SchlagwortBelletristik

Paul Auster: Reisen im Skriptorium (2007) 4/5 (1)

In einem verschlossenen, abgedunkelten Zimmer sitzt ein alter Mann: vergesslich, gebrechlich, inkontinent. Er weiß weder genau, wer, noch wo er ist. Eine Kamera und Mikrophone beobachten ihn. Auf seinem Nachttisch stehen Dutzende Fotos von Menschen, die ihm bekannt vorkommen. Auch Anna Blume, eine Schwester, die ihn versorgt, scheint ihm vertraut. Und richtig, auch sie ist als junges Mädchen auf einem der Fotos abgebildet. Sie nennt ihn Mr. Blank und sagt, er habe sie, wie viele andere, vor Jahren als seine «Beauftragte» in die Welt hinausgeschickt, an einen entsetzlichen Ort des Todes und der Zerstörung. Aber es sei nicht seine Schuld, er habe getan, was er musste. Je mehr und je vergeblicher Mr. Blank sich besinnt, desto tiefer gerät er in ein Labyrinth erdachter Welten, bis er sich schließlich selbst in den Zeilen eines Manuskripts begegnet, das auf einem Holztisch in seiner Zelle liegt: In einem verschlossenen, abgedunkelten Zimmer sitzt er als alter Mann…

 

«Reisen im Skriptorium» ist ein raffiniertes Vexierspiel, finten- und voltenreich, brillant und kunstvoll. Begeben Sie sich mit Paul Auster auf die Reise in einen Teufelskreis der Phantasie.

  • Gebundene Ausgabe: 176 Seiten
  • Verlag: rowohlt; Auflage: DEA, (20. Juli 2007)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3498000748
  • ISBN-13: 978-3498000745
  • Originaltitel: Travels in the Scriptorium
  • Größe und/oder Gewicht: 20,8 x 13,2 x 2 cm

 

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Richard Price: Lush Life (dt. Cash 2008/2010) 3/5 (1)

1862313Drei Männer werden nachts in der Lower East Side von zwei dunkelhäutigen Jugendlichen überfallen. Einer der drei wird erschossen, die Täter fliehen. Der Hauptzeuge Eric verstrickt sich bei der Polizei immer tiefer in Widersprüche. Detective Matty Clark kommen jedoch bald Zweifel an seiner Schuld. Richard Price lässt in seinem in den USA hymnisch gefeierten Bestseller die Fassade des strahlenden, „neuen“ New Yorks bröckeln und zeigt die dahinter liegenden Risse, die unter dem Glamour verborgene Macht und Gewalt. Ein Roman, der an Authentizität und atmosphärischer Dichte kaum zu überbieten ist.

Richard Price wurde 1949 in der Bronx geboren. Viele seiner Romane wurden verfilmt, u.a. von Spike Lee. Price schreibt außerdem Drehbücher für Filme von und mit z.B. Martin Scorsese, Al Pacino und Paul Newman. 2007 gewann Price den Edgar Award für seine Arbeit an der hoch gelobten TV-Serie The Wire, für die er monatelang bei der Polizei recherchierte. Er lebt in New York.

„Richard Price gelingt mit seinem Großstadtroman im ersten Anlauf ein amerikanischer Klassiker.“
Süddeutsche Zeitung

„…grandios in seinen Dialogen, eiskalt in der Studie scheiternder Existenzen.“
Frankfurter Allgemeine Zeitung

„Ein emotional intensives Herzschlagporträt New Yorks und seiner Bewohner, die durch diesen umwerfenden Roman unsterblich werden.“ New York Times

Hardcover, First Edition, 464 pages
Published March 4th 2008 by Farrar, Straus and Giroux (first published March 2008)
Original Title Lush Life
ISBN 0374299250 (ISBN13: 9780374299255)
Edition Language English
Setting

 

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Katherina Hacker: Alix, Anton und die anderen (2009) No ratings yet.

In „Die Habenichtse“ erzählte Katharina Hacker von der Angst einiger Thirtysomethings, sich im Leben festzulegen und erhielt dafür 2006 den Deutschen Buchpreis.

