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Volker Kutscher: Der stumme Tod (2009 / 2011) 2.91/5 (11)

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Alles beginnt am 28. Februar 1930 mit dem Tod der Schauspielerin Betty Winter. War es Unfall oder Mord? Kommissar Gereon Rath ermittelt – und ahnt nicht, welch dramatische Wochen ihm bevorstehen…
Von Köln nach Berlin abgestellt, tut sich der Rheinländer Rath schwer mit dem preußischen Geist, der in der Hauptstadt herrscht. Überhaupt ist er eher ein Einzelkämpfer, der am effektivsten arbeitet, wenn er sich vom hierarchischen Polizeiapparat fernhält. Seine Ermittlungen führen ihn in die glamouröse Welt des Films. Zunehmend wird hier der Stumm- vom Tonfilm verdrängt, und die Filmstudios liefern sich harte Konkurrenzkämpfe – Bespitzelung und Sabotage eingeschlossen. Rath lernt das ganze Panoptikum der Filmszene kennen, etwa den Produzenten Bellmann, der aus seinem Antisemitismus keinen Hehl macht, oder den Juden Oppenberg. Und dann ist da noch der charismatische Marquard, ein vehementer Gegner des aufkommenden Tonfilms, der die Zeit am liebsten anhalten möchte.

Der Glamour des Falls hat seinen Preis: Die Hauptstadtpresse klebt ständig an Rath – optimale Ermittlungsbedingungen sehen anders aus. Um voranzukommen, tauscht er sich ohne das Wissen seines neuen Dienstherrn mit dem Gangsterboss Marlow aus. Er verzeichnet zunächst auch Erfolge und enttarnt ganz nebenbei den Erpresser von Konrad Adenauer. Doch dann sterben weitere Menschen, und Rath gerät mächtig unter Druck. Er muss den Fall lösen – und lässt sich letztlich auch nicht dadurch aufhalten, dass er aus der Ermittlergruppe ausgeschlossen wird.

Nach dem Bestseller Der nasse Fisch legt der Kölner Autor Volker Kutscher mit Der stumme Tod den zweiten Roman um den Ermittler Gereon Rath vor. Wieder gelingt es dem Autor, seinen Figuren eine für die Zeit charakteristische Färbung zu geben, ohne dabei ins Klischeehafte abzugleiten. Ob angesichts der langen Schlangen frustrierter Arbeitsloser oder der charakteristischen Dialoge über „Kommis und Nazis“, die einander „doch die Köpfe einschlagen“ sollen: Der Leser ahnt schon die düsteren Wolken, die langsam über Hauptstadt und Reich aufziehen. — Carsten Hansen, Literaturtest

  • Audiobook
  • Published November 11th 2011 by Argon Verlag (first published 2009)
  • Original Title Der stumme Tod
  • ISBN 3839890675 (ISBN13: 9783839890677)
  • Edition Language German

 

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Ulrich Enzensberger: Die Jahre der Kommune I: Berlin 1967- 1969 (2004) 3.45/5 (11)

Die Jahre der Kommune I: Berlin 1967 - 1969Neben Fritz Teufel, Dieter Kunzelmann, Rainer Langhans und anderen war Ulrich Enzensberger einer jener „Kommunarden“, die in der Zeit, als die USA Vietnam erledigen wollten, mit dadaistisch-politischen Aktionen Westberlin verrückt machten. Die KI provozierte die von den Alliierten kontrollierte Front- und Mauerstadt und ihre Bewohner, die nicht wahrhaben wollten, dass die Deutschen den Zweiten Weltkrieg angefangen und verloren hatten.

Es kam zur Revolte der Außerparlamentarischen Opposition, die davon träumte, die Westsektoren der alten Reichshauptstadt in eine Freie Räterepublik, in eine Drehscheibe der Weltrevolution zu verwandeln. – Oder war da etwa noch mehr?

Hardcover, 415 pages

Published September 28th 2004 by Kiepenheuer & Witsch (first published 2004)

ISBN 3462034138 (ISBN13: 9783462034134)
Edition Language German

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Joseph Roth: Das Spinnennetz. Roman (1923) 3/5 (5)

https://i0.wp.com/images-na.ssl-images-amazon.com/images/I/41434F1M8GL._SX312_BO1,204,203,200_.jpg?resize=314%2C499&ssl=1

Im Mittelpunkt steht Leutnant Lohse, ein enttäuschter Heimkehrer aus dem Ersten Weltkrieg. In Berlin gerät er in die Umtriebe rechtsradikaler Organisationen und Geheimbünde, in die politischen Kämpfe jener Jahre zwischen Nationalsozialisten und Kommunisten, Bürgertum und Proletariat. In verschiedenen Rollen arbeitet er für eine geheime Organisation, deren Zentrale in München ist und die Verbindungen unterhält zu Ludendorff und Hitler.

