Thomas Hettche: Herzfaden (2020)

Ein großer Roman über ein kleines Theater: die Augsburger Puppenkiste.

Ein zwölfjähriges Mädchen gerät nach einer Vorstellung der Augsburger Puppenkiste durch eine verborgene Tür auf einen märchenhaften Dachboden, auf dem viele Freunde warten: die Prinzessin Li Si, Kater Mikesch, Lukas, der Lokomotivführer. Vor allem aber die Frau, die all diese Marionetten geschnitzt hat und nun ihre Geschichte erzählt. Es ist die Geschichte eines einmaligen Theaters und der Familie, die es gegründet und berühmt gemacht hat. Sie beginnt im 2. Weltkrieg, als Walter Oehmichen, ein Schauspieler des Augsburger Stadttheaters, in der Gefangenschaft einen Puppenschnitzer kennenlernt und für die eigene Familie ein Marionettentheater baut. In der Bombennacht 1944 verbrennt es zu Schutt und Asche. „Herzfaden“ erzählt von der Kraft der Fantasie in dunkler Zeit und von der Wiedergeburt dieses Theaters. Nach dem Krieg gibt Walters Tochter Hatü in der Augsburger Puppenkiste Waisenkindern wie dem Urmel und kleinen Helden wie Kalle Wirsch ein Gesicht. Generationen von Kindern sind mit ihren Marionetten aufgewachsen. Die Augsburger Puppenkiste gehört zur DNA dieses Landes, seit in der ersten TV-Serie im westdeutschen Fernsehen erstmals Jim Knopf auf den Bildschirmen erschien.

Hardcover, 288 pages
Published September 10th 2020 by Kiepenheuer & Witsch
ISBN 346205256X (ISBN13: 9783462052565)
Edition Language German

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DLF: Thomas Hettche: „Herzfaden“ Die Unschuld der Marionetten. Viel ist schon über die Mentalität der frühen Bundesrepublik geschrieben, aber selten so reflektiert wie in diesem Roman, meint unsere Kritikerin. (Deutschlandradio / Kiepenheuer & Witsch) Thomas Hettches im doppelten Sinne fantastischer Roman „Herzfaden“ ist zu Recht für den deutschen Buchpreis nominiert. Die Geschichte der Augsburger Puppenkiste wird zu einer Erzählung über das Fortwirken nationalsozialistischer Vergangenheit. Beitrag vom 11.09.2020 Von Wiebke Porombka

FAZ: Die Unschuld hängt an dünnen Schnüren. Wie man die Herzen in der jungen Bundesrepublik erreicht: Mit seinem Roman über die Augsburger Puppenkiste zählt Thomas Hettche zu den Favoriten für den deutschen Buchpreis. Von Hubert Spiegel – Aktualisiert am 18.09.2020-22:21

ZEIT: Urmelis Traumata. Thomas Hettche erzählt in „Herzfaden“ die Geschichte der Augsburger Puppenkiste als Mentalitätsporträt der Bundesrepublik. Eine Rezension von Christoph Schröder 9. September 2020, 17:04 Uhr Editiert am 12. September 2020, 17:52 Uhr DIE ZEIT Nr. 38/2020, 10. September 2020

 

Roman „Herzfaden“ von Thomas Hettche über die Augsburger Puppenkiste

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Außerdem stecke in der Augsburger Puppenkiste viel Nachkriegsgeschichte: so sei überliefert, dass Oehmichen gesagt haben soll, er wolle nicht mehr mit Menschen spielen, sondern mit Puppen, weil die ehrlicher seien, so Hettche. „Die Geschichten reagieren auf die Erfahrungen, die die Kinder in der Nachkriegszeit gemacht haben, oft geht es um Patchworkfamilien“, sagt der Autor. Dass alle verschieden sind und dass man mit den belebten Wesen Empathie haben könne, mache die Geschichte deshalb zu einer positiven Erzählung, ist Hettche überzeugt. „Die Geschichte der Augsburger Puppenkiste gehört zur DNA der Bundesrepublik, sie ist die Lehre aus der dunklen Zeit des Faschismus“, sagt der Autor über seinen Roman „Herzfaden“.