Inzwischen schreibt sie über Romanhelden, die Mitte 40 sind und nicht ausgelebten Träumen hinterher trauern: Der Therapeut Jan und die psychisch labile Alix sind verheiratet, aber kinderlos. Der arbeitssüchtige Arzt Anton ist noch immer Single, obwohl er sich eigentlich eine Ehefrau und drei Kinder wünscht. Und der schwule Bernd kämpft sich nach einem abgebrochenen Medizinstudium mal mehr, mal weniger schwermütig mit einer eigenen Buchhandlung durch seine Tage.

Oft bleiben Hackers Helden seltsam konturlos und wirken konstruiert, wenn sie im Wechsel vom verpassten Leben erzählen. Doch immer wieder gibt es auch unglaublich eindringliche Textstellen, mit denen Hacker generationstypische Befindlichkeiten auf den Punkt bringt, etwa wenn Bernd den optischen Reizen Jugendlicher erliegt:

„Und ihre Körper sind schön, die Nächte sind schön, die große Hingabe, selbst die Gleichgültigkeit, die alles einschmilzt und nichts lässt als die Berührung und die Lust. Mit Anton, der nichts sucht als seine große Liebe, kann ich all das nicht teilen, nur Alix weiß, was ich suche, und sie, auf ihre Weise, sucht es auch.“

Zudem will Hacker weit mehr als einen Generationenroman. Nebenfiguren wie eine vietnamesische Kellnerin und das offene Ende deuten darauf hin, dass sie die Probleme ihrer Helden mit dem Schicksal von Immigranten kontrastieren will.

Doch die innovative Form des Romans hat zum Bruch mit Suhrkamp geführt: Neben der eigentlichen Erzählung gibt es einen zweiten Textblock, der ohne ordnendes System die Handlung ergänzt. „Alix, Anton und die anderen“ wird fortgesetzt. Bei einem anderen Verlag. (cs)

  • Gebundene Ausgabe: 125 Seiten
  • Verlag: Suhrkamp Verlag; Auflage: 1 (16. November 2009)

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Paul Auster: Book of Illusions (2002) 4/5 (1)

50618David Zimmer, an English professor in Vermont, is trying to rebuild his life-after his family perishes in an airplane crash-by researching the work of Hector Mann, a minor figure from the era of silent movies, in this enigmatic, elliptical 10th novel, one of Auster’s best. As in much of the writer’s fiction, the narrative revolves around coincidence, fate and odd resonances.

Mann’s world, like Zimmer’s, collapses in a single instant, and Mann, like Zimmer, embarks on self-imposed exile as a way to deal with his grief and do penance. Mann disappeared at the height of his career in 1929, but when Zimmer’s book about him is published in the 1980s, it elicits a mysterious invitation: would Zimmer like to meet Mann, who is alive and has been working in secret as actor/director Hector Spelling?

The skeptical scholar is lured from Vermont by Alma Grund, who grew up around Mann and is writing his biography. As Grund and Zimmer fall in love, she fills in the decades-long gap in Mann’s life-a strange American odyssey that culminated on a ranch in New Mexico where he made movies he refused to screen for anyone. As in previous novels, Auster here makes the unbelievable completely credible, and his overall themes are very much of a piece with those of earlier works: the „mutinous unpredictability of matter“ and the way storytellers shape and organize unpredictability. A darker and more somber mood shadows this book; Mann and Zimmer both are tragic figures-even melodramatic-and their stories are compelling. Auster is a novelist of ideas who hasn’t forgotten that his first duty is to tell a good story.

  • Paperback: 336 pages
  • Publisher: Picador; First printing of the second Picador Edition edition (October 27, 2009)
  • Language: English
  • ISBN-10: 0312429010
  • ISBN-13: 978-0312429010

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Antonia S. Byatt: Geschichten von Erde und Luft (1987/2003) 3/5 (1)

