ZEIT online – Feuilleton – Tag der Arbeit : Viele falsche Freunde

Von Maximilian Probst

Solidarität ist die Parole des 1. Mai. Aber was ist davon noch übrig? Heute soll sich jeder sein soziales Netz selber knüpfen. Internetkontakte sind die neue trügerische Hoffnung.

Das zwang- und ziellose Geplauder ist der Nerv des Networkings. Was nicht heißt, es wäre eine Form des Schicksalsvertrauens, ein Glaube an glückliche Fügung. Im Gegenteil: Anstelle von Hoffnung herrschen Zweifel und Misstrauen. Man muss dem Zufall auf die Sprünge helfen, und je mehr Kontakte man hat, desto notwendiger wird er sich ereignen. Der Soziologe Hartmut Rosa hat das in die Form eines »kategorischen Imperativs« gebracht: »Handle jederzeit so, dass die Zahl deiner Optionen und Anschlussmöglichkeiten größer wird – denn du weißt nie, welche Optionen morgen wichtig sein werden, und du bist schneller abgehängt, als du denkst.«

Wo Kollektive sind, herrscht Solidarität. Diesen viel strapazierten Begriff muss man in seiner einfachen, ursprünglichen Bedeutung verstehen, als Gemeinschaftsgefühl. Worauf ist dieses Gemeinschaftsgefühl gerichtet? Auf die Zukunft, könnte man glauben, auf gemeinsame Pläne, Ziele etwa. Solidarität meint aber etwas anderes. Das lateinische solidum wird mit gediegen, zuverlässig übersetzt. Unzerbrechlich, bedingungslos belastbar muss das Gemeinschaftsgefühl sein, damit Solidarität walten kann. Es kann sich deshalb nicht auf eine wacklige Zukunft stützen. Es muss in der Geschichte gesucht werden. Etwas, das schon da ist, ein Gegebenes, eine ursprüngliche Gabe, der man sich verpflichtet fühlt, nur das kann Solidarität verbürgen.

Was genau ist diese Gabe? Erste Möglichkeit: Sie ist nichts anderes als die gemeinsame Geschichte. Daraus leiten sich heute der neue Patriotismus und sein Bemühen ab, das Inventar der Geschichte handlich und verbindlich zu machen, sprich: zu kanonisieren. Das geht einher mit der Rückkehr zu den tradierten Formen geschlossener Netzwerke wie Ehe, Familie, Nation – und dem Supplement des ehrenamtlichen Engagements. Dieser konkreten und partikularen Version der Gabe ließe sich, zweite Möglichkeit, eine abstrakte und universalistische entgegenhalten. Die Gabe als Gründungsgeste: Grundsätze, Grundrechte, Grundeinkommen. Für alle, ganz gleich, wer man ist, woher man kommt, wie lange man bleibt und wohin man geht. Das wäre, frei nach Thukydides, die Geburt der Historie als »Errungenschaft für immer«; aber auch das endgültige Ende des Networkings und seiner »langfristigen Investitionen« – um noch einmal eine Formel zu benutzen, die in vielen Fällen doch nur ein Euphemismus war: für eine fortwährende Zitterpartie auf der freien Wildbahn des Kapitals.

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