DatumFebruar 13, 2021

Erich Kästner: Fabian. Die Geschichte eines Moralisten (1961) 4/5 (1)

1131999Erich Kästner kennen viele nur als Autor von Kinder- und Jugendbüchern. Dass er auch zeitkritische Romane geschrieben hat, wissen die wenigsten. Der Roman Fabian entstand 1931 und beschreibt den moralischen und geistigen Verfall inmitten schwieriger politischer Verhältnisse. Für Kästner gehen in dieser Zeit politischer und moralischer Verfall der Gesellschaft Hand in Hand.

Fabian ist ein arbeitsloser Germanist, der durch die Großstadt Berlin zieht auf der Suche nach Arbeit, auf der Suche nach Kontakten. Wir erleben mit, wie er Menschen trifft, die ihn kaufen wollen, wie sich seine Freundin prostituiert, um Schauspielerin zu werden. Sein bester Freund begeht Selbstmord wegen einer lächerlichen Bemerkung. Ein Erfinder tritt auf, der seine Erfindungen, die Arbeitsplätze vernichtet haben, zurücknehmen will, was nicht geht. Die Stadt ist in Auflösung begriffen, die Menschen leben wie in einem Irrenhaus, einem hoffnungslosen, unbarmherzigen Labyrinth.

Fabian ist ein Außenseiter, ein Moralist, seine Waffe ist die Beobachtung, die Distanz, die durch sarkastische Bemerkungen hergestellt wird. Sein Anspruch besteht darin, zuzusehen, „ob die Welt Talent zur Anständigkeit hat“. Kästner stellt dem Moralisten Fabian, ein Mensch übrigens, der moralisch integer ist, ohne dass ihm dies als Lebensentwurf bewusst ist oder er den Zeigefinger erhebt, menschliche Korrumpierbarkeit, Gewissenlosigkeit und Anpassung entgegen. So finden sich im Buch eine ganze Reihe von wirklich gelungenen satirischen Spitzen, wie z.B. eine Tombola, bei der Nahrungsmittel verlost werden oder eine Pöbelei von Menschen als Abendunterhaltung. Kästners Beschreibungen der Menschen sind bissig und schonungslos. Charakteristisch für die Moral der Menschen ist das Verhalten des Redakteurs Müntzer, der etwas unterstützt, an das er nicht glaubt und dessen Falschheit er durchschaut. Von Müntzer heißt es, dass er sein Gewissen chloroformiert hat.

Fabian ist ein Roman mit vielen wirklich gelungenen zeitkritischen Beobachtungen, die auch heute nichts von ihrer Aktualität verloren haben. Schließlich steht im Zentrum von Kästners Gesellschaftskritik die menschliche Schwäche, die Lethargie, genau um die Falschheit der Verhältnisse zu wissen, aber nichts dagegen zu tun — und diese Kritik hat auch heute nichts von seiner Berechtigung verloren. — Christoph Steven

Paperback, 256 pages
Published February 1st 1989 by Deutscher Taschenbuch Verlag (first published 1931)
Original Title Fabian. Die Geschichte eines Moralisten
ISBN 3423110066 (ISBN13: 9783423110068)
Edition Language German

Characters
Setting
Berlin (Germany)
Germany

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Frank Wegner & Katharina Raabe (Hrsg.): Warum Lesen: Mindestens 24 Gründe (2020) 4/5 (1)

52765287. sy475 Ein Lesebuch als ein Buch über das Lesen, eine Anthologie, die das welt- und selbsterschließende Abenteuer des Lesens beschreibt, seziert und feiert. Wie sich die Erfahrungen des digitalen Wandels aufs Lesen auswirken, ob das Buch als »Leitgestirn des Wissens« (Michael Hagner) in den Hintergrund tritt, auch solche Fragen stellen sich.

Es kommen hier Romanschriftsteller, Lyriker, Dramatiker, Philosophen, Anthropologen, Soziologen, Neurologen zu Wort. Sie alle nehmen sich die Freiheit, auf ihre Weise mit dem Thema umzugehen. Und liefern eine Theorie, eine Erzählung, eine Szene, eine Anekdote ab, eine Erläuterung des eigenen Lesens, beispielsweise anhand formativer Lektüren, ein Gedicht, eine Zeichnung, ein Foto.

Über die multidisziplinäre Anlage dieser Anthologie wird die Vielgestaltigkeit des Phänomens entsprechend facetten- und perspektivenreich in den Blick gebracht.

Sind wir, was wir gelesen haben? Schärft Lesen die Wahrnehmung? Den Sozialsinn? Was geschieht im Gehirn, wenn wir lesen? Gibt es ein illegitimes Lesen? Ein ekstatisches? Liest man alt anders als jung? Wie las man in der DDR? Was liest man im Krieg? Was bedeutet Lesen in unserer heutigen Abstiegsgesellschaft? Macht Nicht-Lesen am Ende glücklicher?

Mit Beiträgen von: Aleida Assmann, Marcel Beyer, Rachel Cusk, Annie Ernaux, Durs Grünbein, Jürgen Habermas, Michael Hagner, Eva Illouz, Rahel Jaeggi, Hans Joas, Dževad Karahasan, Esther Kinsky, Thomas Köck, Sibylle Lewitscharoff, Enis Maci, Nicolas Mahler, Friederike Mayröcker, Oliver Nachtwey, Katja Petrowskaja, Andreas Reckwitz, Jan Philipp Reemtsma, Hartmut Rosa, Clemens Setz, Wolf Singer, Andrzej Stasiuk, Maria Stepanova, J.J. Sullivan, Alejandro Zambra, Serhij Zhadan

 

  • Clemens J. Setz Der Fall des Henry Bemis 10
  • Katja Petrowskaja Tausendundein Buch 15
  • Andreas Reckwitz Kleine Genealogie des Lesens 31
  • Friederike Mayröcker kannst du mir die Welt erklären? 46
  • Marcel Beyer Lesen im Kaninchenbau 50
  • Eva Illouz Dreimal Lesen 61
  • Annie Ernaux Trennen, Verbinden 79
  • Rachel Cusk Annie Ernaux lesen 89
  • Jürgen Habermas Warum nicht lesen? 99
  • Nicolas Mahler Warum Comics lesen? 124
  • Thomas Köck Autonomie und Unsinn 131
  • Wolf Singer Immaterielle Realitäten 148
  • Esther Kinsky The Lie of the Land 164
  • Serhij Zhadan Die guten schlechten Bücher 182
  • Hartmut Rosa Vom Wunder narrativer Resonanz 196
  • Dzevad Karahasan Stille Ekstase 218
  • Alejandro Zambra Fragen eines lesenden Vaters 232
  • Maria Stepanova In einer fremden Haut 241
  • Michael Hagner Lionel, der Leser 255
  • Sibylle Lewitscharoff Das wild schlagende Leseherz 271
  • Hans Joas Bitte um Auskunft 285
  • John Jeremiah Sullivan Im Kiefernwald 295
  • Oliver Nachtwey Lesen in der regressiven Moderne 305
  • Enis Maci EXIT DOES NOT EXIST 321
  • Katharina Raabe & Frank Wegner Einladung ins Freie 329
  • Anmerkungen 335
  • Biographien 341
  • Nachweise 347

Hardcover, 350 pages
Published June 21st 2020 by Suhrkamp Verlag
ISBN 3518073990 (ISBN13: 9783518073995)
Edition Language German

Literaturkritik: Weil das Leben zu viel ist? Katharina Raabe und Frank Wegner haben in „Warum lesen?“ Antworten auf eine grundlegende Frage zusammengestellt Erschienen am: 19.02.2021

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