Die Geschichten von Erde und Luft handeln von Gegensätzen und Widersprüchen, von Liebe und Tod, Vergangenheit und Gegenwart, Hoffnung und Furcht, Begegnung und Trennung. Da ist, in der Erzählung „Das Nebenzimmer“, eine Frau, die den Tod ihrer Mutter zunächst als Befreiung aus bedrücker emotionaler Enge empfindet. Den Stimmen, die sie in ihrem leerstehen Elternhaus zu hören glaubt, will sie durch Verkauf des Hauses entfliehen. Doch die Stimmen der Vergangenheit sind allgegenwärtig. – In „Racine und das Tischtuch“ steht der Eltern-Kind-Konflikt im Mittelpunkt, wenn eine hochbegabte Schülerin im Internat gegen eine kleinkarierte Lehrerin aufbegehrt. – Wie eineErscheinung aus einer anderen Welt tritt in der Erzählung „Der Wechselbalg“ ein junger Mann in das Leben einer berühmten Schriftstellerin; er sieht der Hauptfigur in einem ihrer Romane verblüff ähnlich.

Aus dem Englischen von Melanie Walz.

  • Insel Verlag, Frankfurt am Main 2003
  • ISBN-10 345817172X
  • ISBN-13 9783458171720
  • Gebunden, 155 Seiten, 18,90 EUR

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Elke Heidenreich: Passione. Liebeserklärung an Musik (2009) 3/5 (1)

Eine Ode an die Oper: Elke Heidenreich erzählt von der Musik, von den Figuren auf der Bühne und ihrer Leidenschaft, vor allem aber immer wieder vom Hören. „Die großen, Jahrhunderte überdauernden Themen sind diese beiden: Liebe und Tod“, sagte Heidenreich bei der Eröffnung der Salzburger Festspiele 2008. In diesem Sinne versucht sie Hörer und Zuschauer für die großen Werke der Oper zu gewinnen. Fern jeder trockenen Belehrung zeigt die Kritikerin, Moderatorin und Librettistin Elke Heidenreich, dass Musik etwas ist, das jeden angeht, und von etwas spricht, was jeden in seinem eigenen Leben zutiefst betrifft.

  • Gebundene Ausgabe: 160 Seiten
  • Verlag: Hanser Belletristik; Auflage: 2 (4. Februar 2009)
  • Sprache: Deutsch

Elke Heidenreich, geboren 1943, lebt in Köln. Sie studierte Germanistik und Theaterwissenschaft und arbeitete bei Hörfunk und Fernsehen. Bei Hanser erschien zuletzt Der Welt den Rücken (Erzählungen, 2002), Rudernde Hunde (mit Bernd Schroeder, Geschichten 2002) und Passione. Liebeserklärung an die Musik (2009).

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Carlo Fruttero & Franco Lucentini: Der Palio der toten Reiter (2007) No ratings yet.

Der Palio der toten Reiter

  • Taschenbuch: 199 Seiten
  • Verlag: Piper; Auflage: 13., Aufl. (2007)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3492210295
  • ISBN-13: 978-3492210294

Merkwürdige und geheimnisvolle Begebenheiten erlebt das Mailänder Durchschnittsehepaar Maggioni in Siena, dem Schauplatz des alljährlich stattfindenden Palio. Das Ehepaar weiß vom Palio nur, was im Reiseführer zu lesen ist, nichts von den „toten“ Contraden, die ihre Pferde und Reiter auf den Platz schicken, nichts von Korruption und Bestechung, die ebenso wie der Zufall den Sieg entscheiden.
Der gräfliche Besitzer des Anwesens, in dem sie aufgrund eines Hagelschauers Zuflucht suchen und in dem bald darauf auch ein Mord geschieht, versucht ihnen zwar die Geheimnisse zu erklären, doch je mehr sie erfahren, desto verworrener erscheint das Ganze, desto undurchdringlicher wird das Rätsel des Palio…

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Dietmar Dath: Die Abschaffung der Arten (2008) No ratings yet.

