Jenny Erpenbeck: Kairos (2021)

58877223Die neunzehnjährige Katharina und Hans, ein verheirateter Mann Mitte fünfzig, begegnen sich Ende der achtziger Jahre in Ostberlin, zufällig, und kommen für die nächsten Jahre nicht voneinander los.

Vor dem Hintergrund der untergehenden DDR und des Umbruchs nach 1989 erzählt Jenny Erpenbeck in ihrer unverwechselbaren Sprache von den Abgründen des Glücks – vom Weg zweier Liebender im Grenzgebiet zwischen Wahrheit und Lüge, von Obsession und Gewalt, Hass und Hoffnung.

Alles in ihrem Leben verwandelt sich noch in derselben Sekunde, in der es geschieht, in etwas Verlorenes. Die Grenze ist immer nur ein Augenblick.

Hardcover, 379 pages
Published January 16th 2021 by Penguin Verlag
ISBN13 9783328600855
Edition Language German

https://de.wikipedia.org/wiki/Kairos

Literaturkritik.de: Eine Liebe in Deutschland. Mit „Kairos“ arbeitet Jenny Erpenbeck weiter daran, Vergangenem wie Verdrängtem eine Stimme zu geben Von Dietmar Jacobsen Erschienen am: 12.10.2021

ZEIT: „Ich lese das doch alles“ Ein Besuch bei Jenny Erpenbeck in ihrem Lebensmuseum, dessen wilde Sammlung sie in den erstaunlichen Untergangsroman „Kairos“ verwandelt hat. Eine Rezension von Volker Weidermann 6. Oktober 2021, 16:44 Uhr

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1 Kommentar

  1. Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 19.10.2021
    Rezensent Thomas Winkler liest in Jenny Erpenbecks „Kairos“ nicht nur von einer ungewöhnlichen Liebschaft, sondern auch von dem Aufstieg und Fall der DDR. Die Autorin, selbst im DDR-Umfeld aufgewachsen, erzählt aus der Perspektive der gerade volljährigen Studentin Katharina, die mit dem 34 Jahre älteren, verheirateten und vom Nazi zum Kommunisten gewordenen Hans ein geradezu toxisches Verhältnis hat, denn die Liebe artet in ein Machtspiel aus, erklärt Winkler. Beide Protagonist*innen sind dem Rezensenten eher unsympathisch, ihre Sprache quält ihn mit ihren vielen Details, doch er findet darin durchaus auch Eleganz und Schmerz. Und auch, wenn man meinen könnte, dass dieser Roman die Entwicklung des DDR-Regimes aufzeigen soll, so wird doch deutlich, dass es vordergründig eine Liebesgeschichte ist, schließt der Rezensent.

    Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 07.10.2021
    Rezensent Volker Weidermann sucht Jenny Erpenbeck in ihrer Prenzlauer Berg Altbauwohnung auf, ein „Lebensmuseum“, wie der Kritiker es nennt, um zwischen Briefen von Thomas Mann, Postkarten von Erich Mühsam und Tapetenfetzen von Richard Wagner auch über Erpenbecks neuen Roman zu sprechen. In „Kairos“, benannt nach dem Gott des glücklichen Augenblicks, wie Weidermann weiß, geht es nicht zuletzt genau darum: Um Erinnerungen, das Festhalten an einer untergegangenen Welt, erklärt der Kritiker. Erzählt wird die Liebesgeschichte der jungen Katharina und des alten Schriftstellers Hans, die sich in den letzten DDR-Jahren in der Gesellschaft von Künstlern aufhalten, füreinander brennen, das Weltgeschehen vergessen und plötzlich nach der Wende in einer neuen Welt erwachen und die Liebe verlieren. Hans hatte bereits zuvor begonnen, obsessiv Erinnerungen zu sammeln und als ehemaliger Stasi-Spitzel seine Freundin zu überwachen, resümiert der Rezensent. Erpenbeck hält er für eine Kandidatin für den Literaturnobelpreis – und so darf man annehmen, dass ihm der Roman gefallen hat.

    Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.09.2021
    Rezensentin Elena Witzeck kann nur staunen, wie es Jenny Erpenbeck gelingt, die Wendegeschichte in einer Beziehung zwischen einer jungen Frau aus der DDR, die sich zur Setzerin ausbilden lässt, und einem viel älteren Schriftsteller sich niederschlagen zu lassen. Autobiografisches fließt in die Geschichte mit ein, ahnt Witzeck, aber wie Erpenbeck das Ostberlin der Vorwendezeit atmosphärisch einfängt und wie sie eine bekannte Beziehungskonstellation mit frischen Bildern ausgestaltet, das ist von allgemeiner Gültigkeit, findet Witzeck.

    Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 01.09.2021
    „Ästhetisch hochreflektiert“ und aufregend komponiert nennt Rezensent Helmut Böttiger Jenny Erpenbecks Roman „Kairos“, der vom Untergang der DDR und einer amour fou in den gehobenen Ost-Berliner Kulturkreisen erzählt. Der Rezensent folgt den privilegierten Liebenden, einem Heiner-Müller-artigen Schriftsteller und seiner jungen Geliebten, ins Weinlokal Ganymed, in die Akademie der Wissenschaften und in ein Moskau der „glühenden Liebesfarben“. Dennoch scheint Böttiger auf Distanz zu bleiben: Auch wenn ihm einleuchtet, dass Erpenbeck ein Milieu schildert, das Gründe hatte, gegenüber der BRD auf Distanz zu bleiben, vermisst er doch einen Blick auf jene „48,1 Prozent“, die 1990 die Allianz für Deutschland wählten.

    Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 30.08.2021
    Rezensentin Judith von Sternburg nennt es „verstörend“, dass Jenny Erpenbecks Roman nicht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises steht. In „Kairos“ beschreibt die Autorin immerhin naheliegend und imposant, wie Sternburg erklärt, die später toxisch werdende Beziehung des fünfzigjährigen Sozialisten Hans mit der zwanzigjährigen Studentin Katharina und die sich langsam verändernde Situation im strauchelnden Staat DDR, für – abgesehen von Hans – niemand mehr eintreten kann. Erpenbeck hält dabei vor allem auf politischer Ebene Abstand, den die Rezensentin nötig findet, um genau hinschauen zu können. Auch den Ton der Autorin, den Sternburg als kühl, stark, distanziert und dennoch tiefblickend, findet sie treffend. Dass die Handlung fiktiv ist, könne man beinahe nicht glauben, was der Rezensentin zufolge auch an den vielen vorkommenden Menschen liege, die ohne Zweifel existiert haben. „Kairos“ ist für für Sternburg ein großer Roman, der niemanden beschuldigen möchte, sondern lediglich das „Eingeständnis von Komplexität“ fordert.

    Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 28.08.2021
    Rezensentin Maike Albath erkennt in Jenny Erpenbecks neuem Roman über die vergangene Liebe einer jungen Frau zu einem älteren Mann eine Erzählung von der „existenziellen Verlorenheit“ einer Generation. Dass die Zeit zwischen 1986 und 1992 von der Protagonistin memoriert wird und Ostberliner Orte und prominente Kulturschaffende mit Klarnamen erscheinen, findet Albath anregend. Indem die Autorin sich mit der Zeitgeschichte auseinandersetzt, weitet sich der Horizont der Beziehungsgeschichte, findet die Rezensentin.

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