SchlagwortFamilie

Jonathan Franzen: Freiheit (2010) 4/5 (2)

Patty und Walter Berglund – Vorzeigeeltern und Umweltpioniere, fast schon ideale Nachbarn in ihrer selbst renovierten viktorianischen Villa in St. Paul – geben plötzlich Rätsel auf: Ihr halbwüchsiger Sohn zieht zur proletenhaften republikanischen Familie nebenan, Walter lässt sich zum Schutz einer einzigen Vogelart auf einen zwielichtigen Pakt mit der Kohleindustrie ein, und Patty, Exsportlerin und Eins-a-Hausfrau, entpuppt sich als wahrlich sonderbar. Hat Walters bester Freund, ein Rockmusiker, damit zu tun? Auf einmal lebt Patty ihre kühnsten Träume, führt sie ein Leben ohne Selbstbetrug.
In diesem Roman einer Familie, der zugleich ein großes Epos der letzten dreißig Jahre amerikanischer Geschichte ist, erzählt Jonathan Franzen von Freiheit – dem Lebensnerv der westlichen Kulturen – und auch dem Gegenteil von ihr, zeigt die tragikomischen Verwerfungen zeitgenössischer Liebe und Ehe, Freundschaft und Sexualität. «Freiheit» ist ein bedeutsames Buch über unser Leben in einer immer unübersichtlicher und fragiler werdenden Welt.

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Mario Vargas Llosa: Die geheimen Aufzeichnungen des Don Rigoberto (1997) 4/5 (3)

Hatte der Schüler Alfonso in „Lob der Stiefmutter“ seinen leiblichen Vater Don Rigoberto und dessen zweite Gattin Doña Lukrezia mit List und Tücke erfolgreich entzweit, so bringt der Junge in vorliegenden Roman das immer noch ineinander verliebte Paar mit Hilfe anonymer Briefe wieder zusammen.

Nachdem Don Rigoberto seine Angebetete aus dem Hause gejagt hatte, war es mit seinen geheimen Aufzeichnungen zügig vorwärtsgegangen. Diese schriftlich fixierten Phantasien, dem Leser als Wahrheiten vorgespiegelt, kreisen ausschließlich um die abwesende Doña als Lustobjekt. Manche „Wahrheit“ muss der Leser bezweifeln. Wenn zum Beispiel Don Rigoberto seine Frau zur berühmten Akademikerin – eine Jura-Professorin aus Virginia – hochstilisiert, so kann das schwerlich sein. Es bleibt aber ein lesenswertes Spiel, denn dass Doña Lukrezia einen Juristen-Kollegen verführt, kann dagegen wohl sein. Aber am Romanende wird dem Leser reiner Wein eingeschenkt. Über 400 Seiten hinweg ist er angelogen worden.

Pressestimmen

»Mario Vargas Llosa bestätigt wieder einmal sein Talent als geborener Geschichtenerzähler, der in der Lage ist, die verschiedensten literarischen Stoffe wirkungsvoll und brillant in Szene zu setzen. Ein Triumph der Imagination.« (El Pais )

Über den Autor

Mario Vargas Llosa wurde am 28. März 1936 in Arequipa (Peru) geboren. Seine Kindheit verbrachte er in Bolivien, Piura (Nordperu) und Lima. Im Alter von 18 Jahren heiratete er Julia Urquidi, mit der er neun Jahre zusammenlebte. Diese Beziehung verarbeitete er später in seinem Roman Tante Julia und der Kunstschreiber. Bereits während seines Studiums der Geistes- und Rechtswissenschaften in Lima und Madrid (Promotion über Gabriel García Márquez) schrieb er für verschiedene Zeitschriften und Zeitungen und veröffentlichte erste Erzählungen. 1963 erschien sein erster Roman La ciudad y los perros (dt. Die Stadt und die Hunde), der auf eigenen Erfahrungen in der Kadettenanstalt Leoncio Prado in Lima beruht. Der Roman wurde in Spanien mehrfach ausgezeichnet und in über 20 Sprachen übersetzt. Vargas Llosa war als Gastprofessor in Washington, Puerto Rico, London, New York und Cambridge tätig. 1989 bewarb er sich als Kandidat der oppositionellen Frente Democrático für die peruanischen Präsidentschaftswahlen und unterlag 1990 im zweiten Wahlgang. Daraufhin zog er sich aus der aktiven Politik zurück. Mario Vargas Llosa ist Ehrendoktor verschiedener amerikanischer und europäischer Universitäten und hielt Gastprofessuren unter anderem in Harvard (1992), Princeton (1993) und Oxford (2004). 2010 erhält er den Nobelpreis für Literatur »für seine Kartografie von Machtstrukturen und seine energischen Bilder des individuellen Widerstands, der Rebellion und Niederlage«. Heute lebt Mario Vargas Llosa mit seiner Frau Patricia in Madrid und Lima.