Die Abschaffung der Arten: Dietmar Dath: Amazon.de: Bücher

  • Gebundene Ausgabe: 600 Seiten
  • Verlag: Suhrkamp Verlag; Auflage: 1 (10. September 2008)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3518420216
  • ISBN-13: 978-3518420218

Das Zeitalter, das wir kennen, ist längst eingeschlafen. Wo einmal Europa war, gibt es nur noch drei labyrinthische Städte, die eher gewachsen sind, als daß sie erbaut wurden. Die Welt gehört den Tieren. Fische streiten über Sodomie, Theologinnen mit Habichtsköpfen suchen in Archiven nach Zeugnissen der Menschheit, und Cyrus Golden, der Löwe, lenkt den Staat der drei Städte. Als ein übermächtiger Gegner die neue Gesellschaft bedroht, schickt er den Wolf Dimitri als Diplomaten aus, im einstigen Nordamerika einen Verbündeten zu suchen. Die Nachtfahrt über den Ozean und in die tiefen Stollen der Naturgeschichte lehrt den Wolf Riskantes über Krieg, Kunst und Politik und führt ihn bis an den Rand seiner Welt, wo er erkennt, »warum den Menschen passiert ist, was ihnen passiert ist«. Der Roman Die Abschaffung der Arten steht in der Tradition großer spekulativer Literatur über Niedergang und Wiedergeburt der Zivilisation von Thomas Morus, Voltaire und Mary Shelley über H. G. Wells und Jules Verne bis hin zu Stephen King und William Gibson. Wenn Charles Darwin Krieg der Welten geschrieben hätte, vielleicht wäre ein Buch wie dieses dabei herausgekommen: ein abenteuerliches Liebeslied, eine epische Meditation über die Evolutionstheorie und der waghalsige Versuch, Fossilien von Geschöpfen freizulegen, die noch gar nicht gelebt haben.

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Jan Weiler: In meinem kleinen Land (2006) No ratings yet.

  • Broschiert: 352 Seiten
  • Verlag: Rowohlt Tb. (Dezember 2006)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3499621991
  • ISBN-13: 978-3499621994

Auch wenn Idee und Handlung des Buches in die Zeit vor dem deutschen Sportereignis des Jahrzehnts fallen: Es passt perfekt zur euphorischen (Post-)WM-Stimmung des Jahres 2006. Warum? Weil Bestsellerautor Jan Weiler ein Deutschlandbild zeichnet, das einen zwar nicht unbedingt zum Hervorkramen der Landesfahne stimuliert, aber dennoch glücklich und zufrieden stimmt. Und alles andere als beschämt. Denn eines vermitteln seine kurzweiligen Anekdoten: Es mag durchaus langweilige Innenstädte und spießige Mitbürger geben, aber im Großen und Ganzen haben wir es mit einem schönen Land zu tun. Und wichtiger noch: mit durchaus lustigen und hilfsbereiten Menschen.

Davon hat Weiler einige kennen gelernt. Im Rahmen einer Lesereise fuhr Weiler neun Monate kreuz und quer durch die Republik, von Düsseldorf, seiner Geburtsstadt über Rostock und Sylt bis nach Freiburg und Wolfratshausen, dem Wohnort von Edmund Stoiber. Zwei Doppelseiten Deutschlandkarte verorten sämtliche Stationen und ermöglichen dank Seitenverweis einen schnellen Link — schließlich sind die Orte nicht unbedingt geographisch angeordnet, sondern reisechronologisch.

Manche Orte erhalten eine Seite, manche zwei, manche auch vier oder sechs. Das mag ungerecht sein, doch dafür entschuldigt sich der Autor gleich zu Beginn. Auch dafür, dass aufgrund der kurzen Besuche weder Platz für ausführliche Stadtbeschreibungen ist noch für gerechte und tiefgründige Betrachtungen. Kurz: Es handelt sich eben nicht um einen Reiseführer, und Hotel- und Restaurantadressen finden sich gleich gar nicht. „In meinem kleinen Land“ ist vielmehr ein sehr persönliches Reisetagebuch, das Eindrücke, Geschichten und Gespräche schildert.

