Es gibt Augenblicke, die auf einen Schlag alles ändern. Als plötzlich die Mutter starb, die den schwerkranken Vater jahrelang gepflegt hatte, war das so eine Situation: der Vater, ein Pflegefall, der Sohn und die Tochter nicht in der Lage, ihn aufzunehmen. Wohin mit Vater? ist die ergreifende Geschichte einer Familie, die plötzlich mit einem Pflegefall konfrontiert ist und nicht weiterweiß. Ein Fall wie viele in Deutschland. Ein Fall, der in einer alternden Gesellschaft immer alltäglicher wird. „Die Ausnahme Pflegefall wird zur Regel“, heißt es in dem Buch. Die Konsequenz ist eine fatale Ungewissheit: „Wie sollen die Alten leben, wenn sie krank, gebrechlich, behindert werden?“ Wer pflegt sie, wenn die Jungen eine eigene Familie gegründet haben oder weit entfernt vom Wohnort ihrer Eltern wohnen? Das „sind Fragen, die an die Existenz gehen … Fragen, die sich mit jedem Jahr mehr Menschen stellen müssen. Sie gehen alle an. Und fast alle sind nicht vorbereitet, wissen keine Antwort darauf. Was tun, wenn die Eltern Pflegefälle werden – das ist die neue soziale Frage.“

Der das schreibt, zeichnet mit Anonymus. Der Sohn, die Schwester, sie bleiben anonym. Aus gutem Grund. Denn die Lösung, die sie für die Frage „Wohin mit Vater?“ fanden, ist illegal: Schwarzarbeit, illegale Beschäftigung von Ausländern und was da noch alles an Gesetzeswidrigkeiten zusammenkommen mag. Doch es gab keinen Ausweg, alles andere war gescheitert, gescheitert vor allem an der humanen Weigerung der Kinder, den Vater menschenunwürdigen Pflegeheimen zu überlassen. Das erste Heim: eine nach Urin stinkende Menschenverwahranstalt; das zweite kaum besser, nur deutlich teurer; die ambulante Pflege unbezahlbar. Letzten Endes blieb nur eine Telefonnummer. Landesvorwahl 0048, Polen. Ein Vermittlungsnetzwerk für Pflegekräfte, die zur häuslichen Pflege nach Deutschland kommen, weil sie in ihrem Heimatland keine Perspektive mehr sehen.

Für Anonymus und seine Schwester, nicht zuletzt auch für ihren Vater, war es ein Glücksfall. Denn es kam Teresa, eine Krankenschwester, die neben ihrer professionellen Pflegeausbildung etwas mitbrachte, woran es den deutschen Einrichtungen, die Sohn und Tochter besichtigt hatten, komplett mangelte: menschliche Zuwendung. Es ist rührend zu lesen, wie die resolute Polin nicht nur das Pflegeproblem löste, sondern auch dem Vater seinen Lebensmut zurückgab. Darüber hinaus bietet das Buch hilfreiche Orientierung im Dschungel des deutschen Pflegesystems.

— Winfried Kretschmer

  • Rating: 3 out of 5
  • Author: Anonymus
  • Year: 2007
  • Publisher: Fischer (S.), Frankfurt
  • ISBN: 3100617061

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