Haraki Murakami: Gefährliche Geliebte (2002)

  • Taschenbuch: 217 Seiten
  • Verlag: btb Verlag (Juli 2002)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3442727952
  • ISBN-13: 978-3442727957

Der Traum von der absoluten Perfektion macht augenscheinlich auch gestandenen Autoren in beruhigender Regelmäßigkeit zu schaffen: „Wie ich eines schönen Morgens im April das 100%ige Mädchen sah“ — das hatte der mit allen wichtigen Literaturpreisen seines Landes ausgezeichnete Japaner Haruki Murakami in seinem gleichnamigen Erzählband bereits geschildert.

Jetzt taucht sie wieder auf, die hundertprozentige Frau: Sie hört auf den Namen Shimamoto und wird sich im Laufe des Romans mehr und mehr als Gefährliche Geliebte erweisen. Vorerst aber ist sie ein zwölfjähriges Mädchen „mit ausdrucksvollen Gesichtszügen“ und einem steifen linken Bein; und diese Spätfolge einer Kinderlähmung kann Haruki Murakami eben wirklich so beschreiben, als ob Gehfehler von jeher der Inbegriff der Erotik wären!

Shimamoto also ist die erste Liebe des Ich-Erzählers Hajime: Gemeinsam bestreiten sie den leidigen Schulweg und führen sich Nat King Cole und Bing Crosby aus der elterlichen Plattensammlung zu Gemüte. Ein Mal hält — es ist dies der unerhörteste Moment jener unschuldigen Kinderliebe — Shimamoto für zehn Sekunden Hajimes Hand; und so etwas bleibt, nachdem man sich längst aus den Augen verloren hat, ja dann immer als tiefe Sehnsucht gegenwärtig.

Erst an der Schwelle zur Midlife-Crisis treffen die beiden sich wieder: Hajime ist inzwischen ein glücklich verheirateter Familienvater und Inhaber zweier gepflegter Jazz-Bars; er hat sich in einer — sagen wir: achtzigprozentigen — Realität eingerichtet, und Shimamoto rüttelt nachhaltig am Fundament. Dabei bleibt sie ein vollendetes Mysterium, was sich vor allem darin äußert, dass sie bei nahezu jedem Auftritt — und für meinen Geschmack eben etwas zu oft — vielsagend lächelt.

Ansonsten aber hat Murakami das allgegenwärtige gedankliche Kreisen um verpasste Gelegenheiten, um die hundertprozentige Leidenschaft und die so viel weniger anstrengende Durchschnittsrealität in gewohnter Meisterschaft — subtil und überaus fesselnd — erzählt. –Christine Wahl — Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

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2 Kommentare

  1. akpe

    Juni 22, 2008 um 7:03 pm

    Neue Zürcher Zeitung
    In einem Zug

    Ein Liebesroman von Haruki Murakami

    Auf vieles war man als Neueinsteiger gefasst beim postmodernen japanischen Enfant terrible Haruki Murakami – nur nicht auf einen Liebesroman im internationalen Frauenzeitschriften-Format. Zugegeben, man verschlingt das Buch in einem Zug, um zu erfahren, ob denn der Ich-Erzähler Hajime seine verlorene Kinderliebe Shimamoto nach vielen desolaten Affären und einer glücklichen Ehe zuletzt doch noch bekommt. Wie Brüderchen und Schwesterchen Mann und Frau werden: diese archetypische Geschichte wird in «Gefährliche Geliebte» (1992) quasi basismodellhaft nacherzählt. Mit gutbürgerlicher Vorstadtbanalität geschlagen ist Hajime, was ihm zunächst eine Büroexistenz und dann immerhin – ein Baulöwe als Schwiegervater macht’s möglich – eine Karriere als mondäner Tokioter Barbesitzer beschert. Shimamoto wiederum verkörpert das Geheimnisvoll-Exzentrische als Prinzip, so dass zunächst zwar eine leichte Gehbehinderung (Kinderlähmung), später aber weder der Tod ihres Kindes noch eine tückische Krankheit, weder ihr Reichtum noch ihre Unstetigkeit eine Erklärung finden. Wirklich klar wird eigentlich nur der Tarif, den sie Hajime diktiert: «Bei mir gibt es kein Dazwischen, keine Halbheiten. Du nimmst mich entweder ganz oder gar nicht. So läuft das bei mir.»

    Glaubt man dem Autor, so eint beide das Leiden am Dasein als Einzelkind. «Verzogen, schwach und egozentrisch» flüchten sie sich in das Residuum einer durch westliche Kultur ausstaffierten Überlegenheit. Was beginnt mit LPs von Rossini, Beethoven, Liszt, Nat King Cole und Bing Crospy, setzt sich bei Hajime fort mit Armani, BMW, einer Eigentumswohnung in Aoyama und einem Ferienhäuschen bei Hakone (von den Accessoires Shimamotos zu schweigen). So ist es der Konsum als Lifestyle, der seinen zwischenzeitlichen studentischen Aufstand gegen die «spätkapitalistische Logik» hintertreibt, «der sämtliche nach dem Krieg noch verbliebenen Ideale zum Opfer gefallen waren». Doch weiss Hajime nur zu genau, wie wenig ihm der eigene Wohlstand gehört. Die Leere, das Gefühl eigener Unproduktivität überdeckt er mit softem Existentialismus. «Die Wüste lebt», doch wozu gibt es Zigaretten und Frauen, Cocktails und Jazz?

    Kommt die Familie hinzu, und so ist «Gefährliche Geliebte» auch der Roman einer Midlife-crisis. Psychologisch bietet der Text indes schlichte Kost. Selber durchaus nicht jugendfrei, geht er in den übersichtlichen intellektuellen Parametern von Jugendliteratur fast vollständig auf: Ordnung vs. Chaos, Pflicht vs. Leidenschaft, Gemeinsinn vs. Egozentrik, Realitätsprinzip vs. Utopie, Gesundheit vs. Krankheit, Leben vs. Tod. Die Entdeckung des Bösen erfährt keine aporetische Vertiefung, die Zwangsläufigkeit des Verrats wird entschärft durch eine aufgesetzte Katharsis. Seicht wie die Dialoge plätschert die Sprache dahin, und wo sie sich zur Poesie aufschwingt, ist das Resultat nicht weniger bemüht, als wenn sie in Jargon abgleitet: «Ein Lächeln wie ein durchscheinendes Rauchwölkchen, das an einem windstillen Tag himmelwärts schwebt.» – «Für ein, zwei kurze Augenblicke brach mein Ichgefühl auseinander, zerliefen seine Konturen zu einer zähen, sirupartigen Schmiere.» Bliebe als literarischer Mehrwert das kritische Zeitbild, doch hat der Bericht aus dem Innern des japanischen Wohlstands trotz Ansätzen zuwenig Biss, um die Abgründe der bubble economics der achtziger Jahre auszuloten. Also: man lese das Buch in einem Zug – und lasse es am besten dort liegen.

    Andreas Breitenstein — Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

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