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Siri Hustvedt: Nicht hier, nicht dort. Essays (2000) 2/5 (1)

51099098. sx318 sy475 Siri Hustvedt hat sich mit ihren Romanen «Die unsichtbare Frau» und «Die Verzauberung der Lily Dahl» als Autorin ebenso spannender wie moderner Literatur einen Namen gemacht.

In «Nicht hier, nicht dort» sind nun zum ersten Mal ihre essayistischen Schriften versammelt.

Der Titel ist programmatisch: Hustvedt bezieht ihn auf ihre geographische Herkunft als zwischen den Kulturen aufgewachsene Tochter norwegischer Einwanderer und auf ihren künstlerischen Standpunkt als Beobachterin und Bewahrerin: die Fiktion als Zwilling der Erinnerung, angesiedelt zwischen der realen Welt und der gedachten, gefühlten der Phantasie.

Die Sprache als Mittlerin zwischen diesen Welten steht im Mittelpunkt von Hustvedts Betrachtungen zu Literatur und bildender Kunst: Sie erschließt, ob als Bildsprache des Malers oder als literarische des Schriftstellers, ein komplexes System von changierenden Zeichen und Symbolen, deren Struktur und Bedeutung in unserem Bewusstsein und zugleich außerhalb von uns angelegt sind. ln dieses Zwischenreich blickt man, wenn man in den leeren Spiegel von Vermeers «Annunziata» oder durch «Gatsbys Brille» bei F. Scott Fitzgerald schaut oder wenn man die sprechenden Figurennamen in Charles Dickens’ «Unser gemeinsamer Freund» betrachtet.

An diesen und anderen Beispielen erläutert Hustvedt, wie der künstlerische Schaffensprozess zu Erkenntnis führt. Ein Essay über den puritanischen Dirigismus, mit dem US-amerikanische Gerichte und Institutionen die Sexualität regulieren wollen, erforscht ebenfalls ein Zwischenreich: jenes wiederum stark durch Phantasie, Projektion und Experiment geprägte Feld der Annäherung, in dem jeder erotische Kontakt zwischen Menschen beginnt. Siri Hustvedt unterscheidet, wie in ihren Romanen, nicht streng zwischen ihrer privaten Biographie und ihrem öffentlichen Werk. Im Werk schwingt stets ein Widerhall des Lebens mit. Deshalb ist dieses Buch ein Glücksfall. Es gibt Einblick in ihre Arbeit und in ihr Leben und unterhält zudem auf hohem Niveau.

Hardcover
Published September 1st 2000 by Rowohlt, Reinbek
ISBN 3498029525 (ISBN13: 9783498029524)

literaturkritik.de: Analyse und Sinnlichkeit. Siri Hustvedts Essays „Nicht hier, nicht dort“ Von Ingeborg Gleichauf Erschienen am: 01.03.2001

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Melinda Nadj Abonji: Tauben fliegen auf (2010) 3.25/5 (4)

Tauben Fliegen Auf: RomanZuhause ist die Familie Kocsis also in der Schweiz, aber es ist ein schwieriges Zuhause, von Heimat gar nicht zu reden, obwohl sie doch die Cafeteria betreiben und obwohl die Kinder dort aufgewachsen sind. Die Eltern haben es immerhin geschafft, aber die Schweiz schafft manchmal die Töchter, Ildiko vor allem, sie sind zwar dort angekommen, aber nicht immer angenommen. Es genügt schon, den Streitigkeiten ihrer Angestellten aus den verschiedenen ehemals jugoslawischen Republiken zuzuhören, um sich nicht mehr zu wundern über ein seltsames Europa, das einander nicht wahrnehmen will. Bleiben da wirklich nur die Liebe und der Rückzug ins angeblich private Leben?

  • Taschenbuch: 320 Seiten
  • Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (1. Februar 2012)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 342314078X
  • ISBN-13: 978-3423140782

Melinda Nadj Abonji, geboren 1968 in Becsej, Serbien, zog 1973 mit ihrer Familie aus dem ehemaligen Jugoslawien in die Schweiz. Sie studierte an der Züricher Universität und ist seit vielen Jahren als Schriftstellerin und Musikerin tätig. Ihr 2010 erschienener Roman ›Tauben fliegen auf‹ wurde sowohl mit dem Deutschen als auch dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnet. Melinda Nadj Abonji lebt in Zürich.

Rezensionen

  • wikipedia.de
  • FAZ vom 10.09.2010 ·  Hier bleibt nichts im Ungefähren: So malerisch Melinda Nadj Abonji in ihrem Roman das alte Jugoslawien und die moderne Schweiz beschreibt, so zwingend und direkt arbeitet sie die Gefühlslagen ihrer Protagonisten heraus. Von Andrea Diener
  • SZ vom Zwischen Vojvodina und der Schweiz: Mit „Tauben fliegen auf“ beweist die Buchpreisträgerin Melinda Nadj Abonji, dass es längst die Immigranten sind, die die deutschsprachige Literatur beleben. Ein Roman über die Zauberorte der Kindheit. Von Karl-Markus Gauss
  • dradio vom
  • ZEIT vom 05.10.2010 Buchpreisgewinnerin Abonji Neue Heimat, weiblich. Gut für Deutschland: Der Immigrationsroman erweitert unsere literarische Vorstellungskraft. Von Iris Radisch

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