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Siri Hustvedt: Die zitternde Frau (2009) 3.5/5 (2)

Dies ist die Geschichte einer mysteriösen «Störung» und derjenigen, die von ihr befallen wurde: die bekannte New Yorker Schriftstellerin Siri Hustvedt.

2003 starb ihr Vater, ein Universitätsprofessor. Fast drei Jahre später hält Hustvedt eine Gedenkrede auf ihn an seiner Alma Mater. Mitten in ihrer Ansprache befällt sie ein unkontrollierbares Zittern. Sie steht die Rede durch und wundert sich: Bühnenangst hatte sie vorher nie. Kurz darauf, bei einem Uni-Vortrag über ihre Schreibkurse für psychisch Kranke, wiederholt sich das Ereignis. Diesmal kann sie es nicht vor ihrem Publikum verbergen.

Weder die Mediziner noch die Psychiater kommen zu einer aussagekräftigeren Diagnose als «Es müssen die Nerven sein». Hustvedt stellt fest, dass es klare Gesetze von Ursache und Wirkung im komplexen Wechselspiel von Geist, Psyche und Körper nicht gibt oder dass wir sie nicht kennen. Ihre Neugier ist geweckt. Bald erweitert sie ihre Aufzeichnungen zu einer mit zahlreichen Fallgeschichten illustrierten Historie und Typologie der psychophysisch bedingten Krankheitsbilder. Sie erforscht die psychische Disposition des modernen Menschen mitsamt ihren neurobiologischen Grundlagen und setzt sie in Bezug zu dem, was uns alle beschäftigt: Woher kommen wir, wohin gehen wir, wer sind wir?

Wer ihre Romane schätzt, weiß, dass sie nicht nur eine grandiose Erzählerin ist, sondern eine kluge, hoch-gebildete Autorin, die über Sachthemen ebenso interessant und unterhaltsam zu schreiben weiß wie über ihre Romanfiguren. Dies ist ihr bislang persönlichstes Buch das bewegende Dokument einer Suche nach dem, was uns im Innersten zusammenhält.
Über den Autor

Siri Hustvedt wurde am 19.02.1955 in Northfield, Minnesota, als älteste von vier Töchtern eines norwegisch-amerikanischen Professors für Skandinavistik und einer norwegischen Einwanderin geboren. Nach dem Besuch des St. Olaf College in Northfield, das sie 1977 mit B.A. in Geschichte abschloss, arbeitete sie zunächst als Kellnerin. 1978 ging sie zum Studium nach New York. 1979 erwarb sie an der Columbia University den M.A. in Anglistik. 1986 wurde sie mit einer Arbeit über Charles Dickens (“Figures of Dust. A Reading of ‘Our mutual friend’”) zum PhD promoviert. Im Februar 1981 lernte sie den Schriftsteller Paul Auster kennen, den sie 1983 heiratete und mit dem sie einen Stiefsohn und eine Tochter hat. Heute arbeitet Siri Hustvedt als Schriftstellerin, Essayistin und Übersetzerin aus dem Norwegischen.

en.wikipedia – Siri Hustvedt
FAZ – Krampf und Krämpfe von Julia Encke
FAZ – “Sind Sie hysterisch, Frau Hustvedt?” Im Gespräch mit Sandra Kegel

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Für den Arzt Tom Bschor ist die hohe Zahl psychischer Erkrankungen ein Phänomen der Großstadt, auch weil es hier so viele Therapeuten gibt. Dennoch gebe es noch Vorurteile gegenüber einer Behandlung – vor allem unter Migranten.

taz: Herr Bschor, etwa zehn Prozent aller Berliner sollen psychologischer oder psychiatrischer Behandlung bedürfen.

Tom Bschor: Das entspricht den bekannten deutschlandweiten Zahlen: Etwa 10 Prozent der Bevölkerung leidet beispielsweise an einer Depression, nach den Sucht- und vor den Angsterkrankungen die zweithäufigste der psychischen Erkrankungen. In einer Großstadt wie Berlin können einige Faktoren diesen Wert erhöhen. Es kommt aber auf die angelegten Diagnosekriterien an. Eine Depression wird heute sicherlich dort wesentlich häufiger diagnostiziert, wo sie sich früher hinter körperlichen Symptomen verstecken konnte.

Quelle: taz Berlin lokal Nr. 7650 vom 27.4.2005, Seite 22, 158 Zeilen
(Interview), JULIANE GRINGER
http://www.taz.de/pt/2005/04/27/a0244.nf/text.ges,1

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