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Ulla Hahn: Aufbruch (2010) No ratings yet.

: B Ü C H E R G I L D E

Wie Das verborgene Wort ist Aufbruch ein anrührender Entwicklungsroman – und ein detailreiches Sittengemälde der Bundesrepublik Mitte der sechziger Jahre, sprachübermütig und mit epischem Temperament erzählt.

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Wellershoff, Dieter: Der Himmel ist kein Ort (2010) 4/5 (2)

Mit seinem neuen Roman erweist sich Dieter Wellershoff erneut als Meister der subtilen Einfühlung und der insistierenden Infragestellung von Üblichkeiten und Gewissheiten. Mit der Geschichte des evangelischen Pfarrers Ralf Henrichsen, der die Folgen eines tragischen Verkehrsunfalls seelsorgerisch begleiten muss und dadurch in eine existentielle Krise gerät, erzählt er von einem Prototypen unserer Zeit: dem problematischen Individuum in einer zufälligen Welt, dessen Sinn- und Lebensentwürfe unter erhöhtem Rechtfertigungsdruck stehen.
Der Roman beginnt wie ein Krimi und entwickelt sich zu einem figurenreichen Gesellschaftsdrama. Hauptfigur ist ein junger Landpfarrer, der eines Nachts zu einem Unfallort gerufen wird. Ein Auto ist von der Straße abgekommen und in einen See gestürzt. Der Fahrer hat sich gerettet, seine Frau und sein Sohn werden leblos geborgen. Wie das geschehen konnte, ist unklar. Schon bald nimmt das angebliche Unglück unheimliche Züge an. Der Pfarrer hält trotzdem an der Unschuldsvermutung fest und bringt fast alle Gemeindemitglieder gegen sich auf.
Dieter Wellershoff erzählt mit ausgeprägtem Gespür für Stimmungen und Gefühle, wie ein Mann, der in der Gewissheit einer sinnstiftenden Ordnung gelebt hat, an Grenzen gerät – seine eigenen und die einer Institution, deren Anspruch es ist, Orientierung zu bieten und Halt zu gewähren.

Rezension: FAZ – Der Pfarrer und das liebe Vieh,

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Lisa Saint Aubin de Teran: Ein Haus in Italien (1999) No ratings yet.

Nach Jahren des Vagabundierens hat Lisa St Aubin de Teran endlich das riesige Haus gefunden, nach dem sie sich seit Kindertagen gesehnt hat: Das ‚Haus in Italien‘ ist ein halbzerfallener Palazzo, der in den Hügeln Umbriens liegt. Sie kauft dieses Haus, bezieht es mit ihrer extravaganten Familie und macht sich an die Renovierung. Maurer wundern sich, sind aber wohlgesonnen, Banken endlos bürokratisch, Träume in jeder Hinsicht extravagant.

