Katherina Hagena: Der Geschmack von Apfelkernen

  • Gebundene Ausgabe: 256 Seiten
  • Verlag: Kiepenheuer & Witsch Verlag (25. Februar 2008)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3462039709
  • ISBN-13: 978-3462039702

Der Geschmack von Apfelkernen ist süß und zugleich bitter. Er hat etwas von Marzipan. Und genau diese Mischung ist es, die ihn unverwechselbar macht. Und wie in der Nusschale vermag sogar im Apfelkern eine ganze Welt zu wohnen. Hagenas erster Roman, der, noch bevor dir Kritiker ihr erstes Wort sprachen, bereits die Gunst der Leser hatte und auf den Bestsellerlisten stand, hätte leicht in Kitsch abgleiten können. Aber dazu ist der Geschmack von Apfelkernen doch zu bitter. Es ist ein trauriges, aber tröstliches Buch der Erinnerung geworden.

Martina Meister, Die Zeit, 17.04.08

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2 Kommentare

  1. akpe

    Februar 19, 2009 um 8:27 pm

    Wenn die geküsste Seele die Flügel spannt

    Gegen Omas Flotte Lotte ist kein Obst gewachsen: Katharina Hagenas Debüt ist ein schmackhafter Frauen- und Apfelroman, dem nur ein schmatzender Wurm fehlt.

    Schriftsteller, denen das Haus der Großmutter zufällt, sollten das Erbe nie ausschlagen: Mit Kindheitserinnerungen gesättigte Immobilien taugen nicht nur als Altersvorsorge. Wenn es im neueren deutschen Familienroman ein Erfolgsrezept gibt, dann ist es die um „Oma ihr klein Häuschen“ herumgestrickte Geschichte von mindestens drei Generationen und nebenbei auch von Deutschland im 20. Jahrhundert. So hielt es Arno Geiger in seiner Familiensaga „Es geht uns gut“, so Jenny Erpenbeck in ihrer „Heimsuchung“ am Scharmützelsee. Jetzt erbt Iris, eine Bibliothekarin aus Freiburg, das Haus ihrer Großmutter in Bootshaven, oben hinter dem Deich, und schon steht Katharina Hagenas Romandebüt, versehen mit den wärmsten Empfehlungen vor allem weiblicher Leser, auf der Bestsellerliste.

    Hagena hat zwar über James Joyce promoviert, aber „Der Geschmack von Apfelkernen“ ist ein durchaus konventioneller Frauen- und Apfelroman. Fast alle Figuren sind Frauen; Männer sind meist abwesend, physisch oder jedenfalls mental. Umso präsenter sind dafür Äpfel aller Sorten und Aggregatzustände: Mit ihnen beginnen das Paradies der Kindheit und der Sündenfall, das Unglück pubertärer Leidenschaft und das Happy End gereifter Liebe.

    Am Anfang waren Bertha, die Großmutter, und ihre Schwester Anna. Die eine roch nach Boskoop, die andere nach Cox-Orange (was nicht nur Carsten Lexow, der junge Lehrer, im Dunkeln miteinander verwechselte). Die lütten „Deerns“ verschlangen im Apfelbaum Bücher und Butterkuchen und machten in der Küche Mus, Most und Gelee aus Äpfeln, bis Anna starb und ihre Schwester das Gelee „Konservierte Tränen“ nannte. Seit ihrem Sturz vom Apfelbaum ist Bertha verwirrt. Ihre Töchter fielen weit vom Stamm: Christa, Iris‘ Mutter, war eine frustrierte, biedere Hausfrau; Inga, die schöne, Funken sprühende „Bernsteinhexe“, wurde Fotografin, die spirituell sensible Harriet absolvierte eine klassische Hippie-Karriere. Erst in der nächsten Generation des Dreimädelhauses kommt der Apfel wieder zu seinem Recht. Iris und Rosemarie, die beiden Cousinen, und ihre morbide Freundin Mira vergnügen sich beim „Friss oder stirb“-Spiel damit, mit verbundenen Augen den Geschmack von Kellerasseln und Regenwürmern, aber auch von Liebstöckel und Apfelkernen zu erraten.

