Marie NDiaye: Autoportrait en vert / Selbstporträt in Grün (2005 / 2011)

11319632«Ma mère est une femme en vert, intouchable, décevante, métamorphosable à l’infini, très froide et sachant, par la volonté, devenir très belle, sachant ne pas le désirer.

Ma mère, Rocco et Bella, où en sont-ils à présent? Je n’écrirai pas, eux non plus, jusqu’au jour où, peut-être, une lettre m’arrivera d’un lieu inconnu, accompagnée de photos d’inconnus qui se trouveront être mes proches à divers degrés – lettre dont, même si elle est signée „Maman“, je contesterai l’authenticité, puis que j’enfouirai quelque part où elle ne sera pas dénichée.»
Marie NDiaye.

Paperback, 128 pages
Published September 1st 2006 by Gallimard (first published 2005)
Original Title Autoportrait en vert
ISBN 2070337545 (ISBN13: 9782070337545)
Edition Language French

11700935»Marie NDiaye lässt uns mit nur einem Wunsch zurück: mehr von ihr lesen zu dürfen.« The New York Times Marie NDiayes persönlichstes Buch: Selbstporträt in Grün ist ein Roman von brillanter Kühnheit, der unsere Wahrnehmung der Welt auf poetische Weise in Frage stellt. Als Marie NDiaye in Berlin mit dem Internationalen Literaturpreis 2010 ausgezeichnet wurde, verneigte sich die Jury davor, »was Schreiben jenseits der althergebrachten Kategorien von Heimat und Herkunft sein kann«, und feierte die französische Schriftstellerin als herausragende Vertreterin einer »Weltkulturliteratur jenseits von Migration und Exil«.

In Selbstporträt in Grün treibt Marie NDiaye ihre literarische Erkundung der Welt mit ungeahnter Wahrnehmungspräzision weiter: Was man sieht, ohne es zu sehen, was man weiß, ohne es zu wissen, was man zu wissen glaubt und wie man sich täuscht – diesen Unwägbarkeiten und Unzuverlässigkeiten des Bewusstseins verleiht Marie NDiaye in Selbstporträt in Grün auf einzigartige Weise Ausdruck.

»Wie konnte ich meinen Kindern sagen, es erscheine mir unwahrscheinlich, dass sie diese Frau in Grün nicht ebenso deutlich sahen, wie ich sie jetzt sah, auch wenn sie sich, wie ich wusste, bis zu diesem Morgen zwar nicht meinem Blick, aber doch meinem Bewusstsein entzogen hatte? Da sagte ich mir: Die Frau in Grün ist immer da gewesen. Jeden Morgen und jeden Nachmittag ist sie da, auf ihrem Posten unter der Bananenstaude, und sie sieht uns zu, wie wir langsam vor ihrem Haus vorbeifahren, sie sieht mich, die sie ansieht, ohne sie zu sehen.«

Denis Scheck (Herausgeber)
Claudia Kalscheuer (Übersetzer)
Hardcover, 119 pages
Published 2011 by Arche-Literatur-Verlag (first published 2005)
Original Title Autoportrait en vert
ISBN 3716026611 (ISBN13: 9783716026618)
Edition Language German

Please rate this

1 Kommentar

  1. Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.10.2011
    Mit großem Interesse hat Rezensentin Pia Reinacher dieses Buch gelesen. Denn Marie NDiaye hat hier kein Selbstporträt im gewöhnlichen Sinne gezeichnet. Sie beschreibt vielmehr verschiedene „Frauen in Grün“, die in immer neuen Verkleidungen und Masken auftauchen. Fragmentierung des Ichs, Vervielfältigung, Verfälschung, Erinnerung – so entsteht am Ende doch ein Selbstporträt, meint die Rezensentin, das allerdings vor allem aus Schatten besteht.

    Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 30.09.2011
    Eine „Meisterin des subtilen Horrors“ erblickt Christopher Schmidt in Marie N’Diaye. Dies erweist sich für ihn einmal mehr in der nun auf Deutsch vorliegenden Erzählung „Selbstporträt in Grün“, die im Original bereits 2005 erschienen ist. Im Mittelpunkt sieht er eine Frau, die ihre Schwangerschaft als Selbstentfremdung erlebt und der im Verlauf der Geschichte immer wieder Frauen begegnen, die Inkarnationen einer „hexenhaften Frau in Grün“ zu sein scheinen. Das von Claudia Kalscheuer „kongenial“ übersetze Werk ist für Schmidt eine „Phantasmagorie“, die die Abgründe von Familie und Identität kunstvoll umspiele.

    Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 24.09.2011
    Mit Begeisterung hat Rezensentin Carola Ebeling Marie N’Diayes in Frankreich bereits 2005 erschienenen Roman „Selbstporträt in Grün“ gelesen. Die Rezensentin stößt hier auf existenzielle Fragen wie die nach der eigenen Identität oder der Funktion unserer Wahrnehmung. Feinfühlig beschreibe N’Diaye die aufbrechenden, unbewussten Konflikte der Protagonistin, der immer mehr rätselhaft grüne Frauen begegnen, so etwa die eigene Mutter, die ihren Lebenswandel radikal ändere oder die beste Freundin, die den Vater der Icherzählerin heirate. Dabei gelinge der Autorin auf herausragende Weise die poetische Verbindung zwischen „konkretem und verrätseltem Erzählen“. Auch in diesem Buch über die Unmöglichkeit, das eigene komplexe Selbst zu erfassen, überzeuge N’Diaye einmal mehr durch ihre klare und zugleich bildgewaltige Sprache, so die eingenommene Kritikerin.

    Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 17.06.2011
    Die erzählerischen Qualitäten Marie N?Diayes lobt Rezensentin Katrin Hillgruber über den grünen Klee. Demnach haben wir es mit einer „Artistin der leisen Friktionen und des anhaltenden Schreckens“ zu tun, die den direkten Vergleich mit Grusel-Ikonen wie Hitchcock oder Stephen King nicht zu scheuen braucht. Den aus dem Jahre 2005 stammenden und jetzt übersetzten Roman „Selbstporträt in Grün“ hält Hillgruber für nicht weniger gut als viele seiner Vorgänger. Auch thematisch erkennt sie einiges wieder: die Familie als Ort des Unheimlichen, des Unwägbaren, „ja des Bösen“. Mit einem tatsächlichen Selbstporträt der Autorin sollte der Leser trotz des Titels jedoch lieber nicht rechnen, meint die Rezensentin, eher schon mit einer prominenten Rolle der Farbe Grün. In düsteren Schattierungen durchziehe sie den Roman und vereinnahme mehr und mehr das Denken und Fühlen der Protagonistin. Was diese über sich und die Welt sicher zu wissen glaubte, werde zunehmend infrage gestellt, schreibt Hillgruber – ein Effekt, der ihrer Einschätzung nach auch den Leser des Buches ereilen könnte.

    Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 19.05.2011
    Marie Schmidt gibt sich als große Bewunderin von Marie N’Diaye zu erkennen, und auch diese Erzählung zeigt ihr, mit welcher Heiterkeit die Autorin die Erwartungen ihrer Leser und Kritiker zu unterlaufen versteht. Das Buch erschien bereits 2005, für den Verlag Mercure de France bat die Schriftstellerin Collette Fellous verschiedene Künstler, Selbstporträts zu schreiben, und N’Diaye liefert dasselbe eben in Grün. Warum grün, werde nicht unbedingt klar, erklärt Schmidt, auch wenn sich die Farbe leitmotivisch durch die Erzählung ziehe: Eine Frau taucht aus dem Grün einer Bananenstaude aus, eine Lehrerin zieht ein Kind am Ärmel der grünen Jacke, die zur Stiefmutter gewordene Freundin (!) trägt grüne Kontaktlinsen. So tiefgründig wie raffiniert und federleicht findet Schmidt, wie N’Diaye sich die Freiheit nimmt, ein Selbst nicht festschreiben zu müssen, Rätselhaft zu schreiben, ohne gehemniskrämerisch zu werden. Denn spürbar vernahm die Rezensentin den „Widerwillen gegen fixe Existenzen“ und sogar einen „leisen Ekel“ vor angeblich Unhintergehbarem wie familiären Bindungen.

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

WordPress Cookie Plugin von Real Cookie Banner