Es eignet sich insofern als leichte Zwischendurch-Lektüre, als dass keine bestimmte Handlung verfolgt wird. Spannungsbögen existieren kaum. Das Gute: Die meisten der Anekdoten können für sich gelesen werden. Dabei handeln einige von persönlichen Stimmungen, andere von gesellschaftskritischen Beobachtungen, wieder andere von der glanzvollen Historie eines Ortes und die meisten davon, welcher Eindruck eine Stadt auf Neulinge macht. Allen Geschichten gleich ist dabei die flotte und kurzweilige Sprache Weilers. Wer jedoch eine ähnliche Strickart erwartet wie bei den Bestsellern Maria, ihm schmeckt’s nicht! und Antonio im Wunderland, wird wohl enttäuscht sein. Vergleichen lassen sich die Bücher nämlich nicht.– Christian Haas

Siehe auch: de.wikipedia

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Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt (2005) 4/5 (3)

https://i1.wp.com/www.rowohlt.de/bild/07e4/608173/3/416/3-498-03528-2.jpg?w=788&ssl=1Das Verfahren ist bekannt und bewährt: Man nehme einen Denker aus der deutschen Geistesgeschichte und schlage literarischen Profit aus dessen Verschrobenheit. Ganz vorzüglich ist das beispielsweise Gert Hofmann mit Georg Christoph Lichtenberg in Die kleine Stechardin gelungen. Bernhard Setzwein hat mit Nicht kalt genug einen vorzüglichen Nietzsche-Roman vorgelegt, und Klaas Huizing widmete sich in Das Ding an sich auf hoch vergnügliche Weise dem Königsberger Philosophen und Kant-Vertrauten Johann Georg Hamann. Nun versucht sich auch Daniel Kehlmann erfolgreich an diesem Genre und porträtiert in seinem Roman gleich zwei deutsche Geistesgrößen: Das Mathematikgenie Carl Friedrich Gauß und den Universalgelehrten und großen Naturforscher Alexander von Humboldt. Im Zentrum steht ein Treffen der beiden 1828 in Berlin, auf einem Naturforscherkongress, für den Gauß nur sehr widerwillig sein Göttingen verlässt. Die zwei Großdenker haben sich beide auf ihre eigene Weise der Vermessung der Welt gewidmet, kommen sich aber nur zaghaft näher.

Der Roman kann sich auf knapp 300 Seiten Leben und Werk der beiden allerdings nur schlaglichtartig widmen, eher skizzenhaft und sehr kurzweilig erleben wir wichtige Stationen ihres Schaffens in einer geschickten Mischung aus Fakten und Fiktion: Humboldt auf seinen strapaziösen Exkursionen nach Südamerika, Gauß dagegen eher zerrissen zwischen der hehren Welt der Zahlen und dem schnöden Alltag, denn auch ein Genie hat Zahnschmerzen und muss sich mit Frau und Kindern herumplagen. Die Komik des Romans speist sich dabei nicht nur aus den ironisch beleuchteten Charakteren von Gauß und Humboldt, sondern auch aus der Spannung zwischen Größe und Lächerlichkeit. Humboldts große Forschungsreise nach Russland etwa gerät zur Farce, weil er schon zu berühmt ist: die ganze Expedition gerät zur Massenveranstaltung mit über 100 Teilnehmern, und statt zu Forschen verbringt Humboldt die meiste Zeit auf Empfängen.

Am Ende kann man Daniel Kehlmann gleich doppelt gratulieren: Zu diesem ebenso unterhaltsamen wie niveauvollen Roman — und zur Nominierung von Die Vermessung der Welt zum in diesem Jahr erstmals verliehenen Deutschen Buchpreis. –Christian Stahl

  • Gebundene Ausgabe: 304 Seiten
  • Verlag: Rowohlt, Reinbek; Auflage: 38., Aufl. (September 2005)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3498035282
  • ISBN-13: 978-3498035280

de.wikipedia

ZEIT: Als die Geister müde wurden. Daniel Kehlmanns „Vermessung der Welt“ Von Hubert Winkels 13. Oktober 2005

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Siri Hustvedt: Die Leiden eines Amerikaners (2008) 4/5 (2)

Aus der Amazon.de-Redaktion
Ihr grandioser Roman Was ich liebte hat Siri Hustvedt, die mit dem Schriftsteller Paul Auster verheiratet ist, auch in Deutschland einem breiten Publikum bekannt gemacht.  Nun hat die US-amerikanische Autorin mit Die Leiden eines Amerikaners einen beeindruckenden Familienroman geschrieben, der zugleich ein sehr persönliches Buch geworden ist. Hustvedt verarbeitet in dem Roman nicht nur ihre Trauer um den eigenen Vater, der 2003 starb, sondern benutzt auch Original-Tagebuchaufzeichnungen ihres Vaters, die sie geschickt in die Handlung einwebt.

