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Cesare Pavese: Die einsamen Frauen (1949: 1996) 4/5 (1)

Cesare Pavese
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Die einsamen Frauen: Amazon.de: Cesare Pavese, Catharina Gelpke: Bücher

Mal di vivere: Paveses einsame Frauen

Im Zentrum von Cesare Paveses Roman «Die einsamen Frauen» aus dem Jahre 1949 stehen zwei Protagonistinnen, beide erfüllt mit Lebensekel, beide ergriffen von existentieller Langeweile und einem Gefühl der Leere und Einsamkeit. Clelia Oitana, die Ich-Erzählerin des erstmals 1960 auf deutsch erschienenen Buches, kehrt nach einem langen Aufenthalt in Rom in ein winterliches Turin zurück, das gerade Karneval feiert. In der Modebranche zu Ansehen und Geld gekommen, will sie in ihrer Heimatstadt eine Boutique eröffnen. Sie lernt eine Gruppe reicher Wichtigtuer und weltmännischer Pseudokünstler kennen, besucht langweilige Parties und verkommene Bars, beteiligt sich an blasierten Gesprächen und an Spritztouren an den Strand oder in die Berge. In derselben Gesellschaft verkehrt die zweite Hauptfigur: Rosetta, eine junge Angehörige der Turiner Hautevolee, die kurz zuvor einen Selbstmordversuch begangen hat.

Der Kern von Paveses Roman ist die unterschiedliche Antwort dieser beiden Frauen auf ein als nutzlos empfundenes Leben, für das der Karneval, das Theater und das Glücksspiel als Embleme stehen. Clelia flüchtet vor der Oberflächlichkeit aller menschlichen Beziehungen in ein stoisches, mühselig aufrechterhaltenes Arbeitsethos. Beruflicher Aufstieg und gesellschaftliches Ansehen werden ihr zum Rettungsanker, obwohl sie sich der Kompromisshaftigkeit dieser Haltung bewusst ist. Rosetta hingegen findet keine Existenzkrücke. Sie zerbricht an ihrer inneren Leere und begeht am Ende doch noch Selbstmord. – Paveses Tagebuchaufzeichnungen während der Niederschrift des Romans zeigen, wie tief Schicksal und Lebensgefühl der beiden weiblichen Romanfiguren in seiner eigenen Existenz wurzeln. Wie Clelia setzte Pavese auf die Arbeit als Rettung gegen das sein ganzes Dasein überschattende mal di vivere. In einem Tagebucheintrag vom 10. April 1949 bezeichnet er ein Leben ohne Vertrauen in den Beruf als Schrecken und Wüste. Doch es ist das Ende Rosettas, welches das Schicksal des Autors literarisch vorwegnimmt: gut ein Jahr nach Beendigung des Romans wählte Pavese in einem Turiner Hotelzimmer den Freitod.

Sandro Benini

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Jan Weiler: In meinem kleinen Land (2006) No ratings yet.

  • Broschiert: 352 Seiten
  • Verlag: Rowohlt Tb. (Dezember 2006)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3499621991
  • ISBN-13: 978-3499621994

Auch wenn Idee und Handlung des Buches in die Zeit vor dem deutschen Sportereignis des Jahrzehnts fallen: Es passt perfekt zur euphorischen (Post-)WM-Stimmung des Jahres 2006. Warum? Weil Bestsellerautor Jan Weiler ein Deutschlandbild zeichnet, das einen zwar nicht unbedingt zum Hervorkramen der Landesfahne stimuliert, aber dennoch glücklich und zufrieden stimmt. Und alles andere als beschämt. Denn eines vermitteln seine kurzweiligen Anekdoten: Es mag durchaus langweilige Innenstädte und spießige Mitbürger geben, aber im Großen und Ganzen haben wir es mit einem schönen Land zu tun. Und wichtiger noch: mit durchaus lustigen und hilfsbereiten Menschen.

Davon hat Weiler einige kennen gelernt. Im Rahmen einer Lesereise fuhr Weiler neun Monate kreuz und quer durch die Republik, von Düsseldorf, seiner Geburtsstadt über Rostock und Sylt bis nach Freiburg und Wolfratshausen, dem Wohnort von Edmund Stoiber. Zwei Doppelseiten Deutschlandkarte verorten sämtliche Stationen und ermöglichen dank Seitenverweis einen schnellen Link — schließlich sind die Orte nicht unbedingt geographisch angeordnet, sondern reisechronologisch.

Manche Orte erhalten eine Seite, manche zwei, manche auch vier oder sechs. Das mag ungerecht sein, doch dafür entschuldigt sich der Autor gleich zu Beginn. Auch dafür, dass aufgrund der kurzen Besuche weder Platz für ausführliche Stadtbeschreibungen ist noch für gerechte und tiefgründige Betrachtungen. Kurz: Es handelt sich eben nicht um einen Reiseführer, und Hotel- und Restaurantadressen finden sich gleich gar nicht. „In meinem kleinen Land“ ist vielmehr ein sehr persönliches Reisetagebuch, das Eindrücke, Geschichten und Gespräche schildert.

Es eignet sich insofern als leichte Zwischendurch-Lektüre, als dass keine bestimmte Handlung verfolgt wird. Spannungsbögen existieren kaum. Das Gute: Die meisten der Anekdoten können für sich gelesen werden. Dabei handeln einige von persönlichen Stimmungen, andere von gesellschaftskritischen Beobachtungen, wieder andere von der glanzvollen Historie eines Ortes und die meisten davon, welcher Eindruck eine Stadt auf Neulinge macht. Allen Geschichten gleich ist dabei die flotte und kurzweilige Sprache Weilers. Wer jedoch eine ähnliche Strickart erwartet wie bei den Bestsellern Maria, ihm schmeckt’s nicht! und Antonio im Wunderland, wird wohl enttäuscht sein. Vergleichen lassen sich die Bücher nämlich nicht.– Christian Haas

Siehe auch: de.wikipedia

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Georges Simenon: La Chambre bleue / Das blaue Zimmer (1964) 4/5 (3)

https://i1.wp.com/images2.medimops.eu/product/2319a7/M03257241461-source.jpg?w=788&ssl=1Das blaue Zimmer befindet sich in dem Hotel von Antoines Bruder. Das blaue Zimmer, Tonys Inbegriff von Leidenschaft und Verderben, hat er elf, zwölfmal benutzt – hier spielte sich die Schlüsselszene ab, die das Schicksal von mindestens fünf Menschen verändern sollte.

Angefangen hat es damit, dass Andrée ihn eines Tages auf der Landstraße anhielt, weil sie eine Panne hatte. Die Frau kannte er schon aus seiner Kindheit. Sie war größer als er und stammte aus einem, sagen wir mal, hochnäsigem Haushalt. Antoine, Tony genannt und italienischer Abstammung, verlor sein Herz schnell an die Frauen, Andrée ließ er links liegen, sie kam ihm so unnahbar vor. An dem Abend, als er von ihr angehalten wurde, änderte sich das. Ein kurzes Geplänkel, dann ging es, um es salopp zu formulieren, im Straßengraben zur Sache. Tony ahnte nicht, dass dieser Seitensprung Folgen haben würde, die vorherigen Seitensprünge waren einfach nur Gelegenheiten… Die konnte ihm seine Frau nicht übel nehmen.

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