Anschaulich, humorvoll und anekdotenreich berichtet Lisa St Aubin de Teran von den Abenteuern der Renovierung, des Seßhaftwerdens und der Eingemeindung ihrer Familie in eine fast heile Welt.’Lisa St Aubin de Teran hat einen höchst unterhaltsamen Italien-Roman geschrieben. Wer schon länger Aussteiger-Phantasien hegt, könnte nach der Lektüre dieses Buches schwach werden.‘ (Brigitte)

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Arno Geiger: Alles über Sally (2010) 3/5 (1)

Alles über Sally

 Alfred und Sally sind schon reichlich lange verheiratet. Das Leben geht seinen Gang, allzu ruhig, wenn man Sally fragt. Als Einbrecher ihr Vorstadthaus in Wien heimsuchen, ist plötzlich nicht nur die häusliche Ordnung dahin: In einem Anfall von trotzigem Lebenshunger beginnt Sally ein Verhältnis mit Alfreds bestem Freund. Und Alfred stellt sich endlich die entscheidende Frage: Was weiß ich von dieser Frau, nach dreißig gemeinsamen Jahren? Arno Geiger, der international gefeierte Buchpreisträger aus Österreich, schreibt noch einmal den großen Roman vom Liebesverrat. Eine Geschichte von Ehe und Liebe in unserer Zeit.

  • Gebundene Ausgabe: 363 Seiten
  • Verlag: Hanser (8. Februar 2010)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3446234845
  • Die Erzählbarkeit der Ehe – NZZ – 9. Februar 2010 Andreas Breitenstein
  • literaturkritik.de: Das Leben ist besser als sein Ruf. Arno Geiger plädiert in seinem neuen Roman „Alles über Sally“ für die Liebe als lebenslange Anstrengung Von Dietmar Jacobsen Erschienen am: 01.04.2010

Über den Autor
Arno Geiger, geboren 1968 in Bregenz, Vorarlberg, wuchs in Wolfurt/Österreich auf. Er studierte Deutsche Philologie, Alte Geschichte und Vergleichende Literaturwissenschaft in Innsbruck und Wien. Seit 1993 lebt er als freier Schriftsteller. 1986 bis 2002 war er im Sommer auch als Videotechniker bei den Bregenzer Festspielen tätig. 1996 und 2004 nahm Arno Geiger am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt teil. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Ehrungen. 2008 wurde Arno Geiger mit dem „Johann-Peter-Hebel-Preis“ geehrt.

 

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Siri Hustvedt: Was ich liebte (2004) 4/5 (2)

Was ich liebte (Taschenbuch) von Siri Hustvedt

  • Taschenbuch: 480 Seiten
  • Verlag: Rowohlt Tb.; Auflage: 19., Aufl. (1. April 2004)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3499233096
  • ISBN-13: 978-3499233098

Aus der Amazon.de-Redaktion
„Was ich liebte, das bleibt“, weiß Leo Hertzberg in Siri Hustvedts neuem Roman. Was dem jüdischen Kunsthistoriker nach seiner Erblindung im Alter aber bleibt, ist eigentlich nur mehr die Erinnerung an ein Leben, dessen Verlauf er sich in jungen Jahren anders vorgestellt hatte.

Hertzberg wohnt in New York, in einem Loft in unmittelbarer Nähe zur Familie des befreundeten Malers Bill Wechsler, dessen Frauenakt er einst in einer Galerie erworben hatte. Aus der Retrospektive enthüllt Hustvedt die Lebensentwürfe der Freunde, deren Biografie nicht zuletzt durch die Schicksalsschläge ihrer Kinder eine unvorhersehbare Wendung nimmt. Am Ende bleibt nur die Kunst — und eine Erkenntnis, dass am Ende allein die Erinnerung an die Liebe überlebt. Nacherzählt klingt das sehr kitschig. Was aber Hustvedt aus ihrer simplen Botschaft macht, ist überaus bemerkenswert.