Der Roman wird aus der Perspektive des Brooklyner Psychiaters und Psychoanalytikers Erik Davidsen erzählt, dessen Vater vor kurzem gestorben ist. Gemeinsam mit seiner Schwester Inga, einer New Yorker Schriftstellerin, kehrt er ins Elternhaus nach Minnesota zurück, um den Nachlass des Vaters zu sichten. Dabei stoßen sie auf umfangreiche Aufzeichnungen des Vaters, die tiefen Einblick in sein bewegtes Leben als Nachkomme norwegischer Einwanderer geben und eine Reihe von Geheimnissen enthüllen, die Erik und Inga verstören.

Im Laufe des Romans werden aber nicht nur die Geheimnisse des Vaters gelüftet, sondern auch viel Verdrängtes und Leid im Leben der Geschwister kommen ans Licht. Erik ist geschieden und sehr einsam. Er verliebt sich in seine Mieterin, bekommt allerdings nur zu ihrer fünfjährigen Tochter einen richtigen Draht. Inga wird von einer Journalistin verfolgt, die pikante Informationen über ihren verstorbenen Ehemann, den bekannten Schriftsteller Max Blaustein, zu haben scheint. Ihre Tochter Sonia trägt seit dem 11. September Ängste und traumatische Gefühle mit sich und ist unfähig, darüber zu sprechen. So haben alle Personen in Hustvedts Roman traumatische Verluste erlitten und versuchen, diese zu verarbeiten und eine eigene Identität zu finden. Dabei flicht Hustvedt gekonnt neueste Erkenntnisse über Trauma und Gedächtnis aus  Neurobiologie, Kulturtheorie und Psychoanalyse in die Handlung mit ein.

Mit Die Leiden eines Amerikaners hat Hustvedt einen eindringlichen Roman geschrieben, eine berührende Familiengeschichte, die zugleich das Psychogramm einer traumatisierten Gesellschaft entwirft. — Alexandra Plath

  • Gebundene Ausgabe: 416 Seiten
  • Verlag: Rowohlt Verlag GmbH (7. März 2008)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3498029851
  • ISBN-13: 978-3498029852

Rezension: Die ZEIT, FAZ,

Interview: SPON,

Siehe auch: FR

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Javier Marías: Morgen in der Schlacht denk an mich (1994) No ratings yet.

  • Taschenbuch: 407 Seiten
  • Verlag: Dtv (Juni 1999)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 342312637X
  • ISBN-13: 978-3423126373

Sie ist noch nicht 33, hat sowohl Mann als auch einen zweijährigen Sohn sowie ein paar außereheliche Verhältnisse. Als Martas Mann für ein paar Tage in London ist, lädt sie Víctor in ihre Wohnung ein. Noch bevor sie beide vollständig entkleidet sind, stirbt Marta unvermittelt in Víctors Armen. Das Zögern, den Ehemann zu benachrichtigen, die Furcht, die Tote und den kleinen Jungen einfach so in der Wohnung zu lassen, die Scham, Martas Ruf durch seine Existenz zu beschädigen – all das über-fordert Víctor. Er flüchtet …

Rezension: Die Zeit, FAZ, Berliner Zeitung

wikipedia de, engl

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Georges Simenon: Das blaue Zimmer (1964) No ratings yet.

 

Das blaue Zimmer befindet sich in dem Hotel von Antoines Bruder. Das blaue Zimmer, Tonys Inbegriff von Leidenschaft und Verderben, hat er elf, zwölfmal benutzt – hier spielte sich die Schlüsselszene ab, die das Schicksal von mindestens fünf Menschen verändern sollte.

