Haruki Murakami: Mister Aufziehvogel (2007)

  • Taschenbuch: 764 Seiten
  • Verlag: btb Verlag (14. September 2007)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3442726689
  • ISBN-13: 978-3442726684
  • Größe und/oder Gewicht: 18,6 x 12,1 x 4 cm

In Japan nennen ihn konservative Kritiker und Schriftstellerkollegen „batakusai – nach Butter stinkender Wessi“, die anderen halten ihn für den Literaturnobelpreisträger der Zukunft. Haruki Murakami polarisiert mit seinen Geschichten und Romanen. Wie seine Helden entzieht er sich der anonymen Masse. Seine Romanfiguren werden in der japanischen Gesellschaft, in der angepasstes Verhalten von existentieller Bedeutung ist, als einsame Wölfe gebrandmarkt. Der 30-jährige Toru Okada in „Mister Aufziehvogel“ steigt aus einer Anwaltskanzlei aus und gerät bei der Suche nach seinem Kater mitten in Tokio in eine Traumwelt, in der ihn erotische Verlockungen, aber auch bösartige Intrigen erwarten. Der Brunnen, der Toru den Einstieg in die geheimnisvolle Unterwelt gewährt, ist Zugang zu Vergangenem und Verdrängtem.

Huraki Murakami bei

Please rate this

2 Kommentare

  1. akpe

    Juni 8, 2008 um 5:32 pm

    Neue Zürcher Zeitung

    Japans «ranghöchster Romancier»? Schwierigkeiten mit Murakami Haruki

    Der immer noch als Jungstar der postmodernen japanischen Literatur geltende Murakami Haruki ist am 12. Januar 50 geworden. Mit der Postmoderne ist auch er in die Jahre gekommen, und das, was als sein Markenzeichen galt, ebenso. Der jetzt in der deutschen Übersetzung erschienene 684-Seiten-Roman «Mister Aufziehvogel» , 1994/95 in der japanischen Erstausgabe publiziert, verlangt seinen Lesern neben der obligatorischen Ausdauer ein gewisses Mass an Umlernen ab.

    Bekannt geworden ist Murakami mit seinen Romanen «Wilde Schafsjagd» (1982), «Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt» (1985), den Erzählungsbänden «Der Elefant verschwindet» (1993) und «Wie ich eines schönen Morgens im April das 100prozentige Mädchen sah» (1993). Darin vollzog er eine coole Abkehr von den Traditionen des melancholischen Ästhetizismus (Kawabata Yasunari) und des japanischen Humanismus (Inoue Yasushi). Besonders Oe hat ihm vorgeworfen, dass er sich widerstandslos der kommerzialisierten Populärkultur unterwerfe, «um seine innere imaginäre Welt aus sich herauszuspinnen, als lausche er einer Hintergrundmusik». Dieses weniger literatur- als moralkritische Urteil trifft zwar auch auf die Atmosphäre, den charakteristischen Murakamischen «Meed» und den Duktus seines neuen Romans im ganzen, nicht aber auf einige seiner Segmente zu.

    Schwer durchsetzbar

    Dass Murakamis viertes Buch bereits im dritten Verlag erscheint, signalisiert verlegerische Vorbehalte und Schwierigkeiten bei der Durchsetzung des Autors auf dem deutschsprachigen Markt – dies während er im angloamerikanischen Raum mit marktschreierischer Hierarchisierung als «Japans ranghöchster Romancier» angepriesen wird. Die «herausgesponnene imaginäre Welt» ist hier eine, in der Fantasy und Science Fiction sich mit neuromantischen, neoesoterischen, neospiritistischen Motiven zu einer nicht eben leicht dingfest zu machenden Konstruktion verbinden. Erzählt wird die Geschichte Ukada Terus, eines arbeitslosen (!) japanischen Juristen, der von seiner Frau Kumike verlassen wird, in den tiefen Brunnen seines wie stets bei Murakami ausserordentlich durchlässigen Ichs absteigt, um vor allem mehreren hellsehenden Frauen zu begegnen und zusammen mit ihnen der antipodischen Welt seines Schwagers Nataya Nobora, eines zynischen Medienstars und korrupten Politikers, zu widerstehen.

    Diese Geschichte ist trotz ihren politik- und medienkritischen Elementen zu diffus, zu gesucht, um ein anhaltendes Interesse zu wecken. Die penetrant hellsehenden Frauen mitsamt einigen ebenfalls medial disponierten Männern sind das unfreiwillige ironische Gegenbild der Dunkelheit und Konfusion, in der sich der Leser bewegt. Leider ist der Witz des «Buddha von McKamakura» ebenfalls verlorengegangen.