Mit hellsichtigem Scharfblick erkennt Roth die faschistische Gefahr in der Gestalt eines Theodor Lohse, die exemplarisch ist für die enttäuschten, der sicheren Führung beraubten, im Grunde lebensuntüchtigen und feigen Mitläufer seiner Generation. Unverkennbar zeigt sich schon in diesem Roman die Handschrift Roths in der visionären Sicht seiner Darstellung, in der Leidenschaft seiner zeitkritischen Haltung als Skeptiker und Revolutionär, in seinem moralischen Rigorismus.

  • Paperback, 126 pages
  • Published (first published 1923)
  • ISBN 3423131713 (ISBN13: 9783423131711)

de.wikipedia

Hörspiel – BR

Die ZEIT

http://www.josephroth.de/

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Kurt Tucholsky: Kleine Geschichten (2011) No ratings yet.

Kleine Geschichten
Kindle Edition, 205 pages
Published April 28th 2011
http://www.kurt-tucholsky.info/

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Kumpfmüller, Michael: Die Herrlichkeit des Lebens (2011) 4/5 (1)

Die Liebe eines Lebens
Überlebensgroß ist der Mythos Franz Kafka, dessen Nachruhm als Schriftsteller scheinbar mit einem weithin unglücklichen Leben erkauft wurde. Doch nun wirft Michael Kumpfmüller ein helles, fast heiteres Licht auf den berühmten Dichter und zeichnet liebevoll und diskret einen Menschen, der in seinem letzten Jahr die große Liebe findet und sein Leben in die Hand nimmt, bevor es dafür zu spät ist.
Im Sommer 1923 lernt der tuberkulosekranke Franz Kafka, als Dichter nur Eingeweihten bekannt, in einem Ostseebad die 25-jährige Köchin Dora Diamant kennen. Und innerhalb weniger Wochen tut er, was er nicht für möglich gehalten hat: Er entscheidet sich für das Zusammenleben mit einer Frau, teilt Tisch und Bett mit Dora. In Berlin wagt er mit ihr das gemeinsame Leben, mitten in der Hyperinflation der Weimarer Republik. Den täglich kletternden Preisen, den wechselnden Untermietquartieren, den argwöhnischen Eltern zum Trotz: Bis zu seinem Tod im Juni 1924 werden sich Franz Kafka, und Dora Diamant, von wenigen Tagen abgesehen, nicht mehr trennen.
Aus dieser wahren Geschichte macht Michael Kumpfmüller einen feinsinnigen, behutsamen und kenntnisreichen Liebesroman. Kafkas Tagebücher, seine Briefe und letzten Texte kennt er genau und webt sie zart in die Erzählung ein. Aber ebenso sehr widmet er sich Doras Sicht, dem Blick der verliebten jungen Frau auf ihren rätselhaften, sterbenden Mann. Und so gelingt Kumpfmüller eine tief anrührende Parabel über das Leben und die Liebe, das Schreiben und den Tod.

  • 237 pages
  • Published August 18th 2011 by Kiepenheuer & Witsch (first published 2011)
  • ISBN 3462043269 (ISBN13: 9783462043266)

    Dora Diamant

 

 

Rezensionen:

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Judith Hermann: Sommerhaus, später Erzählungen (2011) 4/5 (1)

Eine Menge Vorurteile werden mit Judith Hermanns Debütwerk beseitigt: Erstens, es gibt doch gute deutsche Nachwuchsautoren, zweitens, die Gattung der Erzählung ist nicht tot, und drittens, deutsches Schreiben ist per se nicht schwerfällig und grüblerisch, sondern kann, so zeigt Sommerhaus, später, sehr leichtfüßig und virtuos daherkommen.