Hustvedt ist die Frau des postmodernen Erzählgenies Paul Auster, dem sie Was ich liebte gewidmet hat und mit dem sie in New York zusammen wohnt.  Tatsächlich scheinen sich viele ihrer Erzählstrategien seinem Einfluss zu verdanken. Wie sie diese allerdings aufgenommen und weiter entwickelt hat, ist sehr beachtlich. Nicht zuletzt der Einfall, einen Erzähler des anderen (hier: männlichen) Geschlechts zu wählen (ein Einfall, der im Titel des Frauenaktes von Wechsler — „Selbstporträt“ — in postmoderner Manier im Roman gespiegelt wird), ist überaus gelungen und konsequent umgesetzt. So ist Was ich liebte ein stringent erzählter Künstlerroman von hoher Eigenständigkeit geworden. Hustvedt ist eine nicht mehr ganz neue, aber in Deutschland unbedingt noch zu entdeckende Erzählstimme Amerikas. –Stefan Kellerer
— Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Rezension:

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Antonio Tabucchi: Piazza d’Italia (2000) No ratings yet.

  • Verlag: Piper; Auflage: 4 (2000)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3492230318
  • ISBN-13: 978-3492230315

Unter Kennern gilt Antonio Tabucchi als ein Autor, dessen Romane und Erzählungen meist in Portugal spielen. Doch Tabucchi beweist, er kann auch ganz anders. Sein Roman Piazza d`Italia erschien bereits im Jahre 1975 und war mehr als zehn Jahre nicht mehr erhältlich.

Piazza d`Italia ist Tabucchis einziges Buch, das in Italien spielt. Jetzt wird die wechselvolle Geschichte der Bewohner von Borgo, mit ihrem Hauptplatz in der Mitte des Dorfes, wieder neu aufgelegt. Verschiedene Mitglieder einer toskanischen Familie kämpfen unablässig, von der Zeit der Einigung Italiens bis zu den fünfziger Jahren, für Gerechtigkeit — sie sehen großen Gefahren mutig ins Auge und scheitern ausnahmslos alle an den kleinen Problemen des Alltags.

In diesem Buch setzt sich Tabucchi mit der Zeit, dem Zeitgeist und seiner Rolle als politischer Schriftsteller auseinander, worin er es in seinen späteren Büchern zur Perfektion gebracht hat. –Manuela Haselberger

Kurzbeschreibung
Rebellen aus Tradition und Übermut: Drei Generationen einer Familie aus dem toskanischen Dorf Borgo kämpfen für Gerechtigkeit – von der Einigung Italiens unter Garibaldi bis zu den fünfziger Jahren. Sie überstehen die großen Gefahren und scheitern am kleinen Alltag. Der 1975 geschriebene Roman zeigt Tabucchi in seinen Anfängen als politischer Autor.

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José Saramago: Eine Zeit ohne Tod (2007) No ratings yet.

Eine Zeit ohne Tod

Rating: 5 out of 5

Author: José Saramago

Year: 2007

Kurzbeschreibung
Es ist der 1. Januar in einem nicht näher bezeichneten Land. Etwas, wofür es kein Beispiel in der Geschichte gibt, geschieht: An diesem Tag stirbt niemand. Und auch am folgenden Tag nicht, und am darauffolgenden. Selbst die Königinmutter, bei der es aussah, als würde sie den Jahreswechsel nicht mehr erleben, verharrt im Sterben. Der Tod streikt, so eine Reporterin. Die Regierung scheint entschlossen, den sich anbahnenden demographischen Problemen die Stirn zu bieten die katholische Kirche ist in ihren Grundfesten erschüttert, denn ohne Tod keine Auferstehung. Die Gesellschaft spaltet sich: einerseits die Hoffnung, ewig zu leben, andererseits der Schrecken, nie zu sterben. Eines Tages findet der Direktor des nationalen Fernsehens einen Brief auf dem Tisch (der Umschlag ist violett, offenbar von einer Frau beschriftet), von dessen Inhalt er umgehend den Ministerpräsidenten in Kenntnis setzt … Saramago führt seine in «Die Stadt der Blinden» begonnenen Experimente mit philosophisch-sozialen Fragen fort und erweist sich einmal mehr als großer literarischer Deuter der Welt. Seine Zeitzeugenschaft ist unerbittlich kritisch, künstlerisch gewagt und von einem skeptischen Humanismus geprägt.

