Anna Burns: Milchmann / Milkman (2020/2018)

50312078. sy475 »Der Tag, an dem Sowieso McSowieso mir eine Waffe vor die Brust hielt und mich ein Flittchen nannte und drohte, mich zu erschießen, war auch der Tag, an dem der Milchmann starb.«

Mit Milchmann legte Anna Burns das literarische Großereignis des vergangenen Jahres vor. Ein Roman über den unerschrockenen Kampf einer jungen Frau um ein selbstbestimmtes Leben – weltweit gefeiert und ausgezeichnet mit dem Man Booker Prize.

Eine junge Frau zieht ungewollt die Aufmerksamkeit eines mächtigen und erschreckend älteren Mannes auf sich, Milchmann. Es ist das Letzte, was sie will. Hier, in dieser namenlosen Stadt, erweckt man besser niemandes Interesse. Und so versucht sie, alle in ihrem Umfeld über ihre Begegnungen mit dem Mann im Unklaren zu lassen. Doch Milchmann ist hartnäckig. Und als der Mann ihrer älteren Schwester herausfindet, in welcher Klemme sie steckt, fangen die Leute an zu reden. Plötzlich gilt sie als »interessant« – etwas, das sie immer vermeiden wollte. Hier ist es gefährlich, interessant zu sein.

Doch was kann sie noch tun, nun, da das Gerücht einmal in der Welt ist? Milchmann ist die Geschichte einer jungen Frau, die nach einem Weg für sich sucht – in einer Gesellschaft, die sich ihre eigenen dunklen Wahrheiten erfindet und in der jeglicher Fehltritt enorme Konsequenzen nach sich zieht.

Hardcover, 456 pages
Published February 22nd 2020 by Tropen (first published May 15th 2018)
Original Title Milkman
ISBN 0571338763 (ISBN13: 9783608504682)
Edition Language German

en.wikipedia.org

DLF: Beitrag Eine Frau, die sich nicht anpasst. „Milchmann“ erzählt von politischer Gewalt, man könnte den Roman aber auch als Kommentar zu den Sexismus-Debatten dieser Jahre verstehen. Für „Milchmann“ wurde Anna Burns mit dem Booker Prize ausgezeichnet. Zurecht: Mit irrwitziger Komik erzählt der Roman von einem jungen Mädchen, das in einer repressiven Gesellschaft aufwächst und sich gegen deren Sexismus zu wehren weiß. Von Insa Wilke vom 27.04.2020

SZ: Die totalitäre Herrschaft von nebenan. In „Milchmann“ erzählt Anna Burns von einer jungen Frau im Nordirlandkonflikt – inklusive Metoo- und Brexit-Parallelen. Gerecht wird das diesem Roman allerdings nicht. Er ist überzeitlich. „Dann nehme ich an, ist es politisch“, gab Autorin Anna Burns auf die Frage zurück, ob ihr Schreiben politisch sei – zunächst suchte sie aber nach Definitionen. Von Felix Stephan 9. März 2020, 15:55 Uhr

ZEIT: Die Lage ist rabenschwarz, aber komisch. Anna Burns’ packender Roman über eine junge Frau im Bürgerkriegs-Belfast der Siebziger. Eine Rezension von Burkhard Müller vom 11. März 2020, 16:53 Uhr ZEIT Literatur Nr. 12/2020, 12. März 2020

SWR2: Anna Burns – Milchmann. Literaturkritik von Sigrid Löffler Audio 21.2.2020, 11:42 Uhr

literaturkritik.de: Paranoia bis zur Groteske. Auf der Folie des Nordirland-Konflikts hat Anna Burn mit „Milchmann“ einen außergewöhnlichen Roman über das Anders-Sein, Parteinahme und soziale Kontrolle bis hin zur Paranoia geschrieben. Von Karsten Herrmann Erschienen am: 26.05.2020

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1 Kommentar

  1. Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 28.04.2020
    Als kluges Buch empfiehlt Insa Wilke Anna Burns‘ Roman über ein wehrhaftes Mädchen, das sich von Sexismus und Gewalt verfolgt sieht, das aber mit Hilfe von Literatur und eigener Schnoddrigkeit Widerstand leistet. Wilkes Begeisterung gilt zuerst der Komik der „Code-Sprache“ der Heldin, die Anna-Nina Kroll gekonnt übersetzt, wie sie findet, dann dem Tempo, dann der Allgemeingültigkeit der Geschichte, die laut Wilke gut im Nordirland der siebziger Jahre spielen könnte, die Burns aber universal gestaltet.

    Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 12.03.2020
    Rezensent Burkhard Müller liest Anna Burns Roman „Milchmann“ als vielleicht etwas verfremdete, aber absolut realistische Schilderung des Belfasts der siebziger Jahre. Ungeheuer intensiv, packend und zwischen Witz und Verzweiflung schillernd erzählt Burns von einer jungen Frau, der ein Verhältnis mit einem Untergrundkämpfer angedichtet wird und die zugleich wegen ihres Faibles für englische Literatur skeptisch beäugt wird. Sie gerät ins Visier der Paramilitärs. Müller verfolgt atemlos, wie Burns ihn durch ein proletarisches Milieu führt, das im permanenten Ausnahmezustand lebt – und in der ständigen Furcht, es sich mit den Kämpfern zu verscherzen oder für sich auf ein Glück zu hoffen, das vom Krieg ja doch zerstört werden würde. Die Kraft dieser Erzählung schreibt der Rezensent auch Burns‘ Sprache zu, die geschickt die verschiedenen Register verbinde und von Anna-Nina Kroll wirkungsvoll ins Deutsche übertragen wurde.

    Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 11.03.2020
    Überwältigt ist Rezensentin Julia Lorenz von diesem Roman der nordirischen Autorin Anna Burns, der im Ton einer surrealen Parabel, aber ganz und gar realitätsnah die bürgerkriegsähnliche Atmosphäre des Belfasts der siebziger Jahre evoziert. Die namenlose Ich-Erzählerin, die ihre Sensibilität hinter einer zur Schau getragenen Haltung der Indifferenz verbirgt, wird von einem Paramilitär ins Visier genommen, erzählt die Rezensentin den andere Frauen im Viertel wie einen Rockstar verehren. Beklemmend und ausgesprochen plastisch schildere Burns eine unter der Gewalt erstarrte Gesellschaft und findet für sie Bilder, die der Rezensentin unter die Haut gehen: Der große Hundemord etwa, ist ein spektakulär in Szene gesetztes Massaker, die Tötung der Katzen dagegen reiner Kollateralschaden.

    Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 10.03.2020
    Wenn auch mit sehr viel Witz geschildert, hat Anna Burns‘ Belfast der 70er Jahre den Rezensenten Felix Stephan an die „totalitären Gesellschaften nach den Grundrissen Hannah Ahrendts“ erinnert: Vom Nordirlandkonflikt in zwei ideologische Lager geteilt, übt die Gesellschaft einen enormen sozialen Druck aus, den vor allem die jugendliche Ich-Erzählerin zu spüren bekommt, so Stephan. Wie die lesebegeisterte junge Frau zwischen die Fronten gerät, weil sie vom ansässigen „Milchmann“, dem Anführer der lokalen Paramilitärs, gestalkt wird, gerät nun auch die Autorin ins Kreuzfeuer, weil ihr Buch als Kommentar auf den Brexit und die Debatte um sexuelle Belästigung gelesen wird, bedauert der Kritiker. Der mit dem Booker Prize ausgezeichnete Roman sollte auch ohne explizite Stellungnahme als überzeitliches Meisterwerk erkannt werden, findet er.

    Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 07.03.2020
    Rezensentin Angela Schader versteht, dass dieses Buch für den Booker-Preis nominiert wurde: „Eine Lektion in Sachen Psychoterror“, erzählt der Roman ihr zufolge von einer unbedarften 18-jährigen Frau, die vom Milchmann belästigt wird, während ihr Dorf vom Nordirlandkonflikt heimgesucht wird. Wie die titelgebende Figur wirkt vordergründig alles vollkommen harmlos, während es bei genauem Hinsehen überall schwelt, so Schader: Der Milchmann setzt der jungen Frau mit scheinbar harmlosen Informationen zu, die ihr klarmachen, dass er alles über sie weiß, und das Dorf tut sein Übriges, indem es ihnen eine Affäre anhängt, die umso brisanter scheint, da der Milchmann angeblich ein hohes Tier in der paramilitärischen Organisation ist. Mit viel schwarzem Humor fabuliert Burns hier die zerstörerischen Folgen einer „tief versehrten Gesellschaft“ aus, lobt die Rezensentin.

    Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.02.2020
    Die Nord-Irländerin Anna Burns feiert mit ihrem Booker-Preis prämierten Roman völlig zurecht den Durchbruch, findet Rezensent Martin Halter. Die in Zeiten des Nord-Irlandkonflikts aufgewachsene Schriftstellerin, die während der Troubles mehrere Freunde verlor, skizziert in ihrem Roman die „explosiven“ Spannungen im Belfast der Siebziger, erklärt der Kritiker, der hier von politisch-religiösen und sozialen Konflikten ebenso liest wie vom Krieg der Geschlechter. Die soziale Kontrolle nimmt in Burns‘ Roman um eine nur „Mittelschwester“ genannte junge Frau, die plötzlich von einem obsessiven Milchmann verfolgt wird, totalitäre Züge an, erläutert Halter. Dass Burns auf Beschreibungen, „Zeitkolorit“ und Namen ihrer Figuren verzichtet, dafür umso mehr Dialoge und Reflexionen einbindet, macht die Lektüre zwar nicht mühelos, findet der Kritiker. Die den Text durchziehende Spannung wird so aber spürbar, versichert er.

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