Die Erzählperson schlüpft in neun Geschichten in verschiedene Rollen und Geschlechter: Mal ist sie Enkelin, mal Geliebte, mal Künstler, mal Zuhörer. Und manchmal auch bloß Erzählerin. So schnell sie eine Intimität zum Leser aufbaut, so schnell endet die Geschichte auch wieder und es beginnt eine neue. Personen treten in das Leben der Protagonisten und gehen wieder, reißen kleine Wunden, die lange schmerzen. Da ist der alte, einsame Mann, der seine Klassikkassetten einem jungen Mädchen schenkt, obwohl sie ihn versetzt; oder Sonja, die wie ein naives Kind in einen Maler verliebt ist und dann wie ein Geist wieder aus seinem Leben verschwindet. Gute und Böse gibt es nicht, nur Unvermögen oder Großzügigkeit.

Hermanns Kunst ist unmittelbar: direkte Rede, reale Vergleiche, detaillierte Wahrnehmung. Und doch bleiben die Erzählungen angenehm unvollständig. Als hätte jemand eine Kamera auf ein paar Personen in Berlin oder New York oder sonstwo gehalten und wieder ausgeblendet.

„Du musst lernen zu warten“, sagt einer ihrer Protagonisten, „auch auf die kleinen Ereignisse“.

Judith Hermann hat für Sommerhaus, später den Förderpreis des Bremer Literaturpreises 1999 erhalten. In der Begründung der Jury heißt es: „Judith Hermann formuliert in atmosphärisch dichter Prosa und mit großer sprachlicher Sicherheit das Lebensgefühl von Menschen, die in Liebe und Angst befangen, das wirkliche Leben verfehlen und das Scheitern der eigenen Lebenspläne mehr melancholisch beobachten als trauernd erleben.“ –Bettina Albert

  • Taschenbuch: 192 Seiten
  • Verlag: Fischer; Auflage: 15. (2011)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3596147700
  • ISBN-13: 978-3596147700

Pressestimmen

„Kein Wort zuviel, keins am falschen Platz“ NZZ
„Hinreißend, hochbegabt“, lobt der Spiegel.

 

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Katherina Hacker: Alix, Anton und die anderen (2009) No ratings yet.

In „Die Habenichtse“ erzählte Katharina Hacker von der Angst einiger Thirtysomethings, sich im Leben festzulegen und erhielt dafür 2006 den Deutschen Buchpreis.

Inzwischen schreibt sie über Romanhelden, die Mitte 40 sind und nicht ausgelebten Träumen hinterher trauern: Der Therapeut Jan und die psychisch labile Alix sind verheiratet, aber kinderlos. Der arbeitssüchtige Arzt Anton ist noch immer Single, obwohl er sich eigentlich eine Ehefrau und drei Kinder wünscht. Und der schwule Bernd kämpft sich nach einem abgebrochenen Medizinstudium mal mehr, mal weniger schwermütig mit einer eigenen Buchhandlung durch seine Tage.

Oft bleiben Hackers Helden seltsam konturlos und wirken konstruiert, wenn sie im Wechsel vom verpassten Leben erzählen. Doch immer wieder gibt es auch unglaublich eindringliche Textstellen, mit denen Hacker generationstypische Befindlichkeiten auf den Punkt bringt, etwa wenn Bernd den optischen Reizen Jugendlicher erliegt:

„Und ihre Körper sind schön, die Nächte sind schön, die große Hingabe, selbst die Gleichgültigkeit, die alles einschmilzt und nichts lässt als die Berührung und die Lust. Mit Anton, der nichts sucht als seine große Liebe, kann ich all das nicht teilen, nur Alix weiß, was ich suche, und sie, auf ihre Weise, sucht es auch.“

Zudem will Hacker weit mehr als einen Generationenroman. Nebenfiguren wie eine vietnamesische Kellnerin und das offene Ende deuten darauf hin, dass sie die Probleme ihrer Helden mit dem Schicksal von Immigranten kontrastieren will.

Doch die innovative Form des Romans hat zum Bruch mit Suhrkamp geführt: Neben der eigentlichen Erzählung gibt es einen zweiten Textblock, der ohne ordnendes System die Handlung ergänzt. „Alix, Anton und die anderen“ wird fortgesetzt. Bei einem anderen Verlag. (cs)

  • Gebundene Ausgabe: 125 Seiten
  • Verlag: Suhrkamp Verlag; Auflage: 1 (16. November 2009)

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Ingo Schulze: Handy. Dreizehn Geschichten in alter Manier (2007) 3/5 (2)

Handy. Dreizehn Geschichten in alter Manier

Mit untrüglichem Gespür für tragikomische Situationen umkreist Ingo Schulze das Wesen der Liebe, das Ringen um Würde im Abschiednehmen und das Geschenk glückhafter Epiphanien mitten im Alltag.