Angefangen hat es damit, dass Andrée ihn eines Tages auf der Landstraße anhielt, weil sie eine Panne hatte. Die Frau kannte er schon aus seiner Kindheit. Sie war größer als er und stammte aus einem, sagen wir mal, hochnäsigem Haushalt. Antoine, Tony genannt und italienischer Abstammung, verlor sein Herz schnell an die Frauen, Andrée ließ er links liegen, sie kam ihm so unnahbar vor. An dem Abend, als er von ihr angehalten wurde, änderte sich das. Ein kurzes Geplänkel, dann ging es, um es salopp zu formulieren, im Straßengraben zur Sache. Tony ahnte nicht, dass dieser Seitensprung Folgen haben würde, die vorherigen Seitensprünge waren einfach nur Gelegenheiten… Die konnte ihm seine Frau nicht übel nehmen.

Incarcéré et interrogé par le juge Diem, Antoine dit « Tony » Falcone fait, au fur et à mesure qu’il répond de manière apathique aux questions de la justice, une analyse calme et rétrospective sur sa courte liaison adultère avec Andrée Despierre, une camarade d’école que le hasard a remis sur son chemin quelques mois auparavant. Tony, un vendeur et réparateur de machines agricoles à Saint-Justin-du-Loup dans la région de Poitiers, vit auprès de son épouse, Gisèle, et leur fille de six ans, Marianne, une relation simple d’une famille modeste d’une campagne de province. Issu lui-même d’une famille d’émigrés italiens du Piémont, dont la mère est morte violemment alors que ses fils étaient encore de jeunes enfants, Tony et son frère ont grandi auprès de leur père, le vieux maçon Angelo. Après dix ans loin de son village natal, Tony est revenu avec sa jeune femme fonder son foyer près des siens. Cependant, bel homme et toujours prêt aux rencontres amoureuses sans autre engagement que celui d’assouvir son désir sexuel, il mène également sa vie parallèle avec la complicité de son frère qui tient un hôtel-restaurant dans le village voisin de Triant.

Depuis quelques mois, Tony couche avec Andrée, la triste et en apparence « froide » femme de l’épicier de son village, mariée par raison, qui fascinée depuis toujours par lui s’est offerte un soir sur le bord d’une route et peut depuis assouvir pleinement ses désirs et son amour nourri depuis son enfance. Profondément amoureuse et amante libérée, elle lui demande, lors de leur huitième rencontre clandestine dans la Chambre bleue de l’hôtel fraternel, s’il l’« aime » et « pourrait vivre avec elle » si elle et lui se « rendaient libres ». Tony, ne prêtant aucune attention sérieuse à ces questions répond évasivement plus ou moins par l’affirmative à la première question, en se rhabillant, mais sur le point d’être surpris par Nicolas, le mari d’Andrée, s’enfuit discrètement. Instinctivement il décide dès lors de ne plus revoir Andrée, bien que sa relation sexuelle avec elle était la plus intense et satisfaisante qu’il ait connue. Deux mois plus tard, alors que des lettres de son amante lui indiquent que tout va bien, Nicolas, de santé fragile, meurt dans des conditions qui éveillent des soupçons dans le village et inquiètent Tony. Depuis leur dernière rencontre, il la fuit et trouve refuge dans son foyer — plus tendre que d’habitude pour Giselle et Marianne avec lesquelles il part en vacances, pour la première fois, aux Sables-d’Olonne —, pressentant indistinctement qu’un drame se met en place.

Durant l’hiver, alors qu’ils ne se sont toujours pas revus, Andrée se fait plus insistante et lui écrit un ultime message « À toi! » paradoxalement aussi explicite, sur son attente, qu’ambigu, sur la signification et les moyens. Le malaise de Tony est à son comble jusqu’à la funeste journée du 17 février où, absent tout le jour de la région pour son travail, il est arrêté par les gendarmes à son retour le soir pour le meurtre de sa femme. Dès lors, sidéré, il répond aux diverses questions des juges et expertises, et est inculpé pour empoisonnement de son épouse par de la strychnine mise en quantité létale dans un pot de confiture qu’il avait le matin rapporté de l’épicerie Despierre où Gisèle avait passé commande. Deux exhumations et analyses du corps de Nicolas évoqueraient également un empoisonnement, incertain cependant : Andrée est arrêtée. Les « amants frénétiques », comme le titre la presse, accablés par les témoignages des villageois et celui de la mère Despierre, qui affirme que les étiquettes scellant le pot étaient intactes le matin dans son épicerie, sont reconnus coupables du meurtre de leurs conjoints respectifs et condamnés à la peine de mort commuée en travaux forcés à perpétuité.

