Sarah Bakewell: Das Café der Existenzialisten: Freiheit, Sein und Aprikosencocktails (2016)

31202256. sy475 Wie macht man Philosophie aus Aprikosencocktails? Für Sartre kein Problem: Er machte Philosophie aus einem Schwindelgefühl, aus Voyeurismus, Scham, Sadismus, Revolution, Musik und Sex.

Sarah Bakewell erzählt mit wunderbarer Leichtigkeit, wie der Existenzialismus zum Lebensgefühl einer Generation wurde, die sich nach radikaler Freiheit und authentischer Existenz sehnte.

Paris 1932, im Café Bec-de-Gaz sagt Raymond Aron zu seinem Freund Sartre: „Siehst du, mon petit camarade, wenn du Phänomenologe bist, kannst du über diesen Cocktail sprechen, und das ist dann Philosophie!“ Der einfache Satz war die Geburtsstunde einer neuen Bewegung, die sich in Jazz-Clubs und Cafés verbreitete. Sie inspirierte Musiker und Schriftsteller, erregte Abscheu im Bürgertum und befruchtete Feminismus, Antikolonialismus und 68er-Revolte.

Sarah Bakewell erzählt in diesem Buch erstmals die Geschichte der Existenzialisten. Im Mittelpunkt stehen die Antipoden Heidegger und Sartre, der eine in seiner Hütte im Schwarzwald dem Sein nachsinnend, der andere in Pariser Cafés wie besessen schreibend. Aber es geht auch um Edmund Husserl und Maurice Merleau-Ponty, Simone de Beauvoir, Albert Camus, Iris Murdoch und viele andere. Am Ende sterben die Protagonisten und verlassen das Café.

Doch Sarah Bakewells meisterhafte Kollektivbiographie lässt sie wieder lebendig werden und uns teilhaben an ihren Gesprächen über das Sein, die Freiheit und Aprikosencocktails. Santé!

Rita Seuß (Translator)
Kindle Edition, 448 pages
Published July 18th 2016 by C.H.Beck (first published March 3rd 2016)
Original Title At the Existentialist Café: Freedom, Being, and Apricot Cocktails
ISBN 0701186585 (ISBN13: 9780701186586)
Edition Language English

 
ZEIT: Genug dekonstruiert! Es geht wieder um das Leben, wie es ist: Sarah Bakewell führt eloquent durch „Das Café der Existenzialisten“. Von Iris Radisch 12. Januar 2017, 3:49 Uhr Editiert am 15. Januar 2017, 8:37 Uhr DIE ZEIT Nr. 1/2017, 29. Dezember 2016

literaturkritik: Bewohnte Philosophie. Sarah Bakewell lädt in „Das Café der Existenzialisten“ ein Von Oliver Pfohlmann Erschienen am: 16.02.2017

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1 Kommentar

  1. Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 31.12.2016
    Rezensent Harro Zimmermann lässt sich von der britischen Autorin Sarah Bakewell auf einen vergnüglichen Spaziergang durch den „Irrgarten“ des Existentialismus nehmen. Der Kritiker staunt, wie kundig und unterhaltsam Bakewell die „biografischen und habituellen Absonderlichkeiten“, intellektuellen und künstlerischen Debatten und politischen Kontroversen der einzelnen Vertreter in Anekdoten verpackt: Gespannt liest er hier etwa noch einmal die Auseinandersetzung zwischen Camus und Sartre nach, die sich über Fragen zur sozialistischen Utopie öffentlich zerstritten. Darüberhinaus erfährt der Rezensent bei dem ein oder anderen Aprikosencocktail mit Simone de Beauvoir, Raymond Queneau, Boris Vian, Hannah Arendt, Maurice Merleau-Ponty und vielen anderen, wie aktuell die von den Existentialisten entworfene Idee eines „modernen Europas“ noch heute ist.

    Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 29.12.2016
    Anregend, aktuell, gar erbaulich findet Rezensentin Iris Radisch Sarah Bakewells „Cafe der Existentialisten“, indem sie glänzende Porträts von Merleau-Ponty, Camus, Sartre, Heidegger, Foucault, Levi-Strauss und vielen anderen liest. Allein wie die britische Publizistin Persönliches, Gegenwärtiges und Philosophisches beredt miteinander verbindet, ringt der Kritikerin größte Anerkennung ab. Dass Sartre in dieser Gruppenbiografie ein wenig in den Mittelpunkt gerät, zudem über jede Kritik erhaben scheint, kann die Rezensentin gern verzeihen: Viel zu interessiert liest sie das Kapitel über Merleau-Ponty, dessen „Phänomenologie der Wahrnehmung“ Bakewell als eigentliches existentialistisches Vermächtnis deutet. In Zeiten von Islamismus, Rechtspopulismus oder allgegenwärtiger Überwachung treffen die Existentialisten den Nerv der Zeit, meint Radisch und spricht eine klare Leseempfehlung aus.

    Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 18.10.2016
    Oliver Pfohlmann bekommt mit Sarah Bakewells „fulminanter“ Gesamtschau des Existenzialismus das Gefühl, diese Bewegung habe uns noch jede Menge zu sagen. Nicht die Kleidungsstile, die die Autorin aufruft, nicht Sartres Ekel vor Klebrigem, aber die Konzepte der Protagonisten scheinen Pfohlmann in der Ära von Facebook und NSA von Bedeutung. Freude macht ihm der Band aufgrund von Bakewells Fähigkeit, Philosophie verständlich zu machen und leichtfüßig und kenntnisreich von Ideen und Werken zu erzählen und dabei neben den Hauptfiguren Sartre und Heidegger jede Menge Nebenfiguren auftreten zu lassen. Dass Bakewell dabei mitunter die Wirklichkeit verlässt und ihre Potenziale auslotet, scheint Pfohlmann nicht zu stören. Ebensowenig, dass die Autorin immer wieder ihre eigene intellektuelle Biografie thematisiert.

    Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 24.09.2016
    Klaus Bittermann ist hellauf begeistert von Sarah Bakewells Geschichte des Existenzialismus, erzählt als persönliche Erweckungsgeschichte, mit den alten Recken zwar, aber betrachtet aus anderer Perspektive, wie Bittermann anerkennt, aus Perspektiven der Zeit, die sogar Sartres und Heideggers Handeln in neuem Licht erscheinen lassen. Das Abschweifende, Biografien und Theorien miteinander Kurzschließende, vor allem die nicht ideologsiche, ja liebevolle Begeisterung der Autorin für „ihren“ Gegenstand, nehmen Bittermann gefangen und eröffnen ihm überraschende Einblicke und Erkenntnisse. Dass dieses Buch nie ende, wünscht sich der Rezensent.

    Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 28.07.2016
    Im Wesentlichen ist Rezensent Willy Hochkeppel mit Sarah Bakewells Besuch im „Cafe der Existentialisten“ zufrieden. Mit Spannung liest er nicht nur wie der Existentialismus aus Kierkegaards Schriften hervorging, sondern erlebt geradezu „berauscht“ die Hochphase der „Lebensphilosophie“, in deren Mittelpunkt Jean-Paul Sartre steht. Bakewell gelingt es nicht nur, die freiheitlichen und humanitären Impulse der Epoche in die heutige Zeit zu transportieren, sondern sie verleiht ihrer Studie durch das Erzählen wenig bekannter „Pikanterien“ aus dem Leben der existentialistischen Protagonisten auch eine wunderbare Lockerheit, lobt der Kritiker. Deshalb sieht Hochkeppel gern darüber hinweg, dass die Autorin keine Meisterin der Ironie ist und Sartre hier eher „steckbriefartig“ geschildert erscheint.

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