Juli Zeh: Über Menschen (2021)

https://www.lehmanns.de/media/90950225Dora ist mit ihrer kleinen Hündin aufs Land gezogen. Sie brauchte dringend einen Tapetenwechsel, mehr Freiheit, Raum zum Atmen. Aber ganz so idyllisch wie gedacht ist Bracken, das kleine Dorf im brandenburgischen Nirgendwo, nicht. In Doras Haus gibt es noch keine Möbel, der Garten gleicht einer Wildnis, und die Busverbindung in die Kreisstadt ist ein Witz. Vor allem aber verbirgt sich hinter der hohen Gartenmauer ein Nachbar, der mit kahlrasiertem Kopf und rechten Sprüchen sämtlichen Vorurteilen zu entsprechen scheint.

Geflohen vor dem Lockdown in der Großstadt muss Dora sich fragen, was sie in dieser anarchischen Leere sucht: Abstand von Robert, ihrem Freund, der ihr in seinem verbissenen Klimaaktivismus immer fremder wird? Zuflucht wegen der inneren Unruhe, die sie nachts nicht mehr schlafen lässt? Antwort auf die Frage, wann die Welt eigentlich so durcheinandergeraten ist?

Während Dora noch versucht, die eigenen Gedanken und Dämonen in Schach zu halten, geschehen in ihrer unmittelbaren Nähe Dinge, mit denen sie nicht rechnen konnte. Ihr zeigen sich Menschen, die in kein Raster passen, ihre Vorstellungen und ihr bisheriges Leben aufs Massivste herausfordern und sie etwas erfahren lassen, von dem sie niemals gedacht hätte, dass sie es sucht.

Juli Zehs neuer Roman erzählt von unserer unmittelbarsten Gegenwart, von unseren Befangenheiten, Schwächen und Ängsten, und er erzählt von unseren Stärken, die zum Vorschein kommen, wenn wir uns trauen, Menschen zu sein.

Hardcover, 416 pages
Published March 22nd 2021 by Luchterhand
ISBN 3630876676 (ISBN13: 9783630876672)
Edition Language German

de.wikipedia.org/

FAZ: Bei den Edlen Wilden vom Lande. Wenn einem der böse Nachbar gefällt: Juli Zeh schreibt nach „Unterleuten“ wieder einen Dorfroman. Leider gerät er trotz Corona-Thematik arg dünn. Von Andrea Diener Aktualisiert am 05.05.2021-13:20

Please rate this

1 Kommentar

  1. Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 17.05.2021
    Rezensentin Judith von Sternburg hätte sich von Juli Zehs neuem Roman „Über Menschen“ noch mehr erwartet. Dessen Protagonistin Dora zieht zu Beginn des Coronafrühjahrs 2020 in die Prignitz, um ihrem tugendhaften Fridays-for-Future Freund Robert zu entfliehen. Dass sie sich jedoch den AFD-wählenden, rassistischen, klimawandel- und coronaleugnenden Dorfbewohnern immer weiter annähert, findet die Rezensentin überzogen und „rührstückhaft“. Sternburg missfällt auch, dass Zeh immer wieder auf die Mittel der Fernseh-Dramaturgie setze, aber ihren Witz und die Gegenwärtigkeit des Romans findet die Rezensentin schon enorm. Gut verkraften kann sie auch die wenig schmeichelhafte Darstellung urbaner Akademiker.

    Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.05.2021
    Rezensentin Andrea Diener gähnt herzhaft angesichts von Juli Zehs neuem Aussteigerroman. Da zieht eine Berliner Werbefrau aufs Land und entdeckt die Schönheit der Natur, die Probleme mit dem eigenen Garten und die Menschlichkeit des Dorfnazis und anderer abgehängter Brandenburger. Für Diener alles ziemlich erwartbar. Dass Zeh über eine „plattitüdenhafte Sprache“ mit schiefen Metaphern nicht hinausgelangt und auch über die überwiegend schlichten Gedanken ihrer Protagonistin nicht, findet sie enttäuschend. Die Annäherung an die Figuren stößt ihr als heftiges Gemenschel im Text außerdem sauer auf. Fürs Fernsehen aber taugt das Buch sicher gut als Vorlage, glaubt Diener.

    Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 24.04.2021
    Rezensent Dirk Knipphals fühlt sich emotional erpresst von Juli Zehs Roman, in dem die Berlinerin Dora aus der Stadt ins fiktive Dorf Bracken in Brandenburg zieht. Erstaunlich, was die Autorin alles auf sich nimmt, um Doras erster Begegnung Gote („Ich bin hier der Dorf-Nazi“) Würde und Sympathie zu verleihen, so der irritierte Rezensent. Noch mehr stört ihn aber das „gnadenlos Geplottete“ des gesamten Romans: Gotes Tochter wird nur eingeführt, damit Dora ihren Kinderwunsch entdecken kann, Gotes Tumor nur, weil alle Menschen vor der Krankheit gleich sind, und, wie praktisch, Doras Vater Hirnchirurg ist. Das geht dem Rezensenten alles zu gut auf. Dass der Roman nicht wie erwartet auf den Unterschied zwischen Stadt und Land aus sei, sondern das Dorfleben mithilfe allerlei Klischees zum „normalen Leben“ erkläre, hilft da nicht – ein „Rührstück“, schließt der Rezensent.

    Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 08.04.2021
    Rezensent Ronald Düker erkennt das Programm von Juli Zeh auch in ihrem neuen Roman. Einmal mehr schreibe die Autorin gegen den Abbau bürgerlicher Rechte an und verteidige die Freiheit, meint der Kritiker. Erneut führt ihn Zeh ins fiktive brandenburgische Provinznest Bracken, hier an der Seite der vor Corona und ihrem Fridays-for-Future-Freund geflohenen Dora, die in Bracken auf einen Haufen Nazis trifft und bei „Pyro, Bier und geiler Stimmung“ die Menschen dahinter erkennt. Wer’s mag, wenn es ordentlich menschelt und die „Einfühlung“ der Vernunft vorzieht, der wird sich von diesem Roman bestens unterhalten fühlen, schließt der Kritiker süffisant.

    Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 22.03.2021
    Nicht hellauf begeistert, aber doch mit Sympathie bespricht Rezensent Jörg Magenau diesen Folgeroman zu Juli Zehs sagenhaft erfolgreichem Roman „Unter Leuten“. Hier arbeitet die Autorin weniger mit Perspektivenwechseln, denn sie lässt hier eine Hauptperson zu, die vor Corona und ihrem Besserwisser-Freund, dem Klimaschützer Robert, mit Hund aufs Land flieht. Dass aus dem „Dorfnazi“ fast ein Freund wird, gefällt dem Kritiker durchaus, denn dass die Überwindung plakativer Zuschreibungen zwischen Berlin und Brandenburg, zwischen Stadt und Land überhaupt nottut, findet auch er. Aber was sich daraus an Freundschaft und Wiedereingliederung ergibt, hält er dann wiederum für etwas „schlicht“ und geradezu märchenhaft. Immerhin gelingen der Autorin, so der freundlich-milde gestimmte Kritiker, immer wieder „wunderbar witzige und entlarvende Dialoge“- und entlarvt wird nicht selten die Besserwisserei der Städter.

    Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 20.03.2021
    Rezensent Jörg Magenau hat den neuen Roman von Juli Zeh mit viel Sympathie gelesen. Er spielt wieder in dem fiktiven Örtchen Bracken, das man aus Zehs Roman „Unterleuten“ kennt, aber diesmal gibt es eine Hauptfigur, Dora, so Magenau. Die ist nach Bracken gezogen, weil ihr die Besserwisserei und das Moralgeprotze der Städter, die in der Coronakrise jubelnd ihre Untergangshoffnungen verwirklicht sehen, auf die Nerven gehen. In Bracken lernt sie, dass auch sie nicht ganz ohne Hochmut den Dörflern gegenüber ist, vor allem, wenn sie Nazisprüche klopfen, erklärt Magenau, der das alles brillant beobachtet findet. Und dem auch die Botschaft gefällt, dass die Welt weniger Ideologie und mehr Menschlichkeit gut vertragen könnte.

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.