    Aus dem Hin und Her zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Essen und Sterben, Erinnern und Vergessen ergibt sich die ambitionierte Struktur, aus den verzweigten Verwandtschaftsverhältnissen die (eher gemächliche) Dynamik des Romans. Hagena erzählt Anekdoten aus Iris‘ Kindheit, von den Affären ihrer Tanten, von der biologisch bedingten Vergesslichkeit ihrer Großmutter und der eher politisch motivierten ihres Nazi-Großvaters. Das wichtigste Geheimnis – warum stürzte sich die fünfzehnjährige Rosemarie vom Dach des Wintergartens in den Tod? – und die Wiedervereinigung mit ihrem Jugendfreund, der netten „Niete“ Max, hebt sie sich für den Schluss auf. Bis dahin streift die Erzählerin unaufgeregt durch das alte Haus und den mit Vergissmeinnicht, Giersch und Jelängerjelieber bedeutungsvoll bewachsenen Garten, erkundet mit dem Fahrrad wohl auch Edeka-Laden und Tankstelle, Wald und Moorsee. Letzteres nackt, zu Max‘ Glück; sonst aber trägt sie gern Omas hinreißendes Pailletten-„Flitterflatterdings“ auf, Ingas nachtblaues Tüllkleid oder auch Harriets „pinkoranges Hängerchen“. Wie die Kleider aus dem Familienschrank sind auch die Bilder aus dem Album der Deelwater-Frauen nur lose miteinander verknüpft, vor allem durch wiederkehrende Reflexionen über Vergesslichkeit als Familienfluch und Segen. So wie Erinnern eine Form von Vergessen, war „vielleicht auch das große Vergessen nichts als ein würdevolles Aufheben, wo sonst grausames Aufbewahren stattfand“.

    Schön sind die verdrehten Geheim-, Nacht- und Wunderworte, die Iris in ihrem Poesiealbum sammelt (Lachs-Alven statt Lachsalven, Schula-Ula statt Schul-Aula, totgeparkter Sarg statt totgesagter Park) und die die verwirrte Bertha plappernd überbietet: „Ich fips nicht, was diese Bälle klecken.“ Hagena hat viel Phantasie und ein feines Gespür für die Nuancen und spielerischen Valeurs der Wörter. Umso unangenehmer, wenn dann die Türglocken dauernd „schmatzen“, der Reißverschluss „jault“ oder gar von fern her das „fistelnde Gekicher“ höherer Mädchenliteratur heranweht. „Ihre berauschte Seele hatte gar keine Zeit, die Flügel zu spannen und über den Horizont hinwegzusegeln“, heißt es einmal von Tante Harriet. „Sein Kuss durchfuhr mich mit einer Wucht, die mich verblüffte.“ Es wird viel geweint und schön getrauert, geschmeckt, gerochen und geäpfelt in diesem Buch, dessen Anmutung mit „sinnlich“ oder „magisch“ ungenügend umschrieben wäre.

    Im lateinamerikanischen Familienroman können Großmütter hellsehen und zaubern. Im magischen Realismus Hagenas stricken sie Wollskulpturen aus ihren Gedächtnislücken und verhexen Obst, Kräuter und Blumen. Iris stellt fest, dass die Rosen „abends schwermütiger dufteten als tagsüber“, und nachts geschehen noch mehr Wunder. In der Nacht, als Anna starb, wurden die roten Johannisbeeren plötzlich weiß; in der Nacht, als Iris ihren Max das erste Mal unterm Apfelbaum liebt, werden die Boskoopäpfel vor der Zeit reif. Natürlich macht das Liebespaar am nächsten Tag dreiundzwanzig Gläser Apfelmus: „Wir hatten Muskelkrämpfe und Schwielen vom Drehen der Flotten Lotte.“

    Nein, Katharina Hagena hat die Früchte ihrer Kindheit nicht roh durch den Wolf gedreht oder hausfraulich nüchtern passiert; eher zeigt sie zu viel mädchenhaft-romantisches Zartgefühl beim Einmachen. Ihr erster Roman ist rund, knackig und rotbackig wie ein Apfel, aber ohne Wurm und jenen Schuss Bittermandel, der den Marzipangeschmack von Apfelkernen krönen soll. Kitsch ist es nicht direkt, aber ein bisschen süßlich schmeckt es schon.

    MARTIN HALTER

    Katharina Hagena: „Der Geschmack von Apfelkernen“. Roman. Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln 2008. 255 S., geb., 16,95 [Euro].

    Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main

  2. akpe

    Februar 19, 2009 um 8:27 pm

    Wenn die Bäume zweimal blühen
    Eine Welt der Gesten, Geräusche und Gerüche: Katharina Hagenas Romandebüt „Der Geschmack von Apfelkernen“
    Sie sind zu dritt: Iris, ihre Cousine Rosemarie und Mira, die immer Schwarz trägt. Nahe beim Komposthaufen, im hinteren Teil des Gartens, der nicht einsehbar ist, erfinden sie das „Friss oder Stirb“-Spiel. Mit verbundenen Augen gilt es zu kosten, was man auf die Zunge gelegt bekommt: eine Beere oder ein Radieschen, manchmal aber auch Ameiseneier oder eine Assel. An einem Tag eskaliert alles. Mira muss sich in hohem Bogen übergeben. Rosemarie küsst sie auf den Mund. Ein obszöner Satz fällt. Iris, die Jüngste, versteht das alles nicht und rennt davon.
    Über zehn Jahre später kehrt sie an den Traum- und Schreckensort ihrer Kindheit zurück. Großmutter Bertha ist gestorben und hat Iris das Haus vererbt. Sie streift durch die leeren Räume, blättert in Büchern, zieht alte Kleider aus den Schränken. Sie schwimmt in einem See und schläft mit einem linkisch-charmanten jungen Mann. Soll sie das Haus behalten oder verkaufen? Die Entscheidung fällt ihr schwer. Vor allem aber sieht Iris sich, stärker als sie es erwartet hat, mit Unbekanntem und Verdrängtem konfrontiert.
    Ein alter Herr taucht auf und behauptet, mit Bertha vor Jahrzehnten eine uneheliche Tochter gezeugt zu haben. An der Wand des Hühnerstalles steht plötzlich das Wort „Nazi“ – wer erinnert sich da an die Rolle, die der Großvater im Dritten Reich gespielt hat? Und vor allem: Warum ist Rosemarie in der Nacht nach dem verhängnisvollen Spiel vom Dach des Gewächshauses gefallen? Im Wechsel zwischen Gegenwart und Vergangenheit treibt Katharina Hagena die Handlung ihres Romans flott voran. Sie gibt ihrer Ich-Erzählerin aber auch Gelegenheit zu Reflexionen: „Würde man nichts vergessen, könnte man sich auch nicht an etwas erinnern. Das Vergessen war ein Ozean, der sich um Gedächtnisinseln schloss. Es gab darin Strömungen, Strudel und Untiefen. Manchmal tauchten Sandbänke auf und schoben sich an die Inseln, manchmal verschwand etwas. Das Hirn hatte Gezeiten.“
    Als Iris auf Gedichte ihres Großvaters stößt, in denen dieser das Dorf seiner Herkunft, das er eigentlich hasst, verklärt, wird ihr klar, dass der menschliche Umgang mit der Vergangenheit dialektischer Natur ist. Es gibt keine Gegensätze, alles ist miteinander verschränkt: „Und ich stellte fest, dass nicht nur das Vergessen eine Form des Erinnerns war, sondern auch das Erinnern eine Form des Vergessens.“
    Die Erkenntnisse der Gedächtnistheorie sind in „Der Geschmack von Apfelkernen“ in unaufdringlicher Weise präsent. Zudem besitzt die Autorin ein Gespür für das signifikante Detail. Die fortschreitende Demenz der Großmutter macht Iris an deren Bewegungen fest: „An das Geräusch der harten, trockenen Haut ihrer Hand auf dem hölzernen Küchentisch konnte ich mich deutlicher erinnern als an ihre Gesichtszüge. Auch daran, dass sich die beringten Finger immer fest um die unsichtbaren Krümel schlossen, als versuchten sie, die vorbeiziehenden Schattenbilder ihres Geistes zu fassen, aber vielleicht wollte Bertha auch nur nicht den Boden vollbröseln oder die Spatzen damit füttern, die im Frühsommer so gern im Garten Sandbäder nahmen und dabei immer die Radieschen ausgruben. Der Tisch im Pflegeheim war dann aus Kunststoff, und ihre Hand verstummte.“ Das Flüchtige und Ephemere rückt bei Hagena auf faszinierende Weise ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Zum Aufbau einer epischen Welt genügt ihr die Schilderung von Mimik und Gestik, von Geräuschen und Gerüchen.
    Mitunter schleicht sich Übersinnliches ein. Bäume blühen ein zweites Mal oder bringen vorzeitig Früchte; nach einem tragischen Todesfall erblassen rote Johannisbeeren und werden als „konservierte Tränen“ zu einem Gelee, das „in geheimnisvoll-fahler Durchsichtigkeit“ schimmert, verarbeitet. Die Verstrickungen, in die jede Generation hier gerät, besitzen eine biblische Dimension.
    Die Erfahrung von Liebe und Schuld wird mit dem Verzehr von Äpfeln, mit Stürzen und Abstürzen im wörtlichen wie übertragenen Sinne verknüpft. So erscheint der Familienroman als eine Wiederholung des Sündenfalles: Auf das Versprechen paradiesischen Glückes muss, stets aufs Neue, das Unglück folgen. Mit diesen magisch-mythischen Motiven wird zum Glück aber sehr dezent umgegangen; es bleibt bei bloßen Anspielungen. Die Autorin sucht nicht das Individuelle ins Allgemeingültige zu überhöhen. Eher geht es ihr wohl darum zu zeigen, wie schnell das Vergangene sich ins Sagenhafte entrückt.
    Dass die Erinnerung ein trügerisches Ding ist; dass Familien ihre Geheimnisse haben, solche, die sich nicht lösen lassen, und solche, die besser intakt bleiben – man weiß es ja längst, sei es aus eigenem Erleben oder anderen Büchern. Aber so zart und ohne Scheu, so sinnlich und präzise wie Katharina Hagena erzählt, liest man es gerne erneut. Mit „Der Geschmack von Apfelkernen“ ist ihr ein tolles Debüt gelungen.
    CHRISTOPH HAAS

    KATHARINA HAGENA: Der Geschmack von Apfelkernen. Roman. Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln 2008. 255 Seiten, 16,95 Euro.
    Katharina Hagena colourpress.com
    SZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
    Eine Dienstleistung der DIZ München GmbH

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