Silvester 1999, die Millenium-Nacht in Berlin. Frank Reichert begegnet auf der Silvesterfeier an der Schwelle zum neuen Jahrtausend Julia, seiner verlorenen großen Liebe. Seit der Trennung im Herbst 1989 wandelt er wie ein Fremder durchs Leben, fast unbeteiligt erlebt er den Erfolg seines florierenden Geschäfts. Nichts mehr kann ihn im Tiefsten berühren, über allem liegt Julias Schatten und die Möglichkeit eines anderen Lebens. So wird das Ende der Nacht zu einem Neubeginn, mit dem keiner gerechnet hat.

Zwischen Abschied und Aufbruch bewegen sich fast alle Figuren in Ingo Schulzes neuen Erzählungen. Oft reicht schon ein irritierender Blick, um das scheinbar harmonische Gefüge einer frischen Liebe, einer nachbarschaftlichen Bekanntschaft oder eines unbeschwerten Urlaubs aus den Angeln zu heben. Ob im Friseurladen in Manhattan, in einer Datscha im Berliner Umland – stets umgibt eine Atmosphäre diffuser Bedrohung die selbstgeschaffenen Fluchtorte. In diesen Heterotopien der Seligkeit behaupten sich Schulzes Protagonisten gegen eine ständig sich beschleunigende Welt, die mit ihren Fallstricken bis in die eigenen vier Wände reicht.

Renzension in Die ZEIT: Der Magier des Banalen, buecher.de

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Heinrich Heine: Die Bäder von Lucca, Die Stadt Lucca (1830) No ratings yet.

Die Bäder von Lucca / Die Stadt Lucca: Heinrich Heine: Amazon.de: Peter von Matt: Bücher

Die Bäder von Lucca / Die Stadt Lucca

  • Taschenbuch: 184 Seiten
  • Verlag: Reclam, Ditzingen; Auflage: Erg. Aufl. (1998)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 315003602X

Unter den kurzweilig scherzenden Anekdoten der Reisebilder Heines blitzt die Leidenschaftlichkeit des jungdeutschen Liberalismus hervor. So brillieren die Lucca-Schriften von 1830/31 mit Plaudereien, aber auch mit scharfer Polemik gegen geistige und politische Zustände im Deutschland jener Zeit.

Autorenporträt
Heinrich Heine, 1797 in Düsseldorf geboren, kam im April 1821 nach Berlin, wo er sich zwei Jahre lang aufhielt. 1829 kehrte er noch einmal hierher zurück, bevor er Deutschland 1831 für immer verließ. 1856 ist er in Paris im Exil gestorben.

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Cees Noteboom: Paradies verloren (2004) No ratings yet.

Paradies verloren

  • Gebundene Ausgabe: 156 Seiten
  • Verlag: Suhrkamp; Auflage: 4., Aufl. (1. März 2006)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3518417266

„Die Erinnerung ist wie ein Hund, der sich hinlegt, wo er will“, schrieb Cees Nooteboom in seinem wundervollen Roman Rituale. Das muss auch Erik Zondag aus Paradies verloren feststellen, weil ihm die ebenso kurze wie seltsame Begegnung mit Alma, der jungen, deutschstämmigen Brasilianerin, nicht mehr aus dem Kopf gehen will. Als er sie zum ersten Mal sieht, kauert sie auf dem Boden eines Schrankes, mit großen Flügeln auf dem Rücken — als Statistin bei einem Engel-Kunstprojekt im australischen Perth. Nach einer Nacht am Strand entschwindet sie engelsgleich bereits wieder aus seinem Leben.