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1 Kommentar

  1. Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 12.10.2020
    In seinem stringent erzählten Roman „Herzfaden“ spürt Thomas Hettche das „Das Furchtbare im Possierlichen“ auf, und macht es mit Feinsinn und Geschick für die Leser sichtbar, erklärt Rezensentin Judith von Sternburg. Das Possierliche, das sind wohl die Marionetten aus der Augsburger Puppenkiste, die spielen auf beiden Erzählebenen eine entscheidende Rolle, lesen wir. Auf der ersten helfen Urmel, Jim Knopf und Kalle Wirsch einem Mädchen der Gegenwart, das in Bedrängnis geraten ist. Doch auch hier schon deutet sich das Furchtbare in Gestalt des bös grinsenden Kasperles an. Ein ähnliches Unbehagen wie das Mädchen empfindet auch Hannelore Oehmichen gegenüber dem Kasper, und das, obwohl sie ihn selbst geschnitzt hat. Oehmichen, erklärt von Sternburg, ist nämlich die Tochter des Erfinders der Augsburger Puppenkiste, deren Geschichte Hettche auf der zweiten Ebene erzählt. Und auch hier wird mit wohl platzierten Fragen und Hinweisen auf die Schrecken der Judenverfolgung und des Zweiten Weltkriegs Bezug genommen. Mit diesem Roman erzählt Thomas Hettche ein Stück gut recherchierte Nachkriegsgeschichte auf spannende und dynamische Art und Weise, so die berührte Rezensentin.

    Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 10.10.2020
    Für Rezensentin Katharina Granzin ist dieser Roman „literarische Geschichtsstunde, Spiel mit Erzähltraditionen, künstlerische Hommage“ in einem: Die Geschichte, in der ein Mädchen nach dem Besuch eines Puppentheaters auf einen geheimen Dachboden stößt, selbst auf Marionettengröße schrumpft und mit bekannten Figuren wie Jim Knopf die Mitbegründerin der Augsburger Puppenkiste, Hannelore Oehmichen, und ihre Geschichte kennenlernt, hat die Kritikerin daran erinnert, dass die Puppenkiste eine große Bedeutung für die humanitäre Bildung der Nachkriegs-BRD hatte, und mit welchen Ambivalenzen das noch zu NS-Zeiten entstandene Puppentheater kämpfen musste. Bestimmt keine Kindergeschichte, verspricht sie.

    Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 16.09.2020
    Rezensent Helmut Böttiger weiß, dass Thomas Hettche mit seinem Roman über die Augsburger Puppenkiste an Kleists Betrachtungen über die Grazie des Marionettentheaters anknüpft. Und er erkennt, wie sich Hettche in Form und Inhalt seiner Ästhetik annähert, wenn er Puppe und Mensch, Gegenwart und Vergangenheit, Kunst und Liebe durch unsichtbare Fäden miteinander verbindet. Böttiger kann nur bewundern, wie kunstvoll Hettche von Hatü erzählt, der Tochter des Puppenkisten-Erfinders Walter Oehmichen, wie er einen Horrorkasper imaginiert, und schließlich mit Jim Knopf, Kalle Wirsch und dem Urmel verzaubert – in blauer oder in roter Schrift, realistisch oder surreal, aber immer magisch.

    Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 11.09.2020
    In den höchsten Tönen lobt Rezensentin Wiebke Porombka den neuen Roman von Thomas Hettche, der ihr die Geschichte der Augsburger Puppenkiste erzählt – und mehr: Fantasiereich, ernsthaft und doch „sprühend albern“ lasse Hettche die Puppen auf dem Dachboden tanzen. Mittendrin: Hannelore Oehmichen, die Tochter des Erfinders der Puppenkiste. In auch grafisch unterschiedlichen Passagen erzähle der Autor zugleich die Entstehungsgeschichte der Augsburger Puppenkiste, eng verwoben mit der Zeit des Zweiten Weltkriegs und den Nachkriegsjahren, informiert die Kritikerin. Wie Hettche eine Prise „Alice im Wunderland“ mit deutscher Geschichte verwebt, findet Porombka beeindruckend.

    Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.09.2020
    Rezensent Hubert Spiegel erkennt in Thomas Hettches Märchen um ein Mädchen, das hinter die Kulissen der Ausgburger Puppenkiste schaut und um die realen Figuren hinter den Puppen eine Allegorie auf das Nachkriegsdeutschland, das Verborgene und Verdrängte. Dass der Autor nicht so weit geht, im Puppenspiel ein ideologisches Projekt und den Versuch einer „moralischen“ Reinigung zu sehen, nimmt der Rezensent mit Erleichterung zur Kenntnis. Hettches gründliche Recherche im Zeithistorischen, sein Händchen fürs Fantastische und die Balance zwischen beidem machen die Lektüre für Spiegel zum spannenden Ereignis für Jung und Alt.

    Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 10.09.2020
    Rezensent Christoph Schröder bewundert Thomas Hettches Geschick beim Ersinnen und Ausführen der „vertrackten“ Konstruktion seines neuen Romans. Das Ergebnis, eine Mischung aus Mentalitätsgeschichte der deutschen Nachkriegszeit und Geschichte der Augsburger Puppenkiste und ihrer Macher, findet Schröder unterhaltsam und beunruhigend zugleich, weil es unter der „nostalgisch angehauchten“ Oberfläche „tief in den Urgrund“ der Nazivergangenheit abtaucht und Kriegstraumata, historische Kontinuitäten und die Bereitschaft eines Volkes offenlegt, seine Täterschaft „buchstäblich zu überspielen“.

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