Über den Autor
Jose Saramago, geboren 1922 in einem Dorf in der portugiesischen Provinz Ribatejo, entstammt einer Landarbeiterfamilie. Der Romancier, Erzähler, Lyriker, Dramatiker und Essayist erhielt 1998 den Nobelpreis für Literatur. Er lebt heute auf Lanzarote.

Publisher: Rowohlt, Reinbek

ISBN: 3498063898

Rezension: poetenladen,

Siehe auch: wikipedia

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Haraki Murakami: Gefährliche Geliebte (2002) No ratings yet.

  • Taschenbuch: 217 Seiten
  • Verlag: btb Verlag (Juli 2002)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3442727952
  • ISBN-13: 978-3442727957

Der Traum von der absoluten Perfektion macht augenscheinlich auch gestandenen Autoren in beruhigender Regelmäßigkeit zu schaffen: „Wie ich eines schönen Morgens im April das 100%ige Mädchen sah“ — das hatte der mit allen wichtigen Literaturpreisen seines Landes ausgezeichnete Japaner Haruki Murakami in seinem gleichnamigen Erzählband bereits geschildert.

Jetzt taucht sie wieder auf, die hundertprozentige Frau: Sie hört auf den Namen Shimamoto und wird sich im Laufe des Romans mehr und mehr als Gefährliche Geliebte erweisen. Vorerst aber ist sie ein zwölfjähriges Mädchen „mit ausdrucksvollen Gesichtszügen“ und einem steifen linken Bein; und diese Spätfolge einer Kinderlähmung kann Haruki Murakami eben wirklich so beschreiben, als ob Gehfehler von jeher der Inbegriff der Erotik wären!

Shimamoto also ist die erste Liebe des Ich-Erzählers Hajime: Gemeinsam bestreiten sie den leidigen Schulweg und führen sich Nat King Cole und Bing Crosby aus der elterlichen Plattensammlung zu Gemüte. Ein Mal hält — es ist dies der unerhörteste Moment jener unschuldigen Kinderliebe — Shimamoto für zehn Sekunden Hajimes Hand; und so etwas bleibt, nachdem man sich längst aus den Augen verloren hat, ja dann immer als tiefe Sehnsucht gegenwärtig.

Erst an der Schwelle zur Midlife-Crisis treffen die beiden sich wieder: Hajime ist inzwischen ein glücklich verheirateter Familienvater und Inhaber zweier gepflegter Jazz-Bars; er hat sich in einer — sagen wir: achtzigprozentigen — Realität eingerichtet, und Shimamoto rüttelt nachhaltig am Fundament. Dabei bleibt sie ein vollendetes Mysterium, was sich vor allem darin äußert, dass sie bei nahezu jedem Auftritt — und für meinen Geschmack eben etwas zu oft — vielsagend lächelt.

Ansonsten aber hat Murakami das allgegenwärtige gedankliche Kreisen um verpasste Gelegenheiten, um die hundertprozentige Leidenschaft und die so viel weniger anstrengende Durchschnittsrealität in gewohnter Meisterschaft — subtil und überaus fesselnd — erzählt. –Christine Wahl — Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

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Philippe Grimbert: Ein Geheimnis (2007) 4/5 (3)

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Prix Goncourt des Lycéens 2004 · Grand Prix des Lectrices de Elle 2005 · 200.000 verkaufte Exemplare in Frankreich

Als Einzelkind hat es Philippe nicht leicht. Schmächtig ist er, nicht der talentierte, kräftige Sohn, den seine Eltern – beide begeisterte Sportler – gern gehabt hätten. Auch der große Bruder, den er sich in seinen Tagträumen herbeiphantasiert, kann nicht helfen: Kein Stolz, nur Enttäuschung und Leere liegen im Blick des Vaters.
Philippe ist 15, als ihm Louise, eine enge Freundin der Familie, ein über lange Jahre gehütetes Geheimnis enthüllt. Die Grimberts sind Juden. Und sie haben das Leben im besetzten Paris keineswegs so unbeschadet und ereignislos überstanden, wie sie ihren Sohn glauben machen wollen. Behutsam wird Philippe an eine vor seiner Geburt liegende, von allen verdrängte Vergangenheit herangeführt, in der es den großen Bruder seiner Phantasie tatsächlich gegeben hat.