Paradies verloren ist ein kurzer Roman über flüchtige Begegnungen, rätselhafte Liebesverhältnisse und die Macht der Sehnsucht. Zum Beispiel nach der Ferne, wie bei Alma. Oder nach einer Begegnung, die die eigene, schal gewordene Existenz umzustülpen verspricht, wie beim resignierten Literaturkritiker Zondag. Dass Nooteboom in seinem neuesten Roman vor allem andeutet und Spuren legt, statt dem Leser alle Fragen zu beantworten, verleiht der Geschichte den Reiz der Unergründlichkeit. Und andererseits kann Nooteboom in Paradies verloren — der Titel ist eine Anspielung auf John Miltons monumentales Versepos aus dem 17. Jahrhundert über den Sündenfall — seiner bekannten Begeisterung für Engel Ausdruck verleihen. Glücklicherweise ist diese aber weniger esoterischer als poetischer Natur. Alma nimmt ihre Flügel bald ab und entpuppt sich als durchaus irdische, wenn auch eigenartige Frau. Besser als in eine junge Frau kann sich der Autor naturgemäß in den alternden Literaturkritiker einfühlen, der im zweiten Teil des Romans im Mittelpunkt steht. Von diesem Erik Zontag und seinem Kuraufenthalt in einem Tiroler Bergdorf hätte man gern noch mehr gelesen, hier gelingen Nooteboom wunderbare Passagen voll tragikomischer, gelassener Lebensmüdigkeit.

Obwohl durchaus lesenswert, kann Paradies verloren die Zweifel nicht gänzlich zerstreuen, ob Cees Nooteboom dereinst nicht doch vor allem als einer der besten Reiseschriftsteller — man denke nur an Im Frühling der Tau oder Der Umweg nach Santiago — in Erinnerung bleiben wird. –Christian Stahl

Rezension: Jochen Jung in: Die ZEIT Nr. 33 2005

Auch Engel suchen nach den Ursprüngen. Cees Nooteboom hat einen getroffen

Ein Beginn, der so tut, als wär Dichten ganz einfach: Der Autor, als eine besondere Spezies Geschäftsreisender, sitzt im Flugzeug von Friedrichshafen nach Berlin, in einer kleinen Maschine also; er blättert ein wenig in dem Magazin der Fluggesellschaft und liest dies und das über die weite Welt; er blickt um sich, und jetzt sieht er eine Frau, die ihn sofort anzieht und die ebenfalls blättert, in einem Buch, von dem sie offenbar aber kaum mehr als die handgeschriebene Widmung liest. Es ist – so will es Cees Nooteboom in diesem Augenblick – das Buch, das auch wir gerade lesen.

Als sie gelandet sind, holt jemand die Frau ab – ein Fremder, wer sonst? –, und sie küsst ihn, flüchtig. Und der Autor? »Ich bleibe wie immer zurück mit ein paar Wörtern…« Wie immer. Der Roman kann also beginnen.


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Bernhard Schlink: Das Wochenende (2008) 3/5 (1)

https://i1.wp.com/images-na.ssl-images-amazon.com/images/I/41c4xO5IZFL._SX323_BO1,204,203,200_.jpg?resize=325%2C499&ssl=1Kurz vor sieben holt Christiane ihren Bruder vom Gefängnis ab. Über 20 Jahre hat der Terrorist wegen verschiedener Morde eingesessen, jetzt ist er plötzlich begnadigt worden, ohne dem Kampf gegen das System öffentlich abgeschworen zu haben. Damit der Bruder sich in Freiheit besser sozialisieren kann, hat Christiane in einem heruntergekommenen Haus in der Einöde fürs Wochenende rund ein Dutzend Freunde eingeladen, die ihm bei seinem neunen Leben in Freiheit behilflich sein könnten. Aber schnell wird deutlich, dass die inzwischen Fünfzigjährigen und ihre Kinder (von denen eines einmal mit einem echten Terroristen geschlafen haben will) allerlei in die RAF-Zeit und ihr letztes lebendes Fossil hineinprojizieren. Und auch bei der schnell aufgeworfenen Frage, wer den Terroristen damals an die Polizei verraten hatte, gibt es eine so vom Leser nicht zu erwartende Überraschung, die zu allerlei Verwicklungen führt…

Irgendwie erinnert einen der Fall des Terroristen, der seine eigene Begnadigung durch eine Grußadresse an eine radikale Vereinigung fast noch selbst unterwandert, auffallend an eine wahre Geschichte, die den Blätterwald der deutschen Presse 2007 intensiv (vielleicht etwas zu intensiv) beschäftigt hat. Ansonsten aber hat Das Wochenende des inzwischen zwischen Berlin und New York hin- und herpendelnden Bestseller-Autors Bernhard Schlink wenig mit diesem RAF-Begnadigungsszenario zu tun. Vielmehr geht es dem Autor in seinem an drei Tagen spielenden Roman, den man nur wegen des großen Figurenpersonals nicht als Kammerspiel bezeichnen kann, darum, eine Zeit zu rekapitulieren, in der sich eine (wenn auch kleine) Gruppe schuldig machte — und darum, zu diskutieren, inwieweit der revolutionäre Kampf und die Haft die Menschen verändert hat, die unmittelbar betroffen waren. Darüber hinaus erzählt Das Wochenende von dem, was von den Lebensträumen einer lebenshungrigen Generation übrig blieb — und davon, warum eine nachwachsende Generation vom Scheitern der vorangegangenen nicht lernen will und kann.

