Schlagwort: Affe

Ingo Schulze: Handy. Dreizehn Geschichten in alter Manier (2007) 3/5 (2)

Handy. Dreizehn Geschichten in alter Manier

Mit untrüglichem Gespür für tragikomische Situationen umkreist Ingo Schulze das Wesen der Liebe, das Ringen um Würde im Abschiednehmen und das Geschenk glückhafter Epiphanien mitten im Alltag.

Silvester 1999, die Millenium-Nacht in Berlin. Frank Reichert begegnet auf der Silvesterfeier an der Schwelle zum neuen Jahrtausend Julia, seiner verlorenen großen Liebe. Seit der Trennung im Herbst 1989 wandelt er wie ein Fremder durchs Leben, fast unbeteiligt erlebt er den Erfolg seines florierenden Geschäfts. Nichts mehr kann ihn im Tiefsten berühren, über allem liegt Julias Schatten und die Möglichkeit eines anderen Lebens. So wird das Ende der Nacht zu einem Neubeginn, mit dem keiner gerechnet hat.

Zwischen Abschied und Aufbruch bewegen sich fast alle Figuren in Ingo Schulzes neuen Erzählungen. Oft reicht schon ein irritierender Blick, um das scheinbar harmonische Gefüge einer frischen Liebe, einer nachbarschaftlichen Bekanntschaft oder eines unbeschwerten Urlaubs aus den Angeln zu heben. Ob im Friseurladen in Manhattan, in einer Datscha im Berliner Umland – stets umgibt eine Atmosphäre diffuser Bedrohung die selbstgeschaffenen Fluchtorte. In diesen Heterotopien der Seligkeit behaupten sich Schulzes Protagonisten gegen eine ständig sich beschleunigende Welt, die mit ihren Fallstricken bis in die eigenen vier Wände reicht.

Renzension in Die ZEIT: Der Magier des Banalen, buecher.de

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„Dateninfantilität“ und was man dagegen tun kann No ratings yet.

. segert.net weblog . » 20-Punkte-Heilplan gegen Dateninfantilität

Zivilisationskrankheiten gibt es viele und täglich kommen neue hinzu. Aktuell fällt mir die landesweite Präsenz einer kulturellen Krankheit auf, die ich Dateninfantilität nenne. Die Symptome reichen von Schulterzucken bei Themen wie Vorratsdatenspeicherung, Web 2.0-Kapitalismus, Kundenkarten und Googlemacht bis hin zu den berühmten drei Affen

[gute Vorsätze …. ]

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Ágnes Heller, Der Affe auf dem Fahrrad 4/5 (1)

https://i1.wp.com/pictures.abebooks.com/isbn/9783825701390-de-300.jpg?w=788&ssl=1

Eine Lebensgeschichte. Bearbeitet von János Köbányai.

Als 1981 im sozialistischen ungarischen Staatsverlag Corvina eine Bildmonographie über Georg Lukács in deutscher Sprache erschien, war Ágnes Heller im sozialistischen Lager bereits eine Verfemte und längst im australischen Exil. Aber erstaunlicherweise war von ihr lediglich eine Seite ihres Studienbuches abgebildet. Selbstverständlich waren die übrigen Mitglieder der „Budapester Schule“, Schüler und Freunde des legendären Philosophen Georg Lukács, in diesem Band nicht erwähnt, obwohl sie sich ebenfalls international einen Namen gemacht hatten. Die parteioffizielle Lesart versuchte, den greisen Lukács in ihrem Sinne zu vereinnahmen. Dessen lebenslänglich praktizierte Vorgehensweise von Selbstkritik und Widerruf des Widerrufs hatte die herrschenden Parteikreise eine Gelegenheit dazu wittern lassen.

Unter dem bezeichnenden Titel Individuum und Praxis hatte sich 1975 in einem Suhrkamp-Bändchen die Budapester Schule präsentiert, die philosophischen Ziehkinder von Georg Lukács. Auffallend war der Bezug zum einzelnen, der aus marxistischer Sicht eine „Theorie der Bedürfnisse“ (Ágnes Heller) entwickeln ließ.

