBN: 3100617061

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1 Kommentar

  1. akpe

    April 10, 2007 um 5:11 pm

    Jeder ist allein
    Rezensiert von HEIDRUN GRAUPNER – 24-02-2007

    SZ-Rezension

    Wie sähe es in der Pflege aus, wenn die Politik die Zeit anders genutzt hätte? Für grundlegende Gedanken über eine große Reform, für die Frage, was im System verändert werden muss? Stattdessen beauftragten die Ministerien für Soziales und Gesundheit zwei Jahre lang zweihundert Experten, eine „Charta der Rechte hilfe- und pflegebedürftiger Menschen” zu schreiben, eine Art Grundgesetz für die Hilflosen der Gesellschaft, als hätten die Hilflosen keine Grundrechte, als dürften ohne die Charta ihr Leib und ihre Seele verletzt werden. Diese ist ein Placebo, sie verleiht keine Rechte, sie empfiehlt Wohlverhalten und nicht Veränderung.
    „Wir müssen das System umstürzen.” Der Aufruf steht in dem außergewöhnlichen, anrührenden und wunderbar differenzierten Buch „Wohin mit Vater?”. Ein Journalist hat das Buch geschrieben, Anonymus nennt er sich. In nur drei Wochen ist er am Pflegesystem verzweifelt, er hat erfahren, dass weder Grundrechte noch Charta in diesem System gewahrt werden. Die einzige Hilfe kam aus Osteuropa, eine illegale Hilfe, die er nicht mehr verlieren will, also muss er seinen Namen verschweigen. Im Schrecken über das, was ihm widerfahren ist, hat er seine Geschichte aufgeschrieben, nicht als Ich-Erzählung, sondern aus einer klugen, distanzierten Perspektive: Jedem Sohn und jeder Tochter kann jeden Tag das Gleiche geschehen wie dem anonymen Autor.
    „Als der Anruf kam, ahnte er nicht, dass von nun an alles anders sein würde.” Mit dem Tod der Mutter beginnt das Buch, 83 Jahre wurde sie alt. Ihren Mann hatte sie gepflegt, vierundzwanzig Stunden jeden Tag, Pflegestufe III. Sie hatte versucht, allein zurechtzukommen. Die Kinder hatten eigene Familien, der Sohn lebte Hunderte Kilometer entfernt. Sohn und Tochter hatten gespürt, dass die Mutter überfordert war und der Vater immer lethargischer wurde. Aber da alles irgendwie weiterlief, mischten sie sich nicht ein, sie verdrängten.
    Nun war die Mutter tot, und Vater, Sohn und Tochter hatten Angst. „Wohin mit Vater?”, fragten die Kinder und fühlten sich schuldig. Bei sich aufnehmen konnten sie ihn nicht, es fehlte der Platz. Eine Lösung musste gefunden werden, schnell. Doch sie hatten keine Ahnung wie. Der Vater schwieg. Er hatte keine Wahl, er war ausgeliefert.
    Der Sohn wollte Zeit gewinnen um in Ruhe nachzudenken, er dachte an Kurzzeitpflege. Er lernte bald, dass Kurzzeitpflege lange Planung braucht. Nur ein Heim sagte zu, es bot eine Art Verschlag an mit einer Fensterluke, einem Krankenbett und sonst nichts, kein Bild, keine Nachttischlampe, ein Ort des Schreckens. Also doch sofort der endgültige Umzug in ein Heim. Sohn und Tochter sahen sich eine Seniorenresidenz an. Die Pflegeabteilung lag weit entfernt von der eleganten Eingangshalle, sie roch nach Putzmitteln und Urin. Der Mann von der Direktion zeigte ein Zimmer für 3400 Euro im Monat, ein Doppelzimmer, die Möbel waren mit Styropor umwickelt, zum Schutz vor Verletzungen, wie er betonte. In einem Bett lag unbeweglich ein alter Mensch. Man habe nur Doppelzimmer in der Pflegeabteilung, da hätten die Senioren etwas Unterhaltung, sagte der Mann von der Direktion. Entsetzt flohen Sohn und Tochter. In einem Doppelzimmer mit einem völlig Fremden und ohne jede Intimsphäre sollte der Vater nicht enden. Der Sohn erkannte, dass die Alten, die in ein Pflegeheim umziehen, alles aufgeben müssen, was ihr Leben ausgemacht hat.