Schuld und Verstrickung, Sühne und Illusionen der deutschen Geschichte — irgendwie ist Schlink seinen großen Themen treu geblieben. Aber es ist ihm auch gelungen, diesen Themen neue Aspekte abzugewinnen. Und dabei ist das Ganze auch noch überaus klug und spannend beschrieben. — Stefan Kellerer, Literaturanzeiger.de

  • Taschenbuch: 240 Seiten
  • Verlag: Diogenes Verlag; Auflage: 1 (1. März 2008)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3257066333
  • ISBN-13: 978-3257066333

Rezension: SPON , DR,  Die ZEIT

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Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt (2005) 4/5 (3)

https://i1.wp.com/www.rowohlt.de/bild/07e4/608173/3/416/3-498-03528-2.jpg?w=788&ssl=1Das Verfahren ist bekannt und bewährt: Man nehme einen Denker aus der deutschen Geistesgeschichte und schlage literarischen Profit aus dessen Verschrobenheit. Ganz vorzüglich ist das beispielsweise Gert Hofmann mit Georg Christoph Lichtenberg in Die kleine Stechardin gelungen. Bernhard Setzwein hat mit Nicht kalt genug einen vorzüglichen Nietzsche-Roman vorgelegt, und Klaas Huizing widmete sich in Das Ding an sich auf hoch vergnügliche Weise dem Königsberger Philosophen und Kant-Vertrauten Johann Georg Hamann. Nun versucht sich auch Daniel Kehlmann erfolgreich an diesem Genre und porträtiert in seinem Roman gleich zwei deutsche Geistesgrößen: Das Mathematikgenie Carl Friedrich Gauß und den Universalgelehrten und großen Naturforscher Alexander von Humboldt. Im Zentrum steht ein Treffen der beiden 1828 in Berlin, auf einem Naturforscherkongress, für den Gauß nur sehr widerwillig sein Göttingen verlässt. Die zwei Großdenker haben sich beide auf ihre eigene Weise der Vermessung der Welt gewidmet, kommen sich aber nur zaghaft näher.

Der Roman kann sich auf knapp 300 Seiten Leben und Werk der beiden allerdings nur schlaglichtartig widmen, eher skizzenhaft und sehr kurzweilig erleben wir wichtige Stationen ihres Schaffens in einer geschickten Mischung aus Fakten und Fiktion: Humboldt auf seinen strapaziösen Exkursionen nach Südamerika, Gauß dagegen eher zerrissen zwischen der hehren Welt der Zahlen und dem schnöden Alltag, denn auch ein Genie hat Zahnschmerzen und muss sich mit Frau und Kindern herumplagen. Die Komik des Romans speist sich dabei nicht nur aus den ironisch beleuchteten Charakteren von Gauß und Humboldt, sondern auch aus der Spannung zwischen Größe und Lächerlichkeit. Humboldts große Forschungsreise nach Russland etwa gerät zur Farce, weil er schon zu berühmt ist: die ganze Expedition gerät zur Massenveranstaltung mit über 100 Teilnehmern, und statt zu Forschen verbringt Humboldt die meiste Zeit auf Empfängen.

Am Ende kann man Daniel Kehlmann gleich doppelt gratulieren: Zu diesem ebenso unterhaltsamen wie niveauvollen Roman — und zur Nominierung von Die Vermessung der Welt zum in diesem Jahr erstmals verliehenen Deutschen Buchpreis. –Christian Stahl

  • Gebundene Ausgabe: 304 Seiten
  • Verlag: Rowohlt, Reinbek; Auflage: 38., Aufl. (September 2005)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3498035282
  • ISBN-13: 978-3498035280

de.wikipedia

ZEIT: Als die Geister müde wurden. Daniel Kehlmanns „Vermessung der Welt“ Von Hubert Winkels 13. Oktober 2005

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Javier Marías: Morgen in der Schlacht denk an mich (1994) No ratings yet.