    Auch der titelgebende «Aufziehvogel», nach einem unsichtbaren Vogel so genannt, dessen schnarrender Ruf die Feder der Welt jeden Tag von neuem aufziehen muss, wenn ihr Mechanismus nicht stillstehen soll, gewinnt schwerlich grösseres Interesse, es sei denn bei Literaturwissenschaftern und Komparatisten, die hier zweifellos ein ideales Untersuchungsfeld finden. Robert Schumanns «Vogel als Prophet», von dem in der europäischen Kultur bestens bewanderten Murakami ausdrücklich zitiert, mehr noch der nicht explizit bemühte Vogel aus Tiecks «Blondem Eckbert» geben die erwünschte tiefere Bedeutung kaum her, bestenfalls eine modernisierte spätromantische Musik und für den Monsterroman ein leitmotivisches Korsett. Ein wagnerisierender japanischer Thomas Mann wird Murakami deswegen noch nicht.

    Mehr Aufmerksamkeit verdienen freilich die novellistischen Teile, die Murakami dem Roman einschreibt. Hier zeigt er sich als konturenscharfer Erzähler, von dem man ohnehin weiss, dass er technisch alles kann. Und hier stimmt auch das Urteil über die Defizite an historischer und sozialer Zeitgenossenschaft nicht mehr. Murakami führt in diesen Teilen zunächst in die Zeit des japanischen Krieges, der Gründung des «Reichsprotektorats» Mandschukos, danach in die Arbeitslager Stalins zurück. Die irrwitzige Exekution der wilden Tiere eines Zoos vor dem Heranrücken der sowjetischen Truppen; die Verbrechen der japanischen Besatzer; die fürchterliche Folterung eines wie Marsyas im griechischen Mythos von Apollon «geschundenen», buchstäblich geschälten Menschen; das Porträt eines Berija-Gehilfen, den «böse» zu nennen weit untertrieben wäre – das alles ist überaus brutal, aber bei aller Coolness auch so engagiert erzählt, dass man es nicht vergessen wird. Murakamis schlimmster und triftigster Satz steht auf Seite 614: «Die Hölle kennt keinen tiefsten Punkt.»

    Japanischer «Archipel Gulag»

    Man staune: Murakami wendet sich in diesen düsteren Kapiteln seines Romans mit Entschiedenheit der in Japan immer noch verdrängten japanischen Kolonial- und Kriegsgeschichte zu. Ausserdem schreibt er eine japanische Variante des «Archipel Gulag». Es scheint so, dass sein erzählerisches Talent für den novellistischen Rahmen taugt, aber nicht den Atem für den grossen Roman hat. Möglicherweise setzt sich auch mit einer gewissen Verzögerung der postmoderne Atheismus durch. Diese Vermutung wird durch die Tatsache gestützt, dass das erste Kapitel von «Mister Aufziehvogel» als Erzählung in seinem Sammelband «Der Elefant verschwindet» gesondert erschienen ist.

    Sprachlich zeigt der Neudruck einen bedauerlichen Rückschritt: Die japanische Reihenfolge von Familien- und Vornamen wurde umgestellt. Und man hat nicht mehr wie beim Erstdruck direkt aus dem Japanischen, sondern aus dem Englischen übersetzt. In dieser Hinsicht sind inzwischen, etwa von der «Japanischen Bibliothek des Insel-Verlags, andere Massstäbe gesetzt worden. Es geht um keine Quisquilien, wie der Vergleich der ersten fünfzig Romanseiten mit der Erzählung zeigt.

    «Als diese Frau anrief, stand ich gerade in der Ecke und kochte Spaghetti. Die Spaghetti waren so gut wie fertig, und ich pfiff zusammen mit dem Radio die Ouverture aus Rossinis ‹Die diebische Elster›, die perfekte Musik zum Spaghetti-Kochen» – so der erste Absatz der unmittelbar aus dem Japanischen übersetzten Erzählung. «Als das Telefon klingelte, war ich in der Küche, wo ich einen Topf Spaghetti kochte und zu einer UKW-Übertragung der Ouverture von Rossinis ‹Die diebische Elster› pfiff, was die ideale Musik zum Pastakochen sein dürfte» – so «Mister Aufziehvogel». Ein umständlicher, langatmiger Satz; der Lakonismus und die Suggestizität («ich pfiff zusammen mit dem Radio») werden völlig verspielt. «Mister Aufziehvogel» hätte bei allem Sinn für die Erleichterungen des Diebischen durch Sekundärübersetzungen besser nach dem Japanischen gepfiffen.

    Ludger Lütkehaus —

    Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.