    Es blieben die ambulanten Pflegedienste. Der Sohn fand mehrere, die den Vater Tag und Nacht betreuen wollten, etwas mehr als 10 000 Euro werde das kosten, hieß es. Welche Familie kann so viel Geld bezahlen, selbst mit den 1432 Euro aus der Pflegeversicherung und einem guten Einkommen? Sohn und Tochter konnten es nicht.
    Nur zwei Pflegeheime schaute sich der Autor an, mehr hätte er nicht ertragen. Vielleicht hätte er irgendwann ein gutes Haus gefunden. Doch woran erkennt man gute oder schlechte Heime? Vielleicht am Geruch nach alten Windeln, am Ton, den die Pfleger anschlagen. Es gibt keine offiziellen Kriterien und keine gesetzliche Pflicht für die Träger, Qualitätsberichte und Bilanzen zu veröffentlichen, darzulegen, ob Renditen von fünf, acht oder mehr Prozent abgeschöpft werden, Geld, das dann woanders fehlt.
    Nach den drei Schreckenswochen wurde der Autor zum Experten und er leuchtet jeden Winkel des Systems aus. Er erzählt auch von guten Heimen, bei Würzburg zum Beispiel, ein Heim mit Garten, Haustieren und Musik, ein Haus, in dem sich auch verwirrte Alte frei bewegen, eine Aufgabe bekommen und nicht nur die Tage verbringen. Für die Pflegestufe III verlangt dieses Heim im Monat 2721 Euro, Qualität hängt nicht von Spitzenpreisen ab. Das Haus ist eine Stiftung, es muss keinen Gewinn machen.
    Im Jahr 2050 werden 3,7 bis 4 Millionen Menschen pflegebedürftig sein, doppelt soviel wie heute. Die Politik aber handelt nicht, sie reagiert nicht einmal auf seit Jahren bekannte Fehler und Mängel. Alte werden „in die Betten gepflegt”, weil eine hohe Pflegestufe einem Heim mehr Geld einbringt. Doch das irrationale Abrechnungssystem wird nicht abgeschafft. Alte werden fixiert, mit Medikamenten ruhiggestellt, gewickelt und künstlich ernährt, weil Personal fehlt. Und jeder, der die schwere und wichtige Arbeit der Pflege übernimmt, wird schlecht bezahlt und nicht geachtet.
    Die Angehörigen geraten in eine Grenzsituation, jeder ist allein. Die Tochter sagte plötzlich, sie werde zum Vater ziehen, weg von der eigenen Familie, auch wenn sie daran zu Grunde gehe. „Ich habe keine Wahl. Ich könnte nicht damit leben, wenn wir ihn ins Heim tun.” Der Sohn fand eine andere Lösung, eine Telefonnummer bekam er zugesteckt, eine Verbindung nach Osteuropa tat sich auf und Teresa aus Polen wurde geschickt, für bezahlbare 1100 Euro im Monat, plus 220 Euro für die Fahrtkosten. Teresa hat alle verzaubert, der Vater lebte auf. Teresa war die Rettung.
    Beruhigen konnte sich der Sohn nicht. Er träumte von Razzien, Abschiebung und Strafen, „das Leben ist zu einem Risiko geworden”. Vielleicht 100 000 illegale Pflegerinnen aus Osteuropa arbeiten in Deutschland, eine Billigkonkurrenz, gegen die professionelle Dienste mobil machen. Offiziell dürfen die Frauen nur als Haushaltshilfe angestellt werden und nur für 38,5 Stunden in der Woche – was nicht funktioniert. Kaum eine der Frauen wird angemeldet, weil sie im Haushalt leben und 24 Stunden präsent sind. Ohne die Frauen aber, warnt der Autor, würde das Pflegesystem zusammenbrechen, wäre die Versicherung bankrott. Das Land ist in einer Notlage und die Politiker haben kein Konzept dagegen. Man sollte ihnen allen dieses Buch als Pflichtlektüre verordnen. HEIDRUN GRAUPNER
    ANONYMUS: Wohin mit Vater? Ein Sohn verzweifelt am Pflegesystem. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2007. 192 Seiten, 16,90 Euro.

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