  • Taschenbuch: 407 Seiten
  • Verlag: Dtv (Juni 1999)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 342312637X
  • ISBN-13: 978-3423126373

Sie ist noch nicht 33, hat sowohl Mann als auch einen zweijährigen Sohn sowie ein paar außereheliche Verhältnisse. Als Martas Mann für ein paar Tage in London ist, lädt sie Víctor in ihre Wohnung ein. Noch bevor sie beide vollständig entkleidet sind, stirbt Marta unvermittelt in Víctors Armen. Das Zögern, den Ehemann zu benachrichtigen, die Furcht, die Tote und den kleinen Jungen einfach so in der Wohnung zu lassen, die Scham, Martas Ruf durch seine Existenz zu beschädigen – all das über-fordert Víctor. Er flüchtet …

Rezension: Die Zeit, FAZ, Berliner Zeitung

wikipedia de, engl

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Ulrich Peltzer: Teil der Lösung (2007) No ratings yet.

Teil der Lösung

  • Gebundene Ausgabe: 455 Seiten
  • Verlag: Ammann; Auflage: 1 (August 2007)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3250601136
  • ISBN-13: 978-3250601135

Überwachungskameras am Potsdamer Platz, globalisierte Markenwelten und limitierte Bewegungsfreiheit: an Vorzeichen, die jedes politische Handeln notwendig und zugleich illusionär erscheinen lassen, mangelt es nirgends. Christians Themen werden zunehmend politisch. Als freier Journalist schlägt er sich mit journalistischen Gelegenheitsaufträgen durch, ist Teil eines akademischen Proletariats, wie es in Berlin ganze Stadtviertel besiedelt. Selbst Mitte dreißig, hat er die Zeit des bewaffneten Widerstands gegen die Staatsmacht nur noch als Echo miterlebt. Vielleicht sucht er gerade deshalb für eine längst fällige Story Kontakt zu untergetauchten Ehemaligen der Roten Brigaden. In Paris soll ein wichtiger Informant anzutreffen und bereit zum Reden sein. Zunächst aber trifft Christian auf Nele bzw. sie trifft ihn, mit dem Ellenbogen ins Kreuz in der Tür eines Klubs. Von einer geheimnisvollen Wut getrieben, bewegt sich die hochbegabte Studentin durch den Jahrhundertsommer 2003.

Was mit ein paar ruppigen Zufallsbegegnungen eher harmlos beginnt, entwickelt sich zu einer heftigen und verqueren Anziehung, deren Ausgangspunkt im neuen Berlin liegt und die ihren Show-down in den Arabervierteln von Paris erlebt.

Teil der Lösung ist ein hochaktueller Roman, der in einem rasanten Ineinander von einzelnen Szenen abbildet, wie bruchstückhaft und vielfältig Wirklichkeit ist. Kontrollierter Raum und spielerische Störmanöver, Decknamen und Spitzel, geheime Treffen und präzise Attentate auf den Alltag: Subtil verbindet Ulrich Peltzer eine störrische Liebesgeschichte mit der Beobachtung neuer politischer Bewegungen in einer Grammatik der Überwachung. Eine atemraubende Verschwörungsgeschichte von unmittelbarer erzählerischer Kraft.

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Esther Freud: Liebe fällt No ratings yet.

  • Gebundene Ausgabe: 280 Seiten
  • Verlag: Berlin Verlag; Auflage: 1 (8. März 2008)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3827007615
  • ISBN-13: 978-3827007612

Liebe und dunkle Geheimnisse in einem Sommer in Italien.
Im Juli, drei Monate nach ihrem siebzehnten Geburtstag, reist Lara zusammen mit ihrem Vater, der getrennt von der Familie lebt und den sie kaum kennt, aus dem stickigen London für einige Wochen zu Freundenin die Hügel der Toskana. Lara fühlt sich zunächst verloren unter den mondänen englischen Feriengästen. Aber die Sonne und die Schönheit der Landschaft und schließlich ein Fest bei den Nachbarn wecken sinnliche Gefühle in ihr. Als Lara sich in Kip, einen um einige Jahre älteren Jungen, verliebt, gerät sie in einen Strudel von Geheimnissen und Lügen, die ihr Leben radikal verändern.

Esther Freud wurde 1963 in London geboren. Sie ist die Tochter des Künstlers Lucien Freud und eine Urenkelin von Sigmund Freud. 1991 veröffentlichte sie ihren ersten Roman, Marrakesch, der mit Kate Winslet verfilmt wurde.

Rezension: orf.at, DIE ZEIT

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