Jetzt – fast 50 Jahre später – hat sich der Autor Philippe Grimbert entschieden, die bewegende Geschichte seiner Familie aufzuschreiben.

Philippe Grimberts preisgekrönter autobiographischer Roman, in Frankreich ein Bestseller, erzählt aus der Sicht eines Nachgeborenen die dramatische Geschichte einer jüdischen Familie – seiner Familie, in der den drängenden Gefühlen von Verlust und Schuld mit Anpassung und Schweigen begegnet wird. Grimbert stellt dagegen die Konfrontation. Damit die Lebenden die Last der Vergangenheit tragen können und die Toten nicht ein zweites Mal getötet werden.

»Als Einzelkind hatte ich lange Zeit einen Bruder. Schöner als ich,
stärker als ich. Einen älteren Bruder, erfolgreich und unsichtbar.«

  • Broschiert: 154 Seiten
  • Verlag: Suhrkamp; Auflage: 2., Aufl. (24. Oktober 2007)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3518459201
  • ISBN-13: 978-3518459201

Rezension in die FAZ.

Siehe auch den Eintrag bei Wikipedia.fr: der Autor, der Film, das Buch.

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Katherina Hagena: Der Geschmack von Apfelkernen No ratings yet.

  • Gebundene Ausgabe: 256 Seiten
  • Verlag: Kiepenheuer & Witsch Verlag (25. Februar 2008)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3462039709
  • ISBN-13: 978-3462039702

Der Geschmack von Apfelkernen ist süß und zugleich bitter. Er hat etwas von Marzipan. Und genau diese Mischung ist es, die ihn unverwechselbar macht. Und wie in der Nusschale vermag sogar im Apfelkern eine ganze Welt zu wohnen. Hagenas erster Roman, der, noch bevor dir Kritiker ihr erstes Wort sprachen, bereits die Gunst der Leser hatte und auf den Bestsellerlisten stand, hätte leicht in Kitsch abgleiten können. Aber dazu ist der Geschmack von Apfelkernen doch zu bitter. Es ist ein trauriges, aber tröstliches Buch der Erinnerung geworden.

Martina Meister, Die Zeit, 17.04.08

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Anonymous: Wohin mit Vater (2007) 4/5 (1)

Es gibt Augenblicke, die auf einen Schlag alles ändern. Als plötzlich die Mutter starb, die den schwerkranken Vater jahrelang gepflegt hatte, war das so eine Situation: der Vater, ein Pflegefall, der Sohn und die Tochter nicht in der Lage, ihn aufzunehmen. Wohin mit Vater? ist die ergreifende Geschichte einer Familie, die plötzlich mit einem Pflegefall konfrontiert ist und nicht weiterweiß. Ein Fall wie viele in Deutschland. Ein Fall, der in einer alternden Gesellschaft immer alltäglicher wird. „Die Ausnahme Pflegefall wird zur Regel“, heißt es in dem Buch. Die Konsequenz ist eine fatale Ungewissheit: „Wie sollen die Alten leben, wenn sie krank, gebrechlich, behindert werden?“ Wer pflegt sie, wenn die Jungen eine eigene Familie gegründet haben oder weit entfernt vom Wohnort ihrer Eltern wohnen? Das „sind Fragen, die an die Existenz gehen … Fragen, die sich mit jedem Jahr mehr Menschen stellen müssen. Sie gehen alle an. Und fast alle sind nicht vorbereitet, wissen keine Antwort darauf. Was tun, wenn die Eltern Pflegefälle werden – das ist die neue soziale Frage.“