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Ulrich Peltzer: Teil der Lösung (2007) No ratings yet.

Teil der Lösung

  • Gebundene Ausgabe: 455 Seiten
  • Verlag: Ammann; Auflage: 1 (August 2007)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3250601136
  • ISBN-13: 978-3250601135

Überwachungskameras am Potsdamer Platz, globalisierte Markenwelten und limitierte Bewegungsfreiheit: an Vorzeichen, die jedes politische Handeln notwendig und zugleich illusionär erscheinen lassen, mangelt es nirgends. Christians Themen werden zunehmend politisch. Als freier Journalist schlägt er sich mit journalistischen Gelegenheitsaufträgen durch, ist Teil eines akademischen Proletariats, wie es in Berlin ganze Stadtviertel besiedelt. Selbst Mitte dreißig, hat er die Zeit des bewaffneten Widerstands gegen die Staatsmacht nur noch als Echo miterlebt. Vielleicht sucht er gerade deshalb für eine längst fällige Story Kontakt zu untergetauchten Ehemaligen der Roten Brigaden. In Paris soll ein wichtiger Informant anzutreffen und bereit zum Reden sein. Zunächst aber trifft Christian auf Nele bzw. sie trifft ihn, mit dem Ellenbogen ins Kreuz in der Tür eines Klubs. Von einer geheimnisvollen Wut getrieben, bewegt sich die hochbegabte Studentin durch den Jahrhundertsommer 2003.

Was mit ein paar ruppigen Zufallsbegegnungen eher harmlos beginnt, entwickelt sich zu einer heftigen und verqueren Anziehung, deren Ausgangspunkt im neuen Berlin liegt und die ihren Show-down in den Arabervierteln von Paris erlebt.

Teil der Lösung ist ein hochaktueller Roman, der in einem rasanten Ineinander von einzelnen Szenen abbildet, wie bruchstückhaft und vielfältig Wirklichkeit ist. Kontrollierter Raum und spielerische Störmanöver, Decknamen und Spitzel, geheime Treffen und präzise Attentate auf den Alltag: Subtil verbindet Ulrich Peltzer eine störrische Liebesgeschichte mit der Beobachtung neuer politischer Bewegungen in einer Grammatik der Überwachung. Eine atemraubende Verschwörungsgeschichte von unmittelbarer erzählerischer Kraft.

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Arnold Geiger: Es geht uns gut (2005) 3/5 (1)

Philipp Erlach hat das Haus seiner Großmutter in der Wiener Vorstadt geerbt, und die Familiengeschichte, von der er definitiv nichts wissen will, sitzt ihm nun im Nacken. Arno Geiger erzählt sie, als sei sie gegenwärtig: Von Alma und Richard, die 1938 gerade Ingrid bekommen und nichts mit den Nazis zu tun haben wollen. Vom fünfzehnjährigen Peter, der 1945 mit den letzten  Hitlerjungen durch die zerbombten Straßen läuft. Von Ingrid, die mit dem Studenten Peter eine  eigene Familie gründen will, und von Philipp, dem Sohn der beiden.

Arno Geiger gelingt es, ein trauriges und komisches Jahrhundert lebendig zu machen.

  • Gebundene Ausgabe: 389 Seiten
  • Verlag: Hanser; Auflage: 1 (August 2005)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3446206507
  • ISBN-13: 978-3446206502

 

literaturkritik.de: Unsentimentale Geschichtsschreibung. Der Held aus Arno Geigers neuem Roman mistet den Dachboden seiner Großeltern aus Von Gustav Mechlenburg Erschienen am: 18.10.2005

  • Rezension: ZEIT (Verena Aufermann): Im Zentrum steht das Verheimlichte, all das, worüber man nur mit sich selbst redet. Ein beeindruckender Roman über verpasste Gelegenheiten, die Macht der Gedanken und über den großen Zwiespalt zwischen Denken und Handeln. Ein ernstes und gelungenes Buch.

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