Der vorliegende, längst überfällige Band schließt nicht nur die Lücke zwischen den 70er Jahren und der Emigration in den Westen, sondern beleuchtet Prägungen aus der Kindheit und Jugend, welche bestimmend für das spätere Denken wurden. Die Kindheit von Ágnes Heller stand im Zeichen des Holocaust, der Vernichtung der europäischen Juden, die auch im Ungarn der faschistischen Pfeilkreuzler ihre furchtbare Blutspur, vor allem nach der deutschen Besetzung im Frühjahr 1944, hinterließ. Als Erwachsene reflektiert Ágnes Heller ihre damaligen Erfahrungen im philosophisch-historischen Zusammenhang und äußert sich zu der Frage mancher jüdischen Freunde, warum sie heute mit Deutschen überhaupt reden können: „Seid mir nicht böse, das verstehe ich nicht. Der Holocaust sagt nichts über die Deutschen oder die Ungarn aus, sondern darüber, wozu wir alle imstande sind. Er ist ein universelles menschliches Problem.“ Auch in der Beurteilung des Holocaust findet sich die Denkrichtung von Ágnes Heller, die bereits als Zwanzigjährige eine philosophische Berufung verspürte. Die Welt, die Wahrheit, das Leben, der Mensch – es ging darum, eine „Nuß aufzubrechen“. Heute, als reife Persönlichkeit, erkennt Ágnes Heller, daß es keine Nüsse mehr zu knacken gibt: „Anstelle der Systeme gibt es das Denken.“ Hellers Ablösungsprozeß vom Marxismus konnte in ihren Publikationen über die Jahre hinweg beoboachtet werden, in diesen Erinnerungen äußert sie sich erstmals unmittelbar und direkt darüber. Ein Dreh- und Angelpunkt in ihrem Leben und Denken bildet das Jahr 1956, als die Revolution gegen das verhaßte stalinistische Rákosi-System mit brutaler Waffengewalt niedergeschlagen wurde. Der Holocaust und der Stalinismus waren Herausforderungen für die junge Philosophin, die sie erlebt und erlitten hatte. Sie hatte sich in einer philosophischen Ethik, ausgehend vom wirklichen Leben, die Frage gestellt, wie man in solchen Zeiten ein anständiger Mensch bleiben kann. Statt abstrakter Geschichtsphilosophie und auferlegter Selbstaufgabe der Persönlichkeit erfuhr Ágnes Heller in der aufregenden Zeit von 1956 eine neue Sicht: „Das Imre-Nagy-Programm suggerierte, daß man seine eigenen Interessen niemals aufgeben solle. Demnach war das persönliche Interesse genauso wichtig wie das der Gemeinschaft. Wir können nichts für die Gemeinschaft tun, wenn wir nicht auch persönlich interessiert sind.“ Ethik und gesellschaftlich ausgerichtetes Denken fielen zusammen, aus einem starren Marxismus entwickelte sich die ungarische Variante der „Neuen Linken“, die sich auf der Suche nach den Quellen eines authentischen Sozialismus vor allem den Frühschriften des jungen Marx widmeten. Im Sinne von Karl Marx galt es, in erster Linie eine Kritik des Bestehenden zu erarbeiten. Für Ágnes Heller, ihren Mann Ferenc Fehér, György Márkus und andere führte das gleichsam organisch hin zu dissidenten Kritikern des „real existierenden Sozialismus“. Mit allen Folgen einer verordneten Isolation. Da ihnen Arbeits- und Publikationsmöglichkeiten genommen waren, wählten Heller und ihre Freunde das Exil. Der besondere Reiz der Erinnerungen Ágnes Hellers liegt darin, daß sie auch das Leben in der Fremde reflektiert. Der Marxismus als Gedankensystem zur Erklärung der Welt war zusammengebrochen – die „Lust zu fliegen“, wie Ágnes Heller das spekulative Denken nennt, ungebrochener denn je.

https://berlingeschichte.de/lesezei/blz00_05/text28.htm

Aus dem Ungarischen von Christian Polzin & Irene Rübbert. Berlin. Philo Verlagsgesellschaft. 1999

Agnes Heller, Hannah Arendt Professor of Philosophy and Political Science at New School University

Quelle: Von Irene Etzersdorfer

 

 

 

 

 

Rating: 3 out of 5

Author: Agnes Heller

Year: 1999

Publisher: Philo Verlagsges.

ISBN: 3825701395

 

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