Der das schreibt, zeichnet mit Anonymus. Der Sohn, die Schwester, sie bleiben anonym. Aus gutem Grund. Denn die Lösung, die sie für die Frage „Wohin mit Vater?“ fanden, ist illegal: Schwarzarbeit, illegale Beschäftigung von Ausländern und was da noch alles an Gesetzeswidrigkeiten zusammenkommen mag. Doch es gab keinen Ausweg, alles andere war gescheitert, gescheitert vor allem an der humanen Weigerung der Kinder, den Vater menschenunwürdigen Pflegeheimen zu überlassen. Das erste Heim: eine nach Urin stinkende Menschenverwahranstalt; das zweite kaum besser, nur deutlich teurer; die ambulante Pflege unbezahlbar. Letzten Endes blieb nur eine Telefonnummer. Landesvorwahl 0048, Polen. Ein Vermittlungsnetzwerk für Pflegekräfte, die zur häuslichen Pflege nach Deutschland kommen, weil sie in ihrem Heimatland keine Perspektive mehr sehen.

Für Anonymus und seine Schwester, nicht zuletzt auch für ihren Vater, war es ein Glücksfall. Denn es kam Teresa, eine Krankenschwester, die neben ihrer professionellen Pflegeausbildung etwas mitbrachte, woran es den deutschen Einrichtungen, die Sohn und Tochter besichtigt hatten, komplett mangelte: menschliche Zuwendung. Es ist rührend zu lesen, wie die resolute Polin nicht nur das Pflegeproblem löste, sondern auch dem Vater seinen Lebensmut zurückgab. Darüber hinaus bietet das Buch hilfreiche Orientierung im Dschungel des deutschen Pflegesystems.

— Winfried Kretschmer

  • Rating: 3 out of 5
  • Author: Anonymus
  • Year: 2007
  • Publisher: Fischer (S.), Frankfurt
  • ISBN: 3100617061

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Kinder oder Karriere – Ulrich Beck in der ZEIT No ratings yet.

ZEIT online – Deutschland : Die Verhandlungsfamilie

Schwarz-Rot argumentiert postfeministisch, verwickelt sich aber beim Thema Männer, Frauen und Familie in radikale Widersprüche, sagt der Soziologe Ulrich Beck im Interview mit ZEIT online. Ein Gespräch über die alltägliche Nervigkeit des Geschlechterkampfs, die Borniertheit der Wirtschaft und das widersprüchliche Diktat der deutschen Gesellschaft, an dem eine ganze Generation zu zerbrechen droht

[via soziologische-aufmerksamkeit]

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Peter von Matt No ratings yet.

Die Intrige Theorie und Praxis der Hinterlist

Author: Peter von Matt

Year: 2006

Publisher: Hanser

ISBN: 3446207317

© DIE ZEIT 23.03.2006 Nr.13

Der Denkspieler

Alles Lüge, alles Maske, der Teufel gebiert den Intellektuellen, und der ist ein Satansbraten: Peter von Matt hat ein hinreißendes Buch über »Die Intrige« verfasst Von Fritz J. Raddatz

Eine Achterbahn des intellektuellen Vergnügens, sie bietet die überraschendsten Kurven und jähe Steigungen, zu denen Peter von Matt uns einlädt, um seine These zu illuminieren, die mit dem kühnen Satz anhebt: »Die Schöpfung lügt. […] Was lebt, muß Leben töten.« Das ist noch vergnügliches Vorspiel, in dem wir durch »lügnerische Gärten« geführt werden, da blüht der Fliegenwurz, eine zauberhafte Pflanze, die wirkliche Fliegen zum Kopulieren verführt, oder eine hinterlistige Orchidee, deren besonders schöne Blüte Insekten vor das hungrige Maul lockt, sie mit blitzartig zugreifenden Krallen zu verschlingen; zu schweigen vom sattsam bekannten Kuckuck, der seine Eier anderen Vögeln unterschiebt und dessen Junge – sind sie geschlüpft – die Küken der Gastfamilie aus dem Nest werfen (hat er nicht vorher gar die Eier aus dem fremden Nest leer gefressen).

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